Matthias Buholzer und Urs Zumsteg zur Zukunft von Vischer & Bolli SMM-Exklusivinterview: OSG setzt auf Vischer & Bolli

Redakteur: Matthias Böhm

Die Vischer & Bolli AG erhält zum 60. Firmenjubiläum mit dem japanischen Werkzeughersteller OSG einen neuen Grossaktionär. Die Hintergründe erfahren Sie im SMM-Exklusivinterview mit den beiden Geschäftsführern Matthias Buholzer und Urs Zumsteg.

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«Als der Januar 2015 mit der Freigabe des Schweizer Franken kam, mussten wir auf einen starken kapitalkräftigen Partner setzen, der uns in der Schweiz zukunftsfähig macht. Wir konnten 2015 und 2016 sogar neue Mitarbeiter einstellen. Dies war nur dank der Kooperation mit OSG möglich» Urs Zumsteg, Geschäftsführer der Vischer & Bolli AG «Nach 60 Jahren Vischer & Bolli haben wir dank der starken Partnerschaften exzellente Aussichten für unsere Zukunft. Matthias Buholzer, Geschäftsführer der Vischer & Bolli AG
«Als der Januar 2015 mit der Freigabe des Schweizer Franken kam, mussten wir auf einen starken kapitalkräftigen Partner setzen, der uns in der Schweiz zukunftsfähig macht. Wir konnten 2015 und 2016 sogar neue Mitarbeiter einstellen. Dies war nur dank der Kooperation mit OSG möglich» Urs Zumsteg, Geschäftsführer der Vischer & Bolli AG «Nach 60 Jahren Vischer & Bolli haben wir dank der starken Partnerschaften exzellente Aussichten für unsere Zukunft. Matthias Buholzer, Geschäftsführer der Vischer & Bolli AG
(Bild: Matthias Böhm)

SMM: Der japanische Werkzeughersteller OSG wird Gross­aktionär von Vischer & Bolli. Was bedeutet das für die Zukunft von Vischer & Bolli?

Matthias Buholzer: Dies ist ein Meilenstein in der Geschichte von Vischer & Bolli, und das zum 60. Gründungsjahr unseres Unternehmens. Mit OSG haben wir einen enorm starken Partner gewonnen, der sehr kooperativ mit uns zusammenarbeitet. Wir können dank der neuen Konstellation auf hervorragende technologische Ressourcen von OSG zugreifen.

Wie positioniert sich Vischer & Bolli bezüglich des Technologiespektrums?

Urs Zumsteg: Wir verfügen über eine eigene Konstruktion im Bereich der Werkstück-Spanntechnik. Eine besondere Stärke darin ist unser Nullpunkspannsystem DockLock, das wir selbst entwickelt haben und in der Schweiz produzieren lassen. Eine Besonderheit unserer Unternehmensstruktur kommt hier zum Tragen. 60 % unsers Umsatzes werden in der Schweiz, 40 % werden im Ausland generiert. In der Schweiz treten wir in erster Linie als Werkzeughändler u. a. von OSG, M. A. Ford, Kyocera und Denitool auf. Im Ausland ist es genau umgekehrt, dort treten wir nahezu ausschliesslich als Spannmittelhersteller auf und weniger als Werkzeughändler, obwohl sich das Dank OSG speziell in Süddeutschland ändern wird.

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Wie hat sich die Zusammenarbeit mit OSG entwickelt?

M. Buholzer: Vischer & Bolli ist der älteste europäische Händler von OSG, wir arbeiten seit 1971 mit dem japanischen Werkzeughersteller zusammen. OSG ist heute der viertgrösste Werkzeughersteller weltweit und mit 4000 Mitarbeitern der grösste Hersteller von Gewindebohrern, mit etwa einem Drittel Weltmarktanteil. OSG hat sich auf Roundtools fokussiert, und versteht sich als «Holemaker Number One», Gewinden inklusive. Das sind auch die Werkzeuge, die bei Vischer & Bolli in der Schweiz der grösste Umsatztreiber sind.

