Tornos verstärkt internationale Ausrichtung

Redakteur: Susanne Reinshagen

>> Was genau bedeutet eine Europäisierung der chinesischen Industrie? Michael Hauser sieht hier interessante Ansätze, die sich in den letzten Jahren verstärkt haben. Zudem setzt Tornos verstärkt auf die asiatischen Märkte inklusive der Produktion vor Ort, während in der Schweiz reduziert wurde. Wie die Unternehmens- und Produkt-Strategie konkret ausschaut, erklärt CEO Michael Hauser im exklusiven SMM-Interview.

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Die grossen Gewinner waren Unternehmen, die in den Aerospace-Sektor liefern konnten.
Die grossen Gewinner waren Unternehmen, die in den Aerospace-Sektor liefern konnten.
(Thomas Entzeroth)

SMM: Sie sprachen auf Ihrer Bilanzpressekonferenz Mitte März das schwierige makroökonomische Umfeld an, das die Ergebnisse der Tornos-Gruppe belastet. Können Sie das makroökonomische Umfeld detaillierter umschreiben?

Michael Hauser: Bezogen auf den Werkzeugmaschinen-Bereich liegt eine Studie des VDW (Verein Deutscher Werkzeugmaschinenhersteller) vor. Sie besagt, dass der weltweite WZM-Verbrauch in 2013 um 12 % gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen ist. In Asien ist ein Rückgang sogar um 18 %, speziell in China um 20 %, zu verzeichnen. Chinas Anteil am WZM-Markt beträgt 30 % vom Gesamtvolumen. Wenn ein solcher Markt derart stark zurückgeht, schlägt sich das auf unser Ergebnis nieder. Und auch in den USA ist kein Zuwachs im WZM-Verbrauch zu verzeichnen.

Gab es keine positiven Entwicklungen im Markt?

M. Hauser: Doch, Europa hat sich gut entwickelt. Allerdings mehr im umformenden als im zerspanenden Bereich. Die grossen Gewinner waren Unternehmen, die in den Aerospace-Sektor liefern konnten. Hier hat das grosse Auftragsvolumen von EADS/Airbus den Markt vorangetrieben. Der Automotive-Bereich und die Medizintechnik haben ebenfalls wieder angezogen.

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Ihre Maschinen gehen in die Medizintechnik, Uhrenindustrie, Elektronikbranche, Automotive-Industrie. Wo entwickeln sich Ihre Absatzzahlen in diesen Industrien gut, wo eher schlecht und woran liegt das aus Ihrer Sicht?

M. Hauser: Die Uhrenindustrie hat sich im letzten Jahr sehr gut entwickelt. Die Medizintechnik ist nach einer Konsolidierungsphase gut zurückgekommen und auch der Automotive-Bereich entwickelt sich gut. Wir müssen uns in den Bereichen Hydraulik, Pneumatik, Aerospace bis hin zu Defense besser positionieren.

Welche Technologiebereiche sind für Sie eher ungünstig gelaufen?

M. Hauser: Die fehlende Nachfrage in der Elektronik-Industrie – ein asiatischer Markt – hat massiv auf unser Ergebnis gedrückt. Aus dem Elektronik-Bereich fehlen uns 20 Millionen Umsatz. Es lässt sich aber begründen. Die Zulieferer von Festplattenherstellern – wichtige Kunden von uns – haben direkt nach der Tsunami-Katastrophe enorm in WZM investiert. Sie haben einen derart modernen Maschinenpark, dass sie im letzten Jahr kaum noch Maschinen benötigten und deshalb auch nicht bestellten.

Wird das Festplattengeschäft, in dem Ihre WZM eingesetzt werden, komplett wegfallen, weil sie durch elektronische Speichersysteme ersetzt werden?

M. Hauser: Nein, das auf keinen Fall. Aber dieses Segment wird nicht mehr wachsen. Wir gehen davon aus, dass die Zulieferer der Festplattenlaufwerke sich umorientieren werden und neue Märkte suchen. Sie werden Antriebssysteme für andere Lieferanten zum Beispiel im Automotive-Bereich entwickeln.

Sie sprachen von einer strategischen Neuorientierung, was heisst das konkret?

M. Hauser: Erstens die Forcierung unserer Internationalisierung. Bisher waren wir mit High-End-Produkten auf die Schweiz fokussiert. Wir gehen neu mit unserem Produktsegment verstärkt in den Mid-Range-Bereich. Zudem werden wir neu an unterschiedlichsten Standorten weltweit – auch in Asien – produzieren. Unsere Tsugami-Allianz haben wir aufgegeben und werden unser Produktportfolio konkret in diesem Bereich ausweiten.

Sie haben 40 % Ihres Schweizer Personals in 15 Monaten abgebaut. Wie hoch ist der aktuelle Mitarbeiterstamm?

