Hygiene Motoren ohne Schmutznester

Autor / Redakteur: Thorsten Sienk / Anne Richter

>> Aus dem Supermarktregal direkt in den eigenen Ofen. Möglich wird dies durch eine spezielle Folie mit dem Namen Mylar Cook. Das Verpackungsmaterial wird exklusiv von Multivac, Weltmarktführer für Tiefziehverpackungsmaschinen, vertrieben. Wir haben Mylar Cook zum Anlass für ein Interview über Hygiene im Verpackungsmaschinenbau genommen, bei der auch die Antriebstechnik eine entscheidende Rolle spielt. Im Interview sind Multivac-Marketingleiterin Valeska Haux und Alois Allgaier, Hauptbereichsleiter Steuerungstechnik.

Firmen zum Thema

Alois Allgaier, Hauptbereichsleiter Steuerungstechnik.
Alois Allgaier, Hauptbereichsleiter Steuerungstechnik.
(Bild: Kollmorgen)

SMM: Werden mit den stetig steigenden Möglichkeiten und Zusatzfunktionen von Verpackungen die Küchen der Verbraucher immer kleiner?

Valeska Haux: Es gibt Verbraucher, die möchten kein rohes Fleisch oder keinen rohen Fisch mehr anfassen. Zugegeben, es gibt auch Leute, die wissen nicht mehr, wie man ein Stück Fleisch zubereitet. Bei Mylar Cook spielt der Convenience-Faktor eine grosse Rolle. Ich packe das Essen aus dem Karton aus und lege es in den Ofen.

Alois Allgaier: Pragmatisch betrachtet, spare ich mir das Kochgeschirr und muss weniger spülen.

Bildergalerie

Das klingt nach rundum hygienisch.

V. Haux: Das Verpacken von Fleisch im grossen Stil unter hygienischen Bedingungen hilft natürlich nachher bei der Zubereitung, weil die Kontaminationsgefahr weitestgehend vernachlässigt werden kann. Die neuen Folien passen insofern sehr gut zu uns. Wir sind in puncto Hygiene nicht nur marktfähig, sondern marktweisend. Wir werden in diesem Bereich auch sehr stark kopiert. Doch mal weg vom Privathaushalt. Schauen wir uns eine Hähnchenbraterei an. Hähnchenfett wirkt aggressiv und greift die Dichtungen der Öfen an. Wenn sie die Hähnchen vor dem Braten in Mylar Cook verpacken, haben sie später das Reinigungsproblem nicht mehr.

Wo geht denn der Trend hin bei der Hygiene, wenn doch jetzt schon alles sauber ist? Wie sieht es vor allem mit den unproduktiven Nebenzeiten aus? Wenn ich reinige, kann ich ja schliesslich nichts produzieren.

A. Allgaier: Wir haben schon früh in unsere Anlagen das CIP-System integriert. Die Abkürzung steht für Cleaning in Place. Damit reinigen wir unsere Maschinen programmgesteuert mit definierten Prozessschritten und sehr hoher Wiederholgenauigkeit. Das sind zum Beispiel Einwirkzeiten von Schaum oder aufeinander abgestimmte Abfolgen von Spülen und Desinfizieren. Sie können mit dem CIP-System lückenlos dokumentieren, wie sie das gemacht haben. Sie wissen, wie lange geschäumt wird, und haben Einwirkzeiten unter Kontrolle. Damit sind die Reinigungsprozesse auch immer reproduzierbar. Bei einer Handreinigung ist das schon schwieriger. Unser System bringt echte Vorteile mit sich.

Was erwarten Sie vor dem Hintergrund steigender Hygieneansprüche von der eingesetzten Antriebstechnik?

A. Allgaier: Die muss den Reinigungsmitteln widerstehen – und dies bei vielfacher Anwendung. Sprich, ich brauche eine Beschichtung, die bei einem kleinen Kratzer nicht gleich beginnt, aufzublühen. Das würde sonst automatisch zu Diskussionen führen, doch besser Edelstahl einzusetzen, weil es dann keinen Lack gibt, den ich beschädigen kann. Ich brauche also eine Beschichtung, bei der ich mir sicher sein kann, dass das Reinigungsmittel die Oberfläche über die gesamte Lebensdauer nicht beschädigen kann. Kollmorgen beliefert uns an dieser Stelle mit Standard-Servomotoren, die mit einer zertifizierten Washdown-Beschichtung versehen sind.

