Bystronic: Aufbruch in andere Dimension Fliegen statt Segeln – in der Blechbearbeitung

Redakteur: Konrad Mücke

Welche Fortschritte können Blechverarbeiter mit aktueller Software und Konzepten einer Smart Factory verwirklichen? Dazu sprachen wir mit Alberto Martínez, Head of Competence Center Software Services, Chief Digital Officer and Member of Bystronic Executive Committee.

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Höchste Geschwindigkeit: Faserlaser verwirklichen eine ehemals ungeahnte Produktivität beim Schneiden.
Höchste Geschwindigkeit: Faserlaser verwirklichen eine ehemals ungeahnte Produktivität beim Schneiden.
(Bild: Bystronic)

SMM: Herr Martínez, jüngst haben Sie einen Vergleich zwischen dem Segel-Rennsport und der modernen Fertigung gezogen. Was verbirgt sich dahinter?

Alberto Martínez: Segelsport und moderne Blechfertigung haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Und doch gibt es Parallelen. In beiden Disziplinen ist das Tempo an der Grenze des technisch Machbaren angelangt. Die Crew wird von Echtzeitinformationen unterstützt.

Das ist auf den ersten Blick kaum verständlich. Können Sie uns erläutern, welche Parallelen Sie zur Blechbearbeitung im Detail meinen?

A. Martínez: Es gibt bei den Rennsport­yachten eine bedeutende technologische Revolution, die nicht ganz so offensichtlich ist. Die Crews im America’s Cup werden durch unzählige Echtzeitinformationen unterstützt. Sie erhalten fortlaufend Wind- und Wetterberichte, Meldungen zu Bedingungen auf der See, zur Position der Kontrahenten. Sie können von Software und Daten unterstützt ihren Kurs intelligent steuern. Etwa 1000 Sensoren am Boot erfassen dazu Informationen für den Skipper, die Steuermänner, die Matrosen, den Coach und die Ingenieure. Wie in der Formel 1 wird das Renngeschehen von einer «Pit Wall» aus überwacht. Das ist eine Zentrale, in der alle Informationen zusammenfliessen. Um zu siegen, sind heute auch im Segelsport aktuelle Daten der Schlüssel zum Erfolg. Und je schneller ein Segelboot fährt, umso mehr Daten und Informationen fallen an und werden zur exakten Kurssteuerung benötigt.

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Worin sehen Sie den Bezug zur Blechverarbeitung?

A. Martínez: In der Blechindustrie haben wir mit dem Faserlaser in den letzten Jahren eine Disruption durch eine neue Technologie erlebt, die mit den «Foils» (siehe Kasten, Anm. d. Red.) im Segelsport vergleichbar ist. Die Schnittgeschwindigkeit einer Faserlaser-Schneidmaschine ist bis zu viermal so hoch wie die einer CO2-Laser-Maschine. Der Wirkungsgrad hat sich verdreifacht und die Energieeffizienz ist fast doppelt so hoch. Der rasante Fortschritt bei den Automationslösungen für das Be- und Entladen der Schneidmaschinen bringt weitere Effizienzsteigerungen. Und auch in unserer Industrie sehen wir zurzeit eine zweite Revolution, jene der Daten. Die Smart Factory wird ebenfalls über eine Art «Pit Wall» gesteuert. Auch hier fliessen unzählige Informationen zusam­men – aus der Produktion selbst sowie aus dem gesamten Umfeld der Fabrik. Wie im Segelsport wird die intelligente Nutzung von Daten auch in der Blech­industrie die Entscheidungsfindung verbessern, um noch schneller ans Ziel zu gelangen.

Ein Segelboot ist allerdings ein in sich geschlossenes, überschaubares System mit wenigen relevanten Prozessen. Eine Blechverarbeitung vom Wareneingang bis zum fertigen Blechteil ist dagegen sehr komplex und vielfältig. Wie kann man diese Komplexität an Prozessen bewältigen?

