Fabian Wettstein (Geschäftsführer Vischer & Bolli) zur Zukunft des Werkplatzes Schweiz «Wir brauchen gute Leute»

Von Interview: Matthias Böhm, Chefredaktor

Anbieter zum Thema

Fabian Wettstein hat die Branche von der Pike auf kennengelernt und ist vor zwei Jahren in die Geschäftsleitung der Vischer & Bolli dazugestossen. Im SMM-Exklusiv-Interview zeigt er auf, welche Herausforderungen er am Werkplatz Schweiz sieht und wie sich aus einer Produktion das Optimum rausholen lässt.

Fabian Wettstein (Geschäftsleiter Vischer & Bolli AG, re.) 
im Gespräch mit Matthias Böhm 
(Chefredaktor SMM).
Fabian Wettstein (Geschäftsleiter Vischer & Bolli AG, re.) 
im Gespräch mit Matthias Böhm 
(Chefredaktor SMM).
(Bild: Thomas Entzeroth )

Ihre 20-jährige berufliche Laufbahn ist eng mit dem Werkplatz Schweiz und seinen Veränderungen verbunden. Wo liegen aus Ihrer Sicht die zukünftigen Herausforderungen?

Fabian Wettstein: Korrekt, ich habe diese Veränderungsprozesse hautnah erlebt, denn genau in dieser Zeitspanne und in diesem volatilen Umfeld bin ich in die Fertigungsbranche reingewachsen. Zu den Herausforderungen: Eine enorme Herausforderung wird es sein, die Produktionen immer und zu jeder Zeit auf einem Top-Level zu positionieren und weiterzuentwickeln. Dafür braucht es ausgezeichnetes Personal. Das ist genau der Knackpunkt, denn ich bin sicher, bevor uns in der Schweiz die Arbeit ausgeht, fehlen uns die Fachkräfte. Der Fachkräftemangel ist sicherlich eine der grösseren zukünftigen Herausforderungen für den Werkplatz Schweiz.

Wie ordnen Sie den produktionstechnischen Standard der produzierenden Unternehmen am Werkplatz Schweiz ein?

F. Wettstein: Rein technologisch gehört der Werkplatz Schweiz zu einem der modernsten Fertigungsstandorte weltweit. Noch dazu verfügen wir am Werkplatz Schweiz über eine gute Zulieferqualität im allernächsten Umfeld inklusive einer ausgezeichneten Vernetzung. In der Schweiz sind wir ausgezeichnet standardisiert und hochautomatisiert. Es gibt heute kaum ein Unternehmen, das nicht auf schlanke Prozesse setzt. Aber: Man kann in das beste Equipment investieren, es nutzt nichts, wenn die Spezialisten nicht das vorhandene Potenzial aus der Anlage herausholen. Dafür benötigt es bei modernen Fertigungslösungen ein enormes Know-how, dahinter stehen immer die Mitarbeiter.

Bildergalerie
Bildergalerie mit 6 Bildern

Stichwort Mitarbeiter, wie kann man das Berufsumfeld für die angehenden Polymechaniker attraktiv machen?

F. Wettstein: Das Berufsbild des Polymechanikers kann hoch spannend sein. Ich betone das Wort «kann». Denn es hängt davon ab, wie die Unternehmen die Spezialisten einsetzen und fordern. Wird ein Polymechaniker in der vollumfänglichen Breite seines Kompetenzgefüges gefordert, von der Arbeitsvorbereitung über das CAM-Programmieren bis zum Einfahren, dann ist das ein anspruchsvoller Job, der ein hohes Mass an Kompetenz fordert.

Was heisst das?

F. Wettstein: Wir brauchen entsprechend gute Leute, mit mathematischem und technologischem Verständnis. Darüber hinaus Arbeitgeber, die die Polymechaniker breit einsetzen und ihnen Kompetenzen übertragen. Vom Lohn her muss auch etwas passieren, denn die Wertschätzung des Berufsbildes über den Lohn ist mitentscheidend. Das fängt in der Ausbildung an. Wenn kaufmännische Auszubildende mehr Grundlohn erhalten als Polymechaniker, dann sind das die komplett falschen Anreize für unsere zukünftigen jungen potenziellen Fachkräfte. Darüber hinaus müssen wir unsere Jugendlichen schon in der Grundschule auf den sehr abwechslungsreichen und interessanten Job des Polymechanikers aufmerksam machen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, den Produktionsstandort Schweiz wettbewerbsfähig zu machen?

