Josua Burkart, Managing Director der hpo forcasting AG zur Zukunft des Werkplatz Schweiz Die Gretchenfrage: Wann geht's wieder aufwärts?

Redakteur: Matthias Böhm

Die Schweizer Industrie sollte sich in den kommenden Monaten auf einen Konjunkturaufschwung vorbereiten. Es wird wieder investiert werden. Josua Burkart, Managing Director der hpo forcasting AG zeigt die Gründe für die Erholung auf und erklärt aber, warum die Schweizer Industrie nach dem Aufschwung wieder ein länger andauerndes «Höhentraining» absolvieren muss . Denn nach dem kurzfristigen Aufschwung wird es für die Schweizer Industrie eine längere Durststrecke geben.

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Die Realwirtschaft wird im hpo-Modell als ein schwingendes System mit nichtlinearen Zusammenhängen beschrieben.
Die Realwirtschaft wird im hpo-Modell als ein schwingendes System mit nichtlinearen Zusammenhängen beschrieben.
(Bild: Thomas Entzeroth)

Nach welchen Kriterien entwickeln Sie ihre Prognosen für die Industrie?

Josua Burkart: Peter Meier, ehemaliger Starrag-CEO und Gründer der Vorgängerfirma von hpo forecasting, versuchte die starke Volatilität der Investitionsgüterindustrie besser zu verstehen und zu prognostizieren. Die Realwirtschaft beschreibt er als ein schwingendes System mit nichtlinearen Zusammenhängen. Er konnte anhand empirisch ermittelter Werte nachweisen, dass vereinfacht gesagt die Investitionsgüternachfrage der ersten Ableitung der Konsumgüternachfrage entspricht. Mit diesem rudimentären Modell ist es bereits möglich, die Nachfrage nach Investitionsgütern mit einem vorlaufenden Indikator von zirka neun Monaten zu prognostizieren. Das ist schon mal deutlich mehr als man das mit dem PMI (Konjunkturindikator, Purchasing Manager Index) hinbekommt.

Es gibt ja Branchen, die im Konjunkturzyklus dem Maschinenbau vorauseilen.

J. Burkart: Ja, das ist richtig. Sowohl die Halbleiterindustrie als auch die Textilmaschinenindustrie sind frühzyklisch. Wenn man wissen will, wie der Maschinenbau sich entwickelt, dann schaut man sich die Textilmaschinenindustrie an, dann erhält man gute Hinweise darauf wie sich in einigen Quartalen der allgemeine Maschinenbau entwickelt. Ein Blick auf die Halbleiterindustrie ist ebenfalls ein guter Indikator.

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Wie lässt sich der Prognosezeitraum erweitern?

J. Burkart: Peter Meier entwickelte ein Simulationsmodell mittels realwirtschaftlicher Indikatoren, welches von hpo forecasting exklusiv genutzt wird. Dadurch ist es möglich, 18 Monate-Prognosen für die Investitionsgüterindustrie abzuleiten. Peter Meier und heute hpo erstellt mit diesem Modell seit den 90er Jahren für Swissmem und Industrieunternehmen im In- und Ausland Prognosen. Sie waren aus der heutigen retrospektiven Sicht sehr treffsicher.

Können Sie die Zyklen kurz erläutern?

J. Burkart: Der Konsumzyklus ist der langfristige Taktgeber des Industriezyklus. Der Konsumgüterzyklus dauert etwa 7 bis 12 Jahre. Der Industriegüterzyklus schwingt um den Konsumzyklus, aber mit kürzerer Periodenlänge. Immer wenn der Konsumzyklus in den letzten 50 Jahren seinen Höhepunkt überschritten hatte, erreichte auch der Industriezyklus seinen Höhepunkt und danach folgt jeweils eine grosse Konjunkturkrise.

Thema MEM-Exporte. Die Schweiz hat gegenüber Deutschland und Österreich erheblich verloren. Welche Gründe sehen Sie?

