Interview mit Dr.-Ing Sebastian Schlund des Fraunhofer-Instituts Industrie 4.0: Eine Wette auf die Zukunft

Autor: Silvano Böni

Die vierte industrielle Revolution ist in aller Munde. Ist dies mehr als ein aktueller Hype? Was sind die Chancen und Potenziale von «Industrie 4.0» und wo liegen die Probleme und Herausforderungen auf dem Weg zur Fabrik der Zukunft? Dr.-Ing Sebastian Schlund, Leiter Competence Center Produktionsmanagement des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, stand dem SMM Rede und Antwort.

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(Bild: SMM)

SMM: Das Thema «Industrie 4.0» ist aktuell ein Dauerbrenner. Ist dies mehr als ein momentaner «Hype»?

Sebastian Schlund: Ich gehe davon aus, dass dies mehr ist als ein momentaner Hype. Es ist mehr eine Wette auf die Zukunft, die wir alle zusammen eingehen. Die erste Frage die sich stellt ist, was Industrie 4.0 genau ist. Da gibt es keine genaue Definition. Ich persönlich denke, dass das Thema «flächendeckende IT-Integration in die Produktion» am besten trifft. Damit lässt sich das Meiste, was diskutiert wird, nämlich Smart Factory’s, intelligente Objekte, Mobilgeräte oder die robuste und bessere Netzabdeckung, mit einschliessen.

Eine Wette auf die Zukunft, können Sie das konkretisieren?

S. Schlund: Eine Wette auf die Zukunft deshalb, weil wir alle die Potenziale nicht kennen. Wir haben die einsatzbereiten Technologien. Hingegen fehlen wirtschaftliche Anwendungsfelder und Geschäftsmodelle, die darauf aufbauen. Ich vergleiche das gerne mit dem Internet vor 15 Jahren. Man konnte Mails schreiben und nach Stichworten suchen. Es war aber bei weitem noch nicht so tiefgreifend wie heute, obwohl von technischer Seite alles zur Verfügung stand. 1998 wurde Google gegründet, Facebook gab es erst sechs Jahre später, Amazon war ein kleiner Buchversandhändler und Apple war in einer grossen Krise. Und jetzt? Die Firmen sind heute mehr Wert als alle DAX-Unternehmen zusammen! Die Potenziale haben sich also erst 15 Jahre später gezeigt. Das ist auch die Erwartungshaltung derer, die das Thema «Industrie 4.0» treiben. Ob die am Ende Recht haben werden, weiss niemand. Aber das Potenzial ist riesig und erkennbar.

Wo sehen Sie denn konkret diese
Potenziale?

S. Schlund: Vieles lässt sich auf das «intelligent machen» von Objekten zurückführen und auf die Verfügbarkeit von echtzeitnahen Informationen. Wenn ich es schaffe, mehr und bessere Daten dem richtigen Menschen oder dem richtigen Apparat zur Verfügung zu stelllen, sollte ich besser produzieren können. Allein schon die Informationen darüber, was für Kapazitäten ich zu welchem Zeitpunkt brauche, und das nicht Monate im Voraus, sondern Wochen oder Stunden, würde mir die Planung erleichtern. Wenn ich es dann noch schaffe, meine Anlagen und Mitarbeiter flexibel einsetzen zu können, dann habe ich auf einmal ein viel besseres System, als ich es heute habe. Das lässt sich auch auf die Wertschöpfungskette übertragen, in dem ich weiss, wann wo welche Materialien sind. Wenn ich die Verkehrsleitsysteme, die heute auf der Strasse funktionieren, auf meine Wertschöpfungskette inklusive der Zulieferer übertragen kann, dann wäre es möglich, Bestände abzubauen, Puffer zu reduzieren und besser Arbeiten planen und organisieren zu können.

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Über den Autor

 Silvano Böni

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Stv. Chefredaktor, Vogel Communications Group AG