Wie bleibt der Werkplatz Schweiz international wettbewerbsfähig «Nichts ist beständiger als der Wandel»

Von Interview: Matthias Böhm, Chefredaktor SMM

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Mit über 80 Mitarbeitenden gehört die Walter Meier (Fertigungslösungen) AG zu den grössten Werkzeugmaschinen- und Fertigungsspezialisten der Schweiz. Im Interview zeigen die Geschäftsführer Samuel Basler und Jan ten Pas auf, wie sich der Werkplatz Schweiz für die Zukunft rüstet, um international wettbewerbsfähig zu bleiben.

Matthias Böhm (Chefredaktor SMM) im Gespräch mit Samuel Basler (Geschäftsführer) und Jan ten Pas (Geschäftsführer) bei der Walter Meier (Fertigungslösungen) AG. Jan ten Pas: «Wir bemerken ein Umdenken. Aber vom ‹Umdenken› bis zum Handeln ist noch ein weiter Weg.»
Matthias Böhm (Chefredaktor SMM) im Gespräch mit Samuel Basler (Geschäftsführer) und Jan ten Pas (Geschäftsführer) bei der Walter Meier (Fertigungslösungen) AG. Jan ten Pas: «Wir bemerken ein Umdenken. Aber vom ‹Umdenken› bis zum Handeln ist noch ein weiter Weg.»
(Bild: Thomas Entzeroth )

SMM: Walter Meier wurde 1937 vom gleichnamigen Inhaber im Züricher Seefeld gegründet. Walter Meier hat die Generealvertretung u. a. von Fanuc Robodrill, Fanuc Robocut, Nakamura-Tome, Weiler und Kunzmann sowie von Kennametal. Im Herbst ziehen Sie von Schwerzenbach nach Bassersdorf. Welche Bedeutung messen Sie den beiden Begrifflichkeiten Kontinuität und Wandel in Ihrem Geschäftsumfeld zu?

Samuel Basler: Nichts ist beständiger als der Wandel. Als Marktteilnehmer müssen wir uns dem Wandel anpassen, immer bereit sein umzustrukturieren. Kontinuität haben wir dagegen in der langfristigen Zusammenarbeit mit unseren Partnern (Fanuc [17 J.], Nakamura-Tome [37 J.], Kunzmann/Weiler) im Bereich der Werkzeugmaschinen sowie Kennametal (75 J.) im Bereich der Werkzeuge. Nur aufgrund dessen, dass wir uns dem produktionstechnischen Wandel entsprechend neu positionieren, können wir eine solche partner­schaftliche Kontinuität gewährleisten.

Apropos Wandel, wie stehts um die Verlagerung Ihres Standortes nach Bassersdorf?

Jan ten Pas: Die Vorbereitungen laufen, die Detailplanung des Umzugs ist bereits in Angriff genommen. Das ist eine nicht unkomplexe Aufgabe. In Bassersdorf legen wir unsere beiden Standorte Schwerzenbach und Elgg zusammen. Beide Standorte verfügen über Showroom, Montage und Lager. Das Gesamtpaket zu koordinieren, ist eine Herausforderung. Oberstes Ziel ist es, dass wir unsere Kunden während dieser Zeit in der gewohnten Qualität bedienen können. Wir setzen am neuen Standort auf ein modernes, flexibles Arbeitsumfeld, um für unsere Mitarbeitenden optimale Voraussetzungen zu schaffen.

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Als Fertigungsspezialist sind Sie in einer der innovativsten Branchen aktiv. Ende der 70er Jahre ging mit der Einführung der CNC-Technologie ein massiver Produktivitätsschub einher. Wie würden Sie den fertigungstechnischen Innovationsfortschritt der letzten 20 Jahren einordnen?

S. Basler: Die CNC-Technologie war tatsächlich ein revolutionärer Innovationsschub. Davor und danach haben sich die Innovationen evolutionär verändert. Die automatisierte Fertigung wurde im Bereich der Serienproduktion schnell umgesetzt. Die automatisierte Einzelteilfertigung ist heute noch immer eine kundenspezifische Herausforderung. Additive Manufacturing ist sicher auch eine revolutionäre Technologie, die aber wegen der noch zu geringen Produktivität eine ergänzende, gleichwohl wichtige Nischentechnologie darstellt. Seit zehn Jahren geht es um die netzintegrierte komplexe Vernetzung der Industrieproduktion. Hier nimmt die IT eine immer bedeutendere Funktion ein. Da wird sich in den kommenden Jahren einiges bewegen.

Ihr seid die Schnittstelle zwischen Hersteller und den Kunden. Welche Rolle nimmt Walter Meier hier ein?

