Interview mit Franz M. Rinderknecht, CEO, Rinspeed AG

«Sie können auch verrückt sagen»

| Redakteur: Silvano Böni

Völlig neues Mobilitätskonzept, es steht allen Verkehrsteilnehmern offen, die eine Transportmöglichkeit suchen. Potentielle Mitfahrer müssen lediglich ihr Fahrziel in eine App eingeben, den Rest erledigt die ‚urbanSWARM‘ Community mittels Cloud-Technologie.
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Völlig neues Mobilitätskonzept, es steht allen Verkehrsteilnehmern offen, die eine Transportmöglichkeit suchen. Potentielle Mitfahrer müssen lediglich ihr Fahrziel in eine App eingeben, den Rest erledigt die ‚urbanSWARM‘ Community mittels Cloud-Technologie. (Bild: Thomas Entzeroth)

Frank M. Rinderknecht, Gründer und CEO der Schweizer Ideenschmiede Rinspeed AG, verkörpert die Schweizer Denkfabrik der modernen Mobilität. Jedes Jahr präsentiert er pünktlich zum Genfer Automobilsalon eine Neuheit, auf die sich die internationale Presse stürzt. Welche Pionierleistungen stecken dahinter und wie kam es zum Sinneswandel, dass er früher 600-PS-Boliden baute und heute alternative Konzepte entwickelt?

SMM: Sie haben bis vor dreizehn Jahren 600-PS-Boliden gebaut, heute präsentieren Sie alternative Mobilitäts-Konzepte. Wie ist es zum Wandel gekommen?

Frank M. Rinderknecht: Sie meinen vom Saulus zum Paulus? Wir bauen die Fahrzeuge für die Medien, sprich für die weltweite Kommunikation von Innovationen und Emotionen. Demnach muss ich mich fragen: Was stösst auf mediales Interesse? Ich muss mir eine Geschichte ausdenken, über die die Medien berichten wollen. Das ging früher mit Hochleistungsfahrzeugen ausgezeichnet. Dann kam Bugatti mit 1001 PS. Das war eine sehr hohe technische und mediale Messlatte. Und ich stand da und sagte mir: 1002 PS? Ist das wirklich noch sinnvoll, wollen wir das? Wir haben das im Team diskutiert, sprachen ein klares Nein und sind in der Folge auf Alternativ-Konzepte umgeschwenkt.

Was war das erste alternative Konzeptauto?

F. M. Rinderknecht: Das war vor zwölf Jahren ein mit «Kompogas» betriebener 120-PS-Sportwagen. Wir gingen – wie jedes Jahr – nach Genf als Aussteller am Auto-Salon und waren gespannt, wie die Reaktionen ausfallen würden. Wir waren die Einzigen zu dieser Zeit mit einem «grünen» Auto. Ich dachte mir, dass interessiert wohl niemanden, das Thema «grün» war dazumal nicht aktuell. Aber das Gegenteil passierte. Die Zeitungen und Nachrichten waren voll mit Berichten über unser Kompogas-Auto. Das war völlig unerwartet, überraschend und ermutigend. Im Grundsatz bin ich kein grüner «Fundi», aber ich habe Verantwortungen, auch meiner Tochter und – hoffentlich eines Tages – meinen Enkeln gegenüber. In der Konsequenz wollte ich mich auf ein Thema konzentrieren und habe 2008 den Tuning-Bereich verkauft. Ich konnte nicht auf der einen Seite 600-PS-Boliden tunen und auf der anderen Seite alternative Mobilitätskonzepte entwickeln.

Das heisst Sie haben sich gewandelt?

F. M. Rinderknecht: Ja, und ich bin froh darüber. Die grösste Beleidigung, die man mir zufügen kann, ist: «Mensch, du bist ja immer noch der Gleiche wie vor fünfundzwanzig Jahren.» Ich will mich geistig bewegen, lernen und aufnehmen. Das macht mir Freude und gibt dem Leben einen Sinn. Ich will mich verändern.

Eines Ihrer wohl spektakulärsten Projekte ist «sQuba». Das erste Auto, das den Unterwasserflug beherrscht. Funktioniert das Auto unter Wasser tatsächlich oder sind das alles Animationen?

F. M. Rinderknecht: Aber sicher funktioniert das Fahrzeug unter Wasser, mindestens genauso gut wie auf der Strasse. Das war die nicht ganz einfache Aufgabenstellung, die wir uns gestellt haben.

Und wo haben Sie persönlich Ihren ersten Jungfern-Tauchgang mit Ihrem «sQuba»-Amphibienfahrzeug gemacht?

F. M. Rinderknecht: Natürlich im Zürichsee, er liegt vor unserer Haustüre. Nur liegt die Entwicklungsperiode vor dem Auto-Salon im März klimatisch äusserst ungünstig für Tauchgänge – es herrscht Winter. Die Lufttemperatur lag bei –12 °C, die Wassertemperatur bei 3 °C, es war richtig kalt. Ein unvergessliches Erlebnis – aber nicht für jeden Tag.

Amphibienfahrzeuge kennen wir, aber keines, das auch tauchen kann.

F. M. Rinderknecht: Das war das Spannende an dem «sQuba-Projekt». Es gibt kein anderes tauchendes Auto auf der Welt. Das James-Bond-Auto war eine reine Fiktion aus Hollywood. Wir haben im Vorfeld mit U-Boot-Spezialisten gesprochen, um zu klären, wie wir ein solches Projekt angehen und realisieren können. Es gab viele technologische Herausforderungen, die gelöst sein wollten.

Zum Beispiel?

F. M. Rinderknecht: «Runter» geht es relativ schnell und einfach. Aber wenn ich das Wort «kontrolliert» vorn anstelle, dann wird es kompliziert. Welchen Ballast nehme ich mit in das Fahrzeug? Wir haben uns technologisch komplett anders entschieden, als es bei U-Booten Usanz ist. Unser Amphibienfahrzeug geht vom Gewicht her gar nicht unter. Er schwimmt immer oben auf. Wir drücken es über die Antriebsdüsen und der daraus resultierenden Fahrdynamik unter Wasser. Ein quergedachtes U-Boot-Konzept, aber es funktioniert ausgezeichnet.

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