Swissmem Halbjahresbericht

MEM-Industrie: Wachstumsdynamik schwächelt

| Redakteur: Susanne Reinshagen

Frauen sollen schon früh für technische Berufe begeistert werden.
Frauen sollen schon früh für technische Berufe begeistert werden. (Bild: Swissmem / Reto_Klink)

>> Der Geschäftsentwicklung im ersten Halbjahr 2014 verlief für die Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) gesamthaft gesehen zufriedenstellend. Die Umsätze und der Auftragseingang stiegen in den ersten sechs Monaten. Die jüngste Entwicklung deutet jedoch darauf hin, dass sich der Wachstumstrend nicht weiter fortsetzt. Im zweiten Quartal 2014 stagnierten die Umsätze und die Exporte gingen sogar zurück. Auch die Unternehmer sind bezüglich ihren Geschäftserwartungen für die kommenden 12 Monate deutlich weniger optimistisch als zu Beginn des Jahres.

Zu Beginn des Jahres hoffte die Mehrheit der Unternehmen der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) auf das erste wirklich gute Geschäftsjahr seit 2007. Nach einem kräftigen Umsatzwachstum von +9,2 Prozent in den ersten drei Monaten 2014 resultierte im zweiten Quartal im Vergleich zur Vorjahresperiode bei den Umsätzen jedoch praktisch ein Nullwachstum (+0,1%). Über das gesamte erste Semester 2014 betrachtet stiegen die Umsätze um +4,4 Prozent. Ähnlich entwickelten sich die Exporte:

Insgesamt stagnierten die Güterausfuhren im ersten Halbjahr (+0,4%). Im zweiten Quartal sanken die Güterexporte der MEM-Industrie im Vergleich zur Vorjahresperiode sogar um -2,3 Prozent. Die Märkte entwickelten sich dabei uneinheitlich. Die Exporte in den Hauptmarkt EU reduzierten sich um -0,2 Prozent. Hingegen nahmen die Ausfuhren nach Asien (+4,6%) und in die USA (+1,6%) leicht zu.

Aufträge im 2. Quartal zugenommen

Die Zunahme beim Auftragseingang von +11,2 Prozent im zweiten Quartal 2014 passt auf den ersten Blick nicht in dieses Bild. Dieser starke Anstieg ist jedoch trügerisch, weil der Bestellungseingang im Vorjahresquartal sehr schwach war. Somit ist in dieser Auftragszunahme ein substanzieller Basiseffekt enthalten. Betrachtet man den Indexstand beim Auftragseingang im zweiten Quartal 2014, so liegt dieser um 6 Prozent tiefer als in den ersten drei Monaten des Jahres. Übers ganze erste Halbjahr betrachtet, stiegen die Bestellungseingänge um 10,9 Prozent. Die Kapazitätsauslastung in der Industrie erreichte im zweiten Quartal 2014 86,8 Prozent (erstes Quartal: 88,1%), womit sie leicht über dem langjährigen Durchschnitt von 86,1 Prozent lag. Gemäss den jüngsten Zahlen des KOF stieg sie im Juli geringfügig auf 88,0 Prozent.

Getrübte Stimmung

Die Stimmungslage in den Unternehmen hat sich entsprechend eingetrübt. Zu Beginn des Jahres rechneten 54,1 Prozent der durch Swissmem befragten Unternehmen mit zunehmenden Auftragseingängen für das Jahr 2014. Mittlerweile gehen nur noch 38,7 Prozent von einer verbesserten Auftragslage für die kommenden 12 Monate aus. Die Mehrheit der Unternehmen (51,6%) erwartet zurzeit eine gleichbleibende Geschäftsentwicklung.

Gesamthaft kann die Lage in der MEM-Industrie für das erste Halbjahr 2014 als zufriedenstellend bezeichnet werden. Die Zahlen des zweiten Quartals weisen jedoch darauf hin, dass sich die Wachstumsdynamik, welche im zweiten Halbjahr 2013 eingesetzt hatte, spürbar abgeschwächt hat. Die Gründe liegen wohl in den Krisen in der Ukraine und im Nahen Osten. Wie sich der Geschäftsverlauf im zweiten Halbjahr entwickeln wird, dürfte stark davon abhängen, ob Lösungen in diesen Konflikten gefunden werden können oder nicht.

Inländisches Fachkräftepotenzial besser nutzen

Die Erwerbsbevölkerung altert und die Geburtenrate sinkt. Zusammen mit der Einführung von Kontingenten für ausländische Arbeitskräfte droht sich der bereits bestehende Fachkräftemangel in der MEM-Industrie in den kommenden Jahren deutlich zu verschärfen. Aus diesen Gründen hat Swissmem eine Fachkräftestrategie erarbeitet, um das inländische Arbeitskräftepotenzial besser auszuschöpfen. Sie setzt auf die Nachwuchsförderung, will den Anteil der Frauen in der Industrie erhöhen sowie ältere Mitarbeitende länger im Arbeitsprozess halten.

