Blechbearbeitung: auf Wachstumskurs - Verwo Acquacut AG

Redakteur: Matthias Böhm

>> Die Verwo Acquacut AG zählt zu einem der erfolgreichsten Schweizer Blechverarbeitern. Setzen andere Unternehmen auf Outsourcing, macht Verwo Acquacut das Gegenteil: Prozessintegration und -beherrschung. Wie Geschäftsführer und Inhaber Bruno Vogelsang betont, bringt diese Strategie wesentliche Vorteile. Abgesehen davon, dass ein höherer Mehrwert generiert werden kann, sind die logistischen Aufwendungen geringer und die Lieferzeiten kürzer. Der wirtschaftliche Erfolg der Unternehmensgruppe zeigt: Die Strategie geht auf.

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Technologiekompetenz Laserschneiden: Der Laser zeichnet sich durch seine ausgezeichnete Flexibilität aus. Bei Verwo Acquacut werden per Laser Bleche der Dicken 0,1–25 mm bearbeitet. (Bild: Böhm)
Technologiekompetenz Laserschneiden: Der Laser zeichnet sich durch seine ausgezeichnete Flexibilität aus. Bei Verwo Acquacut werden per Laser Bleche der Dicken 0,1–25 mm bearbeitet. (Bild: Böhm)

Das Unternehmen Verwo Acquacut ist unter anderem dafür mitverantwortlich, dass die A-Post den Adressaten pünktlich erreicht. 16 000 Briefkästen lieferte das Unternehmen seit 2007 an die Schweizer Post. Ein wichtiger Auftrag im breiten Produktspektrum des Reichenburger Unternehmens.

Fertig lackiert und montiert, Fertigungstiefe 90 Prozent und natürlich pünktlich geliefert. Pro Woche verlassen 80 Swiss-made-Briefkästen die Werkshallen in Reichenburg. Die letzten Briefkästen des 16 000er-Auftrags standen während des Besuchs der SMM-Redaktion für ihren Versand parat.

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Komplettherstellung im Fokus

Für die Verwo Acquacut ist dies ein leichtes Unterfangen. Denn das Unternehmen ist auf Blechbearbeitung spezialisiert und verfügt darüber hinaus über ein breites Fertigungsspektrum, um ein Produkt, wenn immer möglich, komplett herzustellen. Auch die Briefkästen verlassen in «Postgelb» die Werkshallen, in Swiss-Quality.

Apropos Qualität: Bruno Vogelsang sagt dazu Folgendes: «Unter Schweizer Qualität verstehe ich, dass unsere Produkte mindestens so gut sind wie gefordert – wenn möglich besser. Generell ist die Hochwertigkeit ein Zeichen der Schweizer Industrie. Darüber hinaus sind Zuverlässigkeit und eine joviale Partnerschaft wichtige Attribute. In unserem Sektor haben wir mit den typischen Schweizer Stärken vor allem die östlichen Niedriglohnländer konkurrenziert und gewonnen. Unser Gesamtangebot hat überzeugt. Und nicht zuletzt ist auch unsere sprachliche Vielseitigkeit ein Standortvorteil.»

Breites Produktspektrum

Die Breite des Produktspektrums des Unternehmens lässt sich erahnen bei einem Blick in die Glasvitrinen im Foyer. Bleche von 0,1 mm bis über 10 cm Dicke zeigen auf, dass das Know-how sowohl in der Bearbeitung von feinsten als auch dicken Blechen liegt. Als B. Vogelsang ein y-förmiges, zirka 2 cm starkes Bauteil aus der Vitrine nimmt, erklärt er: «Das ist der Rohling eines Hüftgelenks. Wir schneiden solche Werkstücke per Wasserstrahlverfahren, anschliessend führen wir spezifische spanende Bearbeitungen durch.»

