Giessereien: Extreme Zyklen erfordern hohe Flexibilität

| Redakteur: Anne Richter

Befüllen des Giessofens. (Bild: GVS)
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Befüllen des Giessofens. (Bild: GVS)

>> Die Schweizer Giesserei-Industrie durchlebt die Konjunkturphasen in immer kürzeren Zyklen. Obwohl die Unternehmen im Jahr 2011 noch ein Umsatzplus von über 10 Prozent erwirtschafteten, sind die Aussichten für 2012 negativ. Das verlangt eine hohe Flexibilität von den Unternehmen und Mitarbeitern, gab der Giesserei-Verband Schweiz auf seiner Jahrespressekonferenz bei der Nussbaum AG in Trimbach bekannt.

ari. Mit einem Gesamtumsatz von rund 1,15 Milliarden Schweizer Franken sind im Giesserei-Verband der Schweiz (GVS) 54 überwiegend kleine und mittelständische Industrieunternehmen zusammengeschlossen, denen es trotz der Eurokrise 2011 gelungen ist, einen Absatzzuwachs zu erzielen. Die abgelieferten Tonnagen stiegen im Vergleich zu 2010 um 10,9 Prozent auf 87 180 Tonnen. Doch schon der letzte Quartalsabschluss 2011 zeigte deutlich die zu erwartende negative Entwicklung für das laufende Jahr. Diese Zahlen veröffentlichte der Giesserei-Verband der Schweiz (GVS) anlässlich seiner Jahrespressekonferenz am 2. Januar 2012. Dazu hatte der Verband zu einer Produktionsbesichtigung in das Werk der R. Nussbaum AG in Trimbach bei Olten eingeladen.

Wirtschaftliche Berg- und Talfahrten

«Die Giesserei-Industrie durchlebt ... wirtschaftliche Berg- und Talfahrten und dies in immer kürzeren Zyklen. 2009 befanden wir uns in einer tiefen Krise, 2010 und vor allem 2011 wieder in einem extremen Hoch, das 2012 wiederum ... in eine erneute Krise umschlägt. Diese extremen Zyklen erfordern eine hohe Flexibilität der Unternehmen, und dies primär auch von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern», erklärte Eric von Ballmoos, Präsident des GVS und CEO der Benninger Guss AG, anlässlich des Jahrespressegesprächs.

Positive Nachfrage nach hochwertigen Teilen

«Die Exportquote unserer Branche liegt bei über 80 Prozent, vorrangig im EU-Raum. Trotz des Frankenproblems konnten wir 2011 insgesamt noch eine 10-prozentige Steigerung gegenüber 2010 erzielen. Diese Steigerung wurde vor allem in den ersten drei Quartalen 2011 erwirtschaftet. Verantwortlich waren dafür vor allem die anhaltend positiven Nachfragen für Gussteile im hochwertigen Automobil- und Nutzfahrzeugbereich sowie in der Energie- und Medizintechnik», ergänzt Eric von Ballmoos.

Stark rückläufig – mit bis zu minus 50 Prozent – verhielten sich im vergangenen Jahr wiederum die Aufträge aus den Anwendermärkten Maschinen- und Elektroindustrie sowie dem Werkzeug- und Apparatebau. «Grössere Investitionen in neue Anlagen wurden in diesen Branchen nicht getätigt, vergleichbar wie in der Finanzwirtschaftskrise in den Jahren 2008 und 2009», so Eric von Ballmoos.

Grösstes Plus bei Eisen- und Stahlgiessereien

Insgesamt konnten die abgelieferten Tonnagen 2011 bei den Eisen- und Stahlgiessereien im Vergleich zum Vorjahr um 15,3 Prozent auf 62 790 Tonnen gesteigert werden. Unterschieden nach Werkstoffgruppen verzeichnete Gusseisen mit Kugelgraphit (Sphäroguss) wieder ein Plus von 21,9 Prozent auf 40 520 Tonnen und Gusseisen mit Lamellengraphit (Grauguss) erreichte eine Steigerungsrate von 4,9 Prozent auf 20 380 Tonnen gegenüber dem Vorjahresergebnis.

