Gerster: Härten und Oberflächen behandeln

Mit Herz und Verstand

| Redakteur: Konrad Mücke

Martina Gerster
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Martina Gerster (Bild: SMM Konrad Mücke)

Was treibt eine junge Frau an, in der dritten Generation ein mittelständisches Unternehmen mit über 100 Beschäftigten in der Schweiz weiterzuführen? So geschehen bei der Härterei Gerster AG in Egerkingen. Martina Gerster berichtet über ihre Motive.

SMM: Welche Herausforderung bedeutete für Sie die Übernahme der Geschäftsleitung der Härterei Gerster AG?

Martina Gerster: Bei der Wahl meines beruflichen Werdegangs und meines privaten Lebensentwurfs war ich völlig frei. Meine Eltern machten mir keine Vorgaben. So absolvierte ich zunächst eine Ausbildung zur Lehrerin für die Primarschule und war auch einige Zeit in diesem Beruf tätig. Ausschlag dafür gab sicher mein ausgeprägtes Interesse am Umgang mit Menschen. Ich hatte jedoch schon früh eine enge Beziehung zum eigenen Familienunternehmen. Mich interessierten die Menschen, die Technik und allgemein die wirtschaftlichen Zusammenhänge. Dies prägte dann auch meine weitere schulische und berufliche Laufbahn.

Von all dem geleitet, studierte ich an der Hochschule Luzern Wirtschaft und vertiefte meine Kenntnisse in der Eisenwerkstoffkunde an der Universität Bochum. Einhergehend reifte mein Entschluss, das Unternehmen unserer Familie in der dritten Generation weiterzuführen. Dafür sammelte ich bei Anstellungen in Unternehmen in der Schweiz und im Ausland Erfahrungen. Für meine spätere Tätigkeit im eigenen Unternehmen wollte ich mich fundiert vorbereiten. Das hat sich als unbedingt richtig erwiesen. Insgesamt fand ich aus Emotionen einerseits und Sachlichkeit andererseits den richtigen Weg, Herz und Verstand führten zur richtigen Entscheidung.

Effizienter zum Ziel

Laserhärten

Effizienter zum Ziel

23.02.16 - Laserhärten bietet nebst der Gewähr für eine präzise, konturgetreue und reproduzierbare Härtung auch grosses Potential zur Prozessoptimierung. Beispielsweise können teure Schleifoperationen vermieden oder wesentlich reduziert werden. Aufgrund des präzisen und dosierten Wärmeeintrags entsteht kaum Verzug. lesen

Was war der Auslöser, nach den Erfahrungen ausserhalb des eigenen Betriebs in das Familienunternehmen einzusteigen?

M. Gerster: Ich glaube, es steckte viel Herzblut darin, eine emotionale Bindung an das, was meine Eltern und Grosseltern geschaffen haben. Ich wollte dies weiterführen und selber mit anpacken, selber mithelfen und vor allem auch, die Werte, die unser Familienunternehmen seit Jahrzehnten prägen, weiterführen.

Ergänzendes zum Thema
 
Hart und korrosionsbeständig
Als besonderes Verfahren für höchste Oberflächenhärte kombiniert mit bester Korrosionsbeständigkeit hat Gerster das Verfahren HARD-INOX® für rostfreie Stähle entwickelt.

Welche Tipps können Sie nach Ihrem Weg bis zur Übernahme des eigenen Unternehmens anderen in ähnlichen Situationen geben?

M. Gerster: Günstig ist es sicher, die eigenen Fähigkeiten richtig und in einer Weise kritisch oder objektiv einzuschätzen. Man sollte Respekt gegenüber der eigenen Leistung, aber auch dem Leistungsvermögen haben. Was kann ich mir zutrauen? Was kann ich wirklich unter den vielfältigen Belastungen leisten? Wie kann ich mit Menschen umgehen? Kann ich Mitarbeiter begeistern? Kann ich ihnen ausreichend Vertrauen entgegenbringen, um Arbeiten delegieren zu können?

Man darf sich nicht überschätzen, muss sich aber etwas zutrauen. Es braucht klar Fähigkeiten, aber auch Freude und Begeisterung für das Unternehmen, die Menschen und die Materie.

Wie schätzen Sie die aktuelle Situation Ihres Betriebs und die mittelfristigen Entwicklungschancen für mittelständische Unternehmen in der Schweiz ein?

M. Gerster: Zurzeit bin ich vorsichtig optimis­tisch. Speziell in der Schweiz haben wir einen grossen Vorteil. Die politischen und rechtlichen Bedingungen sind eindeutig und stabil. Wir können strukturiert planen und unsere Geschäftsstrategie gezielt verfolgen. Allerdings hemmen die im Vergleich insbesondere zu den EU-Ländern hohen Kosten ein rasches Wachstum. So können wir zwar an der stabilen Entwicklung in der Schweiz, nur bedingt aber am derzeit guten Wachstum der Weltwirtschaft teilhaben.

