MDC Max Daetwyler AG: 30-Tonnen in der Präzision eines Uhrwerk

Redakteur: Matthias Böhm

>> Mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks werden bei der Daetwyler Industries – ein Firmenbereich der Daetwyler-Gruppe – bis zu 30 Tonnen schwere und 12 Meter lange Maschinenbetten für namhafteste Werkzeugmaschinenhersteller gefertigt. Mehr noch: Als Outsourcingpartner entwickelt, fertigt und montiert die Daetwyler Industries Maschinen und Anlagen für unterschiedlichste Auftragsgeber und Branchen. Dank der weltweiten Präsenz wird auch die Inbetriebnahme und der Service vor Ort gemacht.

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Auf der neuen Heyligenstaedt Portalfräsmaschine werden Maschinenbetten für die anspruchsvollsten Werkzeugmaschinenbauer Europas hergestellt. (Bild: Böhm)
Auf der neuen Heyligenstaedt Portalfräsmaschine werden Maschinenbetten für die anspruchsvollsten Werkzeugmaschinenbauer Europas hergestellt. (Bild: Böhm)

Ein Beispiel ist das Icon-Bearbeitungszenter welches hier komplett gefertigt und montiert wird. Doch das ist nur ein Bruchteil von dem, was das in der Schweiz 240 Mitarbeiter starke Unternehmen beherrscht. Selbst ultra-präzise PKD-Diamantwerkzeuge machen die Spezialisten mit selbst entwickelten Läppverfahren auf das Zehntel µm genau. Der SMM war vor Ort, um sich ein Bild zu machen.

Bemerkenswerte Fertigungskompetenz

Die Kompetenzbereiche der Daetwyler Industries sind vielschichtig. Zum Ersten verfügt das Unternehmen über eine bemerkenswerte Fertigungskompetenz im Bereich des Präzisionsmaschinenbaus. Schweissen, Fräsen, Schleifen von klein bis sehr gross sind wohl die herausragendsten der vielen inhouse Fertigungskompetenzen. Dank modernem Maschinenpark, motivierten und langjährigen Fertigungsspezialisten bietet sich Daetwyler Industries auch als flexibler Lohnfertiger an.

Montage, Inbetriebnahme und Service komplexer Mechatronic

Darüber hinaus verfügt das Unternehmen über einen Montagebereich der sich auf komplexe Maschinenbaugruppen spezialisiert hat. Als der SMM vor Ort war, wurden zum einen für den militärischen Bereich Simulationssysteme von Schützenpanzern montiert. Zum anderen wurden Zahnradschleifmaschinen einer namhaften Marke montiert. Doch zuvor durchliefen verschiedene Komponenten der Zahnradschleifmaschinen die spanende Fertigung der Daetwyler Industries.

Und last but not least wurde am SMM-Besuchstag ein Icon-Bearbeitungszentrum vom Kunden abgenommen. Für dieses Bearbeitungszentrum – eine Rundtaktmaschine mit den Abmessungen eines kleinen Bungalows – fertigt die Daetwyler Industries viele Schlüsselkomponenten. Auch das komplette Engineering wird betrieben – Montage inklusive. Sergio Lian (Leiter Marketing und Verkauf, Mitglied der Geschäftsleitung) sagt hierzu: «Der Icon-Auftrag ist ein typisches Beispiel. Wir fertigten ursprünglich nur das Maschinenbett für die Icon. Als der Kunde erkannte, dass wir die gesamte Wertschöpfungskette lückenlos abdecken können, gab er uns den gesamten Auftrag. Heute bauen wir die Icon von A-Z, inklusive Beschaffung der Zulieferteile. Wir kümmern uns sogar um die Software und schreiben, auf Wunsch eines Kunden, beispielsweise die Steuerung von Fanuc auf Siemens um. »

Die Maschinen gehen nach vollendeter Montage in der Schweiz meistens ins Ausland, verteilt auf den ganzen Globus, wo in Zusammenarbeit mit den Daetwyler Werken in den USA, China, Indien, Estland sowie mit dem dichten Servicenetz der Daetwyler Graphics auch der hinterste Ecken der Welt mit Service und Montagedienstleistungen bedient werden kann.