A. Martínez: Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen können dabei einen grossen Beitrag leisten. Den Heimathafen für Produktionsbetriebe bildeten bisher in sich geschlossene und starre Material-Requirement-Planning-Systeme (MRP), in die kaum externe Daten einflossen. Das ändert sich gerade. – Wir befinden uns auf dem Weg in eine neue Welt der Echtzeit-Konnektivität und der kompletten Integration bisher getrennter Systeme. Information Technology (IT) und Operational Technology (OT) wachsen immer stärker zusammen. Digitale Ökosysteme werden in Zukunft den Datenfluss aus der gesamten Supply Chain in die Lager- und Produktionssysteme der Smart Factory sicherstellen, ähnlich wie die smarten Navigationstools im Segelsport. In beiden Disziplinen geht es um die optimale Koordination von Soft- und Hardware. So wie die fliegenden Boote bereits heute mit den Informationssystemen im Wasser und an Land vernetzt sind, müssen unsere intelligenten Werkzeugmaschinen künftig mit den Softwaresystemen der Smart Factory und ihrem Umfeld interagieren.

Wie kann Bystronic Fertigungsbetriebe unterstützen?

A. Martínez: Unsere Vision ist eine Produktionsorchestrierung, die eine solide Vorhersagbarkeit dessen ermöglicht, was bis wann produziert werden kann, und gleichzeitig flexibel genug ist, um rasch auf Veränderungen in der Lieferkette zu reagieren. Modularität, Skalierbarkeit und Agilität sind die zentralen Anforderungen an ein solches System, um alle möglichen Produktionsszenarien abzudecken. Unsere cloudbasierte Digital Operating Platform (DOP) wird diesen Anforderungen gerecht. Bei der Entwicklung denken wir vor allem auch an die kleineren Unter­nehmen aus der Blechindustrie. Auch sie sollen künftig über die Möglichkeiten verfügen, die bisher den grossen Playern vorbehalten waren. Sie sollen ihre Produktionsprozesse so genau planen, kontrollieren und evaluieren können wie die grossen Kontrahenten. Und so wie kleine Boote per se agiler sind als grosse Schiffe, dürften kleinere und mittlere Produktionsbetriebe im Rennen um Aufträge künftig vermehrt die Nase vorn haben. Das vernetzte Fertigungsmanagement von Bystronic sorgt dafür, dass auch kleinere Blechbearbeiter im Wettrennen um Aufträge ganz vorne mitmischen.

Derzeit erleben die Industriebetriebe schwierige Bedingungen. Warum ist nach Ihrer Meinung gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, in die Möglichkeiten einer Smart Factory zu investieren?

A. Martínez: In den stürmischen Gewässern der Gegenwart zu bestehen, ist für Fertigungsbetriebe anspruchsvoll. Die ungewisse Situation im Hinblick auf die weitere Entwicklung der Pandemie erschwert die Planung und gleichzeitig ist der Wettbewerbsdruck in der globalisierten Welt höher denn je. In diesem dynamischen Umfeld ist es eine Herausforderung, flexibel auf Veränderungen zu reagieren und dabei stets die richtigen Entscheidungen zu treffen, um als Erster am Ziel zu sein. Wir von Bystronic möchten unseren Kunden helfen, über das Wasser zu fliegen, anstatt mühsam durch die Wellen zu segeln. Unsere Lösungen ermöglichen Produktionsbetrieben den Schritt hin zur Smart Factory. Effiziente Maschinen und modernste Software werden zu einer intelligenten Produktionsumgebung vernetzt. Anwender profitieren von hohen Rechenkapazitäten in der Cloud, einer angereicherten Geschäftslogik, einer übersichtlichen Managementplattform und nicht zuletzt von einer verbesserten Entscheidungsfindung dank künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen.

Herr Martínez, vielen Dank für diese Informationen.

Das Interview ist aus Informationen von Alberto Martínez entstanden. Alberto Martínez ist bei Bystronic Head of Competence Center Software Services sowie Chief Digital Officer and Member of Bystronic Executive Committee. SMM

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