Interview mit Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher WEF 2026: Was jenseits der grossen Bühne zählt

Quelle: Swissmem 3 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Das diesjährige World Economic Forum (WEF) in Davos hat gezeigt: Die multilaterale Weltordnung gehört der Vergangenheit an. Für die exportorientierte Schweizer Tech-Industrie rücken Marktzugang, Planungssicherheit und geopolitische Realitäten stärker in den Fokus. Swissmem-Direktor Stefan Brupbacher ordnet ein.

Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem: «Das WEF 2026 hat sehr deutlich gemacht, dass wir uns in einer Übergangsphase der globalen Ordnung befinden: weg von einer regelbasierten, multilateralen Welt hin zu Blockbildung, Machtpolitik und wirtschaftlicher Regionalisierung. Für die Schweiz als exportorientiertes Hochtechnologieland ist das eine anspruchsvolle, aber nicht aussichtslose Ausgangslage.»(Bild:  Swissmem)
Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem: «Das WEF 2026 hat sehr deutlich gemacht, dass wir uns in einer Übergangsphase der globalen Ordnung befinden: weg von einer regelbasierten, multilateralen Welt hin zu Blockbildung, Machtpolitik und wirtschaftlicher Regionalisierung. Für die Schweiz als exportorientiertes Hochtechnologieland ist das eine anspruchsvolle, aber nicht aussichtslose Ausgangslage.»
(Bild: Swissmem)

Was waren die drängendsten Themen des WEF 2026 für die Schweizer Tech-Industrie?

Stefan Brupbacher: Zunächst gilt es zu betonen: Für die Schweizer Tech-Industrie, die von global tätigen KMU getragen wird, entfaltet das WEF in Davos seine Wirkung nicht unmittelbar im operativen Geschäft. Entscheidend sind vielmehr die politischen und geopolitischen Impulse, die von dort ausgehen.

In diesem Sinn war der Auftritt von US-Präsident Donald Trump zentral. Seine Rede hat unmissverständlich gezeigt, dass die bisherige multilaterale Weltordnung faktisch beerdigt ist und zunehmend das Recht des Stärkeren gilt. Dieser Weckruf war absehbar – Swissmem warnt seit Jahren vor dieser Entwicklung. Mit der offen geführten Diskussion um Grönland dürfte diese Realität nun auch dem letzten Skeptiker klar geworden sein.

Der Tech-Industrie geht es in erster Linie nicht um die grossen weltpolitischen Weichenstellungen. Wir haben unsere Gespräche vor Ort deswegen konkreten Herausforderungen wie dem Abbau von Handelshemmnissen (etwa in Indien), dem Zugang zu wichtigen Absatzmärkten, der Absicherung von Investitionen sowie der Stabilität von Lieferketten gewidmet. Ebenso zentral waren Fragen der technischen Regulierung, Normen und Zertifizierungen, die zunehmend über Marktzugang entscheiden.

Konnten abseits der grossen Politbühne greifbare Erfolge erzielt werden?

Zwei wichtige Fortschritte konnten wir für die Schweizer Tech-Industrie erreichen. Erstens hat Indien mit der Aufhebung des BIS «Scheme X» eine zentrale technische Handelsbarriere abgebaut. Die bisher geltende Regelung verlangte für zahlreiche Industrieprodukte aufwendige, teils doppelte Konformitätsprüfungen. Ihre Abschaffung erleichtert den Marktzugang spürbar und stärkt das kürzlich in Kraft getretene EFTA–Indien-Freihandelsabkommen. In Gesprächen mit Secretary Amardeep Singh Bhatia (DPIIT) wurde von der Schweizer Seite erneut betont, wie wichtig die politischen Rahmenbedingungen in Indien sind. Ich glaube, ich konnte mit gutem Gewissen auf einem Panel sagen:

If you make swift and reliable decisions, you will have the hearts, minds and the money of the Swiss.

Zweitens hat der Ukraine-Roundtable gezeigt, dass beim Wiederaufbau ein konkreter Bedarf an Schweizer Technologie besteht – insbesondere in den Bereichen Energieinfrastruktur, Wasseraufbereitung und -verteilung, Verkehr und Logistik sowie Industrieanlagen und Planung. Damit sich eine breite Basis von Schweizer Unternehmen engagieren kann, ist der Abschluss des Staatsvertrags entscheidend. Swissmem setzt seine Arbeit fort, die Schweizer Tech-Industrie gezielt mit öffentlichen Stellen und internationalen Partnern zu vernetzen und konkrete Projekte zu ermöglichen.

Wo steht die Schweizer Tech-Industrie in der geopolitischen Gemengelage nach diesem Treffen von Politik- und Wirtschaftsgrössen aus aller Welt?

Das WEF 2026 hat sehr deutlich gemacht, dass wir uns in einer Übergangsphase der globalen Ordnung befinden: weg von einer regelbasierten, multilateralen Welt hin zu Blockbildung, Machtpolitik und wirtschaftlicher Regionalisierung. Für die Schweiz als exportorientiertes Hochtechnologieland ist das eine anspruchsvolle, aber nicht aussichtslose Ausgangslage.

Die Schweiz steht geopolitisch zwischen den Machtblöcken, ohne selbst einer zu sein. Genau darin liegt aber auch ihre Stärke. Unsere Tech-Industrie ist weltweit vernetzt, innovationsstark und in globale Wertschöpfungsketten eingebunden. Sie ist auf offene Märkte, verlässliche Regeln und stabile Partnerschaften angewiesen. Das WEF hat gezeigt: Diese Rahmenbedingungen sind keine Selbstverständlichkeit mehr.

Für die Schweizer Tech-Industrie bedeutet das dreierlei:

  • Marktzugang entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit: Offene Märkte und funktionierende Freihandelsabkommen sind zentral. Die Schweiz muss mit einer diversifizierten Freihandelsstrategie auf verschiedenste Märkte setzen.
  • Planungssicherheit wird zum raren Gut: Unternehmen brauchen stabile und berechenbare Rahmenbedingungen bei Marktzugang, Regulierung und Handel, um Investitionen, Lieferketten und Produktionsstandorte sinnvoll zu planen. Das wird zunehmend schwierig.
  • Industriepolitische Entscheidungen gewinnen an Gewicht: Sicherheit, Energie, Infrastruktur und technologische Souveränität rücken immer stärker in die Einflusssphäre von Regierungen. Die Tech-Industrie kann sich in diesen Spannungsfeldern geschickt bewegen.

Wie geht es weiter?

Diese Frage lässt sich – wenig überraschend – nicht in wenigen Sätzen beantworten. Wir widmen uns deswegen dem geo- und wirtschaftspolitischen Ausblick am diesjährigen Swissmem-Industrietag, der unter dem Titel «Zwischen Mächten und Märkten» am 23. Juni 2026 im Congress Center in Basel stattfindet.

Als kleiner Fisch im grossen Teich der Weltwirtschaft zeigt die Schweiz, dass Stärke nicht von der Grösse abhängt – sondern von Agilität, Innovationskraft und Ausdauer.

Der Industrietag wirft ein vielfältiges Schlaglicht auf das Nebeneinander von gross und klein: Einerseits steht das Zusammenspiel von KMU, Grossunternehmen und Start-ups im Zentrum – von Innovationskraft bis zu Skaleneffekten, von Ressourcenknappheit bis Marktmacht. Andererseits wird die Rolle der Schweiz als erfolgreicher Kleinstaat im Spannungsfeld globaler Grossmächte beleuchtet.

(neu)

(ID:50707223)

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung