Fischer Spindle Group: Mit Smart Factory international wettbewerbsfähig Gesamte Wertschöpfungs­kette digitalisieren

Redakteur: Konrad Mücke

Die Digitalisierung gilt in Hochlohnländern neben der Automatisierung als entscheidend für künftigen Erfolg im internationalen Wettbewerb. Wo stehen Schweizer Produktionsunternehmen? Wir sprachen mit Dr. Tobias Moser, CEO der Fischer Spindle Group AG in Herzogenbuchsee.

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Anhand der in Produktion und Montage gesammelten Daten entsteht ein digitaler Zwilling, der wichtige Informationen zum Optimieren der Hochfrequenzspindeln liefert.
Anhand der in Produktion und Montage gesammelten Daten entsteht ein digitaler Zwilling, der wichtige Informationen zum Optimieren der Hochfrequenzspindeln liefert.
(Bild: Fischer Spindle Group)

SMM: Welche Pläne haben Sie, um das Konzept der Smart Factory zu verwirklichen?

Tobias Moser: Wir wollen in unseren Unternehmen mit Produktion und Montage nachhaltig Wertschöpfung generieren. Unser Ziel ist, dass Präzisionsteile auch langfristig in der Schweiz wirtschaftlich produziert werden. Und dies im direkten Vergleich zum globalen Wettbewerb. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, baut die Fischer Group alle Betriebe schrittweise, aber konsequent in eine smart factory um. Statt nur einzelne Prozesse anzugehen, verfolgen wir den Weg eines gesamtheitlichen Ansatzes. Die Digitalisierung soll unseren Kunden und allen Mitarbeitenden einen entscheidenden Mehrwert bringen. Das bedeutet, die Arbeit zu erleichtern, neue Sichtweisen und Möglichkeiten zu eröffnen. Künftig wollen wir fähig sein, kurzfristiger und zuverlässiger individualisierte und technologisch optimierte Produkte herzustellen und diese in der Anwendung noch verlässlicher zu betreiben. Genau das wird am Ende unsere Kunden weiterbringen und erfolgreicher machen.

Welche konkreten Schritte haben Sie bereits auf dem Weg zur digitalisierten Fabrik, der smart factory, verwirklicht?

T. Moser: Wir haben die Zeit in der Corona­krise genutzt. Fischer investiert in Innovation und in die konsequente Digitalisierung entlang der Wertschöpfungskette an allen sechs Standorten. Wir verfolgen eine gesamtheitliche und zielgerichtete Strategie, gehen aber schrittweise vor. Der formelle Informationsfluss in der gesamten Unternehmensgruppe wird komplett digitalisiert. Wir vermeiden Parallelwelten. So wollen wir die Verfügbarkeit von Daten an allen Arbeitsplätzen gewährleisten. Aus diesen vernetzten Abläufen entsteht nach und nach ein durchgängiges digitales Modell unserer Spindeln.

Mit dem digitalen Zwilling erhält jede produzierte Spindel ein virtuelles Ebenbild. Damit wir unsere Produkte besser verstehen, gehen wir noch einen Schritt weiter. Der Q-Fingerprint beschreibt die Funktionen und das Verhalten unserer Produkte im Betrieb.

Mit einer Vielzahl von Sensoren erfassen wir das spezifische Verhalten unserer Produkte in unterschiedlichsten Betriebs­zuständen. Die gewonnenen Datenmengen von unseren Prüfständen verknüpfen wir mit dem digitalen Zwilling und analysieren durch Algorithmen die Zusammenhänge der Produkte und deren Betriebscharakteristik.

Daraus leiten wir Massnahmen zur Qualitätssteigerung und Weiterentwicklung unserer Spindeln ab und legen mit dem Q-Fingerprint die Grundlage für den Bereich vorausschauende Instandhaltung. Damit können Anwender unserer Präzisionsspindeln Stillstandszeiten deutlich verkürzen oder sogar vermeiden. So schaffen wir zusätzlichen Nutzen für unsere Kunden.

Welche Hemmnisse und Hürden erachten Sie als besonders schwierig zu bewältigen?