J. Burkart: Das ist aus unserer Sicht relativ eindeutig mit dem Wechselkurs zu erklären. Der CHF/Euro-Wechselkurs war vor der grossen Finanzkrise 2008 noch bei 1.60, während des Höhepunktes der Schuldenkrise hatten wir kurzzeitig sogar Währungs-Parität. Die Schweizer Industrie hat relativ stark gelitten unter dem Frankenschock. Vor der Finanzkrise haben sich sowohl Deutschland als auch die Schweizer MEM-Industrie nahezu im Gleichklang hervorragend entwickelt. Nach der Finanzkrise ist Deutschland der Schweiz davongezogen. Wenn man sich dazu die Wechselkurse anschaut, dann lässt sich hier ein umgekehrt proportionaler Zusammenhang eindeutig erkennen. Viele Schweizer Unternehmen haben zudem ihre Produktion oder einen Teil davon ins Ausland verlagert, um kostengünstiger zu fertigen.

Und Deutschland hat vom Euro profitiert?

J. Burkart: Der Euro ist angesichts der starken deutschen Wirtschaft zu schwach, was sich als Vorteil für die deutschen exportorientierten Industrieunternehmen erwiesen hat. In den Jahren vor der Euro-Einführung erstarkte die D-Mark immer auch mit einer positiven Entwicklung der Wirtschaft und auch Industrie, die D-Mark war ein währungstechnischer Regulierungsfaktor der Industrieexporte.

Zurück zur wirtschaftlichen Lage, wie würden sie die aktuelle Lage der MEM Industrie beurteilen? Erwarten Sie nach der Coronakrise einen Aufschwung?

J. Burkart: Einen so starken Auftragsrückgang innerhalb eines einzigen Quartals wie im zweiten Quartal von 2020 hat es in der Vergangenheit so noch nicht gegeben. Die Reaktion in Form von Unterschwingung war dermassen heftig, dass wir in diesen Monaten eine Überschwingung erwarten in die positive Richtung. Das wird aber nur kurzfristig sein, mit einer anschliessenden Durststrecke.

Was heisst das?

J. Burkart: In den kommenden Jahren wird sich die Schweizer Industrie gemäss unserem Modell unterhalb des Vor-Krisen-Niveaus von 2018 bewegen.

Wie erklären Sie sich die heftige Unterschwingung im ersten Quartal 2020?

J. Burkart: Das erste Quartal 2020 war eine Art wirtschaftliche Sturmflut, es haben sich zwei Szenarien überlagert. Zum einen der Konjunkturrückgang in der Industrie der bereits 2019 stark spürbar war und wir mit unserem Modell gut erklären können. Zusätzlich kam die Corona-bedingte Krise 2020 hinzu, die den Rückgang bedeutend verstärkte. Dieser zweite Faktor führte dazu, dass der Abschwung bedeutend heftiger ausfiel als erwartet und es ein Unterschwingen gab. Im April 2020 war eine enorme Investitionszurückhaltung zu verzeichnen. Diese Unterschwingung wird aller Voraussicht nach noch in diesem Jahr mit einem Überschwingen ausgeglichen. Das heisst wir erwarten kurzfristig starke Wachstumsquoten, die Anfänge davon sehen wir bereits in den Ist-Zahlen. Das wird aber eher ein Strohfeuer sein. Gleichwohl sollten sich die Unternehmen entsprechend positionieren, wenn der Auftragsschub demnächst kommen sollte.

Letztlich bedarf es einer enormen Produktions-Flexibilität, wenn ich das richtig interpretiere?

J. Burkart: Absolut, wenn in den kommenden Monaten entsprechende Industrie-Aufträge eingehen, müssen die Unternehmen entsprechend darauf vorbereitet sein. Die Kurzarbeit ist sicher eine gute Massnahme, damit man auf genügend Personal zurückgreifen kann für ein solches Szenario. Allerdings muss auch die gesamte Logistikkette inklusive der Zulieferanten diesem Szenario gewachsen sein.

Zurück zum Konsumgüterindikator, an dem ja die Industrie gekoppelt ist. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

J. Burkart: Im Vergleich zu 2020 werden wir im Konsumbereich aufgrund des Basis-Effekts gute Wachstumsquoten verzeichnen. Danach erwarten wir aber für einige Zeit tiefe Wachstumsquoten.

Konsumgüter gehen mal 10 oder 15 Prozent zurück. Warum trifft es die WZM-Branche mit Rückgängen bis zu 60 Prozenten?