F. Wettstein: Der Werkplatz Schweiz ist sehr stark von seinen Maschinen-Exporten abhängig, da spielt die Stärke des Schweizer Frankens eine nicht unwesentliche Rolle in Bezug auf unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit. Der Schweizer Franken ist in den letzten 20 Jahren immer stärker geworden, er lag bei 1.65 CHF pro Euro. Aktuell ist es 1:1. Das ist mit ein Grund, warum viele Schweizer Unternehmen kontinuierlich ihre Produktion bis zur Perfektion ausreizen, um hochgradig effizient zu fertigen. Es ist aber auch der Grund, warum viele Produktionen ausgelagert wurden. Das heisst: Die Unternehmen, die heute in der Schweiz produzieren, sind sehr gut aufgestellt, weil sie sich in den letzten Jahren im Vergleich zu unseren europäischen Mitbewerbern fast täglich neu erfinden mussten, eben wegen der starken Schweizer Währung. Das heisst: Der Werkplatz Schweiz ist ständig gefordert.

Sie sprachen das Know-how an, welche Rolle spielt hier die Ausbildung?

F. Wettstein: Wir haben den klaren Vorteil des dualen Bildungssystems. Aber gerade in unserem Bereich ist es wichtig, die Praxis von der Pike auf zu lernen. Aus meiner Sicht ist die Symbiose der theoretischen Basis und der praktischen Erfahrung einer der wesentlichen Faktoren, dass der Werkplatz Schweiz dermassen gut positioniert ist.

Weiterer Faktor der Prozessoptimierung ist die möglichst enge Anbindung der Konstruktion an die Produktion, wie ordnen Sie das ein?

F. Wettstein: Ich war bei einem Medizintechnikhersteller unter anderem die Schnittstelle zwischen Produktion und Konstruktion. Die produktionstechnischen Prozesse sind in den Konstruktionsabteilungen natürlich nicht so präsent, das ist systembedingt. Dass die Entwicklung/AVOR und die Produktion unter einem Dach sind, sehe ich nach wie vor als klaren Vorteil. Dadurch ergeben sich kurze Kommunikationswege. Der Austausch zwischen Konstruktion/Entwicklung und Produktion ist meiner Ansicht nach enorm hilfreich, um bereits beim Entwickeln von Produkten möglichst frühzeitig produktionstechnische Aspekte in der Konstruktion zu berücksichtigen. Werden Produktionsprozesse ins Ausland verlagert, dann besteht diese enge Verknüpfung nicht mehr. Entsprechend anspruchsvoller ist es, in der Konstruktion Komponenten auf produktionstechnische Bedürfnisse hin zu optimieren.

Welche Rolle können Sie als Technologiepartner in den Themenbereichen Lean Management, Lean Manufacturing bis zu Industrie 4.0 einnehmen?

F. Wettstein: Lean Management und Industrie 4.0 sind Schlagwörter, die sich in den letzten Jahren sehr gut implementieren liessen und Vorteile bringen. Viele Industrie-Unternehmen setzen auf Lean-Prozesse, dem Ablauf bzw. der Organisationsoptimierung wird viel Beachtung geschenkt und es wird konsequent optimiert. Unser Fokus liegt auf dem Bereich Lean Manufacturing.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung.

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Wie werden die Fertigungsprozesse im Bereich des Lean Managements abgebildet?

F. Wettstein: Montage-Prozesse oder logistische Produktionsprozesse werden in der Regel im Rahmen von Lean Management abgedeckt. Aber der zerspanende Prozess als solches wird aussen vorgelassen und genau hier kommen wir zum Zuge. Wir realisieren tagtäglich bei unseren Kunden ganzheitliche Optimierungen, welche ihnen helfen, wirtschaftlicher bzw. schlank zu fertigen. Wir haben unsere Rolle in diesem zerspanungstechnischen Segment gefunden und bauen diese in den kommenden Jahren gezielt aus. Als Tochter der OSG-Gruppe haben wir heute Zugriff auf eine hochmoderne Anwendungstechnik am OSG-Standort in Deutschland inklusive Werkzeug-Prototypenentwicklung und nicht zuletzt einer Academy, wo wir Kunden und Mitarbeiter ausbilden können.

Welchen Nutzen können Sie als Schweizer OSG-Partner aus dieser Nähe zum OSG-Produktionswerk und Anwendungszentrum ziehen.

