Interview: Inspire AG, Dr. Martin Stöckle, Leiter der Inspire Academy und COO Kundenfokussierte und termintreue Innovationen

Redakteur: Anne Richter

Innovation ist für die Schweizer Wirtschaft überlebenswichtig geworden. Während die Fertigungstechnik immer effizienter wird, scheinen sich entsprechende Methoden in der Produkt-/Prozessentwicklung kaum entwickelt zu haben. Im Interview mit SMM erklärt Dr. Martin Stöckli, Leiter der Inspire Academy und COO der Inspire AG, einem Transferinstitut mit ETH-Beteiligung, wie Innovationen in der Schweiz umgesetzt werden.

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Dr. Martin Stöckli, Leiter der Inspire Academy und COO der Inspire AG, im Interview über Innovationen mit «Design for Lean Six Sigma».
Dr. Martin Stöckli, Leiter der Inspire Academy und COO der Inspire AG, im Interview über Innovationen mit «Design for Lean Six Sigma».
(Bild: Inspire)

SMM: Herr Dr. Stöckli, wie wichtig ist Innovation für die Schweiz?

Martin Stöckli: Sehr! Die Innovation ist der Motor der Wirtschaft. Innovationen – seien sie auf Produkten oder auf Prozessen – sind ein Versprechen für die Zukunft, denn sie sichern langfristig Arbeitsplätze. Innovationen sind somit Investitionen in die Zukunft eines Unternehmens. Der Innovationsprozess muss aber geführt werden. Ein Unternehmen braucht heute zwei Managementansätze, um in einem globalen, wettbewerbsintensiven Umfeld erfolgreich zu überleben. Es ist dies einerseits das Erreichen der Operational Excellence für bestehende Produkte mittels Lean- und Six-Sigma-Techniken zur Kostensenkung und Qualitätssteigerung (siehe SMM-Interview 2014, Anm. d. Red.) und anderseits das Erreichen der Innovation Excellence für neue Produkte, um rasch die Marktreife zu erlangen und schnellstmöglich die Gewinnschwelle zu überschreiten.

Wie wird Innovation in der Schweiz betrieben?

M. Stöckli: Da müssen wir unterscheiden zwischen Forschung einerseits und Technologie- und Produktentwicklung andererseits. Während die eigentliche kostenintensive Forschung nicht ausschliesslich, aber immer mehr an den Universitäten stattfindet, konzentrieren sich die wirtschaftlich orientierten Unternehmen vermehrt auf die Produktentwicklung; sie sind also sehr kunden- und marktorientiert. Während die Forschung am Limit des aktuellen technischen Wissens als Kreativprozess stattfindet, verfolgt die Produktentwicklung eine sehr auf die Kunden ausgerichtete Umsetzung von Produkterneuerungen. Diese kundenspezifische Orientierung, sei es als Einzel- oder Massenanwendung, muss heute sehr effizient und effektiv erfolgen: Zeit ist Geld und die Konkurrenz schläft nicht. Leider wird Innovation in der Schweiz noch sehr traditionell betrieben; Techniken wie Design for Lean Six Sigma (DFLSS) sind noch nicht bekannt, geschweige denn verbreitet. Die Schweiz braucht Innovationen, die aber auch effektiv umgesetzt werden. Die Inspire AG als Technologietransferinstitut kann hier helfen. Inspire bildet eine Schnittstelle zwischen der Hochschulforschung und der Produktentwicklung der Unternehmen und unterstützt so die Schweizer Industrie sowohl auf der Innovationsseite als auch auf dem Gebiet der verschwendungsfreien Produktion.

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Was versteht man unter DFLSS und was sind deren Merkmale?

M. Stöckli: Mit DFLSS ist eine phasenbasierte Vorgehensweise (DMADV) gemeint, die gleich von Anfang an anstrebt, eine der Kundenspezifikationen entsprechende Six-Sigma-Qualität zu erbringen. Zusätzlich wird dem DFX-Gedanken entsprechend versucht, schon bei der Konzeptionierung das Lean-Ziel der Verschwendungsfreiheit in die Fertigung einzubringen. Dabei kommen in den verschiedenen Phasen u. a. bewährte Techniken zum Einsatz wie: VOC, QFD, Risikoanalyse, funktionelles Design, Simulation, Prozessfähigkeit, Lean-Fliessfertigung. Produktentwicklung bedeutet heute mehr denn je zugleich Prozessentwicklung; das Produkt muss zusammen mit der Fertigung als System betrachtet und entwickelt werden, insbesondere heute, wo kostengünstige Fertigung ein Muss ist. Im Gegensatz zu den durch oft auftretende Hektik und Nachbesserungen bei der Produkt-Einführung charakterisierten herkömmlichen Vorgehen ist DFLSS «frontloaded». Der DMADV-Ansatz erlaubt eine dem QFD-Gedanken folgende genaue Analyse der Kundenbedürfnisse und über die Festlegung von kundenwunschbasierten Produktspezifikationen eine effizientere Entwicklung. Neben kundenkonformer Qualität liegen die Vorteile in einer verkürzten Time-to-market.

Warum hat DFLSS nur eine geringe Verbreitung in der Schweiz?

M. Stöckli: Ja, das ist eine gute Frage. Wir sehen hier zwei Ursachen: Die erste liegt darin, dass solche Ansätze in der Entwicklung auf Widerstand zu stossen scheinen, ganz im Gegensatz zu den Lean- und Six-Sigma-Ansätzen in der Fertigung, die immer mehr Verbreitung finden. In der Fertigung hat man der Verschwendung längst den Kampf angesagt, währenddem man in der Entwicklung nicht einmal das Wort Muda (japanisch für Verschwendung) buchstabieren kann. Wahrscheinlich fürchten Entwickler, mit DFLSS in ihrer Kreativität eingeschränkt zu werden, dabei gibt die Methodik lediglich ein Gerüst, um nichts falsch zu machen. Der DFLSS ist auch ein interdisziplinärer Ansatz: die Projektteilnehmer kommen nicht nur aus der Entwicklung, sondern auch aus der Produktion, der Qualität und dem Marketing. Die zweite Ursache für die geringe Verbreitung von DFLSS ist wohl schlicht Unwissenheit. Dieser Ansatz ist in Europa höchstens in mittelgrossen und grossen Unternehmen, kaum aber in KMUs bekannt. Grosse Unternehmen werden oft von amerikanischen Managern geführt, bei denen dieser Ansatz bereits verbreitet ist. Wenn ein Manager das Potential dieses Ansatzes für sein Unternehmen erkannt hat, wird er sich dafür einsetzen, ähnlich wie bei Lean und Six Sigma in der Fertigung. Wir dürfen nie vergessen: Effizienz und Effektivität muss in allen Abteilungen und Prozessen eines Unternehmens gelebt werden, nicht nur in der Fertigung oder Administration, sondern gerade auch in der Entwicklung. Man weiss ja, dass ein Grossteil der Produktentwicklungskosten durch bewusste oder unbewusste Entscheide in der frühen Entwicklungsphase verursacht wird.

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