Interview mit Urs Baumgartner, CEO Kellenberger Kundennähe ist entscheidend

Autor Anne Richter

Kellenberger ist bekannt als Hersteller von Rund- und Koordinatenschleifmaschinen höchster Qualität. Als Teil der Hardinge Grinding Group und mit mehreren Tochterunternehmen und Brands steht das Unternehmen vor strukturellen Anpassungen – im Interesse der Kunden. SMM sprach mit dem neuen CEO Urs Baumgartner.

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Urs Baumgartner, CEO Kellenberger Grinding Machines führt Anne Richter durch die Produktion.
Urs Baumgartner, CEO Kellenberger Grinding Machines führt Anne Richter durch die Produktion.
(Bild: Thomas Entzeroth)

SMM: Herr Baumgartner, seit August 2015 sind Sie offiziell neuer Geschäftsführer bei Kellenberger und haben damit Jürg Kellenberger, den ehemaligen Inhaber und langjährigen CEO, abgelöst. Was ist Ihre grösste Herausforderung gewesen?

Urs Baumgartner: Jürg Kellenberger repräsentierte in dritter Generation die Familie Kellenberger, die das Unternehmen während Jahrzehnten geführt und ursprünglich auch besessen hat. Er war fünf Jahre Eigentümer und dann 20 Jahre CEO. Auch nach dem Verkauf des Unternehmens an Hardinge wurde er von Mitarbeitern und Partnern trotzdem häufig als Patron wahrgenommen. Als erster Geschäftsführer, der nicht aus der Familie Kellenberger kommt, sehe ich meine grösste Herausforderung darin, obwohl ich das Unternehmen aus mehrjähriger Tätigkeit kenne, nicht als reiner Manager wahrgenommen zu werden, sondern als jemand dem die der unternehmerische Aspekt sehr wichtig ist. Zudem gilt es das Unternehmen basierend auf einer starken und stabilen Firmenkultur aufbauend kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Was hat sich seit dem Wechsel verändert?

U. Baumgartner: Nachdem mit dem Wechsel der Verantwortungsbereich des CEO Kellenberger auf die gesamte Hardinge Grinding Group (HGG) ausgeweitet wurde, liegt eine massgebliche Änderung im Fokus auf eben diese Gruppe, die Integration und Abstimmung der einzelnen Mitglieder und die Berücksichtigung Ihrer Bedürfnisse und Beiträge zur Entwicklung der HGG. Die bereits während der vergangenen Jahre begonnene Verstärkung des kundenspezifischeren Systemgeschäftes wird weiter vorangetrieben. Dies verlangt die konsequente Weiterentwicklung vom Maschinenverkauf zum Lösungsanbieter. Damit sind eine Reihe von Projekten verbunden, die längere Zeit in Anspruch nehmen.

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Um welche Projekte handelt es sich hierbei?

U. Baumgartner: Dabei handelt es sich beispielsweise um Projekte zur generellen schrittweisen Verbesserung der Nutzung von Synergien innerhalb der HGG, neue Akzente in Beschaffung und Produktion oder die Abstimmung und Neuausrichtung des Produktportfolios angepasst an sich ändernde Marktbedürfnisse. Dazu gehören auch der Ausbau von Leistungen im Bereich Applikation, unterstützender Software und Kundendienst. Auf dem Weg vom Hersteller mechanisch hochpräziser Maschinen zum Lösungs- und Dienstleistungsanbieter haben Applikations-Know-how und Bedienerunterstützung markant an Bedeutung gewonnen. Früher hatte Kellenberger vor allem in der Mechanik seine Stärken. Das reicht aber nicht erst seit Industrie 4.0 allgemein thematisiert wird nicht mehr aus. Im Bereich Softwareentwicklung wurden zwischenzeitlich markant Fortschritte gemacht und dieser Bereich wird in Projekten laufend vorangetrieben Das Kel-Remote, welches wir an der letzten Grindtec vorgestellt haben, ist ein Beispiel dafür.

Was verstehen Sie als Konsolidierung?

U. Baumgartner: Hier geht es uns in erster Linie um die Zusammenführung der einzelnen Schleifbereiche respektive die Integration der Tochterunternehmen in der Grinding Group. Zudem spielen die schrittweise Zusammenführung und der Abgleich in Bereichen wie Produktion und Montage oder eine weiterführende Koordination in Entwicklung, Verkauf und Kundendienst eine wichtige Rolle. Nach verschiedenen früheren Akquisitionen wurde die HGG Ende 2014 durch die Produktsparte Voumard ergänzt. Anfang 2015 haben wir die Verantwortung für den Voumard-Service übernommen und in dieser Phase auch den Transfer des Unternehmens aus der Region nördlich von Hamburg zurück in die Schweiz durchgeführt. Die Übernahme hat sich nicht einfach gestaltet, da kein Unternehmen, sondern Teile davon übernommen wurden. Trotzdem haben wir es geschafft an der EMO 2015 die erste Voumard VM110 vorzustellen und zwischenzeitlich auch die ersten Voumard Innenschleifmaschinen auszuliefern.

Wo werden die Voumard-Maschinen heute hergestellt?

U. Baumgartner: Wie bei Kellenberger/Tschudin ist unser Ziel auch hier, über unsere generelle Plattformpolitik einen entsprechenden Abgleich zu schaffen, sowohl auf der mechanischen als auch auf der Steuerungsseite. Die Fertigung verschiedener wichtiger Bauteile findet am Kellenberger Standort in St. Gallen statt, andere Bauteile und Komponenten werden lokal oder im europäischen Markt hinzugekauft. Am Standort in Wittenbach – St. Gallen befinden sich die gesamte Montage, sprich Vor- und Endmontage sowie das Lager. Verkauf, Kundendienst und Applikation sind in Biel beheimatet. Wir verfolgen die Politik, bei Eignung bestimmte Kompetenzen und Bauteile gezielt auszulagern und extern zu beschaffen.

Voumard ist das jüngste Beispiel. Davor hat es die Integration anderer Unternehmen im Schleifmaschinensektor gegeben. wie hat das funktioniert?

U. Baumgartner: Hardinge hat Kellenberger in St. Gallen, im Jahr 1995 erworben und damit den Einstieg ins Rundschleifen realisiert. Für Hardinge war es gleichzeitig die erste Akquisition ausserhalb der USA. Im Jahr 2000 wurde der Bereich Schleifen um das Schweizer Unternehmen HTT (Hauser, Tripet, Tschudin) erweitert. Hauser ist auch heute noch weltweit als Marke für hochpräzises Koordinatenschleifen bekannt. Hier stehen wir vor der Herausforderung, den Kunden ein modernes und zeitgemässes Bild der Marke Hauser zu vermitteln. Die meisten Anwender nutzen ältere Hauser Maschinen und vergleichen dann diese älteren Maschinen mit moderneren Maschinen des direkten oder indirekten Mitbewerbs. Mit Tschudin sind wir vor allem im Systemgeschäft für die hochvolumige Produktion kleiner Rundschleifteile tätig. Es handelt sich um hochintegrierte Anlagen für das Rundschleifen bei Bedarf mit automatischer Beschickung, Messeinrichtungen und weiteren Zusatzoperationen. Dieses Geschäft wird weiter ausgebaut und gestärkt. Tripet Innenschleifen dagegen pflegten wir als einzige dieser drei Marken nach der Konsolidierung von Kellenberger und HTT im 2008 nur noch als Servicebrand weiter. Tripet Kunden werden bis heute soweit möglich service- und ersatzteiltechnisch unterstützt.

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