Wir fokussieren auf ein qualitatives Wachstum. Das bedeutet, dass wir uns darauf ausrichten, noch sehr viel flexibler als bisher auf den raschen Wandel allgemein, aber vor allem auch auf die sich laufend ändernde Auftragslage innerhalb kürzester Zeit reagieren zu können. Einher geht dabei die Herausforderung, den Aufwand zu minimieren und die Kosten zu kontrollieren. Selbst bei kleinsten Auftragslosen müssen wir noch ausreichend Gewinne erwirtschaften. Doch mit dieser Flexibilität werden wir auch in einem volatilen Markt und bei zunehmenden Forderungen nach immer mehr Variantenreichtum künftig unsere Marktposition behaupten und ausbauen können.

In welchen Branchen und in welchem Kunden- kreis sehen Sie beste Chancen auf profitable Geschäfte?

M. Gerster: Für uns gibt es keinen speziellen Kundenkreis. Im Gegenteil, wir bevorzugen, für alle Branchen und Kunden die jeweils passende, optimale Lösung anzubieten. Wir müssen für alle Branchen profitabel arbeiten können. Dafür gilt es, mit effizienten Abläufen die geforderte Qualität und hohe Prozesssicherheit zu gewährleisten. Sämtliche Prozesse müssen reproduzierbar und dokumentiert sein. Wenn wir diese Forderungen erfüllen, sind wir ein ernstzunehmender Partner auch für sehr anspruchsvolle Branchen, beispielsweise die Medizintechnik, die Automobilindustrie sowie die Luft- und Raumfahrt.

Welche weiteren Kriterien sind aus Ihrer Sicht zu erfüllen, um künftig mit Ihren Leistungen wettbewerbsfähig zu arbeiten?

M. Gerster: Wir werden weiterhin viel in die eigene Entwicklung investieren. Dies betrifft Verfahren und Werkstoffe. Wir werden dabei auch mit Kunden und Hochschulen respektive Institutionen eng zusammenarbeiten.

Gleichzeitig werden wir uns besonders ausgeprägt mit einem umfassenden Dienstleistungsangebot profilieren. Das betrifft speziell die fundierte, kompetente Beratung schon bei der Konzeption und Konstruktion von Bauteilen. Dazu verfügen wir über ein umfassendes Know-how. Viele Komponenten lassen sich bereits in einer frühen Konstruktionsphase optimieren, wenn man die Möglichkeiten der Oberflächenbehandlung und Werkstoffoptimierung durch Härten kennt. Als ein Beispiel können Bauteile für den Fahrzeugbau dienen. Berücksichtigt man die Steigerungen an Festigkeit oder Oberflächenhärte durch unterschiedliche Härtverfahren, kann man Gewicht reduzieren und deutlich energieeffizientere Fahrzeuge bauen. Die aufkommenden neuen Mobilitätskonzepte werden sicher auch von einer Vielzahl angepasster Härteverfahren profitieren.

Als weitere Dienstleistung bieten wir den kompletten Logistikservice. Wir organisieren und realisieren den gesamten Ablauf vom Aufnehmen der Bauteile beim Kunden über die Wärmebehandlung bis zum Liefern direkt an die Weiterverarbeitung oder Montage.

Wie begegnen Sie gesetzgeberischen Auflagen und restriktiven Vorgaben Ihrer Kunden, beispielsweise zum Umweltschutz und zur Zertifizierung ihrer Prozesse?

M. Gerster: Selbstverständlich befassen wir uns sehr intensiv mit diesen Themen. Insbesondere in der Schweiz haben wir ja äusserst strenge Einschränkungen und Bestimmungen hinsichtlich des Umweltschutzes und des Gebrauchs möglicherweise gesundheitsgefährdender Substanzen. Allerdings betrachten wir dabei jeweils im Zusammenhang individuell die sich ergebenden Chancen und den erforderlichen Aufwand. Denn das Paket an Massnahmen, das sich aus Vorgaben und Restriktionen ergibt, soll einerseits zu sinnvollen Auswirkungen führen. Andererseits soll es aber auch bezahlbar bleiben, die Kosten dürfen wir nicht ausser Acht lassen. Daraus entstehen in Zusammenarbeit mit unseren Kunden entsprechende Konzepte und Prozesse, die für beide Beteiligten profitabel realisierbar sind und die Forderungen sinnvoll erfüllen.

Wie beurteilen Sie den technologischen Wandel in Verbindung mit der Härtereitechnik?

