Interview mit Jessica Bethune, Vice President Industrie- und Prozessautomation DACH bei Schneider Electric Perfektes Zusammenspiel von Mensch und Maschine

Von Anne Richter 9 min Lesedauer

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Schneider Electric ist ein wichtiger Vorreiter bei der Förderung der digitalen Transformation für mehr Effizienz und Nachhaltigkeit in Unternehmen. Im Interview berichtet Jessica Bethune, Vice President Industrie- und Prozessautomation DACH bei Schneider Electric, was die Chancen und Möglichkeiten für Unternehmen sind, aber auch vor welchen Herausforderungen sie stehen.

Jessica Bethune (links), Vice President Industrie- und Prozessautomation DACH bei Schneider Electric, im Gespräch mit Anne Richter, Chefredaktorin der at – aktuelle technik.(Bild:  Schneider Electric/ Gruppe C Photography)
Jessica Bethune (links), Vice President Industrie- und Prozessautomation DACH bei Schneider Electric, im Gespräch mit Anne Richter, Chefredaktorin der at – aktuelle technik.
(Bild: Schneider Electric/ Gruppe C Photography)

Anne Richter: Seit September 2023 sind Sie für den Industriebereich von Schneider Electric in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortlich. Was sind Ihre Hauptschwerpunkte?

Jessica Bethune: Automatisieren, modernisieren und Effizienz schaffen, das ist unser Kernthema – immer unter dem Fokus der Nachhaltigkeit und des nachhaltigen Wirtschaftens. Für mich geht es darum herauszufinden, was unsere Industrien brauchen, um in fünf, zehn oder 15 Jahren weiterhin wachsen zu können. Wie sie Geld sparen und Prozesse effizienter gestalten können, dass sie reinvestieren können, um für die zukünftigen Herausforderungen gut gewappnet zu sein.

Was bedeutet das konkret?

J. Bethune: Es gibt noch sehr viele Unternehmen und Infrastrukturen, die auf Steuerungssystemen laufen, die 20 oder sogar 30 Jahre alt sind. Diese Systeme müssen modernisiert werden. Sie müssen in die Lage gebracht werden, die Sprache der verschiedenen Infrastrukturen zu sprechen. Das nennen wir offene softwaredefinierte Automatisierung. EcoStruxure Automation Expert basiert z. B. auf einer offenen, modularen Softwarearchitektur, die es ermöglicht, dass Software und Hardware voneinander entkoppelt werden. Soft- und Hardware haben eine verschiedene Lebensdauer und verschiedene Wartungsintervalle. Durch die Entkopplung hat der Kunde die Macht, selbst zu entscheiden, wo und wie er modernisieren muss. Er kann Anlagen steuern, ohne von einem einzigen Hersteller abhängig zu sein. Damit kann er wesentlich agiler auf Veränderungen im Prozess reagieren, auf sich verändernde Energiepreise und auf andere Schwankungen.

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Oft ist vor allem für kleinere Unternehmen die Umsetzung eine Herausforderung. Inwieweit bietet Schneider Electric hier Unterstützung?

J. Bethune: Klassischerweise haben mittelständige Maschinenbauunternehmen keine grosse IT-Abteilung. Wir haben Kollegen aus dem Bereich «Industrial Digital Transformation» mit Erfahrung in der Industrie und mit Anwendungskompetenz. Die schauen sich zusammen mit den Kunden die Anlagen an. Sie machen Assessments mit den Kunden und beraten diesen anschliessend über die nächsten Schritte. In der Regel beginnt es mit einfachen Themen, z. B. mit der Fragestellung wie eine bestimmte Maschine weniger Energie verbraucht und effizienter arbeitet.

Seit etwa 15 Jahren sprechen wir über Industrie 4.0 und Digitalisierung. In der Realität gibt es noch sehr viel zu tun. Was sind für Unternehmen dabei die grössten Herausforderungen?

