Einer der grossen Werkzeugmaschinen-CEO's übergibt den Staffelstab

Dr. F. Brinken: «Standort Schweiz ist ausgezeichnet»

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Lässt sich die hohe Produktivität begründen?

Dr. F. Brinken: Da gibt es mehrere Aspekte. Zum einen haben wir gute Facharbeiter, die solche komplexe Maschinen bedienen können, die eine hohe Produktivität generieren. Das ist ausserordentlich wichtig. Zweitens haben wir sehr gut ausgebildete Ingenieure, die komplexe Industrie-Produktionen planen und umsetzen können. Drittens sind die meisten europäischen Unternehmen kapitalstark und können in moderne Produktionsmittel investieren.

Apropos Benchmark: Sie selbst produzieren am Werkplatz Schweiz, in Deutschland und in Indien. Wie schätzen Sie die Effizienz am Standort Schweiz ein.

Dr. F. Brinken: Zwischen Schweiz und Deutschland gibt es heute keinen Unterschied mehr. Ich denke sogar, dass der Effizienzdruck in Deutschland aufgrund der Flächentarifverträge und der hohen Lohnnebenkosten höher ist als bei uns hier. Aussereuropäisch können wir nur die Schweiz mit Indien vergleichen. Es macht mir grosse Freude anzusehen, wie stolz die dortigen Kollegen gute Ideen, die sie bei Besuchen in unseren hiesigen Werken sehen, aufgreifen und mit rasantem Tempo in Bangalore implementieren, viel rascher als bei uns. Auch bei den kontinuierlichen Verbesserungsprozessen 5S, Kaizen und beim SPS (starrag production system ) sind sie mit Eifer dabei.

Stichwort Asien, Michael Hauser (CEO, Tornos SA) sagte kürzlich in einem SMM-Interview, es gäbe in China eine Art «Europäisierung der Fertigungsindustrie». Dass heisst, dass dort immer komplexere Maschinen Einsatz fänden. Stellen Sie das auch fest?

Dr. F. Brinken: Ja, aber China ist enorm vielschichtig. Dort ist alles anzutreffen. Zum einen agieren dort die staatlichen Unternehmen. Wenn die sagen, wir benötigen ein Schweizer Lehrenbohrwerk, dann wird – wie in unserem Fall – ein SIP-Hochpräzisions-BAZ in den Plan eingespeist und bestellt. Dann gibt es die chinesischen Entrepreneure, die den europäischen Vorbildern nacheifern. Die wollen genau so produzieren wie wir und setzen da auf moderne Fertigungstechnik und schlanke Prozesse. Im Gegensatz dazu gab es die amerikanischen Unternehmen, die in China für den chinesischen Markt produzieren wollten. Die transferierten ein paar alte abgeschriebene Maschinen nach China und meinten, nur durch tiefere Lohnkosten weiter so produzieren zu können wie wir vor 30–40 Jahren. Die sitzen auf dem absteigenden Ast, da die lokalen chinesischen Konkurrenten sie heute in allen Belangen mit moderneren Maschinen schlagen.

Je anspruchsvoller die zu fertigenden Werkstücke und je kleiner die Losgrössen, umso anspruchsvoller ist die Automation. Welchen Trend sehen Sie hier und gibt es bei solchen Produktionen Vorteile für Länder mit gut ausgebildetem Personal?

Dr. F. Brinken: Klar, die Automation moderner WZM sichert die Konkurrenzfähigkeit des Werkplatzes Europa. Das haben noch nicht alle Betriebswirtschaftler erkannt. Vor allem amerikanische MBAs glauben noch an das Rezept: alte abgeschriebene Maschine, tiefe Löhne, Fertigung in den Pampas = wirtschaftlicher Erfolg. Sie blenden Fehlerkosten, Nacharbeit und die Komplexitätskosten einer langen Supply Chain komplett aus. Für die Fertigung geringer Losgrössen geht das sicher nicht. Und auch in der Serienfertigung müssen sie heute in China, Indien und USA genauso effizient sein wie im Aargau oder in Baden-Württemberg.

Wenn Sie die heutigen Fertigungsprozesse denjenigen vor zehn Jahren gegenüberstellen, um wie viel Prozent ist die Produktion effizienter geworden?

Dr. F. Brinken: Das ist ganz schwer zu sagen, denn Sie vergleichen Äpfel mit Birnen. Ich müsste annehmen, ich produziere das gleiche Produkt wie vor zehn Jahren. Aber wenn ich einen Fahrzeugmotor nehme, dann kann ich das gar nicht mehr sagen. Denn vor zehn Jahren wurden die Passungen längst nicht derart eng toleriert wie heute. Das heisst wir haben eine enorme Steigerung der Anforderungen an die Präzision unserer Fertigungssysteme. Sie müssen heute nicht nur schneller fertigen, sondern auch genauer.

Gibt es keine Anhaltswerte?

Dr. F. Brinken: Die Automobilindustrie fordert und bringt eine Produktivitätssteigerung zwischen drei und fünf Prozent pro Jahr. Das ist gar kein schlechter Benchmark.

Sie sind ja im Titanzerspanen relativ stark. Vor sechs Jahren lag Ihre Bestmarke bei 0,5 l/min Zeitspanvolumen. Wo stehen Sie heute?

Dr. F. Brinken: Nun wir, das heisst unsere Kunden, sind heute unter realen Produktionsbedingungen bei Ti 6-4 sicher über 0,7 l/min im Dreischichtbetrieb. Unser grosser 2-spindliger Titanprofiler schafft somit 1,5 l/min, also eine Magnumflasche. Bei TI 5553 erreichen wir zirka 0,4 l/min. Unsere neue Getriebespindeltechnologie, Fortschritte, die wir in enger Entwicklungszusammenarbeit mit führenden WZ-Herstellern erzielt haben, haben dazu beigetragen, dass diese Werte prozesssicher erreicht werden. Der nächste Schritt wird dann durch unsere auf der EMO ausgezeichnete Innovation, durch den «Cryo-Kühlungsprozess» erreicht werden.

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