SMM-Kongress 2021: United Grinding Group Lernen, digitale Produkte zu entwickeln

Redakteur: Anne Richter

Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Marcus Köhnlein, Head of Digital Business UNITED GRINDING Group, wird in seinem Vortrag auf dem SMM-Kongress über «Chancen der Digitalisierung für produzierende Unternehmen» sprechen. Vorher hat er im Interview mit dem SMM schon ein paar Hintergrundinformationen gegeben.

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«Produktionsunternehmen werden vernetzter, Prozesse werden intelligenter und Entscheidungen werden automatisiert oder mit Menschen als Co-Working-Ansatz realisiert», Marcus Köhnlein, Head of Digital Business UNITED GRINDING Group.
«Produktionsunternehmen werden vernetzter, Prozesse werden intelligenter und Entscheidungen werden automatisiert oder mit Menschen als Co-Working-Ansatz realisiert», Marcus Köhnlein, Head of Digital Business UNITED GRINDING Group.
(Bild: United Grinding)

SMM: Welche Möglichkeiten der Digitalisierung sehen Sie für Schweizer Fertigungsunternehmen? Wo sind die Chancen?

Marcus Köhnlein: Elon Musk sagte einmal: «I could either watch it happen or be part of it.» Das ist die Entscheidung, die von jedem Produktionsunternehmen getroffen werden muss. Die Chancen sind endlos, Produktionsunternehmen müssen diese nur ergreifen und verstehen, dass Digitalisierung oft das Kerngeschäft horizontal oder vertikal ergänzt und erweitert und zudem Prozesse verändert und optimiert. Fokus sind die Bereiche Customer Experience, neue digitale Geschäftsmodelle und Operational Excellence.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Welchen Nutzen können Unternehmen mit einer Digitalisierung erreichen?

M. Köhnlein: Produktionsunternehmen werden vernetzter, Prozesse werden intelligenter und Entscheidungen werden automatisiert oder mit Menschen als Co-Working-Ansatz realisiert. Maschinen sprechen mit anderen Maschinen und tauschen Informationen aus. Wo ist das Produkt im Produktionsprozess? Wie kann die Warte- und Umrüstzeit im Produktionsprozess optimiert werden? Wie kann der Verbrauch von Strom gesenkt werden? Aber auch ausserhalb von Unternehmen in der Interaktion mit der Umwelt. Ist genügend Rohmaterial vorhanden? Wann muss nachbestellt werden? Wie kann der Lagerbestand optimiert werden? Wo ist die Kundenlieferung in der Supply Chain? Kommt die Lieferung zum richtigen Zeitpunkt beim Kunden an? Alle diese Fragen entscheiden, ob ein Produktionsunternehmen einen Konkurrenzvorteil hat oder nicht. Sogar Portale sind denkbar, die Aufträge automatisiert an Maschinen weitergeben und den optimalen Auftrag passend für die Maschine ohne Umrüstzeit selektieren.

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Welche Lösungen bietet UNITED GRINDING in diesem Zusammenhang? Welchen Nutzen bringen diese Lösungen?

M. Köhnlein: UNITED GRINDING hat ein Portfolio digitaler Produkte (Digital Solutions), welche kontinuierlich erweitert und ergänzt werden. Wir werden unseren Kunden kontinuierlich neue Versionen mit mehr Intelligenz, neuen Funktionen und neuen Technologien vorstellen. Mit Remote Service können zeit- und kostenintensive Störungen oder Stillstände minimiert wer-den. Der Service Monitor zeigt die Instandhaltungsfälligkeit aller angeschlossenen Maschinen an. Es ist auf einen Blick ersichtlich, wann welche Instandhaltungstätigkeiten erfolgen müssen. Der Production Monitor unterstützt als zuverlässiger 24/7-​Monitoring-Service. In Echtzeit werden Laufzeiten und Nebenzeiten, Stückzahlen oder Störungszeiten dargestellt. Dieser Service läuft nicht nur auf unseren Maschinen, sondern auch auf Drittmaschinen, so kann ein Überblick über den gesamten Produktionsprozess gewonnen werden.

Können Sie ein konkretes Anwendungsbeispiel dafür geben?

M. Köhnlein: Dafür gibt es viele. Sie sitzen am Abend zu Hause, während Ihre Produktion 24x7 weiterläuft. Mit einem Klick auf Ihren Production Monitor sehen Sie, falls es zu einem Problem oder Unterbruch kommt, und können einen Mitarbeitenden aktivieren, um das Problem zu lösen. Hierbei spielt es keine Rolle, ob Sie ein Grosskonzern oder ein Kleinunternehmen sind – die Technologie kann von allen verwendet werden und läuft auf dem Smartphone.

Wie sind generell die Rückmeldungen aus der Praxis zum Thema Digitalisierung?

