Swiss Medtech Day 2015 Ein Netzwerk für den Werkplatz Schweiz

Redakteur: Anne Richter

Der Swiss Medtech Day vom 16./17. Juni 2015 in Bern führte mit Vertretern von Industrie, Hochschulen, Politik und Behörden erstmals alle Interessengruppen der Schweizer Medizintechnik zusammen. Im Mittelpunkt der von Medical Cluster organisierten Tagung standen Innovation, Marktzugang und die Zusammenarbeit mit Global Players. Rund 160 Teilnehmer diskutierten u.a. über die immer schwierigeren regulatorischen Rahmenbedingungen und liessen sich nichtsdestotrotz von der positiven Aufbruchstimmung inspirieren.

Firmen zum Thema

Aus der Begrüssungsansprache des Gastgebers Rubino Mordasini, Präsident des Medical Clusters: «Die Medtech-Unternehmen müssen sich seit rund zehn Jahren auf ein ständig änderndes Marktumfeld einstellen – angefangen beim immer stärkeren Schweizer Franken über den Preisdruck bis zu den wachsenden Regulierungen.»
Aus der Begrüssungsansprache des Gastgebers Rubino Mordasini, Präsident des Medical Clusters: «Die Medtech-Unternehmen müssen sich seit rund zehn Jahren auf ein ständig änderndes Marktumfeld einstellen – angefangen beim immer stärkeren Schweizer Franken über den Preisdruck bis zu den wachsenden Regulierungen.»
(Bild: Sherwin Asadi)

Mit 52 000 Vollzeitstellen, rund 1450 Betrieben, einem Anteil von 2,3 % am BIP und 5,2 Prozent an den gesamten Schweizer Exporten leistet die Medizintechnik «einen wichtigen Beitrag zum Wohlstand des Landes», so Schneider-Ammann: «Sie haben einen grossen Anteil am Ruf der Schweiz als Hightech-Land, als Innovationsweltmeister und als exzellente Forschungs- sowie Wissenschaftsnation. Ich werde alles daran setzen, dass das Land das beste Angebot bleibt, um hier Geschäfte zu machen, zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen», versicherte der Bundesrat den Teilnehmern am Vorabend des ersten Swiss Medtech Day.

Innovation heisst das Rezept

Für den ökonomischen Klimawandel, von dem auch die exportorientierte Schweizer Medtech-Industrie stark betroffen ist, nannte der Schweizer Wirtschaftsminister die Frankenstärke und die europapolitische Unsicherheit als die beiden wesentlichen Gründe. Der Ausweg aus der heutigen Situation führt für ihn über die Innovation und Rahmenbedingungen. Bei Ersterem könne der Bund die Branche mit drei Instrumenten unterstützen: über die KTI (Kommission für Technologie und Innovation), die Empa (Eidg. Materialprüfungs- und Forschungsanstalt) und mit der Schaffung von Innovationsparks, einer schweizerischen Version des Silicon Valley. Um die politischen Rahmenbedingungen zu verbessern, setzt Schneider-Ammann bei der Bürokratie, den Steuern und Europa an. Ziel der Politik müsse es sein, Regulierungen unternehmerfreundlich zu machen. Dazu seien ein Mentalitätswandel und konkrete Taten gefragt. Bei der Unternehmenssteuerreform gelte es, die Firmen zu entlasten. So können ja im künftigen System die Ausgaben für Forschung und Entwicklung von den Steuern abgesetzt werden.

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Anschluss der Schweiz an europäisches Forschungsprogramm

Am meisten Sorge bereitet ihm das Verhältnis zu Europa, das mit der Annahme der Zuwanderungsinitiative in Frage gestellt sei. Hier gehe es nicht nur um den Nachzug benötigter Fachkräfte, sondern auch um den Anschluss an das europäische Forschungsprogramm «Horizon 2020». «Wenn wir bis Ende nächsten Jahres zur Personenfreizügigkeit keine Lösung gefunden haben, wird die Schweiz zum Drittstaat, was verheerende Folgen für den Forschungs- und Arbeitsplatz Schweiz hätte», betonte er.

Laut Rubino Mordasini, Präsident von Medical Cluster, «müssen sich die Medtech-Unternehmen seit rund zehn Jahren auf ein ständig änderndes Marktumfeld einstellen – angefangen beim immer stärkeren Schweizer Franken über den Preisdruck bis zu den wachsenden Regulierungen». Trotzdem sei in der Schweiz keine Deindustrialisierung feststellbar, meinte der Gastgeber des Swiss Medtech Day.

Talente-Transfer fördern

Dies beweist auch Johnson & Johnson. Die Medizintechnik ist eines von drei Standbeinen des Grosskonzerns. J&J beschäftigt hier in der Schweiz allein rund 3500 Mitarbeiter an 8 Produktionsstandorten. Christoph Eigenmann von DePuy Synthes bezeichnete das Land u. a. mit seinen hochklassigen Universitäten und dem grossen Netzwerk «als Nährboden für Innovation» und «Weitere wichtige Voraussetzungen sind der Patentschutz, die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, der Aufbau von Innovations-Zentren und vor allem die Förderung von Nachwuchskräften bzw. der freie Transfer von/Zugang zu Talenten aus dem Ausland.» Hier müsse sich die Schweiz gegenüber Europa mehr öffnen, forderte er am Anlass.