Maschinenbetten für das Oberste Segment

Nach dem Rundgang durch das Unternehmen wird dem SMM-Redaktor langsam klar warum hier bei Daetwyler Industries Maschinenbetten gebaut werden, die in der Anforderungskategorie an der obersten Spitze der Pyramide stehen. Die Maschinenbetten werden unter anderem für SIP, Liechti Engineering, Weisser, und Reiden gefertigt.

S. Lian: «Speziell im präzisen Gross-Maschinenbau können wir Fertigungsmöglichkeiten anbieten, wo wir in der Schweiz und sogar Europa über ein Alleinstellungsmerkmal verfügen. Unsere grossen Portal- und Schleifmaschinen stehen in unserer klimatisierten Produktionsstätte in Ursenbach.» Also geht’s im Fahrzeug gemeinsam in das 10 km entfernte Ursenbach, damit sich der SMM-Redaktor Einblick in die Fertigungskompetenz in der Grossteilebearbeitung machen kann.

Auf 5 Meter Länge 5 µm Toleranz

S. Lian: «Hier am Produktionsstandort Ursenbach haben wir kürzlich in eine Portalfräsmaschine von Heyligenstaedt investiert -mit einem 3m breiten Durchgang. Mit ihr können wir bis zu 12 Meter Länge und bis zu 30 Tonnen schwere Werkstücke fertigen. Parallel zur Heyligenstaedt verfügen wir über eine Kolb, auf der wir in dem gleichen Segment fertigen können. Wenn die Qualitäts-Anforderungen richtig hoch werden, dann gehen die Werkstücke auf unsere Waldrich-Coburg-Führungsbahnschleifmaschine. Auf ihr können wir Werkstücke bis zu 12 Meter Länge Schleifen. In der Schweiz gibt es meines Wissens keinen anderen Anbieter mit solchen Fertigungs-Kompetenzen. Hier sind wir richtig gut. Auf 5 Meter Länge bekommen wir eine Toleranz von 5 µm hin. Ich hatte ja bereits einen Vergleich mit der Uhrenindustrie angeregt. Wenn man unsere Werkstücke runter projiziert auf Uhrenteile und deren Toleranzen, dann fertigen wir um einige Zehnerpotenzen genauer. Für die meisten Werkzeugmaschinenhersteller sind unsere geschliffenen – teilweise auch schon unsere gefrästen Betten – genau genug. Aber im obersten Segment, im Bereich der Lehrenbohrwerke, muss nach wie vor geschabt werden. Aber auch dort schätzt man unsere Präzision: Wir fräsen beispielsweise die SIP-Maschinenteile derart genau, dass sie ihre Schabzeit bis zu 50% halbieren konnten.»

Maschinenbetten von A-Z

Je länger man sich mit S. Lian unterhält um so mehr Einblicke erhält man in die Kompetenzbereiche des Unternehms, wie folgendes Beispiel verdeutlicht: Daetwyler kann Maschinenbetten nicht nur bearbeiten, sie werden ‚hier‘ auch gefertigt. Mit ‚hier‘ meint S. Lian das 2300 km entfernte Tallinn: «Die geschweissten Maschinenbetten produzieren wir bei unserer Tochterfirma in Estland, oder genauer in Tallinn. Dort verfügen wir über ein Kompetenzzentrum in Sachen Schweissen und Blechbearbeitung mit etwa 80 Mitarbeitern und können dadurch Schweizer Qualität zu attraktiven Preisen anbieten. Darüber hinaus haben wir dort einen grossen Glühofen, was für die Wärmebehandlung der Maschinenbetten von hoher Bedeutung ist, eine grosse Sandstrahlanlage und eine Lackiererei. Die fertigen wärmebehandelten und z.T. lackierten Werkstücke kommen direkt zu uns zur Endbearbeitung.»

Im Bereich der Mineralgussbetten wird auf Zulieferanten gesetzt. Andererseits werden Betten mit diversen Ausfülltechnologien seit gut dreissig Jahren mit Erfolg für die eigenen Zylinderbearbeitungsmaschinen gefertigt. Wir sind soeben dran, noch mehr in die Ausfülltechnologie zu investieren, damit wir unser Angebot erweitern können.