Welche Beweggründe gab es, dass OSG bei Vischer & Bolli eingestiegen ist?

U. Zumsteg: Nicht zuletzt aufgrund der sehr langen konstruktiven Zusammenarbeit. Wir (Matthias Buholzer und Urs Zumsteg, Anm. d. Red.) haben Vischer & Bolli 2011 im Rahmen eines Management-­Buy-outs (MBO) vom damaligen Eigentümer übernommen und in den letzten Jahren die Zusammenarbeit mit OSG kontinuierlich ausgebaut.

Wie viel Ihres Umsatzes kommt über Ihre Online-Plattform?

U. Zumsteg: Wir betreiben unseren Webshop seit 15 Jahren und generieren damit heute 50 Prozent unseres Umsatzes. Es kommen zunehmend mehr Bestellungen über diesen Kanal. Das Online-Geschäft wächst laufend, das ist eine grosse Herausforderung gerade für einen Händler wie uns, weil wir mehrere Marken vertreiben. Aber unser stetiges Online-Wachstum zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Daten kommen alle aus dem ERP, das sind 30000 Artikel, davon sind 20000 lagergeführt, alle neuen Artikel müssen nachgeführt werden. Das ist ein enormer Aufwand.

Sie sind mit Rego-Fix-Spannsystemen auch in der Werkzeugspanntechnik gut unterwegs.

U. Zumsteg: Unsere Stärke ist es, dass wir dem Kunden zwischen Spindel und Maschinentisch ein komplexes und qualitativ hochwertiges Lösungsspektrum anbieten. Das hat den Grund, dass wir immer mehr komplexe Fertigungs-Lösungen realisieren müssen. Unser breites Fertigungsportfolio hat OSG davon überzeugt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Als der Januar 2015 mit der Freigabe des Schweizer Franken kam, mussten wir auf einen starken kapitalkräftigen Partner setzen, der uns in der Schweiz zukunftsfähig macht. Wir konnten 2015 und 2016 sogar neue Mitarbeiter einstellen. Dies war nur dank der Kooperation mit OSG möglich.

Welche Positionierung haben Sie in Deutschland?

U. Zumsteg: Wir positionieren uns in Deutschland als ganzheitlicher Spannmittelanbieter. Generell vertreiben wir unsere Werkstückspanntechnik über Vertretungen. Ausnahme ist unsere Tochterfirma in Lindau, über welche wir Bayern und Baden-Württemberg direkt bearbeiten.

Welche Vorteile hat die engere Anbindung an OSG für Ihr Unternehmen?

Matthias Buholzer: OSG verfügt über eine der modernsten Werkzeug-Produktionsstätten als auch ein Vorführ- und Technologiezentrum am Produktionsstandort in Göppingen. Die Produktionsfläche wurde erst kürzlich verdoppelt. OSG gibt ordentlich Gas hier in Europa und verfolgt eine klare Wachstumsstrategie, um sich am europäischen Markt entsprechend zu positionieren. Die Preise liegen aufgrund der Qualität im oberen Segment. Wir setzen mit OSG als Partner klar auf einen Technologievorsprung.

Technologievorsprung hört sich hochpreisig an.

M. Buholzer: Über Qualität zu verkaufen, ist eine enorme Herausforderung an unsere Mitarbeiter. Unsere Verkäufer sind ausgebildete Zerspanungsspezialisten. Am besten läuft das über Testläufe und Verfahrensoptimierungen. Dazu müssen wir in die Produktion an die Prozesse der Unternehmen kommen. Einkäufer zu überzeugen, ist in diesem Zusammenhang ganz schwierig. Unsere Ansprechpartner sind optimalerweise die Produktionsleiter und bei kleineren Firmen die Inhaber, die noch sehr nah am Span sind.

Und wie gelingt es Ihnen, zu überzeugen?

