Interview: Mario Macario, Managing Director Utilis AG Aus der Krise gestärkt hervorgehen

Redakteur: Matthias Böhm

Für den Managing Director Mario Macario der Utilis AG ist klar, dass der Werkplatz Schweiz auch den jüngsten Franken-Schock meistern werde. Denn der Werkplatz hat in den letzten drei Jahrzehnten einige sehr schwierige Situationen meistern müssen. Jedes Mal ist er gestärkt aus diesen Krisen herausgegangen. Als Unternehmer müsse man sich spezifisch an die neue Situation anpassen und seine Organisation und Produktion entsprechend optimieren.

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«Dabei mussten wir lernen, den Mut zu haben Altbewährtes loszulassen um die Hände frei zu bekommen um Neues anzupacken und aufzubauen.» Mario Macario, Managing Director Utilis AG
«Dabei mussten wir lernen, den Mut zu haben Altbewährtes loszulassen um die Hände frei zu bekommen um Neues anzupacken und aufzubauen.» Mario Macario, Managing Director Utilis AG
(Bild: M. Böhm)

SMM: Wo sehen Sie besondere Stärken des Werkplatzes Schweiz?

Mario Macario: Wenn wir die Entwicklung seit 1990 betrachten, so stellen wir fest, dass unser Werkplatz bereits dreimal schwierige Situationen überwunden hat, in denen die Aufwertung des Schweizer Frankens eine massgebliche Rolle gespielt hat: Eine erste heftige Anfang der 90er-Jahre, dann kam 2003 eine schwächere und die letzte starke vor drei Jahren. Alle diese Krisen konnten dank der Innovationskraft der Schweizer Unternehmen überwunden werden. Ein Grossteil der Firmen meisterte zudem erfolgreich die im Zuge dieser Krisen benötigten, harten Strukturanpassungen, wodurch diese sogar gestärkt aus diesen schwierigen wirtschaftlichen Situationen hervorgingen.

Sie agieren sowohl als Werkzeug-Händler als auch als Werkzeughersteller. Als Händler ist die Wechselkurssituation ja auf den ersten Blick durchaus positiv zu sehen, oder würden Sie mich da korrigieren?

M. Macario: Natürlich erscheint die Position als Werkzeughändler auf den ersten Blick als vorteilhaft und der Einkauf hat sich vergünstigt. Leider sind wir nicht im Konsumgütermarkt tätig und man darf nicht vergessen, dass wir ein Werkzeuglager in der Schweiz vorhalten müssen, um unsere Kunden innert 24 h, mit einer Lieferfähigkeit von über 95 % und zu sehr günstigen Transportkosten bedienen zu können. Die Durchschnittspreise dieser an Lager liegenden Produkte werden denn auch bedingt durch einen tieferen Lagerumschlag im Gegensatz zu Konsumgütern erst in einigen Monaten ein tieferes Niveau erreichen, um die von unseren Kunden erwarteten Preisabschläge zu gewähren. Als 100-jähriges Schweizer Unternehmen ist es für uns selbstverständlich, dass wir die Bemühungen unserer Kunden für die Aufrechterhaltung des Produktionsstandorts Schweiz unterstützen wollen. Wir haben uns daher entschieden, auf alle Handelsprodukte, welche wir aus dem Ausland in Fremdwährung einkaufen, ab dem 1. Februar 2015 einen Währungsrabatt zu gewähren.

Anders sieht es bei Ihren eigenen Werkzeuglinien aus, hier profitieren Ihre ausländischen Mitbewerber vom guten Wechselkurs. Auf welche unternehmerischen Aktivitäten setzen Sie, um die Gewinn-Marge wieder in die richtige Richtung zu bewegen?

M. Macario: Es sind die gleichen, wie es unsere Kunden in der Schweiz auch machen müssen, weil sie überleben wollen. Wir optimieren sämtliche Prozesse in der Fertigung und in der Organisation. Wir sparen Kosten bei «Nice to have»-Positionen und investieren dort, wo wir eine anhaltende Kosteneinsparung für die Zukunft erzielen können. Es ist auch die Zeit, um Projekte, welche man in den vergangenen Jahren vor sich hergeschoben hat, nun umzusetzen, weil die Risikobereitschaft für das Begehen neuer Wege gestiegen ist. Und das Wichtigste ist die Unterstützung unserer Mitarbeiter bei ihrer täglichen Arbeit mit ihren einfallsreichen Verbesserungsideen.

Utilis ist jedem Schweizer Fertigungsunternehmen bekannt als Werkzeugspezialist; dass Sie auch komplexe Dreh-, Fräs- und Schleifteile in den Toleranzklassen IT 3–IT 7 fertigen, ist weniger bekannt. Warum betätigen Sie sich in diesem Zuliefer-Feld?

M. Macario: Dieser Bereich hat sich in den letzten 100 Jahren von selbst ergeben. Seit die Utilis existiert, wurden wir laufend für die Herstellung von komplexen Bauteilen beauftragt, weil wir die dafür idealen Fertigungsmittel zur Verfügung haben. Dieser Bereich wird von uns nicht aktiv gefördert und hat einen schwindenden Anteil in unserem Leistungsspektrum.

Wie bekommt man die unterschiedlichen Geschäftsfelder Werkzeughandel, Werkzeugproduktion und Entwicklung und Fertigung von Präzisionsbauteilen unter einen Hut, ohne dass man eines der Geschäftsfelder vernachlässigt?

