Die Diskussion über Teilzeitarbeit wird oft emotional geführt und meist mit Blick auf die falsche Gruppe. Im Zentrum der Kritik stehen meist junge Erwerbstätige und ihre vermeintlichen Work-Life-Balance-Präferenzen. Schaut man genauer hin, zeigt sich jedoch: Das grösste ungenutzte Arbeitskräftepotenzial durch Lifestyle-Teilzeit – also Teilzeit aus dem Grund, dass schlicht kein Interesse an Vollzeit besteht – liegt nicht bei der jüngsten Gruppe im arbeitsfähigen Alter, sondern bei den mittleren und älteren Altersgruppen.
Abbildung 1: Etwas mehr als 20 Prozent aller Erwerbstätigen im Alter von 35-39 arbeiten Teilzeit aufgrund von Kinderbetreuung.
(Bild: Schweizerischer Arbeitgeberverband)
Die Schweiz befindet sich in einer paradoxen Situation. Während viele Unternehmen händeringend nach Fachkräften suchen und die politische Debatte über die Steuerung der Zuwanderung die Agenda dominiert, leisten wir uns den Luxus einer inländischen Arbeitskraftreserve.
Diese Reserve sitzt nicht am Rand des Arbeitsmarkts, sondern mitten in den Betrieben: die Teilzeitarbeitenden. Dabei geht es nicht um jene, die aufgrund von Kinderbetreuung, Krankheit, mangelnden Stellenangeboten oder sonstigen persönlichen Verpflichtungen weniger arbeiten. Es geht um gut integrierte Arbeitskräfte, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen – schlicht, weil kein Interesse daran besteht, Vollzeit zu arbeiten.
In der öffentlichen Wahrnehmung wird dieses Phänomen der «Lifestyle-Teilzeit» oft der Generation Z zugeschrieben. Das Narrativ der «faulen Jungen», die lieber ihre Work-Life-Balance pflegen als Karriere zu machen, hält sich hartnäckig. Zu Unrecht, wie die nachfolgende Analyse basierend auf Daten der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (SAKE) zeigt.
Klipp und klar
Die Zahlen zeigen es: «Lifestyle-Teilzeit» ist kein exklusives Jugendphänomen. Während sie bei jungen Schweizer Akademikern punktuell auftaucht, ist sie ab 50 weit verbreitet.
Das ungenutzte Potenzial entspricht rund 86’000 Vollzeitstellen und jährlich ca. 8 Milliarden Franken Lohnvolumen.
Öffentlichen Haushalten und Sozialversicherungen entgehen dadurch schätzungsweise 2 bis 3 Milliarden Franken an Steuern und obligatorischen Beiträgen. Die entgangenen Arbeitsstunden dürften nicht zuletzt auch durch Zuwanderung kompensiert werden.
Die Gründe für Teilzeit: Ausbildung, Kinderbetreuung und dann «keine Lust auf Vollzeit»
Um es vorwegzunehmen: Teilzeitarbeit ist unter dem Strich aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll. Denn ohne die Möglichkeit, das Pensum zu reduzieren, wäre für viele die Alternative nicht Vollzeit, sondern gar keine Erwerbstätigkeit. Gerade zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist Teilzeitarbeit zentral.
Abbildung 1 zeigt, wie sich die Gründe für Teilzeit über das Erwerbsleben verändern. In jungen Jahren ist Aus- und Weiterbildung der Hauptgrund für Teilzeitarbeit. In den 30ern und 40ern verschiebt sich der Hauptgrund zur Kinderbetreuung.
Interessant wird es danach. Ab etwa 50 Jahren steigt der Anteil jener, die in der SAKE angeben, kein Interesse an einer Vollzeitstelle zu haben und deswegen Teilzeit arbeiten. In der Altersgruppe der 60- bis 64-Jährigen arbeitet fast jeder sechste Erwerbstätige aus diesem Grund Teilzeit. Sie könnten mehr arbeiten, wollen aber nicht.
Wer hat kein Interesse an Vollzeitarbeit?
