Medizintechnik Orthesen und Prothesen vom Spezialisten

Redakteur: Anne Richter

>> Das Westschweizer KMU Ortho-Reha Wallner AG mit Sitz in Lausanne gehört zu den wichtigsten Schweizer Unternehmen im Bereich Herstellung von Orthesen und Prothesen nach Mass. Klar und vorbehaltlos dem gediegenen Handwerk verschrieben, ist ihm die Kundennähe zu Patienten mit verschiedenen neurologischen Krankheiten und Behinderungen der Bewegungsfreiheit sehr wichtig. Seine Aktivität ist im Sektor Feinmechanik angesiedelt. Ein Gespräch mit dem Unternehmer Florian Wallner.

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Der Hauptsitz von Ortho-Reha Wallner in Lausanne. (Bild: Ortho-Reha Wallner AG und Didier Planche)
Der Hauptsitz von Ortho-Reha Wallner in Lausanne. (Bild: Ortho-Reha Wallner AG und Didier Planche)

SMM: Was sind die Aktivitäten der Ortho-Reha Wallner AG?

Florian Wallner: Wir sind in drei Sektoren zuhause. Im Bereich Orthopädie befassen wir uns speziell mit orthopädischen Apparaten und Hilfsmitteln für Kinder und Erwachsene mit neurologischen Leiden wie zum Beispiel Schlaganfall, halbseitige Lähmung, Muskelschwund, Para- oder Tetraplegie. Dazu kommen alle möglichen Prothesen als Ersatz für amputierte Glieder. Für die Bedürfnisse der Podologie fabrizieren wir Orthesen und Schuheinlagen nach Mass zur Linderung verschiedener Fusspathologien wie Metatarsalgie oder Hallux valgus. Wir verfügen auch über eine grosse Auswahl an halborthopädischen Schuhen speziell für Schuheinlagen und auch für Personen mit Diabetes. Weiter bieten wir eine ganze Reihe von Schienen, Binden und vorgefertigten Kompressionsstrümpfen an, die auch im Sportbereich verwendet werden. Zur Gewährleistung des richtigen Einsatzes von Prothesen und Orthesen beim jeweiligen Patienten arbeiten unsere Orthopäden eng mit Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Ärzten der Neurorehabilitation sowie Spezialisten des CHUV (Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, Waadtländer Universitätsspital) zusammen. Im Bereich Rehabilitation werden die Hilfsmittel vor Ort probiert und angepasst. Bei Positionierungen nach Mass werden zum Beispiel seitliche Abstützungen und Halterungen für Schwerbehinderte von unsern Orthopäden genau den Bedürfnissen und anatomischen Gegebenheiten des Patienten angepasst. Dies ist eine unserer Spezialitäten in der Westschweiz. Zudem bieten wir verschiedene Rollstühle an.

Werden die Prothesen und Orthesen in Ihrem Unternehmen selbst hergestellt oder zugekauft?

F. Wallner: Ortho-Reha Wallner hat ein eigenes Fabrikationsprogramm. Die orthopädische Werkstatt ist eingerichtet zum Fräsen, Schleifen, Formgiessen, Bohren und Schweissen für die Herstellung von Prothesen, Orthesen, Fusseinlagen, Korsetts und Sitzformen für Invalide. Mit andern Worten, wir fabrizieren Teile in allen Grössen, vorwiegend jedoch eher kleine Stücke im Rahmen der Orthopädietechnik, die sich auf die Präzisionsmechanik abstützt. Von Herstellern aus der Schweiz, dem europäischen Ausland und den USA beziehen wir gewisse Standardteile, zum Beispiel Metallstrukturen zur Fabrikation von Prothesen oder Orthesen, welche dann von uns in Handarbeit fertiggestellt werden. Es gibt bei uns also keine eigentlichen Unterlieferanten. Sämtliche Apparate und Produkte werden auf der Basis von Gipsabdrücken oder numerischen Modellen nach geltenden Qualitätsnormen produziert. Anschliessend werden sie von den Patienten probiert und anatomisch angepasst. Je nach Komplexität der Intervention werden die Patienten regelmässig wöchentlich, monatlich oder jährlich konsultiert. Ausser unseren eigenen Apparaten und Produkten vertreiben wir verschiedene zertifizierte Artikel wie Binden, Kompressionsstrümpfe und auch Rollstühle. Letztere werden bei geprüften Lieferanten gekauft und von uns jeweils den Patientenbedürfnissen angepasst.

