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Wenn es um Mobilität geht, dann dreht sich alles um Energie. Aus welcher Perspektive sehen Sie das?
F. M. Rinderknecht: Das zentrale Stichwort heisst erneuerbare Energien. Der Kreislauf muss vorhanden sein. Aus meiner Sicht führt hier kein Weg daran vorbei. Aber man muss auch das Unmögliche denken. Wer sagt mir, dass es in Zukunft keine Energieform gibt, an die bisher niemand gedacht hat? Man muss ausserhalb der gegebenen Grenzen denken, in denen wir leben. Das Collegium Helveticum – ein Spin-off der Uni Zürich und ETH – geht solche Wege. Hier geht es darum, Fragen zu beantworten, auf die es heute noch keine Antworten gibt. Hier werden mit einem hochgradig interdisziplinären Kollegium verschiedenste Denkansätze entwickelt.
Bei neuen Denkansätzen sind wir wieder bei den Pionierleistungen. Welche Bedeutung haben Pionierleistungen?
F. M. Rinderknecht: Piccard ist mit seinem Solarflugzeug von der Realität so weit weg wie wir mit unseren Autos. Bis man kommerziell solar fliegt, werden Sie oder ich nicht erleben. Fliegen wird wegen des hohen Gewichts noch lange mit konventionellen Brennstoffen erfolgen. Ich habe das auch schon mit Christoph Franz (Vorstandsvorsitzender der Deutschen Lufthansa, Anm. d. Red.) diskutiert. Aber darum geht es nicht. Pioniere wollen zeigen, was möglich ist. Auch mit dem Solar-Katamaran «MS Tûranor Planet Solar» wurde eine Signalwirkung dank des Schweizer Pioniers Raphaël Domjan erreicht, das jetzt als Forschungsschiff eine neue Aufgabe hat. Jeder, der diesen Mut hat, ist zu bewundern. Denn Pioniere haben keine Garantie für den Erfolg.
Apropos Erfolgsgarantie, Ihre jüngste Pionierleistung ist der microMax. Auf den ersten Blick ein Fahrzeug, das auf engstem Raum ein Maximum an Platz bietet. Aber es steckt weit mehr hinter diesem Projekt, wenn ich das richtig verstehe.
F. M. Rinderknecht: Ja, es ist ein völlig neues Mobilitätskonzept, es steht allen Verkehrsteilnehmern offen, die eine Transportmöglichkeit suchen. Potentielle Mitfahrer müssen lediglich ihr Fahrziel in eine App eingeben, den Rest erledigt die «urbanSWARM» Community mittels Cloud-Technologie und Zugriff auf das gemeinsame Wissen sowie die Erfahrung des gesamten Fahrzeug-Schwarms. Weil Fahrtrouten und Ziele, Fahrgeschwindigkeiten und Auslastung aller Fahrzeuge des Schwarms bekannt sind, berechnet das System in Echtzeit mögliche Mitfahrgelegenheiten und – falls erforderlich – auch gleich die Umsteigeoptionen.
Welches Potential steckt in microMax?
F. M. Rinderknecht: Die Vision von microMax zeigt auf, wie die Effizienz des Verkehrssystems bedeutend erhöht werden kann, ohne die bauliche Infrastruktur zu vergrössern. microMax kann das gewährleisten. Ich erhoffe mir davon eine Nischenproduktion. Die Zürcher Verkehrsbetriebe VBZ haben sich den microMax sehr genau angeschaut. Für solche Unternehmen ist es ein hochinteressantes Konzept – gerade auch wegen den neuartigen Stehsitzen – für den Nahstreckenbereich.
Und wie sehen Sie aus dieser Perspektive die zukünftige Entwicklung der Mobilität?
F. M. Rinderknecht: China hat aktuell fünfzig Autos pro 1000 Einwohner, Europa deren 550. Jetzt können Sie rechnen, was für ein Marktpotential dort besteht. Nur: mit welchen Rohmaterialien wollen Sie das realisieren? Mit welchen Brennstoffen betreiben? Das kann nicht lange funktionieren. So wie heute kann man in der Zukunft nicht mehr weiterkutschieren. Wir befinden uns momentan in einer komfortablen Situation, die allerdings weltpolitisch äusserst anfällig ist. Wir müssen uns mit neuen Formen der Mobilität und deren Technologien auseinandersetzen. Die Weltbevölkerung wächst ständig.
Welche Lösungen sehen Sie?
F. M. Rinderknecht: In der Schweiz liegen die Probleme direkt vor der Haustür. Die Einwanderung hat uns eine grössere Bevölkerung beschert. Das Resultat: Man steht oft im Stau. Eine Konsequenz wäre, wir fahren weniger. Nur das will keiner, Mobilität ist ein Grundbedürfnis. Oder man transportiert mehr Menschen auf kleinerem Raum. In diese Richtung geht wiederum das eben angesprochene microMax-Mobilitäts-Konzept. Aber das ist natürlich nur ein ganz kleines Puzzleteil.
Eine letzte Frage. Welche Bedeutung hat der Aspekt «über den Tellerrand schauen» bei Ihnen?
F. M. Rinderknecht: Wir sollten immer offen sein, um Neues zu entdecken, Grenzen zu versetzen. Das ist entscheidend. Oft wird diskutiert, was nicht geht. Das ist der falsche Ansatz. Wir müssen herausfinden, was geht. Wo ein Wille ist, ist meistens auch ein Weg. Dem Bekannten zu folgen, ist komfortabel, aber so kommen wir in Zukunft nicht weiter. <<
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