F. Wettstein: OSG gehört mit 7500 Mitarbeitern zu einem der grössten Werkzeughersteller weltweit. Technologisch versuchen wir uns weit vorne zu positionieren, wobei der Fokus im Bereich von Round­shank-Tools respektive Bohrungsbearbeitung und Gewinden liegt. OSG hat sich 2016 an Vischer & Bolli beteiligt, nicht zuletzt, um den Schweizer Markt gezielter zu bearbeiten und darüber hinaus von dem hoch technologisierten Standort zu profitieren. Seit dem 1. Dezember 2020 finden sich unter dem gemeinsamen Dach der OSG Germany Holding GmbH die Firmen OSG, Bass, OSG EX-Cell-O und Wexo Präzisionswerkzeuge. Das bringt uns als OSG-Tochter Vorteile, weil wir auch auf die Test- und Anwendungszentren Zugriff haben. Schnellere Reaktion auf Kundenwünsche, kürzere Lieferzeiten und wie schon erwähnt können wir Schulungen von Kunden und Mitarbeitern direkt im Werk realisieren. Ebenfalls können wir Versuchsaufbauten der Kunden im Anwendungszentrum nachbilden und so den Prozess im Vorfeld der Produktion analysieren und weiterentwickeln.

Wenn man sich das Produktspektrum vergegenwärtigt, das Vischer & Bolli vertreibt, dann liegt der Fokus auf Werkzeugen und Spannsystemen, die technologisch das obere Spektrum abbilden. Das ist doch kein Zufall?

F. Wettstein: Nein, wir möchten dem Kunden ganzheitliche Lösungen anbieten können, d. h. den kompletten Fertigungsprozess verbessern. Ein aktuelles Beispiel: Wenn wir z. B. Keramik oder Hartmetalle mit Werkzeugen aus dem Hause 6C-Tools bearbeiten, sind wir auf eine optimale Werkzeugspannung angewiesen. Hier haben wir mit Powrgrip von Rego-Fix eine perfekte Werkzeug-Spannlösung, die es seit Kurzem auch mit geschlossenen Spannzangen (PG-SC) gibt, sodass der Staub die Aufnahme nicht verschmutzen kann.

Wenn ein neuer Fräser mit besseren Schnittdaten entwickelt wird, so ist es meines Wissens noch Utopie, dass diese Schnittdaten direkt auf die CNC übertragen werden können. Ist so etwas zukünftig denkbar oder bleiben das manuell einzufahrende Prozesse?

F. Wettstein: Von Utopie würde ich heute nicht mehr sprechen. In gewissen CAM-Programmen werden aktuell schon diverse Schnittdaten bzw. Werkzeugdaten abgebildet und die Richtwerte werden schon heute immer genauer auf die Anwendung abgestimmt, d. h. an der Maschine muss je länger je weniger angepasst werden. Da die Entwicklungen auch in Richtung KI immer weitergehen, denke ich, wird sich in geraumer Zeit einiges bewegen. Unser Ziel ist es, so rasch als möglich auf diese Veränderungen zu reagieren.

Typische Themen bei Prozessoptimierungen sind, dass zum einen die Werkstück­spannung optimiert wird und zum zweiten Werkzeuglösungen inklusive Frässtrategien spezifisch auf das Bauteil zugeschnitten werden. Was bedeutet das für die Fertigungskompetenz, die sie inhouse abbilden müssen?

F. Wettstein: Es geht immer um den gesamten Zerspanungsprozess, dieser beginnt bei der Aufspannung über das Werkzeug, inkl. dessen Spannung, über die Kühlung bis hin zum Programm bzw. dem NC-Code. Dies intern abzubilden ist eine der grössten Herausforderungen zurzeit, denn hier können Sie nicht einfach teures Equipment kaufen und es läuft, Sie brauchen erfahrene Fachleute. Hierzu noch eine kurze Bemerkung: Sie können noch so lange Schulen besuchen, aber es reicht nicht. Aufbauend zum theoretischen Background, sind Erfahrungswerte aus der Praxis unabdingbar. Um dieses Wissen bei uns konsequent auszubauen, investieren wir seit über einem Jahr gezielt in unsere Anwendungstechnik. Aufgrund des zunehmenden Fachkräftemangels gehe ich davon aus, dass wir unsere Dienstleistung in diesem Sektor stark ausbauen können.

SMM

(ID:48267455)