U. Zumsteg: Wir können zeigen, wie wir die Produktionszeit, mittels optimierter Frässtrategien und höherem Zeitspanvolumen, verringern. Ebenfalls helfen wir, die Prozessstabilität zu optimieren. Das sind wichtige Faktoren. Allerdings: Die direkten scheinbaren Werkzeugkosten (Kosten OSG-Fräser gegenüber Mitbewerber-Fräser) können steigen. Die realen Werkzeug-Kosten müssen aber nicht steigen, weil die Standzeiten unserer Werkzeuge in der Regel höher sind als die von kostengünstigeren Werkzeugen. Zudem können wir mit unseren Lösungen die Produktivität erhöhen, so dass die Maschinenstunden pro Werkstück reduziert werden. Jetzt liegt es an den Spezialisten, zu prüfen, welche Strategie die günstigere ist.

Ähnlich wie die OSG-Werkzeuge gehören auch die Rego-Fix-Spannsysteme, die sie vertreiben, zu den hochpreisigen Werkzeug-Spannsystemen.

U. Zumsteg: Unsere Stärke liegt in den KMU-Firmen als Kundenstruktur. Genau aus dem oben genannten Grund, weil wir mit dem Inhaber oder Produktionsleiter in Kontakt treten können. Mit ihm führen wir fachliche Diskussionen, warum er beispielsweise in ein Powrgrip-Spannsystem investieren soll, das doppelt so teuer ist wie ein Schrumpfsystem. Wir haben letztes Jahr das 300ste Powrgrip-Spannsystem in den Schweizer Markt gebracht. Das ist eine beträchtliche Marktdurchdringung. Unsere Überzeugungsarbeit funk­tioniert am besten, wenn wir nah an den Fertigungsspezialisten dran sind.

Können Sie das Powrgrip-System von Rego-Fix auch über Ihre deutsche Niederlassung verkaufen?

M. Buholzer: Wir sind in der Schweiz Exklusivvertreter des Powrgrip-Systems und wir haben auch für Süddeutschland die Exklusivvertretung von Rego-Fix bekommen. Das zeigt das Vertrauen, das das Unternehmen Rego-Fix uns entgegenbringt.

Wie schafft man das, ein so hochpreisiges System in den Markt zu bringen, wo alle auf der Kostenbremse stehen?

M. Buholzer: Herr Zumsteg hat es oben bereits angedeutet. Wer die Vollkostenrechnung macht, erkennt, dass er mit einem qualitativ hochwertigen Werkzeug­spannsystem wie Powrgrip nachhaltig Kosten sparen kann. Wir gehen einen speziel­len Weg, um die Kunden zu überzeugen. Die technologische Stärke von Powrgrip sind die hohe Steifigkeit, die enorme Präzision und eine einfache Bedienung. Wir geben dem Kunden das Gerät zwei Wochen lang zum Testen. Wenn unsere potentiellen Kunden diesen Schritt gemacht haben, dann können wir zu 80 Prozent sicher sein, dass wir anschlies­send das System bei ihm integrieren können. Es ist genial, auch wenn dies auf den ersten Blick nicht zu erkennen ist. Man muss es erst einmal getestet und seine Stärken erkannt haben. Gerade wenn es um Prozesssicherheit, Standzeit und Produktivität geht, dann sind wir mit unseren Technologien ein hervorragender Ansprechpartner.

Sie sind auch im Automationsbereich aktiv mit Ihren Werkstück-Spannsystemlösungen, wie entwickelt sich dieser Bereich?

U. Zumsteg: Im Ausland, speziell in den USA und in Deutschland, sind wir eher der Werkstück-Spanntechnikspezialist. In der Schweiz ist das unseren Kunden gar nicht so bewusst. Deshalb haben wir auf der letzten Prodex erstmalig nur unser Spanntechnik-Sortiment präsentiert, um unseren Schweizer Kunden aufzuzeigen, dass wir auch ein Werkstück-Spannspezialist sind. Unsere Stärke liegt im grösseren Werkstückspannbereich, wo sehr individuell auf den Kunden eingegangen werden muss. Wir sind beispielsweise exzellent in der Automotiv-Industrie verankert, wo wir sehr spezifische Lösungen für deren Automationsstrassen liefern.