M. Macario: Es war die 90er-Krise, die uns aufgerüttelt hat. Damals schon wurden diese Leistungen erbracht. Nur wussten wir nicht, wo man wie viel verdiente. Wir führten eine Profitcenterrechnung mit monatlichen Abschlüssen ein und etablierten neben dem Jahresbudget auch den 3-Jahres-Plan. Es wurden Profitcenterverantwortliche aufgebaut. An den jährlichen Strategiesitzungen wurde die Stoss- und Marschrichtung breit abgestützt erarbeitet und umgesetzt. Zudem wurde eine offene Informationspolitik der Mitarbeiter eingeführt. Dabei mussten wir lernen, den Mut zu haben, Altbewährtes loszulassen, um die Hände frei zu bekommen, um Neues anzupacken und aufzubauen. Z. B. wurde die Lohnfertigung zurückgefahren und vermehrt auf den Aufbau von Multidec, Werkzeuge für Langdrehautomaten, fokussiert.

Ihre eigene Werkzeugproduktion ist relativ stark auf die Medizintechnik und Uhrenindustrie ausgerichtet. Wie entwickeln sich diese Märkte?

M. Macario: Wir gehen davon aus, dass die gesetzlichen Regulierungen immer grösser werden. Der Aufwand für die Produktzulassungen und die Kosten steigt stetig an. Diese Aufwendungen können KMU vermehrt nicht mehr tragen. Als Folge zeichnet sich jetzt schon ab, dass sich die grossen Medizinalunternehmen weltweit zusammenschliessen, so wie dies in der Pharmaindustrie zu beobachten ist. Der Bedarf an Medizinalteilen wird weiterhin hoch bleiben, solange die Menschheit wächst und älter wird. Die Uhrenindustrie hingegen ist für uns schwer einschätzbar, da sie sich mit ihren Produkten vermehrt in den Lifestyle-Sektor hineinbewegt.

Herr Macario, in einem Interview sagten Sie: «Für Innovationen seien anspruchsvolle Kunden die wichtigsten Impulsgeber.» Können Sie das näher erläutern, wie Sie das meinen?

M. Macario: Ganz einfach, weil sie uns mit Forderungen konfrontieren, die mit der heutigen Technik nicht oder nur zum Teil optimal gelöst werden können. Es ist jedes Mal eine grosse Befriedigung, wenn man die Problemstellung erfolgreich lösen konnte. Die Erkenntnisse davon fliessen automatisch in unser Fachwissen mit ein, was unsere Chancenmöglichkeiten für weitere Aufträge am Markt verbessert.

Ihre jüngste Entwicklung, das Multidec-Lube-System, führt das Kühlmittel direkt durch den Spannkeil an die Schneide. Was bringt das konkret dem Anwender?

M. Macario: Es ist eine Tatsache, dass eine zielgerichtete Kühlschmierung an den Schneidprozess Vorteile bringt. Die Oberflächen werden besser, die Spankontrolle ist einfacher und die Standzeit der Schneide erhöht sich. Dies haben die Anwender erkannt und in den letzten Jahren haben sich innengekühlte Werkzeuge etabliert. Sie haben aber den Nachteil, dass die Zuführung der Flüssigkeit über Schläuche und Rohre kompliziert ist und diese bei jedem Schneidenwechsel an- und abgebaut werden müssen. Mit dem Multidec-Lube haben wir eine Kühlmittelzuführung vom Klemmhalter in den Klemmkeil verschoben. Damit kann man weiterhin die günstigen Standardhalter nutzen und der Werkzeugwechsel ist schnell, genau und einfach geblieben wie zuvor, was unsere Kunden weltweit zu schätzen wissen.

Eines Ihrer Rennpferde sind die 12-schneidigen Gewindewirbler. Mehr Schneiden bedeutet mehr Produktivität, wissen das die Einkäufer von Ihren Werkzeugsystemen?

M. Macario: Wenn wir unsere Verkaufszahlen seit der Einführung im Jahr 2008 analysieren – so wissen sie es. Ein weiterer Gradmesser sind die verschiedenen Kopien unserer Marktbegleiter, ein deutliches Zeichen, dass wir damals den richtigen Weg eingeschlagen haben.

Die Medizin- und Uhrenindustrie ist in der Westschweiz lokalisiert, Utilis ist in der Ostschweiz, wie passt das zusammen?

M. Macario: Sehr gut. Wir haben damit die nötige Distanz, nicht von der Vergangenheit der herrschenden Herstellungsprozesse vereinnahmt zu werden. Diese «Unkenntnis» macht uns den Weg frei, neue Herstellprozesse vorzuschlagen und umzusetzen.

Welche Rolle spielt für Utilis das Ausland, welches sind die bedeutendsten Technologiefelder und Länder in die Sie liefern?

M. Macario: Wir sind weltweit in der Langdrehautomatenindustrie als einer der führenden Werkzeuganbieter anerkannt, da wir uns auf die Zerspanung von Klein- und Mikroteilen spezialisiert haben. Wir exportieren 60 % unserer Multidec-Werkzeuge nach Asien für die Computer- und Handyindustrie. In den USA und Europa hingegen werden sie mehrheitlich in der Medizinalindustrie verwendet.

Werden die Schweizer Unternehmen den Franken-Schock überwinden?

M. Macario: Natürlich, ich habe Vertrauen in die schweizerische Anpassungsfähigkeit.

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