SKF Wie das Pendelkugellager die Industrie ins Rollen brachte

Redakteur: Victoria Sonnenberg

In der schwedischen Sturm-und-Drang-Zeit des 20. Jahrhunderts sollte die schäumende Wut eines jungen Ingenieurs zum Nährboden eines Geniestreichs werden. Sven Wingquist legte mit der Erfindung des zweireihigen Pendelkugellagers den Grundstein für den Erfolg der heute weltweit tätigen SKF-Gruppe.

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Der schwedische Ingenieur Sven Wingquist legt mit der Erfindung des zweireihigen Pendelkugellagers den Grundstein für SKF.
Der schwedische Ingenieur Sven Wingquist legt mit der Erfindung des zweireihigen Pendelkugellagers den Grundstein für SKF.
(Bild: SKF)

Die Luft ist ölig und staubig, der Lärm der Maschinen ohrenbetäubend. Fast könnte man schwören, die Vibrationen auf der Haut zu spüren. Der laute Takt der Webmaschinen diktiert den mühsamen Alltag der Arbeiter in der schwedischen Textilfabrik Gamlestadens Anfang des 20. Jahrhunderts. Von jetzt auf gleich herrscht eigentlich Stille, doch das Ohr imitiert das Takataka der Maschinen weiter, bis es wie ein Echo immer leiser wird, um kurz darauf gänzlich zu erlöschen. Plötzlich lärmt es wieder, nicht weil die Maschine wieder läuft, sondern weil sie genau das nicht tut. Und so brüllt der junge Ingenieur Wingquist wutentbrannt und schimpft über das unstete Treiben seines schweigsamen, eisernen Kollegen. Unzufrieden mit der unzureichenden Ausdauer der Spinnmaschinen entscheidet er sich kurzerhand zum Handeln. Er ist mit seiner Geduld am Ende, eine neue Lösung muss her.

Seine Wut sollte sich als äußerst konstruktiv erweisen: Wingquist, der das Einverständnis der Firmenleitung zum Experimentieren hatte, aber nicht während seiner Arbeit in der Fabrik an einer neuen Lösung tüfteln durfte, entwickelte in seiner Freizeit das revolutionäre Produkt, das nicht nur die Textilfabrik in produktivere Sphären hob, sondern sich auch in vielen weiteren Bereichen der Industrie verdient machte: das zweireihige Pendelkugellager. Das Ergebnis der nächtelangen Arbeit beeindruckte seine Arbeitgeber derart, dass Wingquist 1907 mit ihnen als Mäzenen die Aktiebolaget Svenska Kullagerfabrik ins Leben rufen konnte. Auch für ihn zahlte es sich aus, als er selbst der erste Geschäftsführer wurde.

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Das selbstausrichtende Kugellager soll seinen starren Vorgänger ablösen

Sein revolutionäres winkelbewegliches Lager – ein zweireihiges Pendelkugellager mit einer gemeinsamen sphärischen Laufbahn im Außenring, auf der beide Kugelreihen laufen – überzeugte dadurch, dass es sich selbst ausrichten konnte, was in Zeiten lehmiger und instabiler Böden einen entscheidenden Vorteil bot. Denn durch die freie Ausrichtung des inneren Rings in Bezug auf den äußeren löste das neue, „selbstausrichtende“ Lager die Probleme seines „starren“ Vorgängers. Die üblichen Lager mussten manuell eingestellt werden und überhitzten bei der geringsten Fehlausrichtung, was zum regelmäßigen Ausfall und kostspieligen Stillstand führte. Volle Auftragsbücher traten schon bald den Beweis dafür an, dass die neue Flexibilität des Pendelkugellagers eine Nische füllte und die industrielle Welt regelrecht darauf gewartet hatte.

Wingquist, als neugieriger Schwede angetrieben von Tatendrang und Abenteuerlust, in dessen Brust sowohl das Herz eines Erfinders als auch das eines Verkäufers schlug, erkannte alsbald seine Chance. So wartete der ambitionierte Ingenieur gar nicht erst darauf, dass die Welt zu ihm kam. In typischer Wingquist-Manier nahm er die Sache selbst in die Hand und reiste in die Welt. Dadurch machte der junge Visionär nicht nur auf das zweireihige Pendelkugellager aufmerksam, sondern setzte zudem durch diese effektive Produktvermarktung einen neuen Maßstab.

Dass es Wingquist nach seiner Erfindung in aller Herren Länder trieb, war nicht nur ein Zeichen seiner Überzeugung – und ein wohl nicht minder entscheidender Faktor seines Erfolgs –, sondern für damalige Zeiten auch ein äußerst unkonventioneller Weg. So verstrich kaum ein Jahr nach der Erfindung und erfolgreichen nationalen Vermarktung, bis Wingquist den wirklich großen Absatzmarkt hinter den schwedischen Grenzen erkannte und als Markenbotschafter zunächst potenziellen Kunden in Deutschland und Frankreich einen Besuch abstattete. Diese lobten das Kugellager als überaus nützlich und lieferten genug Anlass dafür, in beiden Ländern die ersten Vertriebsgesellschaften zu gründen. Nach den erfolgreichen Reisen ins nahegelegene Ausland dauerte es nicht lange, bis SKF-Vertreter in Finnland, der Schweiz, Dänemark, Österreich und Australien engagiert wurden.

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