Welche Rolle spielt die Automation in der Schweiz?

U. Zumsteg: Die Schweiz wäre ein hervorragendes Land für Serienfertigung. Schweizer Unternehmen haben ausgezeichnete Voraussetzungen und die Kompetenzen, Serien zu fahren. Grundvoraussetzung der Automatisierung ist die Spanntechnik. Wir haben kürzlich eine eigene Roboterzelle als Gemeinschaftsprojekt mit HBI entwickelt. HBI liefert die Zelle und wir machen die Spanntechnik und integrieren die Lösung bei unseren Kunden. Unsere Stärke ist es, die Spanntechnik auf die fertigungstechnischen Bedürfnisse anzupassen. Das ist eine extrem anspruchsvolle Aufgabe.

Neben OSG-Werkzeugen verfügt Vischer & Bolli über weitere Werkzeug-Vertretungen.

M. Buholzer: Nach dem Einstieg von OSG haben wir unser Sortiment sogar ausgebaut. Aktuell zählen wir nebst OSG auch M. A. Ford, Kyocera und Denitool sowie im Spanntechnik-Bereich Rego-Fix dazu. Das sind die namhaftesten Marken, die wir vertreiben. Das bleibt bestehen. Es ist aber auch klar, dass wir mit OSG neu über eine hervorragende Herstellerkompetenz verfügen.

Mit Kyocera und Denitool verfügen sie über Werkzeug-Lösungen im Drehbereich.

M. Buholzer: Wir haben mit Denitool und Kyocera zwei neue Vertretungen ins Boot geholt. Damit sind wir Vollanbieter im Drehen geworden. 10 000 Artikel sind hinzugekommen. Das bietet uns neue Möglichkeiten und ein neues Kundenspektrum. Wir haben hier sehr gute Zuwächse und haben den Umsatz innerhalb kürzester Zeit verdoppelt. Wir waren zuvor im Drehen in spezifischen Bereichen tätig, wie VHM-Bohrstangen, die wir selbst produziert haben. Auch ein spezielles Abstechsystem haben wir im Programm. Deshalb verfügen wir in dem Bereich bereits über einen gewissen Kundenstamm.

Wie positionieren Sie Kyocera gegenüber OSG?

M. Buholzer: Insbesondere der Wendeplatten-Bereich von Kyocera ist im Fräsen und Drehen sehr stark und ergänzt unsere OSG-Roundtools hervorragend. Der grösste Anteil der Kyocera-WSP sind geschliffene WSP. Darüber hinaus ist Kyocera besonders stark im Cermet- und CBN-Bereich. Letztere werden vor allem für die Zerspanung gehärteter Bauteile genutzt. Cermet ist ideal für das Schlichten von Stahlwerkstücken, hier gehört es zu einem der besten Schneid­stoffe.

Wie haben sich die zusätzlichen Werkzeugvertretungen auf die Umsätze ausgewirkt?

U. Zumsteg: In den letzten zwei Jahren war es für Unternehmen der MEM-Branche extrem schwierig, zu wachsen. Durch die Erweiterung unseres Produktsegments war es uns – entgegen dem Trend – möglich, zu wachsen, sowohl umsatzmässig als auch in Bezug auf die Anzahl Mitarbeiter. Wenn man dann noch die sehr enge Partnerschaft mit OSG hinzuzieht, dann können wir auf eine sehr positive Entwicklung zurückblicken.

M. Buholzer: Und nach 60 Jahren Vischer & Bolli haben wir dank der starken Partnerschaften exzellente Aussichten für unsere Zukunft. SMM

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