Abbildung 2: Lifestyle-Teilzeit kommt häufiger bei Schweizerinnen und Schweizern vor. Neben dem Alter spielt auch die Ausbildung eine Rolle. Insbesondere bei jüngeren Schweizerinnen und Schweizern mit Hochschulabschluss ist diese Art der Teilzeit verbreitet.
(Bild: Schweizerischer Arbeitgeberverband)
Was zeichnet Personen aus, die Teilzeit arbeiten, weil sie kein Interesse an Vollzeit haben – und nicht aus anderen Gründen? Aufschlussreich ist ein Blick auf das Bildungsniveau und die Herkunft dieser Personen (siehe Abbildung 2).
Entgegen der Vermutung, dass Teilzeit eher in prekären Arbeitsverhältnissen vorkommt, zeigt sich das Gegenteil: Je höher die Qualifikation, desto ausgeprägter ist der Hang zur freiwilligen Teilzeit. Insbesondere Schweizer mit Hochschulabschluss im Alter von 25 bis 34 haben überdurchschnittlich oft kein Interesse daran, Vollzeit zu arbeiten. Zwar zeigt diese Gruppe auch eine Tendenz zur Lifestyle-Teilzeit, die grosse Masse des ungenutzten Volumens konzentriert sich jedoch auf die breite Alterskohorte ab 50. Interessanterweise zeigen ausländische Arbeitskräfte dieses Verhalten seltener.
Es lässt sich vermuten, dass die höhere Lifestyle-Teilzeitquote unter Schweizer Arbeitskräften mit Hochschulabschluss auf einer ökonomischen Abwägung beruht: Dank hoher Stundenlöhne erreichen sie ihr gewünschtes Konsumniveau schneller, wodurch der Nutzen jedes zusätzlichen Frankens gegenüber dem Wert gewonnener Freizeit abnimmt. In vielen dieser Haushalte dürfte das Budget so komfortabel sein, dass eine Pensumsreduktion den Lebensstandard nicht spürbar tangiert – auch vor dem Hintergrund der Steuerprogression. Die gleichen Gründe dürften auch bei älteren Arbeitskräften eine Rolle spielen.
Ausländische Arbeitskräfte hingegen kommen fast immer aus einem Grund in die Schweiz: Um zu arbeiten. Und wenn schon, dann auch Vollzeit – sonst würde sich der Landeswechsel einkommensmässig nicht lohnen. Lifestyle-Teilzeit erweist sich damit primär als eine Form des «Wohlstandskonsums» etablierter hiesiger Arbeitskräfte.
Abbildung 3: In allen Altersgruppen ab 25 Jahren ist der Anteil der Erwerbstätigen im oberen mittleren Einkommenssegment (Quartil Q3) am höchsten. Einkommen basiert hier auf Stundenlöhnen.
(Bild: Schweizerischer Arbeitgeberverband)
Eine Analyse nach Einkommensgruppen bestätigt dieses Bild (siehe Abbildung 3). «Lifestyle-Teilzeit» ist vor allem ein Phänomen der oberen mittleren Einkommensgruppen (3. Quartil). In diesem Segment scheint ein finanzieller Sättigungspunkt erreicht zu sein, an dem eine Pensumsreduktion ohne spürbare Einbussen beim Lebensstandard möglich wird. Während tiefere Löhne oft eine Vollzeittätigkeit für einen angemessenen Lebensstandard erzwingen, bleiben die Opportunitätskosten der Freizeit in den Spitzenverdienstgruppen offenbar zu hoch. Vielleicht spielen dort auch Faktoren eine Rolle, wie gross die Arbeit fürs eigene Leben spielt sowie dass sich gewisse Funktionen mit besonders grosser Verantwortung schwerer mit Teilzeit vereinbaren lassen.
Stand vom 30.10.2020
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Was sind die Konsequenzen dieser Lifestyle-Teilzeit?
Individuell ist klar: Wer weniger arbeitet, verzichtet auf Einkommen – heute und oft auch später in Form von tieferen Ansprüchen in der Altersvorsorge. Aus liberaler Sicht könnte man argumentieren, dass jede und jeder selbst das optimale Arbeitspensum wählen sollte. Doch diese Entscheidung bleibt nicht privat. Über Steuern, Abgaben und damit verbunden Umverteilungseffekte hat diese Entscheidung Einfluss auf alle.
