Digitalisierung in der Schweiz Sind Schweizer KMU fit für die digitale Transformation?

Redakteur: Susanne Reinshagen

Der Think Tank der FHNW Hochschule für Wirtschaft und KMU Next haben untersucht wie Schweizer KMU mit Veränderungen und insbesondere mit der Digitalisierung umgehen. Auch die Staufen-Inova AG hat kürzlich ihren Change Readiness Index veröffentlicht, der aufzeigt inwieweit Unternehmen die Bereitschaft und Fähigkeit zum Wandel haben. Hier ein Lagebericht.

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36% fühlen sich durch Megatrends, wie Globalisierung, Technologischer Fortschritt oder Individualisierung verunsichert.
36% fühlen sich durch Megatrends, wie Globalisierung, Technologischer Fortschritt oder Individualisierung verunsichert.
(Bild: Staufen Inova AG)
  • Unternehmen unterliegen starkem Wandel
  • Digitale Transformation ist eine zentrale Herausforderung
  • Bei der Digitalisierung gibt es eine grosse Kluft zwischen jungen und etablierten Unternehmen
  • Unternehmen der Maschinenindustrie haben digitale Transformation in die Wege geleitet
  • Wissen und Kreativität von "digital natives" nutzen und sie an Entscheidungsprozessen teilnehmen lassen
  • Flache Hierarchie aufbauen

Die Digitalisierung schreitet zügig voran und wer die digitale Beherrschung seiner Prozesse und Produkte nicht in Angriff nimmt, der läuft Gefahr, dass ihm die Geschäftsfelder wegbrechen. Der Think Tank der FHNW Hochschule für Wirtschaft und KMU Next sowie die Unternehmensberatung Staufen-Inova AG sind in eigenen Studien der Frage nachgegangen, inwieweit die Schweizer KMU für Veränderungen und die Digitalisierung bereit sind.

Dynamik nimmt zu

In den letzten zwei Jahren sahen sich Schweizer Unternehmen einem starken Wandel gegenüber. Nicht nur der starke Schweizer Franken machte den Geschäftsführern Kopfzerbrechen, auch die Internationalisierung und der technologische Fortschritt haben eine grosse Dynamik hervorgebracht. Dr. Urs Hirt, Geschäftsführer der Staufen-Inova AG bemerkt, dass die Betriebe mit zahlreichen Trends konfrontiert sind, die sie zu grundlegenden Veränderungen zwingen. Gerade die Digitalisierung stellt für Schweizer Industrieunternehmen eine zentrale Herausforderung dar, denn hier gilt es Organisation und Prozesse wie auch die Führungskräfte und Mitarbeiter für den Wandel fit zu machen.

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Kluft zwischen Jung und Alt

Wenn auch, je nach Branche, einige Firmen schon weiter fortgeschritten sind in der Umsetzung ihrer digitalen Strategie, gibt es gemäss Think Tank doch eine klare Kluft bei der Veränderungsbereitschaft zwischen jungen agilen Startups und etablierten KMU. Gerade bei kleinen Unternehmen besteht die Gefahr, dass ihr Blick zu stark nach Innen gerichtet ist, anstatt auf die Veränderungen im Markt. Dadurch werden neue Geschäftsfelder nicht erkannt und können nicht aufgebaut werden. Die Unternehmen laufen Gefahr, dass die bewährten Geschäftsfelder wegbrechen.

Im Bericht der FHNW und KMU next wird aber auch festgehalten, dass in den letzten 2 bis 3 Jahren viele Unternehmen, vor allem auch aus der Maschinenindustrie, die Digitalisierung ihrer Prozesse und Geschäftsmodelle in Angriff genommen haben. Auch bei der Erhebung von Staufen-Inova kam klar heraus, dass die Schweizer Unternehmen bereits hart an ihren Organisationsstrukturen und Prozessen arbeiten. Dr. Urs Hirt ist überzeugt, dass dies auch eine Folge der Freigabe des Schweizer Frankens Anfang 2015 ist. Mussten doch die Unternehmen ihre Prozesse effizienter und schlanker trimmen, um konkurrenzfähig zu bleiben. Nun können sie schneller und besser auf Veränderungen reagieren.

Der von der Staufen-Inova AG erhobene Change Readiness Index misst die Veränderungsfähigkeit von Unternehmen. Bei der vorliegenden Untersuchung beläuft er sich auf 63, auf einer Skala von 0 bis 100 (0 = keinerlei Veränderungsfähigkeit, 100 = höchste Veränderungsfähigkeit). Urs Hirt bestätigt, dass es sich dabei um einen soliden Wert handelt, mit dem Schweizer Unternehmen ihre Bereitschaft und Fähigkeit zum Wandel demonstrieren. Darauf gelte es aufzubauen, um auch die kommenden Herausforderungen erfolgreich zu meistern.