J. ten Pas: Wir nehmen unsere Rolle als Exklusiv-Vertreter für die Schweiz sehr ernst. Neue Anforderungen des Marktes und Kundenbedürfnisse geben wir direkt an die Hersteller weiter, um sie mit deren Spezialisten zu diskutieren. Wir bewegen uns im Schweizer Markt in einem sehr anspruchsvollen Umfeld und mittlerweile ist bei uns fast jedes Projekt eine komplexe, individuelle und kundenspezifische Lösung, die höchsten Anforderungen gerecht werden muss.

Solche Anforderungen werden dann von Fanuc und Nakamura-Tome umgesetzt.

J. ten Pas: Generell: Seitens Nakamura-Tome wie auch Fanuc wird es sehr geschätzt, wenn Inputs aus der Schweiz kommen. Heute ist es oft so, dass der Kunde sagt, welche Fertigungsmittel er konkret benötigt, und wir entwickeln eine entsprechende Lösung für ihn. In den meisten Fällen setzen wir das hier bei uns in der Schweiz inhouse um. Hierfür haben wir die Abteilung für Anwendungstechnik inklusive Konstruktion, wo wir gezielte Projekte realisieren. Hier entwickeln wir in enger Zusammenarbeit mit dem Kunden entsprechende Lösungen.

S. Basler: Eine unserer jüngsten gemeinsamen schweizerisch-japanischen Kooperationen ist die integrierte Drehfunktion auf Fanuc-Fräsmaschinen, möglich gemacht dank einer Kooperation eines Schweizer Dreh-Rundtisch-Herstellers, eines Schweizer Spindelherstellers sowie Fanuc. Initiiert wurde das Projekt durch die Anforderungen eines Kunden im Bereich der Uhrenfertigung. Ganz ähnlich läuft die Kooperation mit Nakamura-Tome, wenn deren Management einen entsprechenden Nutzen für eine breitere Kundenbasis erkennt, dann werden unsere Inputs durch deren Entwicklung auch in die Serienproduktion mit integriert.

J. ten Pas: Wir entwickeln nicht nur fer­tigungstechnische Lösungen im Bereich von WZM, sondern auch im Bereich der Werkzeuge. Im Werkzeugbereich können wir Sonderwerkzeuge inklusive spezifischer Werkzeugbeschichtungen realisieren. Auch Softwareapplikationen gehören zum Portfolio, die wir auf die Anwendung entsprechend entwickeln.

Ohne gut ausgebildete Mitarbeiter sind solche Lösungen kaum umzusetzen, sehe ich das richtig?

J. ten Pas: Im Prinzip sagt uns der Kunde, welche (wechselnden) Komponenten er in welchen Losgrössen über einen spezifischen Zeitraum fertigen möchte. Aufgrund dieser Anfragen entwickeln wir ihm ein Fertigungskonzept. Auf Wunsch fahren wir auch die Fertigungsprozesse ein, wir verfügen vom CAM bis zur Werkzeugschneide über ein exzellentes Prozess-Know-how, so dass unser Kunde mit der neuen Fertigungslösung bereits wenige Tage nach der Installation produzieren kann. All das ist nur möglich dank kontinuierlicher Weiterbildung der bestehenden Mitarbeitenden und Zur-Verfügung-Stellen von Ausbildungsplätzen, damit der Know-how-Transfer zwischen Jung und Alt kontinuierlich stattfinden kann.

In den letzten Jahren hat Walter Meier seine WZM-Vertretungen stark fokussiert. Im Fräsen setzen Sie auf Fanuc Robodrill, im Drehen auf Nakamura-Tome und im Bereich der Ausbildung auf Weiler und Kunzmann. Was steckt hinter dieser Fokussierung?

S. Basler: Um konkurrenzfähig zu sein, müssen wir uns fokussieren. Wir haben uns auf Fertigungslösungen konzentriert, die unseren Kunden einen konkreten Nutzen bringen und für die wir auch in der Zukunft langfristig einen sicheren Service liefern können. Mit unserem Portfolio, das aus wenigen – aber qualitativ ausgezeichneten – WZM-Vertretungen – Fanuc, Nakamura-Tome, Weiler/Kunzmann – besteht, können wir ein sehr breites fertigungstechnisches Spektrum abbilden. Die Werkzeugmaschinen von Weiler/Kunzmann gehen nahezu ausschliesslich in die Ausbildung; Fanuc und Nakamura-Tome gehen in die Produktion.

