Interview: Felix Heimgartner, Geschäftsführer Härterei Gerster AG Neue Dienstleistungen – Mehrwert für den Kunden

Redakteur: Luca Meister

Die Firma Gerster ist mit 100 Mitarbeitenden und rund 100 Anlagen der vielseitigste Wärmebehandlungsspezialist der Schweiz. Über Jahrzehnte hat sich das Unternehmen Wissen erarbeitet, das jetzt sowohl als Beratungs- als auch als Contracting-Dienstleistung den Kunden zur Verfügung gestellt wird. Im Interview erklärt Herr Felix Heimgartner, Geschäftsführer des Unternehmens, die Hintergründe.

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Felix Heimgartner, Geschäftsführer der Härterei Gerster AG: «Viele Firmen sind sich zu wenig bewusst, dass bei aktiver Abstimmung von Konstruktionen und Härteprozessen sowohl bessere Resultate als auch Preisvorteile anfallen können.»
Felix Heimgartner, Geschäftsführer der Härterei Gerster AG: «Viele Firmen sind sich zu wenig bewusst, dass bei aktiver Abstimmung von Konstruktionen und Härteprozessen sowohl bessere Resultate als auch Preisvorteile anfallen können.»
(Bild: Gerster)

SMM: Herr Heimgartner, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Aufhebung des Euro-Mindestkurses gehört hatten?

Felix Heimgartner: Das kennen wir doch! Als der Euro-Kurs vor dreieinhalb Jahren einbrach, verfügten wir aber noch nicht über die aktuelle Spezialisierung und die neuen Geschäftsfelder der Beratung und des Contractings. Dies wird nun uns und unseren Kunden in der aktuellen Situation helfen, Produkte und Prozesse kostenseitig zu optimieren.

Stehen Schweizer Lohndienstleister jetzt also noch stärker unter Druck?

F. Heimgartner: Das ist so. Nach dem gerade erwähnten ersten Aufwertungsschub des Schweizer Frankens haben wir verstärkt auf Innovation gesetzt und neue Verfahren entwickelt, um dem Druck etwas auszuweichen. Zusätzlich ist es jetzt enorm wichtig, mehr firmenübergreifend und interdisziplinär zusammenzuarbeiten, um neue, effiziente Lösungen zu finden. So können wir in der Schweiz konkurrenzfähig bleiben. Hier versuchen wir vermehrt, die Rolle des Moderators zu übernehmen, indem wir die interessierten Parteien an einen Tisch bringen. Unser Ziel ist es, im Bereich der Wärmebehandlung und der Werkstofftechnik international führend zu sein, sodass wir die Schweizer Industrie in diesem kleinen aber wichtigen Bereich auch optimal unterstützen können.

Wie sehen Sie die Zukunft der industriellen Lohnarbeit in der Schweiz?

F. Heimgartner: Wir werden bestehende Nischen ausbauen und wollen zusätzlich mit neuen innovativen Anwendungen anspruchsvolle Kundenbedürfnisse befriedigen. Was austauschbar ist, und an kostengünstigeren Standorten produziert werden kann, wird mittelfristig stark unter Druck kommen. Mehr und mehr wird sich bei uns die Fertigung auf komplexe bis hochkomplexe Baugruppen konzentrieren, deren Produktion modernste Technologien beansprucht.

Trotzdem hört man ab und zu von Firmen, die bestimmte nach Asien verlegte Bereiche wieder in die Schweiz zurücksiedeln…

F. Heimgartner: Ich glaube, wenn man die richtigen Serien an Bord holt, die automatisiert produziert werden können, ist die Schweiz nicht wesentlich teurer als ein Billiglohnland. Die Anlage kostet an beiden Orten gleich viel und wenn man diese gut auslasten kann, sind die Lohnkosten nicht mehr so entscheidend. Dazu kommt: Wenn auf einer komplexen Anlage eine Störung eintritt, haben wir die qualifizierteren Fachleute, um diese zu beheben. Man sollte ausserdem erwähnen, dass die Arbeitskultur auf dem Werkplatz Schweiz einzigartig ist. Nur schon im Vergleich zum benachbarten Ausland wird bei unseren Lernenden das selbständige Denken und Handeln viel stärker gefordert und gefördert. Das unterstützen wir übrigens auch, vor fünf Jahren haben wir eine neue Fachausbildung mitgestaltet: den Produktionsmechaniker Fachrichtung Wärmebehandlung.

Stichwort Hightech-Standort - was bedeutet das für Sie?

F. Heimgartner: Diesem Trend müssen wir folgen. Mit unseren «Hard-Inox»-Verfahren beispielsweise haben wir dies auch schon ein Stück weit geschafft. Bei den rostfreien Stählen hat man bis vor wenigen Jahren noch gedacht, die seien nicht härtbar. Mit den neuen Verfahren, die wir mitentwickelt haben, sind sie nun härtbar und bleiben rostfrei.

Was ist in Ihrem Geschäftsbereich essenziell?

F. Heimgartner: Im Härte-Business ist Kundennähe beziehungsweise das gemeinsame Entwickeln von Lösungen zentral. Ausserdem steckt in unserer Tätigkeit enorm viel Wissen und Erfahrung. Wir haben viele Stammkunden, die jeden Tag, jede Woche oder jeden Monat zu uns kommen und von langjährigen, eingespielten Beziehungen respektive Auftragsabläufen profitieren.

Neben dem Lohnhärten setzen Sie seit 2014 neu auch auf Beratung…

F. Heimgartner: Viele Firmen sind sich zu wenig bewusst, dass bei aktiver Abstimmung von Konstruktionen und Härteprozessen sowohl bessere Resultate als auch Preisvorteile anfallen können. Aus diesem Grund bieten wir unseren Kunden schon in der Entwicklungsphase ihrer Produkte Beratungsleistungen an. Damit werden Fertigungsabläufe in Frage gestellt respektive optimiert. Typische Resultate solcher Beratungsleistungen sind Kostenreduktion, Durchlaufzeitverkürzung oder Standzeiterhöhung.

Inwiefern ist bei solchen Evaluationen Ihr Technologielabor eingebunden?

F. Heimgartner: Manchmal muss man Vorversuche machen und verschiedene Varianten prüfen. Nach den Härteversuchen folgen Laboranalysen beispielsweise bezüglich Verschleiss und Korrosion. Oft kommt der Kunde mit einer Konstruktion – oder einem Schadenfall – zu uns und wir schlagen ihm unterschiedliche geeignete Behandlungsmethoden vor wie etwa Randschichthärten, Nitrieren oder Einsatzhärten. Mit Hilfe der Laborresultate kann er sein Bauteil im Anschluss anhand diverser Faktoren bewerten und es schon in der Konstruktionsphase optimieren.

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