Stiftung Arbeitszentrum für Behinderte Maximal produktiv unter besonderen Bedingungen

Redakteur: Anne Richter

>> Sind wettbewerbsfähige Produktionsprozesse möglich, wenn die Arbeitsplätze von Menschen mit einer Behinderung besetzt sind? Die Geschützte Werkstätte der Stiftung Arbeitszentrum für Behinderte (azb) in Strengelbach stellt sich diesen Fragen. Anspruchsvolle Drehteile werden hier unter gängigen wirtschaftlichen Massstäben hergestellt, auch wenn die Fähigkeiten der Mitarbeiter eingeschränkt sind. Eine moderne Drehmaschine von Emag spielt dabei eine interessante Rolle.

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Die Bauteile werden vom Bediener auf ein in die VL-3-Maschine integriertes Förderband mit Schlepprahmen gelegt und danach wieder entnommen. Den Rest erledigt die Automation der VL 3.
Die Bauteile werden vom Bediener auf ein in die VL-3-Maschine integriertes Förderband mit Schlepprahmen gelegt und danach wieder entnommen. Den Rest erledigt die Automation der VL 3.
(Bild: Emag)

«Unsere wichtigsten Kunden sind zunächst die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einer Behinderung», stellt René Moor, Leiter der Geschützten Werkstätte, zu Beginn fest. «Vorrangiges Ziel bleibt immer, diesen Menschen einen Arbeitsplatz zur Verfügung zu stellen, der auf ihre individuellen Ressourcen und Bedürfnisse abgestimmt ist.» Dass eine solche Aufgabenstellung nicht ganz einfach ist, zeigt sich auch an den baulichen Details des Werksgebäudes, das sich etwa 50 Kilometer westlich von Zürich befindet. So sorgen zum Beispiel grosse Fenster und spezielle Jalousien für ausreichend Tageslicht, was für Menschen mit einer psychischen Erkrankung eine Erleichterung darstellt. Insgesamt wird rund 320 Menschen mit einer Behinderung in der Einrichtung eine Tagesstruktur für Ausbildung und Arbeit angeboten. Im Bereich der Geschützten Werkstätte montieren sie elektrische Haushaltsgeräte, konfektionieren Lebensmittel und Kabel oder fertigen Metallbauteile auf modernsten Maschinen.

Lohnfertigung mit gängigen Massstäben

Allerdings gibt es für die Produktion der Geschützten Werkstätte keinen geschützten Wirtschaftsraum. Die Produkte genügen hinsichtlich Qualität und Preis den marktüblichen Anforderungen und gelangen in den Wirtschaftskreislauf. Auftraggeber sind mittlere und grosse, weltweit tätige Gewerbe- und Industrieunternehmen aus der ganzen Schweiz. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Lohnfertigung in der Geschützten Werkstätte von allen Beteiligten mit wirtschaftlichen Massstäben gemessen wird, was Moor bestätigt. «Wir treten als Lohnfertiger am Markt auf und können mithalten, weil Produktqualität und Stückpreise mit der Konkurrenz vergleichbar sind.» Besonders bemerkenswert wird diese Aussage dann, wenn man die Leistungsfähigkeit der Mitarbeitenden mit zum Teil schweren/mehrfachen Behinderungen berücksichtigt. Mitunter beträgt diese rund 10 bis 20 Prozent einer üblichen Leistungsanforderung.

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Emag-Maschinenbau sorgt für sinkende Stückkosten