M. Köhnlein: Wir haben sehr viele Anfragen zum Thema Digitalisierung. Digitalisierung verändert die gesamte Branche und wird auch einen grossen Einfluss auf die Renditen in der Fertigungsindustrie haben. Werden am Ende die Produktionsunternehmen oder die Unternehmen, welche die Produktion der Kunden am besten optimieren können, mehr Rendite erwirtschaften? Wir haben dieses Phänomen bereits in vielen Branchen gesehen. Liegt die Rendite bei Amazon oder beim Hersteller, der seine Produkte verkauft? Diese Verteilung wird sich auch im Maschinenbau ändern, und davon werden Hersteller profitieren, wenn sie bereit sind, zu investieren und auf Innovation zu setzen.

Worin bestehen die speziellen Herausforderungen der Digitalisierung im Werkzeugmaschinenbau? Worauf kommt es an?

M. Köhnlein: Klassisch gewachsene Produktionsunternehmen müssen erst lernen, wie man digitale Produkte und Services entwickelt und sie zu erfolgreichen Produkten am Markt macht oder sie auch für interne Zwecke zur Optimierung von internen Prozessen nutzt. Andere Branchen sind hier weiter. Die grössten Unterneh­men der Welt sind Digitalkonzerne, die Geschäftsmodelle «per Knopfdruck» hochfahren und wieder stoppen können. Diese Vorteile müssen klassische Unternehmen erst lernen und verstehen, dass in der Kombination von digitalen und physischen Produkten enorme Wachs­tumspotentiale liegen.

Wie bewerten Sie die gegenwärtige Situation der Digitalisierung in der Schweizer MEM-Industrie im Vergleich zu anderen Branchen und im Vergleich zu anderen Ländern?

M. Köhnlein: Aus meinen Erfahrungen liegt die MEM-Industrie im Vergleich zu anderen Branchen und Industrien zurück. Meine Erfahrungen in anderen Branchen zeigen, dass es zum Teil deutliche Unterschiede gibt. Beispielsweise bei der Optimierung der internen Prozesse gibt es gewaltige Unterschiede. Andere Branchen haben bereits seit langem ERP-Prozesse, die teilweise ohne menschliche Interaktion ablaufen oder nur noch mit Human-in-the-loop arbeiten. Wie wäre es, wenn Ihre Maschine komplett mit Ihren internen ERP-Prozessen vernetzt ist, Bestellungen annimmt oder Rechnungen schreibt? Hier sind erste Ideen auf dem Weg. Andere Länder sind sehr unterschiedlich. Während der deutschsprachige Raum eher konservativ ist, sind viele Länder in Bezug auf Digitalisierung und besonders Cloud-Technologie viel offener.

Wie wird es weitergehen? Wie wird die Digitalisierung die weitere Entwicklung der Maschinenindustrie beeinflussen?

M. Köhnlein: Wir werden mehr Vernetzung sehen. Maschinen werden noch viel mehr miteinander kommunizieren und sich austauschen. Prozesse werden automatisiert gesteuert und nicht nur in der Produktion, sondern auch im Administrationsprozess. Maschinen werden mit Menschen zusammenarbeiten und lernfähiger sein. Virtuelle Assistenten werden sich einschalten und uns helfen, bessere Entscheidungen zu treffen. Die Plattform-Economy, die wir in den letzten Jahren gesehen haben, wird sich weiterentwickeln. Plattformen könnten Produktions- und Supply-Chain-Prozesse steuern und über verschiedene Unternehmen hinweg koordinieren. Intelligente Systeme werden hierbei ein wesentlicher Treiber sein.

Was sind dabei die grössten Treiber und was sind die grössten Hemmnisse?

M. Köhnlein: Der Treiber für Digitalisierung ist die Veränderung. Ganze Industrien verändern sich in einem ungeahnten Tempo wie z.B. die Automobilindustrie, Retail oder die Finanzindustrie. Diverse Studien sagen voraus, dass es 2030 keine klassischen Bankfilialen mehr gibt und klassische Einkaufsläden mit Personal verschwunden sind. Menschen haben die Tendenz, kurzfristige Veränderungen zu überschätzen und langfristige Veränderungen zu unterschätzen. Dies ist auch oft das Problem, wenn wir versuchen, neues Business zu generieren. Klassische, historische Unternehmenskulturen sind das grösste Hemmnis. Wir alle haben fähige und interessierte Mitarbeitende mit sehr viel Know-how und Interesse und wir müssen diese Ressourcen nutzen. «We hire smart people so they can tell us what to do» (Steve Jobs). Klassische hierarchische Strukturen blockieren Kreativität und Geschäftssinn. Mitarbeitende müssen unternehmerischer denken und mitgestalten. Fehlerkultur, schnelle Entscheidungen, Cross-Silo-Cooperation, gemeinsame Visionen entwickeln, schnelles Lernen der Organisation, um die Digitalisierung zu steuern, spielen hier eine entscheidende Rolle. SMM

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