Gemäss einer durch Swissmem in Auftrag gegebenen Studie des Beratungsunternehmens B,S,S. Basel besteht zurzeit in fünf von elf typischen Berufsfeldern der MEM-Industrie ein Verdacht auf Fachkräftemangel. Konkret handelt es sich um die Berufsfelder MEM-Informatiker, MEM-Ingenieurberufe, Maschinisten, MEM-Techniker und Technische Fachkräfte. Aufgrund der bevorstehenden Pensionierungen müssen in den MEM-Berufsfeldern in den nächsten fünf Jahren jährlich 17‘000 Personen neu dazugewonnen werden, um den Bestand zu halten. In einigen Berufsfeldern sind die Ausbildungsanstrengungen zu gering, um den Erneuerungsbedarf zu decken.

Aufgrund der ungünstigen demografischen Entwicklung und der künftigen Einführung von Kontingenten für ausländische Arbeitskräfte droht sich der Fachkräftemangel in der MEM-Industrie in den kommenden Jahren deutlich zu verschärfen. Um dieser Herausforderung zu begegnen, arbeitet Swissmem seit einigen Monaten intensiv an einer Fachkräftestrategie. «Wir müssen das inländische Arbeitskräftepotential noch besser nutzen», erklärt Swissmem Präsident Hans Hess. Swissmem setzt dabei auf drei Handlungsfelder:«Nachwuchsförderung», «Frauen / Familien» sowie «Ältere Mitarbeitende».

Frauen für die Industrie gewinnen

Im Handlungsfeld «Frauen / Familien» ist es das Ziel von Swissmem, die Zahl der weiblichen Fachkräfte in der MEM-Branche deutlich zu erhöhen. «Die Förderung des Fachkräftepotentials Frauen ist ein wichtiges, herausforderndes Handlungsfeld zur Behebung des Fachkräftemangels», betonte Claudia Gietz Viehweger, Geschäftsleitung Gietz AG Gossau, an der Swissmem-Medienkonferenz. Tatsache ist, dass Frauen für Industrieberufe genauso geeignet sind wie Männer. Zudem erhalten sie in der MEM-Industrie denselben Lohn wie die Männer, wie der brancheninterne Salärvergleich von Swissmem beweist.

Es ist deshalb entscheidend, in die Frühförderung der Mädchen zu investieren und deren Interesse an Technik zu wecken. Ergänzend dazu zeigt Swissmem in ihrer Fachkräftestrategie Wege auf, wie die Unternehmen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern und die Kinderbetreuung fördern können.

Ein zusätzliches Arbeitskräftepotenzial für die MEM-Industrie liegt ausserdem bei Frauen (und Männern), die Teilzeit arbeiten wollen.

Angepasste Modelle für ältere Mitarbeitende schaffen

Es zeigt sich, dass das Bewusstsein für die Herausforderungen des demografischen Wandels in den Firmen vielerorts noch zu wenig ausgeprägt ist. Diesbezüglich ist ein Umdenken notwendig. Es braucht gezielte Massnahmen, um ältere Mitarbeitende länger im Arbeitsprozess zu halten. Swissmem hat dazu eine Reihe von Handlungsempfehlungen erarbeitet, die «Swissmem Best-Practices 50+». Diese werden zurzeit verfeinert und priorisiert, um sie dann in die Mitgliedfirmen zu tragen. Ergänzend empfiehlt Swissmem den Betrieben, älteren Mitarbeitenden frühzeitig eine horizontale Entwicklung der Karriere zu ermöglichen und ein Gesundheitsmanagement einzuführen. Und nicht zuletzt besteht die Möglichkeit, flexible Pensionierungsmodelle anzubieten, die der Gesetzgeber mit Anpassungen im BVG unterstützen soll. Generell rät Swissmem, Frühpensionierungen einzuschränken. Das grösste Fachkräftepotenzial bei den älteren Mitarbeitenden liegt bei den Über-64-jährigen, wo die Erwerbsquote in allen MEM-Berufsfeldern praktisch bei null liegt.

Investitionen in Mitarbeiter lohnen sich

Kreative Ideen und der Wille, diese umzusetzen, eröffnen den Unternehmen der MEM-Industrie die Chance, das inländische Fachkräftepotenzial besser auszuschöpfen. Die Swissmem Fachkräftestrategie liefert dazu Denkanstösse und konkrete Handlungsanweisungen. Hans Hess ist überzeugt: «Investitionen in die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zahlen sich langfristig aus.» Denn ohne genügend Fachkräfte werden die Betriebe und damit auch der Werkplatz Schweiz langsam aber stetig ausgehungert. <<

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 42925037 / Konjunktur & Bilanzen)