Epicor Software: Industrie 4.0 muss Wachstum auslösen

Mit Digitalisierung innovativ sein und wachsen

| Autor / Redakteur: Matthias Müller-Wolf, Regional Vice President Europa, Epicor Software / Konrad Mücke

Prozesse beobachten und analysieren gehört zu den essentiellen Funktionen der Digitalisierung.
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Prozesse beobachten und analysieren gehört zu den essentiellen Funktionen der Digitalisierung. (Bild: iStockphotos-Kinwun)

Flee, freeze or fight – fliehen, erstarren oder kämpfen. Wie eine Studie der Beratungsgesellschaft McKinsey zeigt, verhält sich das Unternehmensmanagement bei schwerwiegenden Problemen wie eine Einzelperson. Konfrontiert mit Industrie 4.0 ist das nicht empfehlenswert.

Wie Studien zeigen, fallen Menschen in Situationen, in denen visionäre, empathische und kreative Führungsstärke nötig wäre, häufig zurück in konservative, starre alte Gewohnheiten. Wir analysieren ein Problem bis hin zur Handlungsunfähigkeit. Wir entziehen uns der Verantwortung, indem wir das Problem ignorieren. Oder wir leiten es weiter, etwa an ein Komitee oder eine Task Force.

Weitreichende Veränderungen gefordert

Diese Verhaltensweise betrifft auch die digitale Transformation. Das Konzept Industrie 4.0 mit seinen Aspekten – Industrial Internet of Things (IIoT), Machine Learning, Künstliche Intelligenz (KI) – fordert erhebliche Anstrengungen, sich zu verändern über alle Hierarchien und gewohnten Technologien hinweg. In zahlreichen Unternehmen ist beispielsweise das Enterprise Resource Planning (ERP-System) aufgrund nicht zeitgemässer Software-Architekturen und mangelnder Skalierbarkeit für den aktuellen und künftigen Bedarf nicht mehr nutzbar. Zudem wird das derzeitige Konzept Industrie 4.0 nur ein Sprungbrett für weitere Schritte sein. Beispielsweise Technologien wie Augmented Reality (AR), also die virtuelle Darstellung und Analyse ganzer Prozesse und Produktionseinrichtungen, werden hinzukommen. Für das Industrial Internet of Things (IIoT) werden komplexe «Ökosysteme» aufgebaut. Um hier – wie auch bei anderen technologischen Innovationen – nicht analog der eingangs geschilderten Verhaltensweise zu reagieren, gilt es die folgenden grundlegenden fünf Aspekte zu berücksichtigen.

Innovationen brauchen Fakten

Ideen rund um Industrie 4.0 lassen sich nur dann bewerten und durchsetzen, wenn sie von den nötigen Daten untermauert werden. Dafür ist der abteilungsübergreifende Zugang zu Informationen erforderlich. Er muss fundierte Analysen unterschiedlicher Szenarien und Simulationen ermöglichen. Nur dann können Innovations- und letztlich Investitionsentscheidungen auf detaillierten Metriken basieren statt auf Intuition und Bauchgefühl. Anhand zuverlässiger Daten ergeben sich aus Diskussionen richtungsweisende Themen und produktiv auch konkrete Massnahmen, um das Wachstum des Unternehmens voranzutreiben.

Doch zeigt eine globale Studie von Epicor, dass bei interdisziplinären Entscheidungen nicht immer alle Beteiligten den gleichen Informationsstand haben. Bei 32 Prozent der deutschen Studienteilnehmer nutzen interdisziplinäre Teams sehr häufig beziehungsweise häufig unterschiedliche und sich widersprechende Informationen, bei 43 Prozent trifft dies gelegentlich zu. Der Mangel an relevanten Informationen führt häufig dazu, dass Entscheidungen verschoben werden müssen. Bei 80 Prozent der Befragten in Deutschland kommt dies manchmal bis sehr oft vor. Auch Fehler bleiben nicht aus. Wesentlicher Grund für jüngst aufgetretene Fehler oder unzureichende Ergebnisse nach Entscheidungen ist laut Angaben von mehr als einem Drittel, dass die nötigen fundamentalen Informationen nicht zur Verfügung standen. 29 Prozent der Befragten geben an, dass Informationen nicht schnell genug vorlagen. Fehler entstanden zudem, weil verfügbare Informationen ignoriert wurden (26 Prozent) oder nur ungenaue Daten als Entscheidungsgrundlage dienten (25 Prozent).

Innovationen brauchen Wachstumsstrategie

Abläufe nur zu beschleunigen, zu verbessern oder Kosten zu sparen, ist bei Argumenten für Industrie 4.0 zu wenig. Zu fordern sind vor allem Auswirkungen auf das Wachstum des Unternehmens. Wird es neue Produkte geben, zusätzliche Services oder Geschäftsmodelle für bestehende und neue Märkte? Das erfordert eindeutige Vorstellungen und konkrete Planung. Die Bedeutung der Strategie für Industrie 4.0 unterstreicht die Industrie-4.0-Studie von PwC. Demnach ist Deutschland beim Implementieren neuer Technologien im internationalen Vergleich noch nicht so weit. Asien und Amerika sind auf der Überholspur. Als ursächlich bezeichnet man fehlende Strategien zur Digitalisierung und unzureichende digitale Ökosysteme über Unternehmensgrenzen hinaus. Digitalprojekte werden nur vereinzelt und unstrukturiert vorangetrieben.

