CEO Walter Schweiz, Peter Petri, im Exklusivinterview mit dem SMM

«Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom»

| Redakteur: Matthias Böhm

«Der 15. Januar mit seinen bekannten Folgen, war ein Datum, mehr Mut zu entwickeln.» Peter Petri, CEO Walter (Schweiz) AG
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«Der 15. Januar mit seinen bekannten Folgen, war ein Datum, mehr Mut zu entwickeln.» Peter Petri, CEO Walter (Schweiz) AG (Bild: Matthias Böhm)

Der Werkzeughersteller Walter gehört mit fast 4000 Mitarbeitern zu den bedeutendsten weltweit. Peter Petri, CEO der Niederlassung Walter (Schweiz) AG, zeigt auf, wie sich die Werkzeug-Branche in der Schweiz von 2014 auf 2015 entwickelt hat, und es wird über Zahlen zum gesamten Werkzeugumsatz in der Schweiz gesprochen.

SMM: Wenn Sie auf 2015 zurückblicken, wie würden Sie das Jahr aus Sicht eines Werkzeugherstellers einschätzen?

Peter Petri: Die Umsätze und Erlöse innerhalb der Schweiz haben sich seit dem 15. Januar auf Grund der stark veränderten Rahmenbedingungen abgeschwächt. Da werden die wenigsten etwas anderes sagen.

Können Sie auch Zahlen nennen?

P. Petri: Nach mir vorliegenden Informationen hat sich der Schweizer Werkzeugumsatz um 15 bis 18 Prozent nach unten entwickelt. Der Schweizer Werkzeugumsatz hat in 2015 ein Marktvolumen von ca. 200 Millionen CHF erwirtschaftet. Im Vorjahr lagen die Werkzeugumsätze bei ca. 230 Millionen CHF. Der Markt ist um 30 Millionen geschrumpft und das innerhalb eines Jahres.

Wie kamen die Umsatzverluste zustande?

P. Petri: Es waren mindestens drei Faktoren. Der Umsatzeinbruch der Schweizer MEM-Industrie im Generellen, die Verlagerung von Schweizer Zulieferern hin zu ausländischen und schliesslich die Senkung der Werkzeugpreise aufgrund des neuen Wechselkurses. Auch wir mussten einen Preisnachlass unseren Kunden weitergeben.

War das eine freiwillige Preis- anpassung?

P. Petri: Nach dem 15. Januar haben wir über 150 Briefe erhalten. Dabei wurde um einen Preisnachlass gebeten. Lediglich zwei Firmen fragten explizit an, wie wir gemeinsam produktiver werden könnten. Diese geringe Zahl derjenigen, die ihre Produktion verbessern wollten, hat mich nachdenklich gestimmt. Gleichwohl, wir mussten uns dem Marktdruck stellen. Da unsere Werkzeuge im EU-Raum gefertigt werden, stehen wir natürlich in der Verantwortung, die Preise entsprechend unseren Möglichkeiten anzupassen. Auf der anderen Seite haben wir als Schweizer KMU eine Kostenstruktur, die zum grossen Teil in Franken anfällt: Immobilien, Steuern und Saläre zahlen wir nicht in Euro.

Wer hat aus Ihrer Sicht am meisten unter der neuen Wechselkurssituation gelitten?

P. Petri: Unternehmen mit Eigenprodukten und starken Alleinstellungsmerkmalen konnten ihre Preise oft durchsetzen. Jedoch der Lohnfertigungssektor – und auch Teile des Werkzeugmaschinenbereichs – haben stark gelitten. Nicht zuletzt, weil die Grosskunden in der Schweiz vermehrt im Ausland eingekauft haben. Daher ist es wichtig, den Markt differenziert zu betrachten. Ein Lohnfertiger kann kaum outsourcen.

Zurück in die Werkzeugbranche, wie viele Player teilen sich die 200 Millionen Franken?

P. Petri: Es sind etwa 100 Marken und etwa 100 Werkzeug-Händler sowie Hersteller in der Schweiz aktiv. Der durchschnittliche Umsatz liegt rein rechnerisch bei 1–2 Millionen. Die grösseren Marktteilnehmer sind mit 8–10 Prozentanteil Umsatz unterwegs. Der Markt ist daher sehr heterogen. Es ist ein sehr intensives kompetitives Feld. Ganz ähnlich läuft es im WZM-Bereich. Hier haben wir 80–90 WZM-Händler und -Hersteller.

Wenn man die Reduktion von 230 auf 200 Millionen bilanziert, gehen Sie von einer Deindustrialisierung aus?

P. Petri: Die Schweizer Industriedichte ist sehr hoch, ich denke wir müssen eine gewisse Ausdünnung in Kauf nehme. Dinge, die man sinnvollerweise im Ausland macht, die muss man auslagern, das sollte man akzeptieren. Aber: Es gibt genügend Potentiale. Eine Deindustriealisierung wird es sicher nicht geben.

Thema Alstom: Hier wurde im Januar angekündigt, dass Arbeitsplätze in der Turbinenfertigung abgebaut werden, eines Ihrer besonders starken Segmente.

P. Petri: Aus meiner Sicht ist eine hochgradig wirtschaftliche Turbinenfertigung in der Schweiz machbar, wenn die Effizienz stimmt. Man muss viel in Anlagenautonomie und sichere Prozesse investieren, hier liegt grosses Potential. Das lässt sich in der Schweiz sehr gut realisieren, weil die Mitarbeiter eine hohe Affinität zu solchen Themen haben. Ein Beispiel: eine 35-Stunden-Woche ist bei uns kein Thema, eher die 45-Stunden-Woche. In der Schweiz arbeitet man nach wie vor gerne und mit Freude. Die Human Ressources muss man viel stärker einbinden. Da liegen auch die Potentiale für Grossunternehmen.

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