J. Burkart: Das lässt sich mit dem Akzelerationsprinzip erklären. Investitionsgüter trifft es immer stärker. Ein Beispiel: Ein Textilhersteller produziert T-Shirts und benutzt dafür zehn Maschinen. Eine Maschine läuft 10 Jahre. Nach 10 Jahren fällt eine Maschine aus, er braucht eine Ersatzinvestition. Wenn die Nachfrage um 10% wächst braucht er zwei zusätzliche Maschinen, eine Ersatzinvestition und eine Neu-Investition, um die steigende Nachfrage zu decken. Dann schlägt die Kurve der Textilmaschineninvestition stärker nach oben als der T-Shirt-Konsum. Wenn die Nachfrage nach T-Shirts um 10 % sinkt, wird der Textilhersteller wegen der geringeren Umsätze weder in die Ersatzmaschine investieren noch wird er eine Neuinvestition realisieren. Dann sinkt die Nachfrage nach Textilmaschinen massiv.

Und bei den Werkzeugmaschinen?

J. Burkart: Die Werkzeugmaschinen stehen am Anfang jeglicher Produktion. Sie haben einen ganz besonderen Stellenwert im Bereich der Investitionsgüter. Sie sind eine der volatilsten Branchen überhaupt. Auf Werkzeugmaschinen werden auch Bauteile für andere Investitionsgüter gefertigt. Wenn im Automobilsektor eine 10-prozentige Nachfragedelle entsteht, dann kann sich das auf einen WZM-Hersteller, der zu 100 Prozent auf die Automobilindustrie ausgerichtet ist, mit 30 bis 70 Prozent Umsatzrückgang auswirken. Wenn die Nachfrage nach Autos wieder anzieht, geht das in die andere Richtung los und der WZM-Hersteller muss seine Produktion voll hoch Fahren.

Welche Rolle spielen zukünftige Megatrends, wie Energiewandel, Elektromobilität, Medizintechnik usw.

J. Burkart: Es gibt immer gewisse Branchen, die von Megatrends profitieren. Hier ist zum einen die Halbleiterindustrie und zum anderen die Medizintechnik zu nennen. Diese Branchen werden sich überproportional entwickeln. Insofern wäre es strategisch nicht unklug, sich als Zulieferant für solche wachsenden Branchen hin zu entwickeln. Die Werkzeugmaschinenbranche ist stark unter Druck und wird unter Druck bleiben. Die Abhängigkeit von der Automobilindustrie dieser Branche ist gross.

Thema Elektromobilität, wie schätzen Sie deren Entwicklung auf die MEM-Industrie ein?

J. Burkart: Generell ist eine Verunsicherung in der Automobilindustrie bezüglich der zukünftigen Marschrichtung zu verorten. In welche Bereiche soll investiert werden: Hybrid, Wasserstoff-Brennstoffzelle, Wasserstoff-Verbrennungsmotor, 100%-Elektro. Auch spielen hier politische Entscheide mit, die noch dazu nicht im eigenen Land entschieden werden. Das wird für die kommenden Jahre eine hoch spannende Entwicklung werden für die Automobilindustrie und deren Zulieferanten. Was sich relativ klar abzeichnet: Der Verbrennungsmotor wird Anteile verlieren. Flexibilität wird sicher oberstes Gebot sein.

Was heisst das für die Schweiz?

J. Burkart: Prof. Anja Schulze (UNI Zürich) hat eine Studie hierzu veröffentlicht. Sie besagt, dass in der Schweiz 574 Zulieferbetriebe mit 34000 Mitarbeitern für die Automobilindustrie arbeiten und einen Umsatz von 12 Mrd. CHF erwirtschaften. Das ist ein gewisser Faktor. Auch muss man differenzieren, was geht konkret in den Motorenbau und dessen Peripherie. Aber generell ist zu konstatieren, dass die Schweiz weniger stark von der Automobilindustrie abhängig ist als Deutschland.

Das heisst?

J. Burkart: Das ist im aktuellen Umfeld von Vorteil. Die Schweiz ist sehr breit aufgestellt. Die Uhrenindustrie, die Medizinaltechnik, Energiewirtschaft und dann gibt es unzählige Unternehmen, die sich in Nischenbereichen etabliert haben, eine der besonderen Stärken der Schweizer Industrie. Die Schweizer Industrie ist sozusagen hochgradig diversifiziert. Das ist ein Vorteil, wenn Branchen wie der Automobilsektor sich im Wandel befinden und die Industrie nicht in einem spezifischen Bereich als Zulieferer agiert, der über die nächsten Jahre wegbrechen kann.

Welche Auswirkungen wird das auf die Schweizer Industrie haben?