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Kurzporträt der R. Nussbaum AG

Auch der Stahlguss verzeichnete ein Plus von 6,7 Prozent auf 1890 Tonnen. Die Schweizer Leichtmetallgiesser steigerten ihre verarbeiteten Tonnagen in 2011 um 2,1 Prozent auf 20 830 Tonnen. Der Leichtmetall-Sandguss erreichte ein Plus von 1,2 Prozent auf 4370 Tonnen, der Druckguss eine Steigerung von 3 Prozent auf 13 730 Tonnen. Der Kokillenguss musste eine leichte Reduktion von 1,1 Prozent auf 2730 Tonnen hinnehmen. Auch bei den Kupferlegierungen gab es ein Minus von 5,9 Prozent auf 3560 Tonnen.

Verschärfte Situation für 2012 erwartet

Für das laufende Jahr wird mit einem Rückgang des Gesamtumsatzes von rund 5 Prozent gerechnet, wie eine Umfrage unter den GVS-Vorstandsmitgliedern zeigt. «Die Eurokrise erzeugt zunehmend eine ungenügende Profitabilität. Das bestätigen bereits die Ergebniszahlen des letzten Quartals in 2011», erläuterte Marcel Menet, Geschäftsführer des GVS, anhand der Statistik: «Abgesehen vom Stahlguss, der mit einem Plus von 9 Prozent aufwarten konnte, mussten wir bei allen anderen Gusswerkstoffen Rückgänge von 5 bis 23 Prozent gegenüber dem vierten Quartal 2010 hinnehmen.»

Märkte mit Potenzial, aber ohne Konstanz

Wie das Stimmungsbarometer unter den GVS-Vorstandsmitgliedern weiter zeigt, bietet vor allem der Automobilindustrie auch 2012 gute Absatzchancen. «Mit Leichtmetallguss-Lösungen für das Premium-Fahrzeugsegment haben wir uns eine Alleinstellung erarbeitet. 2011 konnten wir einen Zuwachs von 27 Prozent in diesem Bereich verzeichnen und auch 2012 sind hier noch Steigerungen möglich», verdeutlichte Alfred Lichtensteiger, CEO der DGS Druckguss Systeme, die positiven Vorzeichen in diesen Anwendermärkten.

Eine konstante Entwicklung werde darüber hinaus in der Lebensmittel- und Freizeitindustrie sowie in der Medizintechnik und dem Bauwesen erwartet, fasste Marcel Margot, Geschäftsführer der Metalyss die Markteinschätzung des GVS zusammen. Für 2012 seien die Auftragsbücher allerdings jeweils nur für wenige Wochen im Voraus gefüllt: «Bisher musste noch keine Kurzarbeit angeordnet werden, aber viele leben von der Hand in den Mund, das heisst mit sehr ungewissen Aussichten.»

Konkurrenzfähigkeit dank Flexibilität

Die Schuldenkrise in den westlichen Staaten und der überbewertete Schweizer Franken gegenüber dem schwachen Euro erfordern maximales Durchhaltevermögen und innerbetriebliche Anpassungen. Markus Schmidhauser, Geschäftsführer der Wolfensberger AG, konnte anhand der Situation seines Unternehmens exemplarisch aufzeigen, wie viele Schweizer Giessereien der Krise begegnen: «Es gilt, sich sehr flexibel zu verhalten. Gute Qualität wird ohnehin vorausgesetzt. Wir haben 2011 bewusst mit einer laufenden Optimierung von Durchlaufzeiten und Kosten begonnen, um auch im schwierigen Wettbewerbsumfeld bestehen zu können. So sind wir als Schweizer Giesserei trotz der unvorteilhaften Rahmenbedingungen weiterhin auch im wichtigsten Exportland, Deutschland, konkurrenzfähig – nicht über den Preis, sondern über das Gesamtpaket mit Produktqualität, Zuverlässigkeit, Schnelligkeit, Beratung, Bearbeitung und Logistik.»

Rahmenbedingungen wahren

Auswege wurden von den Unternehmen auch mit Produktionsverlagerungen in Billiglohnländer wie nach China gesucht. Bislang noch ohne den Verlust von Arbeitsplätzen an den Schweizer Standorten. «Wenn die Schweiz jedoch weiterhin ein Industriestandort bleiben soll, ist es sehr wichtig, dass die Rahmenbedingungen nicht verschlechtert werden. Dazu gehören: Ausbau der flexiblen Arbeitszeiten und den Gegebenheiten angepasste Arbeitszeitmodelle, Innovationsförderungsmassnahmen für die KMUs, eine Strompolitik mit Zukunft und Energiekosten, die weltweit konkurrenzfähig sind, sowie ein Franken-Euro-Kurs von mindestens 1.30», plädiert Eric von Ballmoos als Präsident für den Branchenverband. <<

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