Interview, Utilis AG «Besser sein als die Anderen»

Redakteur: Anne Richter

Im Jahr 2015 feiert die Utilis AG, Hersteller von Präzisionswerkzeugen aus Müllheim, ihr hundertjähriges Jubiläum. Im Interview mit dem SMM erklärt Geschäftsführer Mario Macario, wie Utilis die Herausforderungen eines Schweizer Exportunternehmens sieht und mit welchen Strategien das Unternehmen darauf reagiert.

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Lehrlingsausbildung: Bei 60 Mitarbeitern bildet Utilis acht Lehrlinge und damit eigene Fachkräfte aus.
Lehrlingsausbildung: Bei 60 Mitarbeitern bildet Utilis acht Lehrlinge und damit eigene Fachkräfte aus.
(Bild: Anne Richter, SMM)

SMM: Was macht den Werkplatz Schweiz aus Ihrer Sicht attraktiv?

Mario Macario: Das sind die Mitarbeiter. Ich reise sehr viel und sehe dadurch auch wie andere Länder funktionieren. Hier in der Schweiz haben die Mitarbeiter ein sehr hohes Fachwissen, sind sehr motiviert und hochproduktiv. Das sind die drei Komponenten, die uns in der Schweiz vom Ausland unterscheiden.

Aber die Löhne in der Schweiz sind selbst im europäischen Vergleich sehr hoch?

M. Macario: Das stimmt. Doch die Qualität kompensiert den vermeintlichen Nachteil. Mit ihrer Innovationskraft unterscheiden sich die Mitarbeiter in der Schweiz von denen im Ausland. Denn schlussendlich kann auf dem Weltmarkt nur überleben, wer innovativ ist und dem Kunden einen Mehrwert bietet.

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Was bedeutet das konkret?

M. Macario: Nur wenn wir etwas bieten, was andere nicht haben und dem Endkunden einen Vorteil bringt, gibt uns das Umsatz und Arbeit. Es reicht nicht, die gleiche Qualität wie andere zu liefern – dazu sind wir zu teuer. Wir müssen besser sein und das geht nur mit unseren Mitarbeitern.

Welche Rolle spielt dabei das duale Bildungssystem?

M. Macario: Das duale Bildungssystem ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor für uns als Firma, aber auch für den Werkplatz Schweiz. Bei 60 Mitarbeitern bilden wir immerhin acht Lehrlinge aus. Da wir selber ausbilden und unsere Mitarbeiter längerfristig binden, spüren wir den Fachkräftemangel beispielsweise auch nicht in dem Masse wie andere Unternehmen. Ausserdem hilft das duale Bildungssystem, Mitarbeiter zu finden, die schnell produktiv sind. In der Schweiz kann ich 20-jährigen Mitarbeitern Aufgaben mit Verantwortung übergeben. Im Gegensatz dazu müssen wir in unserer Tochtergesellschaft in Frankreich gleichaltrige Mitarbeiter, wenn sie die Schulausbildung mit Praktika erfolgreich abgeschlossen haben, intern intensiv weiterbilden.

Doch die Innovationskraft kommt nicht nur von den Mitarbeitern?

M. Macario: Schlussendlich kommen unsere Innovationen aus den Kundenanforderungen. Deswegen brauchen wir auch die sogenannten schwierigen Kunden. Das sind wichtige Kunden, die uns mit komplexen Anforderungen fordern und uns antreiben. Das sind meistens Marktführer oder Hidden Champions in ganz speziellen Bereichen.

Was macht genau die Innovation aus?

M. Macario: Wenn wir für diese Kunden eine Lösung gefunden haben, entstehen daraus neue Ideen und weitere Lösungen, die auch in anderen Bereichen angewendet werden können. Im ersten Moment bringt es zwar sehr viel Arbeit und es muss sehr viel Zeit investiert werden, aber alles Nachfolgende wird viel einfacher.

Können Sie ein Beispiel bringen?

M. Macario: Ein gutes Beispiel ist die Entwicklung des Gewindewirblers mit neun und zwölf Schneiden. Im Jahr 2008 ist ein Kunde auf uns zugekommen, der Knochenschrauben für einen Medizintechnikhersteller fertigt und damals mit der Produktion voll ausgelastet war und in Lieferverzug geriet. Vor allem das Gewindewirbeln war eine Engstelle; dafür wurde mit Abstand die längste Zeit gebraucht. Er hätte entweder eine grosse Summe in eine neue Maschine investieren müssen oder versuchen müssen, den Wirbelprozess effizienter zu machen. Mit dieser Aufgabe ist er zu uns gekommen. Daraus entwickelte sich die Idee mit der Verdopplung der Schneidenzahl. Der Wirbelprozess ist dadurch um ein Vielfaches schneller geworden und heute ist der Gewindewirbler eines unserer wichtigsten Produkte.