Abbildung 4: Mit zunehmendem Alter steigen die Verluste an Vollzeitäquivalenten und Bruttovolumen aufgrund von Lifestyle-Teilzeit.
(Bild: Schweizerischer Arbeitgeberverband)
Was sind also die volkswirtschaftlichen Konsequenzen, wenn zehntausende Menschen bewusst weniger arbeiten, als sie könnten? Betrachtet man ausschliesslich jene Erwerbstätigen, die freiwillig Teilzeit arbeiten und ausdrücklich kein Interesse an einem höheren Pensum haben, ergibt sich ein Potenzial von rund 86 000 Vollzeitstellen (siehe Abbildung 4). Zur Einordnung dieser Zahl: Sie entspricht etwa der Nettozuwanderung in die Schweiz in einem hohen Einwanderungsjahr.
Noch anschaulicher wird es beim Geld. Rechnet man die «fehlenden» Stunden bis zu einer Vollzeitstelle mit den jeweiligen Stundenlöhnen hoch, ergibt sich ein entgangenes Bruttolohnvolumen von rund 8 Milliarden Franken pro Jahr. Das entspricht knapp einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Der grösste Teil dieses Lohnausfalls stammt von Erwerbstätigen über 50 Jahren – einerseits, weil sie häufiger Lifestyle-Teilzeit praktizieren, und andererseits, weil die Löhne im Alter im Schnitt höher sind.
Mit dem Lohn entgehen Staat und Versicherungskollektiv auch Steuern und Beiträge. Auf zusätzlichen Arbeitseinkommen dürfte – je nach Kanton, Haushaltstyp und Einkommen – grob ein Viertel bis ein Drittel in Form von Steuern und obligatorischen Sozialversicherungsbeiträgen anfallen. Daraus ergibt sich eine jährliche Grössenordnung von rund 2 bis 3 Milliarden Franken an entgangenen Einnahmen für öffentliche Haushalte und Sozialversicherungen.
Beides hat Folgen: Das fehlende Arbeitsvolumen wird tendenziell durch zusätzliche Zuwanderung gedeckt. Das bringt neben Vorteilen auch Kosten für die einheimische Bevölkerung. Gleichzeitig müssen die entgangenen Steuern und Beiträge anderweitig aufgebracht werden, nicht zuletzt von jenen, die Vollzeit arbeiten.
Fazit
Die Schweiz leistet sich einen stillen Luxus: Gut qualifizierte Arbeitskräfte bleiben bewusst unter ihrem möglichen Pensum. Das betrifft keine wenigen Einzelfälle, sondern eine relevante Grössenordnung. Entsprechend sind auch die Folgen spürbar für die wirtschaftliche Leistung, für die Sozialwerke, für die öffentlichen Finanzen und nicht zuletzt für die Zuwanderung.
Es geht nicht darum, mit dem moralischen Zeigefinger auf Menschen in Lifestyle-Teilzeit zu zeigen. Aber deren Betrachtung verdient ein Augenmerk, da dieses Potenzial mitten im Arbeitsmarkt liegt und sich vergleichsweise leicht mobilisieren liesse. Es betrifft Personen, die bereits beschäftigt, integriert und gefragt sind und ihr Pensum rasch erhöhen könnten.
Die wirtschaftspolitische Antwort liegt nahe. Wenn die Schweiz mehr Arbeitsvolumen braucht, muss sich Mehrarbeit stärker lohnen. Tiefere Grenzabgaben und weniger Fehlanreize sind die möglichen Hebel.
Gleichzeitig braucht es Realismus. Es wird nicht möglich sein, dieses Potenzial vollständig zu mobilisieren. Für viele wird Lifestyle-Teilzeit ein bewusst gewähltes Modell bleiben. Umso klarer ist, dass die Schweiz auch künftig subsidiär auf Zuwanderung in den Arbeitsmarkt angewiesen sein wird.