Fehlt die Strategie, steigen die Gefahren durch ungeplantes Wachstum – ein Risiko, das Epicor Software anhand einer Befragung von über 1800 Führungskräften aus zwölf Ländern untersucht hat. Demnach befürchten 28 Prozent der Befragten in Deutschland, dass Unternehmenswachstum zu hohen Druck auf den operativen Betrieb ausübt und dadurch die Qualität und die Kundenzufriedenheit leiden könnten. Weitere 24 Prozent zeigten sich besorgt, dass ihre IT-Systeme nicht Schritt halten könnten mit umfangreicheren, komplexeren Geschäftsmodellen.

Innovationen brauchen Prozessveränderungen

Schmerzhaft, aber notwendig ist, vor der Digitalisierung vorhandene Prozesse kritisch zu überprüfen. Ansonsten werden bestehende, schlechte Prozesse unverändert digitalisiert. Das verbessert sie aber nicht. Das klingt selbstverständlich. Allerdings geben in einer repräsentativen Studie von etventure und GfK Entscheider in deutschen Grossunternehmen mehrheitlich (55 Prozent) an, dass sie die digitale Transformation primär als «Digitalisierung des bestehenden Geschäftsmodells beziehungsweise bestehender analoger Prozesse» sehen. Nur 28 Prozent der Befragten nennen dagegen den «Aufbau neuer digitaler Geschäftsmodelle» als Ziel der Digitalisierung. Annähernd jedes zweite Unternehmen (49 Prozent) sieht die eigene Branche in einem «starken» oder sogar «sehr starken» Wandel. Doch gerade einmal jedes fünfte Unternehmen (21 Prozent) prophezeit einen ebenso starken Wandel für das eigene Geschäftsmodell.

Innovationen brauchen geeignete IT-Infrastrukturen

Die Digitalisierung beziehungsweise Industrie 4.0 zu verwirklichen, erfordert geeignete IT-Systeme. Nur mit ihnen können Unternehmen übergreifend von optimierten Prozessen profitieren und Daten effektiv nutzen. Besonders in europäischen Unternehmen sind eine Vielzahl bestehender IT-Systeme zu ersetzen. In der Studie «The Real Champions of Building the Digital Future» hat die Boston Consulting Group (BCG) 1300 Unternehmen in Europa und in den USA zur Digitalisierung befragt. Demnach gehören unter den Herstellern mechanischer und elektrischer Geräte in Europa 20 Prozent, in den USA 19 Prozent zu den «Digital Top Performern». Ein Drittel aus Europa (31 Prozent aus den USA) zählen zu den Nachzüglern. «Digital Leaders» zeichnet aus, dass sie sich darauf konzentrieren, ihre IT weiter zu vereinfachen. Sie wollen stärker von den bereits erreichten Vorteilen profitieren, die sie durch Abbau von Komplexität und aus freigewordenen Ressourcen gewonnen haben. Zudem setzen sie weiter auf digitalisierte Fertigung, um Prozesse und Technologien noch effizienter und flexibler zu nutzen.

Innovationen brauchen Erfolgsmessung

Aus dem Konzept Industrie 4.0 entstandene An­wendungen, zum Beispiel Augmented Reality und Künstliche Intelligenz, sind kein Selbstzweck und sollten nicht isoliert konzipiert sein. Sämtliche Initiativen hin zu Innovationen sollen nachweisbar auf einen Wertbeitrag für das Unternehmen ausgerichtet sein. Sie müssen in einer mittel- bis langfristigen Digitalisierungsstrategie eingebettet sein. So betont auch die Beratungsgesellschaft KPMG in ihrem Report «Beyond the Hype», dass viele Unternehmen von Investitionen in Industrie-4.0-Technologien profitie­ren, indem sie bemerkenswert ihre Kosten senken und produktiver arbeiten. «Die grössten Vorteile werden jedoch erst dann zu verzeichnen sein, wenn die Hersteller beginnen, ihre Indus­trie-4.0-Fähigkeiten auf die Verbesserung ihrer gesamten organisatorischen Leistung zu konzentrieren. Dazu gehören die Umsatz-, die Gewinn- und die Kapitalwertentwicklung auf allen Unternehmens­ebenen. Dies kann nur gelingen, wenn funktionale Silos im Unternehmen überwunden werden und Einklang zwischen der Ausrichtung der Unternehmensziele und der Industrie-4.0-Roadmap besteht», so der Report von KPMG. Die Berater ermahnen deshalb, dass das Konzept Industrie 4.0 die Leistungsbilanz betrifft, weniger die Technologie. Deshalb sind die richtigen Dinge zu messen, zu kon­trollieren und zu berichten.

Prozesse gesamtheitlich betrachten

Um die archaischen Reaktionen des «flee, freeze or fight» bei Initiativen für Industrie 4.0 zu verhindern, benötigen Fertigungsunternehmen die Kontrolle und die Gesamtsicht über Prozesse und Daten mit Abhängigkeiten, Zusammenhängen und Einflussfaktoren aller Geschäftsbereiche. Erst dann sind sie gerüstet für erfolgreiches Wachstum und können Geschäftsvorteile durch technologischen Vorsprung ausschöpfen. Dazu braucht es eine Unternehmenssoftware, die integriert ist mit fertigungsnahen Systemen wie ERP und Manufacturing Execution Systems (MES). Sie muss darauf ausgerichtet sein, mit visuellen Funktionen zur Analyse die Entwicklung einer Digitalisierungsstrategie zu unterstützen. Dazu gehört, Key Performance Indicators (KPIs) mit moderner ERP-Software zu messen, die Prozessmodellierung zu vereinfachen und sich an künftige Forderungen anpassen zu können. SMM

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