Es klingt eigentlich sehr logisch und einfach. Es stellt sich die Frage, warum da noch niemand vorher auf diese Idee gekommen ist.

M. Macario: Wir haben mit unserem Standort Müllheim ein Nachteil, der aber auch ein Vorteil sein kann. Unsere Kunden aus der Mikrotechnik, Uhrenindustrie und Medizintechnik sind mehrheitlich in der Westschweiz angesiedelt und da sind wir regional und auch mental nicht so nah dran. Der Vorteil ist, dass wir dadurch eine andere Perspektive haben. Wir machen nichts, weil etwas schon immer so gemacht wurde. Wir haben uns das Thema Langdrehen völlig neu erarbeitet und waren dadurch auch nicht vorbelastet und konnten unvoreingenommen an die Thematik herangehen.

Aus hiesiger Sicht mag die Westschweiz wohl nicht so nah sein, aber global betrachtet sind es quasi Nachbarn?

M. Macario: Das stimmt, in der Uhren- und in der Medizinalbranche haben wir die Weltmarktführer in der Schweiz. Das ist für uns ein klarer Standortvorteil, weltweit betrachtet.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, einen Standort ins Ausland zu verlagern?

M. Macario: Natürlich ist es interessant, in einem anderen Land zu produzieren. Aber wir sind der Meinung, wenn wir hier in der Schweiz zu demselben Preis produzieren können wie anderswo, dann werden wir hier auch produzieren. Und man muss immer auch die versteckten Kosten beachten, die Kosten für den Know-how-Transfer und die Aufbaukosten, welche die Mitarbeiter des Mutterhauses tragen müssen. Da kommt es schnell zu Fehleinschätzungen. Steht aber die Kundennähe und die damit verbundene Lieferzeit im Mittelpunkt, so kann die gezielte Produktion von strategisch wichtigen Produkten im Ausland sinnvoll sein. Aber das ist eine andere Sache.

Wie sehen Sie die gegenwärtige Entwicklung in der Medizintechnik?

M. Macario: Die Medizintechnik ist derzeit sehr im Umbruch. Es drängen immer mehr Unternehmen auf den Markt und das Angebot wird grösser. Und so muss sich jede Firma auch wieder neu positionieren. Da sehe ich in der Regel zwei Lösungsansätze, die übrigens auch auf andere Branchen zutreffen: Da sind auf der einen Seite die Sparer. Sparen bringt zwar kurzfristig Erfolg, führt aber längerfristig zu einem Investitionsstau und technologischem Rückstand. Die andere Möglichkeit führt über höhere Produktivität. Das ist mit Investitionen und damit auch mit Risiken verbunden. Aus meiner Sicht zeugt das von langfristigem Denken. Ohne Investitionen und moderne Produktionsmittel wird eine Firma nicht lange erfolgreich auf dem Markt sein.

Welche Rolle spielt hierbei Ihre Beziehung zu Lieferanten?

M. Macario: Wenn wir eine Lieferantenbeziehung aufbauen, dann grundsätzlich langfristig. Wir fordern unsere Partner stark, aber als Gegenleistung streben wir eine langfristige Beziehung an. Es hat keinen Sinn, wegen ein paar Franken laufend zu neuen Anbietern zu wechseln. Wir leben mit dem Netzwerkgedanken, wie er in der Schweiz und den Nachbarländern sehr ausgeprägt ist, wo man offen mit Partnern reden und sich austauschen kann und sich hilft und unterstützt.

Im nächsten Jahr begeht Utilis ihr Hundert-Jahr-Jubiläum. Was ist typisch für das Unternehmen?

M. Macario: Wenn man sich die Entwicklung der Utilis anschaut, kann man feststellen, dass sich Utilis immer angepasst hat und immer etwas Innovatives gemacht hat. So hat Utilis als Werkzeugfabrik angefangen, hat sich dann aber immer mehr in Richtung Werkzeughandel entwickelt. Bis Anfang der 90er Jahre funktionierte dieses Geschäftsmodell sehr gut. Doch die darauf folgende Krise war eine Zäsur. Wir mussten feststellen, dass wir sehr anfällig geworden waren und die Handelsprodukte unserer ausländischen Partner in der Schweiz immer weniger gefragt waren. So haben wir das verkümmerte Standbein Werkzeugfabrik, also eigene Werkzeuge herzustellen, wieder gestärkt. Und wir haben gelernt, dass wir mit eigenen Produkten zwar mehr Risiko tragen, aber schlussendlich viel flexibler auf die Bedürfnisse des Marktes eingehen und damit das Unternehmen selbständiger steuern können.

Vielen Dank für das Gespräch.

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