Auf welche Weise müssen die Motoren von ihrer Bauform her den Ansprüchen an Reinigung und Hygiene folgen?

A. Allgaier: Das Hygienedesign, das ich in der Maschine habe, ist auf die Antriebskomponenten zu übertragen. Das kann zum Beispiel bedeuten, Motoren so zu konstruieren, dass sich keine Schmutznester bilden können und Wasser gut ablaufen kann. Mit Kollmorgen haben wir eine entsprechende Lösung gemeinsam entwickelt. Vergleichbares gilt für die Motor-Getriebe-Kombinationen. Auch sie folgen konstruktiv unserem Multivac Hygienic Design.

Wo setzen Sie denn überhaupt noch Edelstahl bei der Antriebstechnik ein?

A. Allgaier: Da, wo es nötig ist –, zum Beispiel bei sehr häufiger Reinigung oder in direkter Nähe zum offenen Produkt. Edelstahl spielt aufgrund der hohen Beständigkeit nach wie vor eine grosse Rolle. Der Einsatz dieses Materials für sich betrachtet, macht aber noch lange keinen hygienegerechten Antrieb aus. Für die Edelstahlmotoren gilt nämlich ebenfalls, dass das gesamte Äussere hygienegerecht zu konstruieren ist. Ein altes Design bloss aus Edelstahl zu fertigen, hilft eben nicht weiter. Wir müssen immer die Kombination betrachten – Konstruktion, Oberflächen, Material mit allem drum und dran. Leitungen und Anschlüsse nicht zu vergessen.

Kollmorgen bietet sowohl seine AKM-Servomotoren sowohl in Washdown-Beschichtung als auch in Edelstahlausführung mit der Einkabel-Anschlusstechnik an. Ist dieses noch recht neue Thema für Ihr Unternehmen interessant?

A. Allgaier: Die Einkabeltechnik ist für uns bereits so interessant, dass wir damit Testanlagen bauen. Wenn wir wieder vom Hygiene-Thema sprechen, dann macht ein Kabel schlicht die Hälfte weniger Probleme als zwei. Setze ich in einer Anwendung zehn Motoren ein, brauche ich nur zehn Kabel statt 20 durch die Maschine ziehen. Das spricht für sich.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, diese Einkabeltechnik in puncto Leitungsaufbau zu realisieren?

A. Allgaier: Wir gehen von zwei Lösungen aus. Entweder kann ich ein Hybridkabel nehmen und packe das, was ich normalerweise im zweiten Kabel habe, in dieses mit hinein. Oder ich nehme so eine digitale Version, die auch von Kollmorgen angeboten wird. Ich nutze Leitungen, die ich eh schon zur Verfügung habe, um Rückführungssignale emuliert aufzuschalten, um sie im Regler dann wieder zu demodulieren. Auf diese Weise brauche ich kein Hybridkabel mehr. Kollmorgen verfolgt genau diesen Weg mit seinen Digitalresolvern SFD. Für uns bietet diese Lösung den Vorteil, dass wir bei Standardmotorkabeln bleiben können. Das macht die Einkabeltechnik nicht nur hygienisch, sondern auch wirtschaftlich interessant.

Wie beurteilen Sie die Breitenwirkung dieser Technologie?

A. Allgaier: Die ersten Versuche sind bei uns sehr positiv verlaufen. Ich denke schon, dass das kommen wird.

Was erwarten Sie generell von einem Antriebstechniklieferanten wie Kollmorgen?

A. Allgaier: Wir arbeiten mit Partnern zusammen, die Produkte mit einer relativ langen Lebenszeit liefern können. Die Technik muss von ihrer Lebenszeit her zur Lebenszeit unserer Maschinen passen – allein schon aus Gründen der Ersatzteilversorgung. Das sind dann Produkte, die selbst sehr lange halten oder eben entsprechend kompatibel einsetzbar sind.

Und bei Neuentwicklungen?

A. Allgaier: Dann erwarten wir eine gewisse Flexibilität, was Entwicklungen betrifft –, gerade dann, wenn wir an neuen Komponenten und Maschinen arbeiten. Ich möchte in so einem Projekt am liebsten auch mit nur einem Ansprechpartner sprechen, mit dem ich viel lösen kann. Wenn ich in einem Unternehmen mit drei Personen sprechen muss, habe ich viele Schnittstellen. Das macht es schwieriger, bis jeder das gleiche Verständnis hat. <<

(ID:42328576)