Das Unternehmen liefert Bauteile und schlüsselfertige Produkte aus Blech, die praktisch in alle Branchen gehen: von der Halbleiter-Industrie (z.B. Vakuumventile) über die Lebensmittelindustrie (Maschinen, um Lebensmittel zu bearbeiten), Maschinenindustrie (Energie, Turbomotoren) und Rollmaterial bis hinein in den Kommunalsektor. Gemeinsam ist allen Bauteilen und Produkten, dass sie eher zu den komplexeren Baugruppen zählen, oder hoch anspruchsvoll sind. B. Vogelsang: «Damit wir solche Produkte hier fertigen können, sind modernste Technologien mit hohem Automatisierungsgrad das A und O. Wir können heute automatisiert verschiedene Materialien schneiden: rostfreie Stähle, Aluminium, Kunststoffe, Titan usw., das alles mit einer hohen Prozesssicherheit. Sie ist letztlich das Wichtigste, wenn man automatisieren will.» Die Schneidtechnologien, auf die das Unternehmen setzt, sind Laserschneiden, Stanzen oder auch beides kombiniert sowie Wasserstrahlschneiden. Je nach Werkstück wird das optimale Verfahren gewählt. Laserschneiden ist sehr effektiv, aber Buntmetalle per Laser zu bearbeiten, ist nicht immer unproblematisch, weil sie zum Reflektieren neigen. Gleichwohl auf einer Anlage werden auch Buntmetalle gelasert. Insgesamt werden 700 verschiedene Materialien bearbeitet.

Wasserstrahlschneiden hat eine lange Tradition und eine relativ konstante Entwicklung durchgemacht, wie B. Vogelsang hervorhebt: «Bei uns kommt der Wasserstrahl zum Einsatz, wenn es mit dem Laser technisch nicht realisierbar ist. Das können unterschiedliche Gründe sein. Die Werkstücke, die wir im Wasserstrahlverfahren bearbeiten, bewegen sich in einem Dickenbereich von 0,1 bis 100 mm. Das zeigt unsere Vielseitigkeit. Wir haben aktuell vier Wasserstrahl-Maschinen, die im Schichtbetrieb laufen. Bei einer Anlage haben wir einen Wechseltisch integriert. Die neueste Anlage verfügt über ein 8 m grosses Maschinenbett und kann somit im Pendelbetrieb mit 4 Schneidköpfen effizient arbeiten.»

Möglichst hohe Wertschöpfung im Haus

Auf die Frage des SMM, welche Intention dahintersteckt, möglichst viele Fertigungsbereiche abzudecken, antwortet B. Vogelsang: «Wir sind ein Lohnfertiger der sowohl Einzelteile als auch ganze Baugruppen anbietet. Ich bin überzeugt, dass es richtig ist, möglichst viele Prozesse im Haus zu haben, sofern wir diese effektiv auslasten können. Das hat zum einen den Vorteil, dass wir unsere Durchlaufzeiten verkürzen können. Zum anderen verringert es den logistischen Aufwand. Ziel ist es, einen möglichst hohen Wertschöpfungsanteil im Haus zu generieren. Wir investieren konsequent in diese Strategie. Von der Konstruktion über die Schneidverfahren bis hin zu den Umformverfahren. Hinzu kommen alle Fügetechnologien und die komplette spanabhebende Bearbeitung. Entsprechende Oberflächenbehandlung oder Montage am Schluss.»

Apropos Fügetechnologien, auch hier wird auf Prozessoptimierung gesetzt: Zur Unterstützung der bestehenden zwei Schweissroboter wurde in einen weiteren investiert. Der Arcsystem 4400 von Motoman ist eine Kompaktanlage zum WIG-Schweissen mit zwei Dreh-Kipptischen. Die Anlage besteht aus einer Tetrix-352-AC/DC-Stromquelle und ist bestens geeignet für das Schweissen von Stahl, Chromstahl und Aluminium.

Aufträge ablehnen? Nein danke.