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Welche Werkstoffe werden zur Fabrikation verwendet?

F. Wallner: Wir verarbeiten alle in diesem Sektor üblichen Werkstoffe wie Holz, Kohlenstoff-Fasern (Karbon), Polyäthylen, Titan, Aluminium und weitere Metalle, Glasfasern, Häute und Leder. Diese Werkstoffe werden von uns direkt eingekauft und gelagert.

Wo steht Ihr Unternehmen bezüglich Innovationen?

F. Wallner: Neue Technologien finden bei uns immer ein offenes Gehör, wie zum Beispiel Silikon-Liner, Füsse aus Karbon oder elektronische Knieprothesen. Damit wir unsern Patienten die bestmögliche Auswahl bieten können, haben unsere Techniker ein Technologiefrüherkennungsprogramm eingerichtet. Ausserdem sind wir bei gewissen Studien engagiert, welche die Bewegungsabläufe für Orthesen bei Neuro-Muskelerkrankungen untersuchen. Daneben garantiert die Weiterbildung auf allen Stufen des Unternehmens eine hohe Qualität der Fabrikation und Dienstleistungen.

Welche Entwicklungen hat die Unternehmung Ortho-Reha Wallner AG durchgemacht?

F. Wallner: Im Jahr 1965 gegründet, wurde das Unternehmen von mir 1993 übernommen und hat zugleich seine aktuelle Bezeichnung «Ortho-Reha Wallner AG» erhalten. Im 2003 haben wir in Genf eine Niederlassung eröffnet und ein Jahr später in Lausanne neue, grössere Gebäude bezogen. Eine weitere Niederlassung wurde 2007 in Crissier eröffnet und im letzten Jahr eine in Neuenburg. Insgesamt beschäftigen wir heute etwa zwanzig Mitarbeiter, darunter Orthopädietechniker, Orthopädisten/Bandagisten, Podo-Orthesisten, Techniker und Reha-Berater sowie Reha-Mechaniker. Finanziell verzeichnen wir ein jährliches Wachstum von etwa zehn Prozent. Unser Marktanteil ist relativ hoch im Bereich Orthesen für Patienten mit Neuro-Muskelerkrankungen sowie bei Positionsschalen für Schwerbehinderte.

Verfolgen Sie eine bestimmte Wachstumsstrategie?

. Wallner: Überhaupt nicht. Die Eröffnung der verschiedenen Niederlassungen entsprach schlicht und einfach einem Bedürfnis beziehungsweise einer Bitte der Patienten um Nähe und rasche Versorgung, was schliesslich auch unser Hauptziel ist. Übrigens ist es für uns Ehrensache, die Patienten häufig vor Ort zu bedienen, gleich wie in den Spitälern oder Institutionen für Behinderte. Im Moment kann ich nicht sagen, ob wir weitere Niederlassungen eröffnen werden; dazu gibt es noch keine konkreten Pläne. In der Schweiz sind es etwa hundert Firmen, welche im gleichen Sektor wie wir tätig sind, zwanzig davon in der Westschweiz.

Wer sind Ihre Kunden?

F. Wallner: Wir sind ausschliesslich in der Westschweiz tätig und arbeiten eng zusammen mit Ärzten, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Alters- und Pflegeheimen, Spitälern und Kliniken. Die Patienten sind die Endbenutzer unserer Geräte und Produkte, welche direkt ihren Bedürfnissen angepasst werden. Mit der Invalidenversicherung realisieren wir 70 Prozent unseres Umsatzes; der Rest verteilt sich auf die Krankenkassen, die Suva und Privatkunden.

Sind Ihre Geschäfte vom restriktiven Budget der Invalidenversicherung betroffen?

F. Wallner: Davon werden nicht eigentlich die Geschäfte betroffen. Dies geht eher auf Kosten des Komforts der Patienten. Weil die Invalidenversicherung ihre Kosten reduzieren will, werden Kostenerstattungen immer mehr nur für einfache Apparate und Produkte gewährleistet. Die sind meist auch weniger ausgefeilt und leistungsfähig in Bezug auf die Bedürfnisse der Patienten. Somit sind die Letzteren davon direkt betroffen. <<

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