Drei Firmen, drei Länder, drei Strategien

| Redakteur: Matthias Böhm

Mr. Big: Der Big Titanium Profiler (BTP) 5000 entstand zum Bearbeiten von bis zu fünf Meter langen Strukturteilen aus Titan für die Luftfahrtindustrie. (Bild: Starrag Heckert, Rorschacherberg)
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Mr. Big: Der Big Titanium Profiler (BTP) 5000 entstand zum Bearbeiten von bis zu fünf Meter langen Strukturteilen aus Titan für die Luftfahrtindustrie. (Bild: Starrag Heckert, Rorschacherberg)

>> Der erste übernimmt eine Traditionsmarke, der zweite gewinnt Technologiepreise, der dritte setzt auf steigende Qualitätsansprüche in Schwellenländern: Über ihre Strategien in Sachen Krisenbewältigung und Globalisierung berichten drei namhafte Werkzeugmaschinen-Hersteller aus der Schweiz, Japan und Deutschland: Starrag Heckert, Okuma und Index.

Die letzte schwere Krise wirkte sich für die Index-Werke GmbH & Co. KG (in der Schweiz durch Springmann AG/SA vertreten) in Esslingen durchgehend über alle Märkte und Branchen aus. «Massgebend war dabei – sowohl im Ab- wie auch im Aufschwung – die Automobilindustrie», sagt Reiner Hammerl, Geschäftsführung Vertrieb. «Wir haben mit Sparmassnahmen und Kurzarbeit auf den Geschäftsrückgang reagiert.»

Index habe allerdings in geringerem Mass Entwicklung und Dienstleistungsbereich zurückgefahren. Nur so konnte das Unternehmen nach eigenen Angaben sicherstellen, bereits während der Krise wie auch im Rahmen der bevorstehenden EMO Hannover 2011 neue Produkte und Dienstleistungen vorstellen zu können. Hammerl: «Wir freuen uns auf die EMO, in deren Rahmen wir wieder neue Maschinen der Marken Index und Traub präsentieren werden.»

Antriebsquartett mit zwei mal zwei Spindeln

Zu den Innovationen zählen beispielsweise: das Dreh-Fräszentrum Index R200, mit seinen beiden kräftigen Motor-Frässpindeln und zwei verfahrbaren Arbeitsspindeln zerspant es laut Hersteller auch in 5-Achs-Bearbeitung «äusserst produktiv und flexibel in zwei unabhängigen Teilsystemen». Bei der Index MS40C handelt es sich um einen Mehrspindeldrehautomat zum Bearbeiten von Stangen- und Futterteilen, der sich mit bis zu zwölf CNC-Kreuzschlitten, Y-Achsen, Synchronspindeln und weiteren Optionen individuell erweitern lässt.

Highlight des Traub-TNL18-Langdrehautomaten ist nach Firmenangaben der neu konstruierte Werkzeugträger: Seine Drehbewegung wird als NC-Rundachse ohne mechanische Verriegelung ausgeführt und erlaubt die freie Winkelpositionierung der Revolver.

Die Werkzeugmaschinen aus Esslingen kommen in vielen Bereichen der Automobilzuliefer-Industrie zum Einsatz. Weitere wichtige Branchen sind Maschinenbau, Armaturen- und Fluidtechnik, Elektrotechnik, Luft- und Raumfahrttechnik sowie Feinwerk- und Medizintechnik.

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Die Unternehmen im Kurzprofil

Das internationale Geschäft spielt eine wichtige Rolle: Brasilien ist für Index traditionell ein bedeutender Markt, in dem die Esslinger auch mit einem eigenen Produktionswerk vertreten sind.

Positiv: China und Indien

Die Märkte China und Indien entwickeln sich laut Geschäftsleitung sehr positiv. «Unsere Maschinen liefern wir dort in die gleichen Branchen wie in Europa», betont Hammerl.

«Aufgrund der steigenden Qualitätsanforderungen in den Schwellenländern sehen wir unseren Absatzchancen in der Zukunft optimistisch entgegen.» Beim Aufbau neuer Märkte sieht er als wichtig an, Maschinen in der jeweiligen Landessprache zu dokumentieren (Bedienoberflächen, Betriebsanleitungen) und ein besonderes Augenmerk auf die intensive Schulung und Unterstützung der Anwender zu legen.

Preise für neue Technologien

Während viele unter Krise vor allem den mittlerweile extremen, aber bereits überwundenen Geschäftsrückgang nach dem Banken-Desaster verstehen, ist der Begriff für Japaner aktuell. «Bislang stellen wir keine Auswirkungen der Japan-Krise auf unser Geschäft in Europa fest», erklärt Max Pieper, Vice-President der Okuma Europe GmbH in Krefeld (in der Schweiz durch Suvema vertreten). «Unsere Fertigungswerke in Japan – südlich von Nagoya – sind voll funktionstüchtig.»

