Frugale Innovationen

Einfach passend

| Autor / Redakteur: Andrea Gillhuber und Victoria Sonnenberg / Andrea Gillhuber

Hinter frugalen Produkten steckt ein hoher Innovationsgrad.
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Hinter frugalen Produkten steckt ein hoher Innovationsgrad. (Bild: kuhnleknoedler)

Höher, schneller, weiter – so ist das Verständnis für neue Produkte in der Industrie zu beschreiben. Neu oder weiterentwickelte Produkte und Technologien müssen die Leistungskennzahlen der Vorgänger signifikant überschreiten, sonst gilt die Neuerung als Flop. Doch manchmal ist weniger mehr: Frugale Innovationen sind auf dem Vormarsch. Ein Konzept, das sich sowohl in der Industrie als auch in der Dienstleistungsbranche wachsender Beliebtheit erfreut.

«Ich möchte doch nur ...» – wie oft wohl hören Servicemitarbeiter oder auch Sie diesen Satz, wenn ein Kunde oder ein älteres Familienmitglied ein technisches Problem hat? Ich möchte doch nur telefonieren, ich möchte doch nur den Wecker stellen, ich möchte doch nur ein Bauteil bearbeiten.

In unserer hoch technisierten Welt sehen wir uns mit Produkten konfrontiert, deren Funktionsspektrum wir nicht einmal annähernd ausnutzen. Das Paradebeispiel ist das Smartphone: Die Technik und Rechenleistung eines modernen Mobiltelefons übertrifft die Technik, welche beispielsweise bei der Mondlandung im Jahr 1969 nötig war, um ein Vielfaches. Doch nutzen Sie auch wirklich aktiv alle Möglichkeiten, die Ihnen das Gerät bietet?

In unserer schnelllebigen Zeit entwickelt sich die Technik rasant weiter und viele können und wollen vielleicht auch gar nicht mit dem technologischen Fortschritt Schritt halten. Manche Dinge sollen einfach nur das machen, für das sie gedacht sind: ohne Software-Update mit dem Mobiltelefon SMS schreiben, den Wecker ohne 20-seitige Bedienungsanleitung auf 7 Uhr stellen oder eine Oberfläche planfräsen.

Frugale Innovationen machen Produkte wieder simpler, was fälschlicherweise oft als Downgrade des eigenen Produktes verstanden wird. Also was verbirgt sich denn nun dahinter?

Bleiben wir beim Beispiel mit dem Wecker: Mit modernen Radioweckern können Sie für jeden Tag eine andere Weckzeit mit verschiedenen Radiosendern programmieren. Ein Uhrenwecker mit Drehrad, mit dem Sie Uhr- und Weckzeit einfach einstellen können, wäre die «frugale» Variante.

Schlicht zum Erfolg

Genau mit diesem Phänomen frugaler Produkte setze sich 2015 die Unternehmensberatung Roland Berger in einem Strategiepapier auseinander und definierte das Wort «frugal» als Akronym: functional, robust, user-friendly, growing, affordable, local. Frugale Innovationen brechen also mit dem Paradigma «höher, schneller, weiter» und konzentrieren sich auf das Wesentliche. «Keep it short and simple» könnte ein Motto sein, denn frugale Produkte decken zielgruppenspezifische und anwendungsorientierte Funktionen zu einem günstigen Preis ab. Roland Berger sieht in diesen Produkten ein Paradebeispiel des Paretoprinzips: 80 % der Anforderungen zu 20 % der Kosten erfüllen. Eine Umfrage unter mehr als 60 Topmanagern kam zu der Erkenntnis, dass im Durchschnitt 12 % des Verkaufs mit frugalen Produkten erzielt werden; bis zum Jahr 2020 erwarten die Befragten eine Verdoppelung des Anteils.

Doch wie haben sich frugale Produkte überhaupt entwickelt?

Für Menschen aus Schwellenländer wie Indien, Brasilien oder auch China waren und sind Hightechprodukte aus dem Westen schlichtweg zu teuer. Das gilt nicht nur für Konsum-, sondern auch für Industriegüter. Viele westliche Unternehmen haben diese Schwellenländer als Märkte bereits für sich entdeckt. Sie lernten jedoch schnell, dass sie sich an die lokalen Gepflogenheiten anpassen müssen, um Erfolg zu haben. Das betrifft nicht nur die Frage, wo und wie man seine Produkte verkauft, sondern auch, welche Produkte anzubieten sind. Produzieren Unternehmen in Europa für Industriekunden im Premiumsegment, finden sie für das gleiche Produkt beispielsweise in Indien keinen Abnehmer – allein aufgrund des hohen Preises. Um diese Märkte zu bedienen, entwickeln und fertigen mittlerweile viele Unternehmen Produkte für das mittlere beziehungsweise untere Marktsegment. Hier lauten die Anforderungen: einfach, günstig, robust.

Roland Berger hat das Marktpotenzial von frugalen Produkten in der Studie «Einfach am besten – Frugale Produkte für den Weltmarkt: Neue Kundenbedürfnisse profitabel bedienen» untersucht und darin heisst es, die Mittelschicht werde sich bis zum Jahr 2030 weltweit mehr als verdoppeln. Dabei wüchsen Bevölkerung und Wohlstand vor allem in den Schwellenländern, während die Industrienationen eher stagnierten. «Das Marktpotenzial, das Unternehmen durch frugale Produkte für sich erschliessen können, ist riesig», sagt Oliver Knapp, Partner von Roland Berger und Koautor der Studie. Denn nicht nur steigende Einkommen in den Schwellenländern sorgen für Nachfrage nach Konsumartikeln. Auch im unteren und mittleren Marktsegment der westlichen Industrienationen gibt es ungenutzte Potenziale.

Bereits heute stehen frugale Geräte in den Regalen. Dazu zählt das Mobiltelefon Nokia 1100, das zwar nur über Grundfunktionen verfügt, jedoch mit staubsicherem Gehäuse, rutschfestem Griff und Taschenlampenfunktion zielgenau auf den Markt in Entwicklungsländern zugeschnitten ist. Mit mehr als 250 Mio. verkauften Exemplaren ist es zum Weltbestseller geworden.

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