Ein Trend, der bereits seit Jahren zu beobachten ist: eine hohe Spindellaufzeit über das Jahr zu generieren. Das ist doch gerade bei kleineren Losgrössen und komplexeren Bauteilen eine besondere Herausforderung, oder sehe ich das falsch?

S. Basler: Kleine Losgrössen und komplexe Teile kommen immer mehr. Hier müssen die Fertigungslösungen entsprechend auf die Komponenten ausgelegt werden. Spindellaufzeit ist das Thema schlechthin. Auf der anderen Seite bringt allein eine hohe Spindellaufzeit noch keine hohe Effizienz. Entscheidend ist zudem ein hohes Zeitspanvolumen. Der Prozess muss auf das Bauteil abgestimmt sein. Das gehört zu unseren Kernkompetenzen, die wir uns in den letzten Jahren aufgebaut haben.

J. ten Pas: Die hohen Lohnkosten am Werkplatz Schweiz sind einer der Gründe, warum wir hoch automatisiert fertigen müssen. Ausserdem müssen die fertigen Produkte am Ende den hohen Qualitätsansprüchen des Marktes entsprechen, damit unsere Kunden wettbewerbsfähig bleiben. Darüber hinaus ist ein wichtiger Punkt das Servicekonzept. Die Maschinen müssen zum einen präventiv gewartet werden, um die Laufzeiten hoch zu halten, zum anderen müssen die Interventionszeiten so kurz wie möglich sein, damit die Produktion bestmöglich ausgelastet ist. Diese hohen Anforderungen an den Service wie auch die anspruchsvolle kundenspezifische Auslegung der WZM waren mitentscheidend dafür, dass wir uns auf sehr wenige WZM-Lieferanten fokussieren.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen, wenn es darum geht, Werkzeugmaschinen, Werkzeuge, inklusive Automation, im derzeitigen Fertigungsumfeld so auszulegen, dass sie mannlos produzieren können?

S. Basler: Wenn eine Maschine mannlos läuft, muss im Hintergrund auch immer ein Mitarbeiter abrufbar sein, wenn bei der Anlage ein Fehler auftritt. Was auf keinen Fall passieren darf, ist, dass sie 24 Stunden Ausschuss produziert. Es ist entscheidend, eine Anlage so auszulegen, dass sie mit einer 100-Prozent-Quote mannlos Gutteile produziert. Hier ist eine automatisierte Qualitätskontrolle, integriert in das Gesamtsystem, unabdingbar. Wichtiger Punkt: eine sichere und einfache Ver­netzung von Mensch, Maschine und Messtechnik.

Vor elf Jahren wurde der Begriff «Industrie 4.0» geprägt. Wie viele Ihrer Kunden setzen Industrie 4.0 bereits um?

J. ten Pas: In der Realität ist es derzeit noch ein kleiner Prozentsatz, der wirklich Industrie 4.0 – das komplette Vernetzen – umgesetzt hat. Die Unternehmen beschäftigen sich kontinuierlich mit der Digitalisierung, aber die Komplexität ist nicht zu unterschätzen. Grössere Unternehmen haben Personalressourcen und sind entsprechend im Vorteil. Die Automobilindus­trie ist sehr weit mit der Umsetzung. Bei unserer KMU-geprägten Industrielandschaft spielt dann auch ein ganz anderer Aspekt eine Rolle: Wenn Industrie 4.0 umgesetzt werden soll, dann muss die Maschine ans Netz. Viele unserer KMU-Kunden haben hier wegen der IT-Sicherheit Bedenken. Diese Bedenken muss man ernst nehmen.

Wie entwickelt sich bei Ihrer Kundschaft das Teilespektrum, in Bezug auf Werkstoffe, Losgrössen, Bauteilkomplexität, nehmen Sie hier Veränderungen wahr über die letzten Jahre?

J. ten Pas: Die Fertigung geht in der Schweiz kontinuierlich weg von der Massenfertigung. Einzelteilfertigung und Kleinserienfertigung spielen eine immer grössere Rolle, wobei hier auf automatisierte Prozesse gesetzt wird. Das geht heute sogar so weit, dass sich ein Kunde eine Uhr entsprechend online spezifisch konfigurieren kann, die dann individuell gefertigt wird. Ein solcher Prozess ist dann schon sehr nah an Industrie 4.0.

Derzeit wird die Wirtschaft insbesondere durch Lieferengpässe behindert. Mit Ihren Partnern verfügen Sie über Hersteller mit hoher Fertigungstiefe. Gleichwohl, wie sieht es derzeit mit Ihren Lieferterminen aus?