J. Bethune: Im Moment herrscht sehr viel Unsicherheit vor. Zwar sind sich die meisten Betriebe bewusst, dass sie etwas tun müssten. Aber es besteht eine Ungewissheit darüber, welche Auswirkungen die Digitalisierung haben kann. Es geht um solche Fragen wie: was passiert, wenn die Maschine an die Cloud angebunden wird und ob die Kunden das auch akzeptieren. Zusätzlich kommen externe Faktoren erschwerend hinzu: Lieferketten haben sich verändert, geopolitische und geowirtschaftliche Konstellationen sind volatil. Das verursacht sehr viel Sorge bei den Unternehmen. Aber ich bin auch der Meinung, dass wir den Mittelstand und die Industriebetriebe in der DACH-Region oft unterschätzen.

Wie meinen Sie das?

J. Bethune: Die Innovationskraft, der Wille und der wachsende Mut sind definitiv vorhanden. Ich habe in den letzten Monaten häufig eine Diskrepanz gesehen, zwischen der politischen, öffentlichen Diskussion, die von Verbänden und Grossunternehmen dominiert wird, und dem, was real in den KMU passiert. Das betrifft nach meiner Einschätzung den gesamten DACH-Raum. Da passiert richtig viel und bei den Unternehmen gibt es viel mehr Zuversicht, als in der öffentlichen Diskussion im Moment leider zu hören ist. Es gibt Ideen zur Energiespeicherung, um mit Preis- und Versorgungsschwankungen umzugehen oder zur Nutzung von Windkraft, um für den eigenen Betrieb Energie zu gewinnen.

Zusammenführung von Energie- und Industrietechnologie

Challenge Accepted: Schneider Electric präsentiert auf der Hannover Messe 2026 die Zusammenführung von Energie- und Industrietechnologie.(Bild:  Schneider Electric)
Challenge Accepted: Schneider Electric präsentiert auf der Hannover Messe 2026 die Zusammenführung von Energie- und Industrietechnologie.
(Bild: Schneider Electric)

Schneider Electric präsentiert auf der Hannover Messe 2026, wie Industrie­unternehmen die derzeitigen Herausforderungen in den Bereichen Betrieb, Energie und Personal wirksam in Wettbewerbsvorteile umwandeln können. Vom 20. bis 24. April werden am Stand Technologien von Schneider Electric, Aveva-Software, Partnern und Kunden aus der ganzen Welt präsentiert, die gemeinsam einen klaren, praxisnahen Ansatz für die moderne Industrie vermitteln.

Besucherinnen und Besucher sehen, wie Elektrifizierung, offene softwaredefinierte Automatisierung und digitale Energie- sowie Industrieintelligenz zusammenwirken, unterstützt durch starke Partnerschaften mit Microsoft, HPE, Intel und AWS. So entstehen schneller messbare Fortschritte in fünf zentralen Bereichen, die die Industrie heute besonders herausfordern:

  • Betriebseffizienz: Abfall reduzieren, Abläufe beschleunigen und autonome Entscheidungen durch KI-gestützte digitale Zwillinge und Echtzeit-Edge-Analysen ermöglichen.
  • Veraltete Systeme: Anlagen schneller modernisieren, indem neue, offene und interoperable Automatisierungstechnik problemlos mit vorhandenen Systemen zusammenarbeitet und diese Schritt für Schritt ersetzt.
  • Fachkräftemangel: Befähigung von Menschen durch KI-gestützte Tools, digitale Schulungen und Echtzeitdaten, um Expertise zugänglicher zu machen und zu erhalten.
  • Daten- und Cybersicherheit: Sichere IT- und OT-Architekturen sowie einheitliche Datenwege bereitstellen, die beide Welten zuverlässig verbinden und so den Einsatz vertrauenswürdiger industrieller KI im grossen Massstab ermöglichen.
  • Energieeffizienz und Elektrifizierung: Strom, Prozess und Daten integrieren, um industrielle Abläufe zu dekarbonisieren, Energieresilienz zu stärken und langfristige Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Hannover Messe: Halle 13, Stand C34

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Was ist für kleinere, produzierende Unternehmen der optimale Weg in die Digitalisierung? Gibt es den überhaupt?