M. Hauser: Aktuell liegen wir bei 570 Mitarbeitenden. Das sind 30 % weniger als vor 15 Monaten. Wir mussten Produktionskapazitäten in der Fertigung und im Bereich der Montage reduzieren, weil unsere Maschinen der jüngsten Generation um 30 % geringere Montagezeiten haben. Zudem haben wir einige Kapazitäten an Zulieferer ausgelagert, um flexibler agieren zu können. Entscheidend aber ist, dass wir sowohl im Service als auch im Verkauf nicht abgebaut haben und dort weiterhin die volle Marktleistung erbringen können.

Technologisch verfügen Sie über den Einspindel- und Mehrspindelbereich und Bearbeitungszentren. Wie sind die Umsätze auf diese drei Bereiche aufgeteilt.

M. Hauser: Die Mehrspindler machen etwa 40 % unseres Umsatzes aus, 50 % gehen auf die Einspindler zurück und 10 Prozent werden im Bereich der Bearbeitungszentren von Almac generiert.

Von Ihren Mitbewerbern weiss ich, dass sich Mehrspindler bisher kaum in Asien verkaufen liessen. Wie ist die aktuelle Situation.

M. Hauser: Das ist eine interessante Frage, denn das Kaufverhalten des asiatischen Marktes hat sich in den letzten Jahren massiv geändert. Die Asiaten setzen seit kurzem verstärkt auf Mehrspindelautomaten.

Woran liegt das?

M. Hauser: Das liegt am europäisch geprägten asiatischen Automotive-Sektor. In Europa werden seit Jahrzehnten hochwertige Bauteile auf Mehrspindlern gefertigt. Die heute in China produzierenden europäischen Automotive-OEM fordern eine effiziente, qualitativ hochwertige Fertigung und setzen konsequent auf diese WZM. Da viele europäische OEM in Asien fertigen, ergibt sich sozusagen eine Europäisierung des asiatischen Fertigungsstandortes. Das ist ein spannender Prozess. Für uns ist das eine völlig neue Situation, auf die wir – zum Beispiel mit der «MultiSwiss» – perfekt reagiert haben.

Apropos Neumaschinen: Sie haben neue Produktreihen in den letzten Jahren entwickelt wie die «SwissNano» im Einspindelsektor und bei den Mehrspindlern haben Sie mit der «MultiSwiss» eine neue Baureihe entwickelt. Wie entwickeln sie sich am Markt?

M. Hauser: Die SwissNano haben wir im März 2013 rausgebracht. Sie hat bereits im ersten Jahr sechs Millionen Umsatz gemacht. Damit liegen wir fürs erste Jahr deutlich über den Erwartungen. Die Maschine kommt am Markt ausgezeichnet an. Das technologische Konzept ist hervorragend. Sie passt von der Baugrösse her – und das ist ein ganz entscheidender Faktor – genau in die «Lücke» der alten mechanischen Maschinen. Die «SwissNano» kann 80 % aller Uhrenteile herstellen. Das ist perfekt.

Das hört sich nach einem starken Schweizer Geschäft an.

M. Hauser: Das ist sehr stark auf die Uhrenindustrie fokussiert. Aber wir haben bereits erste Bestellungen aus Asien erhalten. Sie wollen die SwissNano unbedingt mit einem grossen Schweizerkreuz haben, das machen wir besonders gerne.

Sie sagten, Sie werden einige Mehrspindler vom Markt nehmen. Welche sind das?

M. Hauser: Das sind die komplexen High-End-Maschinen. Die beschäftigen uns zu sehr und beanspruchen Kapazitäten, die wir woanders besser einsetzen können.

Tornos verfügt über 20 Firmengebäude in der Region Moutier. Müsste man nicht auf der grünen Wiese einen neuen Produktionsstandort realisieren, um wirtschaftlich produzieren zu können?

M. Hauser: Das ist der Traum für viele WZM-Hersteller. Aber wir verfügen bereits heute über einige sehr moderne Gebäude, wie unser Tech Center aus 2007. Hier werden wir uns konzentrieren.

Sie sagen, durch die Umstrukturierung könne die Gewinnschwelle gesenkt werden. Ab welchem Umsatz kommen Sie in die Gewinnzone?

M. Hauser: Lassen Sie es mich folgendermassen ausdrücken: Wir benötigen heute nicht mehr CHF 200 Mio. Umsatz, um in die Gewinnzone zu gelangen.

Thema Werkplatz Schweiz, wie sehen Sie dessen Zukunft?

M. Hauser: Der Schweizer Franken ist nach wie vor sehr stark und überbewertet. Für uns heisst das, wir müssen kontinuierlich auf Produktivitätssteigerung setzen. Wir müssen gezielter arbeiten und Initiative ergreifen. Dann hat der Werkplatz Schweiz eine gute Chance. Es gibt aber auch wirtschaftspolitische Rückschläge, wie die Annahme der Masseneinwanderungs-Initiative. Dieses Anliegen hat nicht auf meiner Wunschliste gestanden. <<

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