Auch Claude Clément, CTO des Wyss Center für Bio- und Neuro-Engineering in Genf, plädierte für den Innovationsstandort Schweiz. Laut Clément sind Automatisation und Swiss Made neben vielen anderen Gründen zwei Schweizer Prädikate, die für höchste Qualität bürgen und den Standort attraktiv machen. «Die Vergangenheit hat uns gelehrt, dank der Kombination von Technologien und selbst mit kleinen Volumen erfolgreich zu sein. Und in der Schweiz gibt es noch Platz für mehr Success Stories», erklärte er.

Statt Benchmarks nach dem Besten streben

Für Marcel Aeschlimann von Creaholic ist die Schweizer Medtech-Industrie bereits als Erste auf dem Mond gelandet. «Nicht mehr innovativ zu sein, ist einerseits tödlich. Andererseits können die Bemühungen, innovativ zu sein, v. a. für Start-ups, noch vor Erreichen des Break-evens im so genannten ‹Valley of Death› enden», erklärte er dieses Paradoxon. Für ihn sind nicht Benchmarks die Messlatte, stattdessen sollten Unternehmen ausschliesslich nach dem Besten streben; und ungünstige Rahmenbedingungen gelten nur für die Anderen.

Bald so reguliert wie die Pharma?

In einem immer komplexeren Umfeld haben die Medtech-Firmen mit wachsender Bürokratie zu kämpfen, welche die Innovationsdynamik immer mehr eindämmt. Karoline Mathys Badertscher, Leiterin Bereich Marktüberwachung beim Schweizer Heilmittelinstitut, Swissmedic, zog am Anlass Parallelen zur Pharma, wo nationale Zulassungen bereits seit 100 Jahren erfolgen und die mittlerweile eindeutig überreguliert sei. «Zwar wird die Medizintechnik beim Marktzugang erst seit 20 Jahren überwacht und spielen die Behörden noch eine geringere Rolle», erklärte sie. Doch wurden hier jetzt die Kontrollen vor allem seit dem PIP-Brustimplantate-Skandal stark beschleunigt. U. a. werde mit der verschärften Überwachung der Konformitätsbewertungsstellen laut Mathys das System gestärkt und sei diese Entwicklung zugunsten des Patientenwohls wünschenswert.

Regulatory Affairs als Business Enabler

Axel Maltzen, Chief Production Officer Medartis, und Burkhard Zimmermann, Chief Quality Officer von Hocoma, ermunterten die Teilnehmer, die regulatorischen Anforderungen in die strategische Planung und auch in den Innovationsprozess miteinzubeziehen. Beide empfahlen, die technische Dokumentation und die Daten aus den klinischen Studien auch zu Marketing-Zwecken à jour zu halten bzw. aktiv zu nutzen.

Die seit 168 Jahren weltweit in der Optik und Optoelektronik tätige Carl Zeiss Meditec lebt es vor. Hier kümmert sich ein rund 60-köpfiges Team um Global Regulatory Affairs (RA). Für den Verantwortlichen, Christian Münster, ist RA «nicht auf seinen Kernbereich zu begrenzen, sondern vielmehr als Business Enabler und Integrator zu betrachten». RA sei eine Disziplin, die alles zusammenhält: von R&D über Product Management bis zu Marketing & Sales.

Allianzen mit den Grossen schmieden

Um sich im regulatorischen «Dschungel» zurechtzufinden, können gerade kleinere Firmen von der Arbeit ihrer Verbände und Organisationen (wie FASMED und Medical Cluster) profitieren. Viele sind auch auf Kooperation mit den Grossen angewiesen. Allianzpartner braucht es, die mit ihrem breiten Produkt- und Fach-Know-how sowie globalen Netzwerk bei der Umsetzung neuer Technologien, bei der Erlangung von Produktlizenzen, beim Marktzugang bzw. Vertrieb weiterhelfen. Internationale Gesundheits-Dienstleister wie J&J und Roche bieten hier Hand.

Swiss Medtech Day als Klammer für die Industrie

Der erste Swiss Medtech Day wurde rege als Austausch-Plattform genutzt, erhielt äusserst positives Feedback und soll jährlich stattfinden: «Viele sind sich endgültig bewusst, dass die Industrie in eine neue Entwicklungsphase eingetreten ist und nun neue Herausforderungen anstehen, die wir nur gemeinsam lösen können. Dieser Anlass hat das Potenzial, die grosse Klammer um die ganze Industrie zu bilden», erklärt Veranstalter Peter Biedermann, Geschäftsführer Medical Cluster. <<

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