T. Moser: Die Digitalisierung ist eine Transformation unserer Arbeitsweise und betrifft ausnahmslos alle Arbeitsplätze und sämtliche Prozesse. Dies braucht nicht nur viel Kraft und Energie, sondern bedeutet auch viel Arbeit, Geduld und Zeit. Es gilt, nach 82 Jahren Geschichte des Unternehmens Fischer unsere Produkte und Prozesse sukzessive in eine neue Generation zu führen, ohne auf einer grünen Wiese zu starten. Dies bedingt ein klar abgestimmtes Zielbild und eine strukturierte Organisation. Mit der richtigen Priorisierung, einem motivierten Team und Durchhaltewillen wird die digitale Transformation den erhofften Nutzen erbringen und unsere Standorte nachhaltig stärken.

Welche Vorteile im Einzelnen versprechen Sie sich konkret von der Smart Factory?

T. Moser: Eine Smart Factory unterstützt uns Menschen am Arbeitsplatz in unserer täglichen Arbeit. Wichtig ist der Einbezug der gesamten Belegschaft in den Prozess, damit die Digitalisierung an Realität für die Umsetzung im Alltag gewinnt. Unsere Produkte sind inzwischen so komplex, dass Menschen alles allein nicht mehr fassen können.

Der digitale Zwilling hilft uns zum Beispiel dabei, Baukastenkonzepte in der Entwicklung zu verfolgen, ohne Kompromisse beim Kundennutzen einzugehen. Auch in der Qualitätsprüfung erhalten wir durch die Digitalisierung neue Sichtweisen – ein Abnahmezyklus eines Produktes am Ende einer Fertigungslinie ermöglicht nicht nur tiefere Analysen, sondern auch Vergleiche mit ähnlichen Systemen und bildet die Basis des maschinellen Lernens. Durch unsere entwickelten Algorithmen bewerten wir bereits heute die Produkte in neuen Dimensionen.

Am Ende wollen wir für unsere Kunden neue Produkte und Leistungen anbieten. Zudem werden neue Business-Modelle mit disruptivem Potential entstehen.

Wie beurteilen Sie das aktuelle Angebot von Maschinenherstellern und Softwareunternehmen, mit dem diese Produktionsunternehmen beim Digitalisieren unterstützen können?

T. Moser: Die Digitalisierung haben heute alle Unternehmen in unterschiedlicher Ausprägung auf ihrer Agenda. Auch wenn das Verständnis von smart factory grundsätzlich ähnlich ist, besteht bei der Definition der Wege und Systeme Potential. Gerade bei Schnittstellen gibt es Bedarf für Standards und einheitliche Prozesse. Auch der Umgang mit den grossen Datenmengen wirft Fragen auf. Ich unterstütze den globalen und offenen Ansatz der Zusammenarbeit, um gemeinsam die Herausforderungen zu meistern.

In welchen Bereichen sehen Sie noch konkreten Nachholbedarf auf dem Weg zur Smart Factory?

T. Moser: Derzeit entstehen erste neue Businessmodelle im Bereich Smart Factory. Die ganze Branche steht vor einem grossen Umbruch. Ein Fragezeichen sehe ich in der Datensicherheit und der Vernetzung der Produktionsunternehmen. Die sichere Verbindung und Vernetzung von Produktionsmaschinen ist noch kein Standard, wird aber notwendig, um global von künstlicher Intelligenz zu profitieren. Ich sehe zudem noch Potential in der internationalen Zusammenarbeit interdisziplinärer Teams. Die Digitalisierung ist die Basis für eine gemeinsame Sprache.

Wir bauen aktuell zum Beispiel für unsere Tochtergesellschaft Fischer Weichai (Weifang) Fuel Cell Compressor in China, eine smart factory auf. In der Schweiz wird das globale R&D-Zentrum ausgebaut. Die enge Zusammenarbeit der Teams in der Schweiz und in China wird den Erfolg ausmachen und den Standort Schweiz nachhaltig stärken. Der Aufbau digitaler Plattformen und die Vernetzung der globalen R&D-Zentren und Produktionsstätten ist dabei zentral.

Herr Dr. Moser, vielen Dank für Ihre Information. Das Gespräch führte unser Redaktor Konrad Mücke.

Dr. Tobis Moser ist CEO der Fischer Spindle Group AG mit Stammsitz in Herzogenbuchsee. SMM

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