S. Basler: Seit 2020 haben wir unseren Lagerbestand kontinuierlich erhöht, weil wir genau dieses Szenario zu Beginn der Pandemie, zumindest in Teilen, als Worst-Case-Szenario prognostiziert haben. Wir sind heute entsprechend gut unterwegs. Unsere Partner verfügen, wie Sie richtig sagen, über eine sehr hohe Fertigungstiefe, aber gleichwohl bestehen auch hier in spezifischen Bereichen Lieferengpässe. Aufgrund unseres vorausschauenden Aufbaus unserer Lagerbestände haben wir eine sehr gute Lieferfähigkeit bis dato aufrechterhalten können.

In Anbetracht der aktuellen Krisensituationen (Corona und Ukrainekrieg) wird wieder laut darüber nachgedacht, vermehrt in der Schweiz zu produzieren. Bemerken Sie solche Anstrengungen bereits?

J. ten Pas: Wir bemerken ein Umdenken. Aber vom «Umdenken» bis zum Handeln ist noch ein weiter Weg. Szenarien wie in China, mit kompletten Lockdowns, sind für die Weltwirtschaft alles andere als förderlich. Für Unternehmen, die in dieser Region aktiv sind, sind solche restriktiven Massnahmen alles andere zielführend. Da sind wir in der Schweiz wie auch in Europa im Generellen – auch wenn es nicht unberechtigte Kritik gab – sicher eine bessere Strategie gefahren. Solche Erfahrungen können das Handeln sicher beschleunigen.

S. Basler: Ein weiterer Punkt, im Rahmen der aktuellen Krisensituation, ist die massive Erhöhung der Frachtkosten, die im zweistelligen Prozentbereich auf die eigentlichen Herstellkosten aufschlagen können. Hier wird ein Punkt erreicht, wo es aus betriebswirtschaftlicher Sicht wieder Sinn machen kann, vor Ort zu produzieren. Aus unserer Sicht ist das eine positive Entwicklung, auch wenn man den Aspekt der Nachhaltigkeit in den Fokus stellt. Tatsächlich haben wir Kunden, die ihre Produktion – wegen der Coronapandemie – von China retour in die Schweiz geholt haben, neu mit moderneren Produktionsstrukturen auch wieder wettbewerbsfähiger und erheblich prozesssicherer produzieren.

Was braucht es denn aus Ihrer Sicht, um am Standort Schweiz langfristig wettbewerbsfähig zu produzieren?

S. Basler: Ganz sicher spielt die Innovationskraft eine Rolle, Prozess-Automation bei gleichzeitiger Konzentration auf qualitativ hochstehende Nischen. Know-how-​getriebene Produkte sind ein ganz wichtiger Punkt. Viele unserer KMU verfügen über ein ausgezeichnetes Prozess-Know-how, das darf man natürlich nicht aus der Hand geben. Das ist unser Kapital in der Schweiz, Bodenschätze haben wir nicht, aber Know-how. Hier spielt unser Bildungssystem eine tragende Rolle. Das darf man nicht vernachlässigen. Wir haben unser ausgezeichnetes Berufsbildungssystem, das Möglichkeiten bietet, sich auf verschiedenste Weise weiterzubilden. Was heisst das im übertragenen Sinn? Wir sollten wieder stärker auf unser Standort­potential setzen.

Zur Messelandschaft in der Schweiz: mit dem SPF (Swiss Production Forum) ist in Zürich eine neue Fertigungsplattform entstanden, die ab sofort im jährlichen Wechsel mit der Innoteq in Bern stattfinden wird.

S. Basler: Das Swiss Production Forum (SPF) ist eine ausgezeichnete Fertigungsplattform mit Zürich als hervorragendem Standort mit einem bedeutenden produktionstechnischen Einzugsgebiet. Das Konzept des SPF mit integrierter Vortragsreihe inklusive Ausstellung ist eine ausgezeichnete Ergänzung zu den bisherigen Messeformaten EPHJ (Genf), Siams (Moutier) und der im März 2023 erstmalig stattfindenden Innoteq in Bern. Eine solche Veranstaltung wie das SPF hat aus Sicht von Walter Meier eindeutig gefehlt und wir gehen fest davon aus, dass sich das SPF etabliert.

J. ten Pas: Regional ausgerichtete Messen, wie die Siams und auch EPHJ, haben aus unserer Sicht ein gutes Potential. Die Stärke des SPF ist neben der reinen Veranstaltung die Integration sowohl des SMM-Fachmagazins als auch von dessen hervorragenden digitalen Kanäle. Das Konzept der Siams ist genial, man hat eine Maximalgrösse an Stand, das ist sehr gut aus unserer Sicht. Das SPF geht in die gleiche Richtung, das ist eine ausgezeichnete Entwicklung. SMM

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