Engineering und Projekte

Läuft man durch die neue Montaghalle, dann sieht man, dass emsig an Maschinen und Anlagen aller Arten montiert wird und es wird schnell klar, dass im Unternehmen und ihm Personal enorm viel Maschinenbau Know-how steckt. Die Daetwyler Industries anerbietet sich Dritten als Partner für den Prototypen- und Sondermaschinenbau. Die Jahrzehnte langen Erfahrungen aus dem präzisen Maschinenbau sind schon etlichen Firmen zugutegekommen. In enger Zusammenarbeit mit dem Kunden wurden schon zahlreiche Projekte erfolgreich umgesetzt, wie S. Lian sagt: «Das Galvanik-Know-how kommt ebenfalls aus unserer Druckwalzenherstellung. Die Tiefdruckwalzen müssen mit unterschiedlichsten Materialen galvanisch beschichtet werden. Das Galvanik-Know-how übertragen wir auf andere Sektoren. Weitere realisierte Projekte sind: Roboter für Schmelzöfen, Werkzeugmaschinen, Fahrzeugsimulatoren, Druckmaschinen, Blechbandbeabeitungsanlagen, Laserscheidanlagen, Handling-und Automatisierungssysteme und vieles mehr.

Eine hauseigene F&E Abteilung mit begeisterten Spezialisten aus der Mechanik, Elektronik, Elektrik und Software arbeitet interdisziplinär und falls nötig mit Instituten und Hochschulen zusammen, mit den Ziel für den Kunden eine optimale wirtschaftliche Lösung zu finden.

Wasserstrahlschneiden im Hundertstel-Bereich

Ein weiterer Kernkompetenzbereich ist die Wasserstrahl-Schneidtechnik. Dank einer intensiven Kooperation mit Waterjet AG, Aarwangen werden bei Daetwyler Industries hochpräzise Wasserstrahlanlagen gefertigt und weltweit unter dem geschützten Markennamen Microwaterjet vertrieben.

Diese zukunftsweisende Technologie wurde bei Waterjet entwickelt und zusammen mit Daetwyler Industries gebaut. Seit 8 Jahren wurden die Maschinen unter Praxisbedingungen intensiv getestet. In dieser Zeit wurden mehrere 1000 Präzisionsteile gefertigt. Seit 2 Jahren werden die Anlagen vermaktet. Die Eckwerte der Maschine lassen sich sehen: Wir garantieren eine Prozesssichere Fertigung von +/-0,01 mm mit einem cmk-Wert 1.8 nach VDI/NCG Richtlinien 5210. Somit ist diese Anlage 10mal präziser als konventionelle Wasserstrahlanlagen und bietet unter Anderen eine Ergänzung zu Feinschneidlasern und der Drahterodiertechnik. Die Kombination zwischen kleinem Werkzeug und hochpräzisem Maschinenbau eröffnet ein völlig neues Marktsegment. Bis heute nicht bearbeitbare Materialien wie Keramik, Karbon, oder hochlegierte und gehärtete Werkstoffe können ohne Kompromisse in neuartigen Konstruktionen angewendet werden.

Ein bis zu 0,2 mm dünner und über 700m/sec schneller Wasserstrahl schneidet umweltfreundlich und effizient. Er hat bezüglich Materialien keinerlei Einschränkungen. Einzigartig an dieser kalten Bearbeitung ist, dass an der Schnittkante keine Materialveränderungen entstehen und lediglich geringe Schneidkräfte auf das Werkstück einwirken. Ein weiterer Vorteil dieser Materialschonenden Bearbeitung, die Materialunabhängig immer mit dem gleichen, verschleissfreien Werkzeug auskommt ist, dass keine Aufwendigen Einspannvorrichtungen benötigt werden. Der Arbeitsbereich von 1000 x 600 mm entspricht den Anforderungen aus der Praxis. Dieses Jahr verlassen etwa 15 Maschinen die Werkhallen von Bleienbach. Ziel ist es mittelfristig 30-40 Maschinen pro Jahr zu produzieren.

