Interview

«Wir müssen unsere Komfortzone verlassen»

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Was sind die weiteren Ansätze?

J. Koop: Ausserdem wollen wir uns stärker auf Netzwerke konzentrieren und uns noch stärker als Schweizer Produzent verstehen. Seit längerem sind wir beispielsweise in der äusserst potenten Virtuellen Fabrik (www.virtuellefabrik.ch) aktiv. In solchen Netzwerken sehe ich die Chance, sich Partnern gegenüber punktuell zu öffnen und gemeinsame Auftritte auch beim Kunden zu suchen. Es geht darum, eigenständige Firmen zu bleiben, aber sich so zu vernetzen und Kooperationen einzugehen, dass der Datenaustausch effizient und gut ist. Das geht weit über die klassischen Zuliefernetzwerke hinaus und setzt hohes Vertrauen voraus. Für den Kunden sehe ich hier einen sehr grossen Mehrwert. Hierbei ist unsere Herausforderung, den Kunden zu überzeugen, dass, auch wenn er nur mit BR Tec in Kontakt tritt, er mit einem Netzwerk in Kontakt ist, welches ihm einen hohen Mehrwert liefert. Das erfordert auch eine hohe Transparenz dem Kunden gegenüber. Generell wollen wir unser Wirken stärker auf den Verkauf und das Marketing konzentrieren.

Was bedeutet das? Hat BR Tec sich bis anhin nicht auf Marketing und Verkauf konzentriert?

J. Koop: Zumindest nicht professionell. Wir hatten natürlich immer das Gefühl, dass wir sehr viel im Bereich Marketing und Verkauf unternommen haben: Wir waren auf Messen, wir haben Werbung geschaltet und auch Kunden besucht. Aber wir waren immer nur technisch unterwegs, bei Beratungen haben wir uns vorwiegend nur auf die technische Seite konzentriert, der Weg war es, sich über das Know-how zu etablieren. Jetzt stellen wir fest, dass die heutigen Einkäufer in einer globaleren, schnelllebigen Zeit uns nicht mehr zwingend nah sind, die zwischenmenschlichen Kontakte dadurch geringer werden. Auf Grund dieser Entwicklung brauchen wir für unseren Verkauf einen professionellen ERP-(CRM-)Support, damit der Einkäufer genau erkennen kann, welchen Nutzen wir bringen können, auf der technischen Seite genauso wie in betriebswirtschaftlicher Hinsicht.

Wie steht BR Tec zum Standort Schweiz? Gibt es Überlegungen, den Standort zu verlagern?

J. Koop: Wir denken, dass die Fertigung, wenn es um das Hundertstel und Tausendstel geht, insbesondere bei Kleinserien und Kleinmengen, weiter in der Schweiz bleiben wird und hier auch sinnvoll ist. Diese Qualität haben wir und in diese Qualität wollen wir weiterhin investieren. Für uns stellt sich die Frage, ob die Vorproduktionsarbeiten, bei denen es nur um den Millimeter oder Zehntel-Millimeter geht, in der Schweiz auf Grund der hohen Arbeitskosten sinnvoll sind oder das Produkt am Ende zu sehr verteuern. In einem aktuellen Projekt untersuchen wir die Situation in verschiedenen Ländern Osteuropas – in erster Linie in Rumänien und Tschechien. Die Idee ist, uns vor Ort in irgendeiner Form niederzulassen und einen Teil der Produktion dort vorzunehmen. Wichtig ist für uns, dass vor Ort schnell und gut nach unseren Vorstellungen reagiert werden kann. Das sind unsere Überlegungen. Aber wir wollen als BR Tec die Schweiz nicht verlassen. Alles im Ausland zu machen, ist für uns keine Lösung. Die Stabilität eines Landes, wie man sie in der Schweiz vorfindet, muss gewichtet werden.

Was wollen Sie damit erreichen? Geht es nur darum, die Kosten zu reduzieren?

J. Koop: Unser Ziel ist es, in der Zukunft wieder mehr Substanz aufzubauen. Es braucht eine bestimmte Substanz, um Rückschläge wie die vom 15. Januar 2015 wegzustecken. Auf Grund der gesagten «negativen» Umstände sind gewisse Standardprodukte weggefallen. Doch wir brauchen eine gewisse Grundlast und Konstanz, die unser tägliches Überleben sichert. Das ist Voraussetzung und Rückhalt, um sich auf Neues einzulassen und ein Risiko einzugehen. Ohne diese Basis ist es schwierig, in neue Maschinen und Projekte zu investieren, die am Anfang vielleicht noch nicht richtig ausgelastet sind oder erst später einen ROI führen. Hinzu kommt, dass heute fast jede Bestellung eine Herausforderung für uns in Bezug auf Kalkulation, Prüfung, Machbarkeit und Terminhaftigkeit ist. Die Individualisierung der Produkte ist so angestiegen, dass fast jedes Produkt ein Unikat ist und dass damit die Lernphase wegfällt. Die Volatilität des Ertragsgebildes ist dadurch stark gestiegen. Eine notwendige Konstanz könnte durch eine Produktion von Standardprodukten im Ausland gesichert und damit die Volatilität abgemildert werden.

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