M. Gerster: Den technischen Wandel und Fortschritt beziehen wir selbstverständlich in unsere tägliche Arbeit ein. Grundsätzlich wird aus unserer Sicht eine ausgereifte und durchdachte Wärme- und Oberflächenbehandlung auch künftig bei Bauteilen aus Metallen die Eigenschaften deutlich verbessern. Somit bleiben Verfahren der Härterei und Oberflächenbehandlung stets ein Teil technischer Produktionsprozesse.

Aktuell beschäftigen wir uns neben vielen weiteren Themen auch mit der Additiven Fertigung. Wir beurteilen die Entwicklung so, dass wir auch bei diesen Bauteilen die Optimierung durch Wärmebehandlung sehen. Beispielsweise wird es erforderlich sein, die metallischen Bauteile, die zuvor in einem Prozess mit schnellen Temperaturwechseln aufgebaut wurden, mit einer gezielten Wärmebehandlung zu entspannen. Die Entwicklung neuer Technologien und Verfahren fordert von uns einen Spagat. Einerseits führen wir das Tagesgeschäft fort und arbeiten fortlaufend mit den klassischen Verfahren der Wärmebehandlung. Andererseits gilt es auch, ständig neue Lösungen zu suchen. Wir müssen parallel zum Tagesgeschäft unser Augenmerk auf zukunftsweisende, innovative Verfahren lenken. Wir wollen uns mit Ideen und Voraussicht auf kommende technische und wirtschaftliche Forderungen vorbereiten.

Dazu braucht es kompetente Mitarbeiter. Wie begegnen Sie dem zunehmenden Mangel an Fach­kräften, der sicher auch in Ihrem Umfeld schon spürbar ist?

M. Gerster: Bei dieser Frage möchte ich auf den eingangs erwähnten Umgang mit Menschen hinweisen. Das spielt hier eine wichtige Rolle. Selbstverständlich schätzen wir die Leistungen unserer Beschäftigten hoch ein. Ein Produktions- und Dienstleistungsbetrieb besteht zu einem grossen Teil aus dem fachlichen Know-how und der menschlichen sowie sozialen Kompetenz seiner Mitarbeiter. Selbstverständlich fördern wir unsere Fachkräfte, indem wir ihnen Chancen auf Weiterbildung geben und sie bei ihrem weiteren Berufsweg beraten, den wir natürlich bevorzugt in unserem Betrieb sehen. Dazu gehört, dass wir selbst ausbilden. Wir haben den Ausbildungsweg des Produktionsmechanikers mit Schwerpunkt Wärmebehandlung in Zusammenarbeit mit den zuständigen Institutionen verwirklicht. Gern geben wir auch Quereinsteigern die Chance, sich in unserem Betrieb mit ihren Qualifikationen einzubringen und schrittweise die besonderen Kompetenzen in Verbindung mit Wärme- und Oberflächenbehandlung zu erlernen.

Darüber hinaus sehen wir uns selbst und alle anderen Industriebetriebe gefordert, das industrielle Umfeld mit industriell-handwerklichen Tätigkeiten wieder stärker in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken. Um für Bewerber interessant zu sein und zu bleiben, wollen wir ein positives Image schaffen. Dazu gehört unter anderem, dass wir den menschlichen Umgang mit unseren Beschäftigten, der auf wechselseitigem Respekt und der Anerkennung persönlicher Leistungen und Stärken beruht, nach aussen sichtbar darstellen. Wir sind bestrebt, unser Unternehmen als attraktiven Arbeitsplatz zu gestalten.

Wie begegnen Sie ganz persönlich den künftigen Forderun­gen an ein mittelständisches Unter- nehmen?

M. Gerster: Zuvorderst schätze ich die Situation ganz pragmatisch ein. Als richtig empfinde ich, die Entwicklungen zu beobachten und dann besonnen und sachlich die Chancen und Risiken abzuwägen. Allerdings gehört zu einer erfolgreichen Unternehmensführung auch, im passenden Moment das richtige Bauchgefühl zu haben. Nur so kann ich die Weichen für die Zukunft richtig stellen und den besten Weg wählen. Als vorteilhaft erweisen sich mittelständische Strukturen. Flexibel lassen sich einmal getroffene Entscheidungen auch kurzfristig einmal korrigieren. Wie schon auf meinem Weg zur Geschäftsleitung vertraue ich beim Weiterführen der Geschäfte auf die richtige Verbindung von Herz und Verstand.

Frau Gerster, vielen Dank für Ihre Ausführungen. Für Ihren Lebensweg und Ihr Unternehmen wünschen wir Ihnen alles erdenklich Gute und viel Erfolg. SMM

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