J. Burkart: Es wird zu Verschiebungen kommen. Unternehmen die stark am Verbrennungsmotoren hängen werden verlieren. Unternehmen, die in die Elektro Mobilität liefern werden gewinnen. Ein schönes Beispiel ist ein Spindelhersteller im WZM-Bereich. Das Unternehmen hat eine Tochterfirma gegründet, baut neu Kompressoren für Brennstoffzellen und kann dabei voll auf seine etablierte technologische Kernkompetenz zurückgreifen. Das Unternehmen positionieren sich geschickt in einem potenziellen Zukunftsfeld.

Wo liegt der Erfolg der Schweizer Uhrenindustrie begründet? Die setzen nach wie vor auf mechanische Uhrwerke und lassen die Finger von elektronischen Uhrwerken.

J. Burkart: Die Schweizer Uhren haben sich einen hervorragenden Ruf im Bereich des Luxussegments geschaffen. Stichworte sind in diesem Zusammenhang Emotionen und Statussymbole. Eine solche Positionierung muss man sich erst einmal erarbeiten. Hier spielen Präzision, Qualität, Langlebigkeit und nicht zuletzt Markenbildung eine wesentliche Rolle. Bisher haben Schweizer Luxusuhren keine nennenswerte Konkurrenz. Die Schweiz verfügt über ein einzigartiges Cluster, das auf diesem Qualitätsniveau nicht kopierbar ist. Ich glaube nicht, dass digitale Uhren die mechanischen Schweizer Uhren verdrängen werden im Luxussegment, da eine Smart Watch nach wenigen Jahren veraltet ist und damit als langlebiges Statussymbol weniger geeignet ist.

Zum Schluss nochmals zurück in Richtung Prognose. In welchem Bereich des Konsumgüterzyklus befinden wir uns?

J. Burkart: Wir stehen gemäss unserer Einschätzung eher noch am Anfang. Wir hatten noch bis Q1-2020 einen sehr starken Konsum. Seitdem ist er gesunken, aufgrund von COVID-19 gab es ein Unterschwingen, dem ein Überschwingen folgen wird, gefolgt von einer eher schwachen Dynamik.

Ab wann geht’s in der Industrie wieder aufwärts?

J. Burkart: Es wird sehr schnell innerhalb der kommenden Monate relativ stark investiert werden. Dann wird sich das Investitionsvolumen reduzieren, um sich mittelfristig auf einem relativ tiefen Niveau zu stabilisieren. Bis wir wieder das sehr gute Vorkrisenniveau von 2018 nachhaltig erreichen wird es gemäss unserer Modellrechnung für viele Industriezweige 4-5 Jahre dauern. Einzelne Segmente oder Unternehmen können davon aber stark abweichen.

Das sieht für die Industrie nach einer Ärmelkanalüberquerung mit Bleiweste aus.

J. Burkart: Leicht werden die kommenden Jahre nicht. Im Prinzip müssen die Unternehmen sich fit machen, das heisst in Innovationen investieren. Kunden die in der Krise neue Maschinen kaufen, haben Zeit zu evaluieren und möchten sich mit der Investition einen komparativen Vorteil gegenüber der Konkurrenz verschaffen, deshalb ist es gerade in Krisen besonders wichtig, mit Innovationen auf den Markt zu kommen. Unternehmen, die sich in der Krise neu aufstellen und in innovative Produkte investieren, sich für Märkte mit Zukunftspotential positionieren haben gute Chancen als Gewinner aus der Krise gehen.

Das ist ja eine der Stärken der Schweizer Unternehmen.

J. Burkart: Ganz richtig, in Deutschland profitierten die Industrieunternehmen viele Jahre von einem relativ schwachen Euro, zugleich boomte die für unser Nachbarland sehr wichtige Automobilindustrie lange. Die Schweizer Firmen hatten diesen Vorteil einer schwachen Währung nicht. Sie mussten sich ständig neu erfinden, ihre Produktion optimieren, neue Geschäftsbereiche aufbauen usw. Genau das ist es, was die Schweizer MEM-Industrie so stark macht: die kontinuierliche Veränderung unter sehr schwierigen Bedingungen. Das Schwimmtraining mit Bleiweste ist eine gute Metapher. Auf den Laufsport runtergebrochen bedeutet das, die Schweizer Industrie macht seit Jahren eine Art Höhentraining, wenn dann wieder einigermassen normale Verhältnisse herrschen, laufen wir ganz vorne mit.

SMM

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