Generell muss man Aufträge nur sehr selten ablehnen. Hier zeigt sich der grosse Vorteil, wenn alle Prozesse vor Ort sind: Da praktisch alles inhouse gefertigt werden kann, kann relativ schnell der Liefertermin vereinbart werden. Ziehen die Aufträge an, wird in arbeitsintensiven Bereichen die dritte Schicht eingeführt, wenn möglich mannlos.

Damit die Produktionsstrategie aufgeht, wird weiter investiert, wie B. Vogelsang hervorhebt: «Die soeben neu installierte Flachbettlaseranlage von Trumpf leistet Schweizer Pionierarbeit. Es handelt sich um die schweizweit erste Anlage, welche nicht nur an das vollautomatische 400 Paletten grosse Blech-Hochregallager angeschlossen ist, sondern vollautomatisch mittels einem Roboter geschnittene Teile individuell palettisiert. Dadurch erlangt die Anlage einen noch nicht alltäglichen Automatisierungsgrad und ermöglicht mannlose Bearbeitung nachts und an Wochenenden.»

Zudem wird in eine neue Hämmerle-Abkantpresse und eine grössere Wasserstrahlschneidmaschine von Bystronic investiert. Schliesslich wird eine Ultraschallreinigungsanlage den Prozessablauf optimieren und die Teilereinigung von Werkstücken in den Dimensionen 1500 x 1000 x 1000 unterstützen.

Blechumformungs-Know-how

Bruno Vogelsang investiert nicht nur in Maschinen, wie bereits oben angedeutet, auch in Unternehmen, sofern sie in das Portfolio passen. Die letzte Investition wurde in das 30-Mitarbeiter starke Unternehmen Wegmann.ch AG, – ein Spezialist im Metalldrücken und Tiefziehen – getätigt. Hier werden zum Teil hochspezifische Legierungen in den genannten Verfahren in ihre endgültig Form gebracht: Die Nase der Ariane-Rakete wurde von der Wegmann.ch AG im Metalldrückverfahren gefertigt, als sie noch aus einer Leichtmetalllegierung bestand. Die metallurgischen Eigenschaften der Werkstücke, die im Metalldrückverfahren hergestellt werden, sind wegen des perfekten Faserverlaufs herausragend. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat die Holding von B. Vogelsang das Unternehmen Wegmann.ch übernommen.

Hier können durch stufenweises Umformen alle gängigen Materialqualitäten und Legierungen bearbeitet werden. Je nach Umformungsgrad und Durchmesser sind Materialstärken bis 20 mm und ein Durchmesserbereich bis maximal 3700 mm verformbar. Durch die über die Jahrzehnte erworbenen Kompetenzen im Umgang mit Werkstoffen und deren Umformeigenschaften wird für jedes Werkstück individuell die Umformtechnik ausgewählt und angewendet, die sich am besten eignet.

Investition in Fräszentrum

Eine Mechanik-Abteilung ergänzt die Produktion. Durch Drehen, Fräsen und Bohren werden die Drück- und Ziehteile betreffend Randzonen, Lagersitzen oder Dichtflächen komplettiert und optimiert, sodass letztendlich Hightech-Bauteile aus einer Hand geliefert werden können. In Spreitenbach wird die dynamische Strategie des Jungunternehmers B. Vogelsang offensichtlich: Die Investition in ein grosses DMG-Bearbeitungszentrum mit integriertem Drehtisch – wichtig für den hier benötigten Formenbau – ist bereits gesprochen und wird im September 2011 in Betrieb genommen.

Die Investition in die Wegmann.ch schliesst die Prozesskette der Verwo group AG. «Die Metalldrückteile mussten bisher immer hinzugekauft werden. Jetzt können wir sie mit eigenem Know-how fertigen. Den Nutzen sieht Bruno Vogelsang wie folgt: «Der Preis muss am Ende stimmen. Dafür müssen wir effizient produzieren. Die Nachteile, die wir durch die teuren Schweizer Randbedingungen haben, wie hohe Löhne und Bodenpreise, müssen wir wettmachen, indem wir die Prozesse sinnvoll integrieren und die Produktion stetig optimieren.» <<

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