Das Unternehmen konnte daher in Ruhe neue Ideen entwickeln. Okuma setzt dabei auf Exklusivität. «Unsere ‹Only-One Technology› hebt sich von Wettbewerbern entscheidend ab», sagt der Vice-President. Die Rede ist von Verfahren wie «Machining Navi», «Thermo-Friendly Concept» und «Collision Avoidance System», die thermische Deformation, Kollisionen und Vibrationen in Maschinen verhindern. Pieper: «Wir haben diese Technologien erstmalig am Markt eingeführt und konnten damit diverse Preise gewinnen.» Als ein Highlight bei den Anwendungen bezeichnet er die Komplettbearbeitung von Kegelräderwellen mit Spiralverzahnung auf Multus-B750-Multitasking-Maschinen.

Okumas globale Märkte gliedern sich in vier Hauptregionen: Japan, Amerika, Europa und Asien-Pazifik. Das Unternehmen liefert vorwiegend in die Branchen: Fahrzeug- und Nutzfahrzeugbau, Landwirtschafts- und Strassenbaumaschinen, Luftfahrtindustrie, Öl- und Gasindustrie, Medizintechnik sowie Werkzeug- und Formenbau.

Keine spezifische Strategie für Schwellenländer

Eine spezielle Strategie für Schwellenländer hat Okuma nicht. Pieper: «Hochqualitative Standard-Werkzeugmaschinen sind in allen Ländern gefragt. Länderspezifische Unterschiede ergeben sich in der Komplexität der einzelnen Werkzeugmaschine.» Länderspezifische Anpassungen nimmt das Unternehmen im Haus beziehungsweise in Zusammenarbeit mit unseren lokalen Händlern vor. Dabei gilt es vor allem, die von Land zu Land unterschiedlichen Sicherungsbestimmungen zu beachten.

Diese entspricht auch Okumas Strategie, standardisierte Werkzeugmaschinen herzu-stellen, die sich dank vieler Optionen individualisieren lassen. Auf der EMO Hannover 2011 präsentiert das Unternehmen unter anderem neue simultan arbeitende 5-Achs-Maschinen (Millac 33TU für Medizintechnik; VTM-1200YB für Luftfahrtindustrie) und seine «Only-One Technology».

Schwarze Zahlen bei Starrag Heckert

Der Rückgang des Geschäftes wirkte sich in der Krise bei der Starrag Heckert AG aus Rorschacherberg auf alle Branchen aus. «Es kam zu einem unterschiedlichen Auftragsrückgang in allen unseren Märkten: Aerospace, Transport, Energie und Engineering», sagt Dr. Frank Brinken, Präsident und CEO. «Im Vergleich zum Wettbewerb konnten wir jedoch in allen vergangenen Jahren immer schwarze Zahlen schreiben.»

Trotz der Krise kam es nicht zu Kürzungen bei den Investitionen und Innovationen. Das Schweizer Unternehmen entwickelte zahlreiche neuen Produkte, die es auf der EMO Hannover 2011 vorstellt. Dazu zählen beispielsweise die energieeffizienten Werkzeugmaschinen (eeMC – Energy Efficient Machining Center), das Multi-Tasking-Maschinencenter HEC 800 MT zum Fräsen, Drehen und Bohren sowie der Big Titanium Profiler BTP 5000 für die Bearbeitung von bis zu fünf Meter langen Strukturteilen für die Luftfahrtindustrie.

Innovatives Tochterunternehmen

Innovativ ist auch die kürzlich übernommene Tochter Dörries Scharmann Technologie GmbH aus Mönchengladbach. Am Standort Bielefeld entstand unter dem Markennamen Droop Rein beispielsweise ein Bearbeitungszentrum für die Dieselmotorenfertigung. Momentan exportiert das Unternehmen in die USA, nach Russland, Indien und Brasilien Fertigungssysteme für die Branchen Luftfahrt, Energie, Transport und Maschinenbau.

Im Fokus stehen aber vor allem die asiatischen Schwellenländer, deren Organisationen Starrag Heckert bereits ausgebaut hat. Das Anpassen der Maschinen an das jeweilige Land geschieht mit Blick auf Sicherheitsvorschriften, Druckbehälterverordnungen, Verpackungen, Export-Bestimmungen und auf sprachlicher Ebene. Dr. Brinken: «Für ein globales Unternehmen ist es selbstverständlich, dass man in der lokalen Sprache mit der Maschine kommunizieren kann.» <<

* Nikolaus Fecht ist Fachjournalist aus D-Gelsenkirchen

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