Interview, Martin Wirth / GF Brütsch/Rüegger Tools Ich glaube an die Zukunft des Werkplatzes Schweiz

Redakteur: Matthias Böhm

Die Brütsch/Rüegger Werkzeuge AG ist einer der grössten Werkzeughändler und Technologieanbieter der Schweiz. Der Vertrieb über das Internet wurde massiv nach vorn getrieben und stellt heute ein ganz wesentliches Standbein des Unternehmens dar. Martin Wirth, Geschäftsführer Brütsch/Rüegger Tools sagt im Interview, welchen Herausforderungen ein Werkzeughändler sich in der Schweiz stellen muss.

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«Es gilt, das Unternehmertum auf der Basis von Eigenverantwortung und gesundem Menschenverstand zu fördern.» Martin Wirth, Geschäftsführer Brütsch/Rüegger Tools
«Es gilt, das Unternehmertum auf der Basis von Eigenverantwortung und gesundem Menschenverstand zu fördern.» Martin Wirth, Geschäftsführer Brütsch/Rüegger Tools
(Bild: Brütsch/Rüegger)

SMM: Herr Wirth, wie sehen Sie als Werkzeughändler mit einer besonderen Stärke im Internet und Katalogverkauf die aktuelle wirtschaftliche Lage in der Schweiz und im für Sie wichtigen Ausland?

Martin Wirth: Die augenblickliche Lage in der Schweiz und im europäischen Ausland ist für uns sehr gut und bietet uns enorme Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten. Hingegen weisen die wirtschaftsklimatischen Indikatoren aber auf eine bevorstehende Abkühlung der wirtschaftlichen Entwicklung in Europa hin. Diesem Trend wird sich die Schweiz nicht entziehen können. Wir müssen davon ausgehen, dass sich dies in den nächsten drei Monaten in rückläufigen Auftragseingängen unserer Kunden niederschlagen wird. Nichtsdestotrotz sind wir aufgrund unserer Leistungsbereitschaft und Kundenorientierung überzeugt, dass wir auch in einem solchen Umfeld weitere Marktanteile gewinnen werden.

Werkzeughersteller sagen, dass die technologische Beratung zunehmend wichtiger im Werkzeugverkauf ist. Wie entwickelt sich das Beratungsgeschäft bei Ihnen?

M. Wirth: Wir stellen im Augenblick eine enorme Nachfrage fest nach unseren Beratungsleistungen, die es unseren Kunden erlauben, die Gesamtkosten im Management von Werkzeugen zu reduzieren. Dies beinhaltet im engeren Sinne die Anwendungsberatung hinsichtlich einer Steigerung der Produktionseffizienz und -effektivität. Ein wesentlich grösseres Optimierungspotential erschliesst sich unseren Kunden aber über unsere innovativen, ganzheitlichen und integralen Beschaffungs- und Logistikkonzepte deren Zielsetzung es ist, Prozesskosten und gebundenes Kapital zu reduzieren und Fixkosten zu variabilisieren.

Sie haben mehrere Hersteller und Anbieter in Ihrem Gesamtprogramm. Nach welchen Kriterien wählen Sie diese Hersteller aus?

M. Wirth: Unsere Kunden verlangen nach Werkzeugen und Dienstleistungen, die abgestimmt sind auf ihre Bedürfnisse und ein optimales Preis-Leistungs-Verhältnis aufweisen. Diese Kriterien bestimmen massgeblich auch die Wahl des Herstellers. Schwer haben es im Augenblick bei uns Hersteller, die noch immer nicht verstanden haben, dass die Hochpreisinsel Schweiz der Vergangenheit angehört. Gleichzeitig muss ein Hersteller über eine klare Vertriebsstrategie verfügen, was den potentiellen Konflikt zwischen Direktvertrieb und Vertrieb über den Handel anbelangt.

Können Sie ein, zwei Produkte hervorheben, die man sich unbedingt an Ihrem Stand anschauen sollte?

M. Wirth: An unserem Stand finden Sie z. B. erstmalig unsere neuste Generation von «ToolBox-Systemen» zur Optimierung der Intralogistik unserer Kunden. «ToolBox-Lösungen» sind vollautomatische Werkzeugbewirtschaftungssysteme, welche den Bedarf der bevorrateten Artikel selbständig erkennen und beim jeweils hinterlegten Lieferanten nachbestellen. Gleichzeitig ermöglichen unsere neuen Lösungen den Schritt in die Industrie 4.0 über eine vollständige Durchgängigkeit aller fertigungsrelevanten Daten von der Entwicklung über den Prototypenbau und die Serienfertigung bis zur Qualitätssicherung. Durch den hohen Automatisierungs- und Integrationsgrad können Prozesskosten und gebundenes Kapital deutlich reduziert werden – zum Teil bis zu 60 %.

Im Rahmen unseres kontinuierlichen Ausbaus des Mikrotechnik-Sortiments für die Uhrenindustrie und die zuliefernden Décolleteure vertreten wir in der Schweiz neu die Werkzeuge der Firma Applitec S.A. Moutier. Die innovativen Produkte aus dem Berner Jura gelten als die Spitzenreiter unter den Werkzeugen für Langdrehautomaten. Das patentierte Applitec-Spannsystem mit verschobener Verzahnung garantiert höchste Präzision und die nachbehandelten Werkzeuge auf TiAIN-Basis sorgen für höchste Standzeiten.

Wie schätzen Sie die Zukunft des Werkplatzes Schweiz ein?

M. Wirth: Grundsätzlich glaube ich an die Zukunftsfähigkeit des Werkplatzes Schweiz. Wichtig ist hingegen, dass wir auch in Zukunft an unserer liberalen Wirtschaftsordnung festhalten, u. a. auch in Bezug auf die Arbeitsgesetzgebung. Dabei gilt es, das Unternehmertum auf der Basis von Eigenverantwortung und gesundem Menschenverstand zu fördern und die staatlichen Eingriffe auf die Schaffung optimaler Rahmenbedingungen zu reduzieren. Eingriffe z. B. in die Lohnpolitik der Privatwirtschaft oder die kalte Übernahme von durch EU-Bürokraten ohne Bezug zur Realwirtschaft geschaffenen Gesetzen haben da keinen Platz. Eine Politik, die mit der Sicherheit der Energieversorgung spielt und die zusätzlich noch zu Energiepreisen führt, die die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft gefährdet, schafft keine Arbeitsplätze in der Schweiz. Was wir aber brauchen, sind Freihandelsabkommen mit Ländern wie z. B. China, um unsere Abhängigkeit von den stagnierenden europäischen Märkten zu reduzieren. <<

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