J. Bethune: Die Unternehmen müssen sich selbst klar darüber werden, was sie wirklich brauchen – und zwar kurz-, mittel- und langfristig. Sie sollten unbedingt im Kleinen anfangen, aber auch in die Vernetzung gehen. Für mich persönlich ist das Thema Kreislaufwirtschaft entscheidend und die Schaffung eines Ecosystems um den eigenen Betrieb herum mit Zulieferern, Partnern und Kunden. Mittels digitaler Plattformen kann ein Netzwerk generiert werden, mit dem Ziel, zukünftige Bedarfe und Entwicklung der Märkte besser antizipieren zu können. Das wird in den nächsten Jahren das Fundament unseres Wachstums sein.

Ein Schlagwort der heutigen Zeit ist die herstellerunabhängige Automatisierung. Schneider Electric ist einer der Vorreiter. Was bedeutet das?

J. Bethune: Der Weg der herstellerunabhängigen Automatisierung wird vertreten durch universalautomation.org, eine Vereinigung von Unternehmen, Universitäten, Herstellern und Anwendern, bei der wir Gründungsmitglied sind. Wir definieren standardisierte Schnittstellen und eine gemeinsame Sprache, in der Hard- und Software miteinander kommunizieren können. Damit geben wir allen beteiligten Unternehmen die Möglichkeit, auf bestehenden Infrastrukturen neue Applikationen und Lösungen aufspielen und nutzen zu können. Das geht in Richtung einer Open Source Community. Wir trennen zwar die Hard- und Softwarewelt, aber nur, um sie anschliessend wieder neu zusammenzubringen. Es ist ein fortwährender Prozess der gemeinsamen Entwicklung von Kunde, Anwender, Hersteller oder Systemintegrator. Voraussetzung ist, die proprietären Systeme zu verlassen.

Wie gross sind die Beharrungskräfte für diese proprietären Systeme?

J. Bethune: Das ist sehr unterschiedlich. Wir sind mit neun Gründungsmitgliedern bei universalautomation.org gestartet, inzwischen sind wir etwa130 Mitgliedsunternehmen bei wachsender Tendenz. Gerade in der DACH-Region gibt es keine Greenfield-Umgebung. Es wird wenig Werke geben, die irgendwo im Grünen von Grund auf neu gebaut werden und man sich Plug and Play ein Werk zusammenstellen kann. Es gibt gute industrielle Infrastrukturen, mit grossartigen Anlagen, die aber dringend modernisiert werden müssen. Um die notwendigen Investitionen Stück für Stück machen zu können, ist es unabdingbar sich zu öffnen und aus den proprietären Systemen rauszukommen. So hat der Kunde die Möglichkeit, Stück für Stück zu innovieren ohne gleich Milliarden in die Hand nehmen zu müssen, um den einen Standort in die neue digitale Welt bringen zu können.

Mit zunehmender IT-OT-Konvergenz spielt der Security-Aspekt eine immer grössere Rolle. Wie können sich Unternehmen dabei schützen?

J. Bethune: IT und OT gehören unbedingt zusammen: einerseits die gewünschte Vernetzung, andererseits muss alles auch cybersicher sein. Es darf kein Zugriff von Dritten möglich sein. Alle Produkte und alle Lösungen, die wir entwickeln, sind kompatibel mit dem Cyber Resilience Act. Im Jahr 2027 kommt die NIS2-EU-Richtlinie auf uns zu, bei dem die Anwender darstellen müssen, dass sie im Falle von Cyberangriffen reagieren können. Dieses Zusammenspiel wollen wir sehr gern mit unseren Kunden gemeinsam verwirklichen: Von OEM, über Maschinenbau bis zum Endkunden. Auch hier werden die Kollegen vom Industrial Digital Transformation Team zusammen mit dem Cybersecurity-Team, Schwachstellen analysieren können.

Die grösste Schwachstelle ist der Mensch. Wie wird das berücksichtigt?

J. Bethune: Dafür ist kontinuierliches Lernen wichtig. Anwender müssen sich immer wieder bewusst machen, wie kreativ Hacks sein können. Wir organisieren selbst regelmässig Schulungen mit allen Mitarbeitenden und bieten das auch für unsere Kunden an. Wenn sich Kunden ein grösseres System anschaffen, ist es immer auch Teil der Beratung.