Die Firma Microwaterjet AG in Aarwangen hat zwischenzeitlich 8 Maschinen erfolgreich im Einsatz und produziert, vorwiegend für den Schweizermarkt, Präzisionsteile für die verschiedensten Anwendungen.

PKD-Werkzeuge im Hochpräzisionsbereich

Die oben genannten Beispiele waren nur der Anfang der Kompetenzbereiche, weiss S. Lian: «Abgesehen vom Maschinenbau haben wir auch ein PKD-Fertigungs-Know-how (PKD – Polykristalliner Diamant) aufgebaut». Der SMM-Redaktor konnte nur ungläubig staunen und fragte kurzerhand, «wie passt das zusammen, Maschinenbau und PKD-Werkzeuge?»

Tiefdrucktechnik als Kernkompetenz

«Dazu muss ich ein wenig ausholen» antwortet S. Lian: «Eine der Kernkompetenzen der Daetwyler Group war und ist die Tiefdrucktechnik. Hier fertigen wir zum einen die kompletten Maschinen, auf denen die Tiefdruckwalzen hergestellt werden. Diese Zylinder mit 300 bis 5000mm Länge und bis zu 1000mm Durchmesser müssen mit einer Präzision gefertigt werden, wie sie einmalig ist, spiegelblank mit 0.3 μm Oberflächenrauheit. Aufgrund dieses Anforderungsprofils an die Druckwalzen hat sich unser spezifisches Know-how herausgebildet. Das ist zum einen die Maschinenbettbearbeitung, sie wurde und wird noch immer für unsere Tiefdruckwalzen-Maschinen realisiert. Die Oberfläche der Walzen fräsen wir mit PKD-Werkzeugen. Das ist vom Prinzip her ein Dreh-Fräsprozess. Der Fräser wird mit unseren PKD-Werkzeugen bestückt und bearbeitet. Die PKD-Werkzeuge werden wiederum auf einer – das muss ich hervorheben – Ultrapräzisionsspindel gespannt. Auch diese Spindel wurde von uns entwickelt. Es handelt sich um eine hydrostatisch wassergelagerte Spindel, ein technologisches Verfahren das einmalig ist in der Spindeltechnologie. In die Lagerstellen der Spindel wird mit Hochdruck mit Wasser eingespritzt, so dass die Spindeln radial als auch axial auf einem Wasserfilm geführt werden. Diese Spindel-Know-how und Lagertechnik ist geschichtlich gewachsen. Der Gründer Max Daetwyler war in vielerlei Hinsicht ein Pionier.»

Läppmaschinenentwicklung für PKD-Werkzeuge

In Bezug auf die PKD Werkzeuge sagt S. Lian: «Um die PKD-Schneidplatten zu bearbeiten haben wir eine eigene PKD-Fertigung aufgebaut. Die Präzisions-Anforderungen an diese Werkzeuge sind derart hoch, dass es auf dem Markt keine Läppmaschinen gab, die unseren Anforderungen genügten. Deshalb begannen wir ein eigenes Läppverfahren zu entwickeln, auf denen wir unsere Werkzeuge fertigen. Hier geht es tatsächlich um Toleranzen unterhalb des Mikrometer-Bereichs. Als Dienstleiter bieten wir auch das PKD-Werkzeug- Knowhow interessierten Firmen an und fabrizieren für sie hochpräzise massgeschneiderte Werkzeuge.»

Lehrlingswesen und Werkplatz Schweiz

Ein Herzensanliegen von Peter Daetwyler, Inhaber und Geschäftsführer in 2ter Generation, ist die Berufsausbildung. Mit viel Herzblut, werden an den zwei Schweizer Werken, 50 Lehrlinge in verschiedenen Berufen ausgebildet. «Jemand muss ja noch Späne machen und Produkte fabrizieren sonst geht dem Werkplatz Schweiz die Luft aus», pflegt Peter Daetwyler zu sagen, welcher während 30 Jahren die Daetwyler Werke in den USA aufgebaut und geleitet hat und auch in den USA nach Schweizerischem Modell eine Berufslehre mit Gewerbeschule aufgebaut hat. Heute führt und entwickelt sein Sohn Ralph Daetwyler, in 3ter Generation, in gleich dynamischer Manier wie der Vater die Geschäfte in den USA.<<

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