Wie wirtschaftlicher Erfolg, Bauteilqualität und besondere Arbeitsplatzgestaltung unter den geschilderten Voraussetzungen zusammenkommen, verdeutlicht ein neues Beispiel aus der Abteilung «Mechanische Bearbeitung» der Geschützten Werkstätte. Für die Herstellung einer umfangreichen Teilefamilie von Distanzhülsen und Distanzrohren, die für Schaltanlagen in der Energiewirtschaft benötigt werden, setzen die Produktionsplaner des azb auf einen leistungsstarken, hochmodernen Maschinenbau. Seit April dieses Jahres kommt eine vertikale EMAG-Drehmaschine vom Typ VL 3, die eine ältere Anlage ersetzt, zum Einsatz. Pro Woche werden jeweils 500 bis über 2000 Stück der unterschiedlichsten Bauteile darauf bearbeitet. Die enorme Produktivität der Anlage zeigt der direkte Vergleich zur vorher eingesetzten Drehmaschine, wie Roger Farine von der VFM Maschinen AG, Vertriebspartner von EMAG in der Schweiz, erklärt. «Die Taktzeit beim Drehen beträgt nur noch ein Drittel der vorher benötigten Zeit. Zudem ist die Oberflächengüte der Bauteile nach dem Drehen massiv verbessert.» Diese besondere Qualität macht sich wiederum direkt im weiteren Produktionsprozess bemerkbar. So ist auch der nachfolgende Schleifprozess an den Distanzhülsen dank der hohen Oberflächenqualität nach dem Drehen auf der EMAG-Maschine deutlich verkürzt. Es muss viel weniger Werkstoff beim Schleifen abgetragen werden, was sich positiv auf die Werkzeug- und Prozesskosten für das Bauteil auswirkt.

Das passende Gesamtsystem

Besonders wichtig für den Produktionsablauf in der Geschützten Werkstätte ist auch die integrierte EMAG-Automation per Pick-Up-Spindel und Förderband. Das System garantiert einen sicheren Arbeitsplatz für die Menschen mit einer Behinderung, denn der Arbeitsraum ist während der Bearbeitung nicht zugänglich. Die Beladung der Maschine erfolgt schnell und produktiv. Das Bauteil muss vom Bediener nur auf ein externes Förderband mit Schlepprahmen gelegt werden, den Rest erledigt die Automation der VL 3. Dabei muss dieses kompakte System mit integriertem Speicher für 27 Werkstücke nicht laufend nachgeladen werden. Ein Ausfall des Bedieners macht sich also nicht sofort bemerkbar. Nicht zuletzt sorgt die vertikale Anordnung im Arbeitsraum für allgemeine Prozesssicherheit und Bauteilqualität, was durch den günstigen Spänefall erreicht wird. «Dieses Gesamtsystem passt ideal zu uns», fasst azb-Abteilungsleiter Franz Weibel zusammen. «Es ist einerseits so konstruiert, dass die Maschine von unseren Mitarbeitern ohne grosse Anforderungen bedient werden kann. Anderseits erzielen wir mit Blick auf die Wirtschaftlichkeit und Qualität beste Ergebnisse.»

Gut gerüstet für die Zukunft

Nicht zuletzt eröffnet die Anlage den Produktionsplanern der Geschützten Werkstätte grosse Möglichkeiten. Eine Vielzahl von Bauteilen lässt sich flexibel bearbeiten, auch komplexe Kombinationsprozesse mit integriertem Bohren und Fräsen sind möglich. «Wir sind aktuell daran, auf dem Markt für Lohnfertiger weitere Teile zu akquirieren», bestätigt Moor die Bedeutung dieses Themas. Besondere Herausforderungen für die Prozessplanung gibt es dabei nicht zu berücksichtigen. So ist bereits das NC-gesteuerte Transportband umrüstfrei. Beim Umstellen auf ein anderes Werkstück müssen lediglich die neuen transportspezifischen Daten in die Steuerung eingelesen werden. Ähnliches gilt für den Bearbeitungsprozess. Zur Verfügung steht ein Werkzeugrevolver mit zwölf Plätzen. Ein Werkstückwechsel auf der VL 3 ist also in kürzester Zeit möglich. Das Einrichten und Programmieren erledigen qualifizierte Mitarbeiter, an der Bedienung ändert sich hingegen kaum etwas. «Mit der VL 3 sind wir optimal aufgestellt», erklärt Moor abschliessend. «Die Technik gleicht unsere besonderen Bedingungen aus. Mit Blick auf die Qualität und Produktivität haben wir sogar klare Vorteile. Diese nutzen wir jetzt bei der Akquisition von neuen Produkten und weiteren Kunden.» <<

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