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Change Readingess Index

Für den Change Readiness Index 2017 befragte die Unternehmensberatung Staufen-Inova im Frühjahr 2017 insgesamt 100 Unternehmen in der Schweiz zum Thema "Erfolg im Wandel". Mehr als 60% der befragten Unternehmen kommen aus der Industrie, vor allem aus dem Mschinen- und Anlagen bau, der Elektroindustrei, der Automobilindustrie sowie der Medizinaltechnik. Der Index hat eine Skala von 0 bis 100, wobei 0 für keinerlei Wandlungsfähigkeit steht und 100 für höchste Wandlungsfähigkeit.

Fehlendes Know-how bremst Digitalisierung

Gründe für die zaghafte Umsetzung von digitalen Strategien sind finanzielle Einschränkungen und fehlender Zugang zu technologischen Tools. Dieses Argument lässt der Think Tank aber nur teilweise gelten, da sich mit entsprechendem Know-how einfache Tools mit geringem finanziellen Aufwand einführen lassen. Das Problem liegt eher im fehlenden Know-how. Dieses Nichtverstehen der neuen Welt führt dazu, dass die Geschäftsleitung nicht weiss, wie sie die Digitalisierung anpacken soll. Das wiederum führt zu einer Distanz gegenüber neuen Technologien. Zudem spüren die Unternehmen den wirtschaftlichen Druck noch zu wenig und nehmen deshalb eine abwartende Haltung zu den neue Technologien ein. Weitere Gründe, die Digitalisierung nicht voranzutreiben sind eine geringe Risikobereitschaft der Geschäftsführer, fehlende Zeit oder man schiebt die Projekte auf, weil eine baldige Nachfolgeregelung ansteht.

Flache Hierarchien sind wichtig

Die Abwartende Haltung gegenüber der digitalen Transformation kann auch in einem traditionellen Führungsverständnis liegen, das vor allem durch die ältere Führungsgeneration gelebt wird. Aber es ist gerade die jüngere Generation, die sogenannten "digital natives", die mit der digitalen Transformation gut zurecht kommen. Genau diese Mitarbeiter sollten stärker in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden. Dies bedingt aber eine flache Unternehmenshierarchie und schnelle Entscheidungswege. Staufen-Inova sieht hier den grössten Handlungsbedarf, denn trotz zum Teil flachen Hierarchien werden die Unternehmen immer noch traditionell von oben nach unten geführt und das kreative Potenzial, gerade von jüngeren Mitarbeitern wird zu wenig genutzt.

Wann sollten die Alarmglocken läuten

Ein Indiz dafür, dass ein Unternehmen die digitale Transformation nicht ausreichend im Auge hat, kann zum Beispiel sein, dass Anforderungen der Kunden aufgrund veralteter Geschäftspraktiken nicht mehr erfüllt werden können oder das Lieferanten und Abnehmer neue Standards einführen, die nicht mehr kompatibel mit dem eigenen System sind.

Der Think Tank empfiehlt daher den Unternehmen den Markt zu beobachten und die aktuellen Trends in der Branche zu verfolgen. Dazu ist es wichtig sich mit anderen auszutauschen, zum Beispiel auf Fachtagungen, mit "jüngeren" Mitarbeitern, Lieferanten und Kunden. Zudem sollte sich die Geschäftsleitung ein Bild davon machen, wo das Unternehmen in 5 bis 10 Jahren stehen wird, wenn das Geschäftsmodell nicht an die digitalen Anforderungen angepasst wird.

Was muss getan werden

  • Bestehende Unternehmensstruktur auf die Zukunftsfähigkeit hinterfragen: Sind die einzelnen Hierarchiestufen noch sinnvoll?
  • Gezielt nach Mitarbeiter suchen, die sich für neue Technologische Tools interessieren und auskennen
  • Vermehrt auch Mitarbeiter suchen, die kreativ und dynamisch sind und ausserhalb der bestehenden Denkstrukturen agieren.

Fazit

Die Schweizer KMU haben die Notwendigkeit der Digitalisierung erkannt, doch gibt es verschiedenen Faktoren, welche die Umsetzung bremsen. Besonders grossen Handlungsbedarf zeigt sich bei der Unternehmensstruktur. Hier müssen zwingend Hierarchiestufen abgebaut und junge, dynamische Mitarbeiter, die sich in der digitalen Welt gut auskennen, in die Entscheidungsprozesse einbezogen werden. <<

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