Seit Jahren verfolgt Schneider Electric eine Strategie zu mehr Nachhaltigkeit und Energieeffizienz – ein Thema, das in letzter Zeit etwas aus dem Fokus der Öffentlichkeit gerutscht ist. Inwieweit ist das Thema für Ihre Kunden trotzdem relevant?

J. Bethune: Es gibt Studien dazu: aktuell vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung und vom WWF. Die Studien zeigen sehr klar, dass die Kosten, die auf die Wirtschaft in Zukunft zukommen werden, wenn die Themen rund um Klimaneutralität nicht angegangen werden, sehr viel höher sein werden als heute notwendige Investitionen. Die jährlichen anfallenden Kosten für Klimaschäden allein im EU-Raum liegen bei einer Grössenordnung von etwa neun Milliarden Euro. Auch bei diesem Thema stelle ich einen Unterschied fest, zwischen der öffentlichen politischen Diskussion und dessen, was tatsächlich in der Industrie passiert. Ich bin in den letzten zwölf Monaten beispielsweise nicht auf ein einziges Unternehmen getroffen, dass sich nicht für die Klimathemen interessiert.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung bei der Nachhaltigkeitsthematik?

J. Bethune: In den nächsten 20 Jahren werden sehr viele Menschen in den Ruhestand gehen. Sehr viel weniger junge Menschen werden nachrücken. Ohne Digitalisierung und KI werden sie all diese Prozesse nicht leisten können. Gleichzeitig wird die Technologie den Menschen niemals ersetzen. Darauf müssen wir uns aber schon heute vorbereiten. Vielen ist die Wichtigkeit nicht bewusst. Wer nicht mit der Technologie geht, wird in naher Zukunft nicht mehr wettbewerbsfähig sein.

Ein weiteres grosses Thema der Gegenwart ist die Künstliche Intelligenz. Welchen konkreten Nutzen bieten auf künstlicher Intelligenz basierender Anwendungen schon heute?

J. Bethune: Wir setzen in allen unseren Betrieben KI ein. Wir nutzen den Copiloten über unsere Unternehmenssoftware und schulen auch weltweit die Mitarbeiter darin. Dazu kommt der industrielle Copilot in den Systemen, die wir herstellen. Es wird weniger Menschen geben, die eine SPS programmieren können. Die Anwender werden lernen zu wissen, welche Befehle die KI braucht, damit die SPS so programmiert wird, wie es benötigt wird. Es wird darum gehen, verstehen zu lernen, was die Anlage tun muss und zu wissen, was es braucht damit sie es auch tut. Es wird immer den Maschinenbauer brauchen und auch Menschen, die ein Handwerk lernen. Aber die KI wird mit Sicherheit das «Wie» stark verändern. Das betrifft vor allem die Bereiche Programmierung, Steuerung und Wartung. Auch das Thema Kreislaufwirtschaft wird sehr stark von der KI befeuert werden. Da geht es um solche Fragestellungen, welche Teile des Produktes recycelt oder wiederverwendet werden können und wie die Prozesse gesteuert werden.

Für die Zukunft gedacht: Was ist ihre Idee von perfekter Digitalisierung?

J. Bethune: Für mich ist es das perfekte Zusammenspiel Mensch und Maschine, idealerweise zum Besseren des Menschen. In den letzten Jahrzehnten waren die Menschen gerade in bestimmten Berufssegmenten in ihrem Tun sehr gefangen. Kreativität und Innovation wurde nicht wirklich unterstützt. Hier sehe ich auch meine Verantwortung. Ich habe zwei Kinder und ich möchte, dass deren Kinder auch irgendwann noch erleben, wie schön die Welt ist, wie schön Deutschland ist und wie schön die Schweiz ist und wie grossartig es ist, in den Alpen, im Winter noch Schneeflocken vom Himmel fallen zu sehen.

Vielen Dank für das Gespräch!

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