Werte und Visionen: Voraussetzungen für den Aufschwung

Seite: 2/2

Anbieter zum Thema

Kunden und Märkte kennen

Um erfolgreich in einen künftigen Aufschwung zu starten, ist erste Voraussetzung, sein Haus in Ordnung gebracht zu haben. Die Kosten sind gesenkt, die Produktepalette aufs Wesentliche reduziert, der Personalbestand angepasst. Aber dabei darf es nicht bleiben. Längerfristig überleben wird nur, wer unternehmerisch verantwortungsvoll in die Zukunft plant. Zentral ist die Beantwortung der Frage, welche Entwicklungen ein künftiges Marktumfeld bestimmen werden, aber auch, welche Märkte künftig erfolgversprechend sein werden. Es gilt also, die Megatrends zu erkennen.

Wir wissen es alle, und die Diskussionen, die im Zusammenhang mit dem Klimagipfel in Kopenhagen geführt wurden und noch geführt werden, zeigen es in aller Deutlichkeit: Wenn wir unseren Kindern dereinst eine intakte und lebenswerte Welt übergeben wollen, muss die Klimafrage gelöst werden. Dabei sind politische Beschlüs-se das eine. Aber selbst wenn der grosse Wurf ausgeblieben ist, klar ist, technische Massnahmen können auch ohne verbindliche Beschlüsse umgesetzt werden. Damit tut sich heute ein breites Feld technologischer und industrieller Möglichkeiten auf. In dieser Beziehung ist unser Land bestens aufgestellt. Sei es bei der Energieversorgung, beim Klimaschutz, bei der Wassernutzung, sei es in Fragen der Entwicklung einer energiesparenden und effizienten Mobilität oder sei es in der Informationstechnologie, der Werk- und Denkplatz Schweiz bringt beste Voraussetzungen mit.

Allein, technisches Verständnis der Probleme reicht nicht, sie zu lösen. Um am künftigen Aufschwung partizipieren zu können, braucht die Industrie ganzheitlich denkende Menschen. Nur wer die Märkte lesen kann, entdeckt die Opportunitäten, nur wer mit den Marktteilnehmern kommunizieren kann, kommt mit ihnen ins Geschäft. Und weil die künftigen Märkte unbestrittenerweise in neuen, aufstrebenden Weltregionen wie beispielsweise den BRIC-Staaten liegen, ist der Auf- und Ausbau der interkulturellen Kommunikationskompetenz von absolut zentraler Bedeutung. So banal es tönt, um erfolgreich ins Geschäft zu kommen, ist es nötig, zu wissen, was der Markt verlangt und nicht, was man dem Markt anbieten kann. Lösungen müssen vom Kunden her gedacht werden und nicht vom Entwickler. Gerade heute, wo wieder vermehrt auf die Finanzen geachtet werden muss, stellt sich die Frage nicht nach dem «nice to have» sondern nach dem «need to have».

Gerade in dieser Beziehung haben wir in unserem Land über viele Jahre eine Tradition entwickelt, die uns gegenüber unseren Konkurrenten einen Vorsprung gibt. Was wir im politischen Prozess über die Jahre eingeübt haben, nämlich aufeinander einzugehen, sich zu respektieren und aus gegensätzlichen Positionen Lösungen zu erarbeiten, in die alle Beteiligten eingebunden sind, kann gerade im Bearbeiten kulturell anders gelagerter Märkte eingesetzt werden. Das Wissen und die Erfahrung, Kompromisse zu schmieden und Brücken zu bauen, kommen uns bei der Erarbeitung optimaler Lösungen zugute und schaffen uns Marktvorteile, welche die Industrie nutzen kann. So gelingt es, die Opportunitäten und die Märkte zu erkennen und sich so im internationalen Konkurrenzkampf erfolgreich zu positionieren.

Bildung als Basis

Mit zahlreichen anderen Industriellen und Unternehmern in unserem Land bin ich überzeugt, dass es längerfristig keinen funktionierenden Werkplatz Schweiz gibt, wenn er nicht auf einen qualitativ hochstehenden Denkplatz Schweiz aufbauen kann. Wenn wir den Spitzenplatz behalten wollen, den unser Land in den internationalen Ranglisten zu «Innovation» belegt, muss es unser prioritäres Anliegen sein, die hervorragende Infrastruktur im Bereich der Grundlagenforschung zu verteidigen und auszubauen. Für den Werkplatz ist es von zentraler Bedeutung, dass die Universitäten und die Fachhochschulen einen offenen Austausch mit den Unternehmen pflegen.

Es ist deshalb besonders erfreulich, wenn die Zahl der Spin-offs im ETH-Bereich in den letzten Jahren sichtbar angestiegen und auch im Krisenjahr 2009 nicht merklich zurückgegangen ist. Zudem zeigt die Zahl von über 600 KTI-Projekten seit 2007, dass auch die kleineren und mittleren Unternehmen von den Forschungsergebnissen der Hochschulen aktiv profitieren können. Unsere industrielle Zukunft wird also im Wesentlichen davon abhängen, wie sehr die Universitäten anwendungsorientiert bleiben. Allerdings darf in der industriellen Bildungsdiskussion die Dimension der Berufsbildung nicht vergessen werden.

Einer der wesentlichen Faktoren, welche zum Erfolg unseres Werk- und Denkplatzes entscheidend beigetragen haben, ist das duale Bildungssystem als perfekte Symbiose von Theorie und Praxis. Die Kombination von qualifizierter Berufslehre und theoretischer Ausbildung bildet die Basis für Fortschritt und Innovation. Deshalb hat Swissmem mit «tecmania.ch» vor wenigen Wochen auch eine auf mehrere Jahre ausgelegte Kampagne lanciert mit dem Ziel, vermehrt junge Leute für eine berufliche Zukunft in der Industrie zu motivieren. Dabei ist es erstes Anliegen, das leider immer noch weit verbreitete, aber veraltete Image unserer Industrie, welche mit Begriffen wie «laut, schmutzig, und eintönig» verbunden ist, durch die Vision einer modernen und innovativen Industrie zu ersetzen, die ihren Anteil zur Lösung der Probleme leisten kann. Wenn damit der alte Gegensatz von Ökologie und Ökonomie abgebaut werden kann, ist das nur willkommen.

Autor Johann N. Schneider-AmmannPräsident Swissmem

1014633