Interview «Wir müssen unsere Komfortzone verlassen»

Autor: Anne Richter

BR Tec ist ein breit aufgestelltes Zulieferunternehmen mit hoher Fertigungstiefe. SMM sprach mit dem Inhaber Jan Koop, der die Zukunft des Werkplatzes Schweiz optimistisch sieht. Die Voraussetzungen dafür legt er im Interview dar.

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(Bild: Anne Richter, SMM)

SMM: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage am Werkplatz Schweiz ein?

Jan Koop: Den Werkplatz Schweiz zeichnet aus unserer Sicht eine hohe Einsatzbereitschaft der Mitarbeiter und eine hohe Qualität aus, die wir zum grossen Teil dem dualen Bildungssystem zu verdanken haben. Für uns als Fertigungsbetrieb ist das duale Berufssystem enorm wichtig und sehr bedeutend. Ausserdem ist eine hohe Dichte qualifizierter und spezialisierter Unternehmen charakteristisch für die Schweiz. Dieser Fundus an guten Unternehmen in nächster Nähe ist auch für uns entscheidend. Die daraus entstehende vielfältige Kompetenz ist ein Wettbewerbsvorteil. Doch im Vergleich mit anderen europäischen Ländern ist die Schweiz schon immer teuer gewesen. Der Entscheid der SNB, die Anbindung des Frankens an den Euro bei 1.20.– zu lösen, hat einiges in unserer Industrie ausgelöst. In der Kumulation sind es eben nicht nur diese 10 bis 15 Prozent, die durch die Aufhebung des Mindestkurses auf einen Schlag hinzugekommen sind, sondern schon davor wurde der Euro konti­nuier­lich immer schwächer. Alles zusammen hat einen drastischen Unterschied ausgemacht.

Was sind mit diesem Hintergrund die grössten Herausforderungen für Schweizer Fertigungsunternehmen?

J. Koop: Die Herausforderung sehe ich in der Frage, welche Produkte sich wie in der Schweiz noch fertigen lassen. Durch den Wegfall der Euro-Franken-Anbindung wurde die Orientierung vieler Firmen ins Ausland stark vorangetrieben. Dieser Wegfall ist für uns schon jetzt direkt spürbar. Viele unserer Kunden haben die Fertigung, oder zumindest einen Teil ihres Sortimentes, ins Ausland – meistens nach Osteuropa – ausgelagert. Und diese Tendenz nimmt eher zu. Auch wenn wir weiterhin Lieferanten dieser Kunden bleiben, fällt der grosse Bonus der Kundennähe weg. Es besteht die Gefahr, dass diese Firmen, wenn sie sich vor Ort positioniert haben, sich auch im nahen Umfeld nach alternativen Zulieferfirmen umschauen. Wir verlieren dagegen an Reaktionszeit, denn wir haben weitere Wege, Zollschranken sind zu beachten und auch die smarte Kommunikation ist eine Herausforderung. Nur wenn wir es schaffen, diese neu entstandenen Hürden zu meistern, haben wir auch als Schweizer Zulieferbetrieb langfristig eine Chance.

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Wie sehen Sie die generelle Lage abgesehen vom Frankenkurs?

J. Koop: Insgesamt sehe ich den Werkplatz Schweiz für die Zukunft sehr gut aufgestellt und ich sehe viele Chancen. Aber die Chancen zu fassen, ist nicht mehr wie früher. In der Vergangenheit hatten wir unsere Stammkundschaft, bei den Firmen in der Schweiz und im nahen Ausland wurden wir über Mund-zu-Mund-Propaganda bekannt. Viele der Kontakte waren über die Beziehungsebene aufgebaut. Es gab weniger Fluktuation als heute und wer als Lieferant einmal gesetzt war, musste schon sehr viel falsch machen, um in der Zukunft keine Aufträge mehr zu bekommen. Man musste kaum Werbung machen, sondern «nur» das Produkt gut liefern. Das hat sich sehr stark geändert. Die gesamte digitale Vernetzung, neue Einkaufsmöglichkeiten, Internet of Things usw. erfordern völlig neue Herangehensweisen. Das ist eine generelle Entwicklung, die Wechselkursgeschichte hat uns nur richtig aufgerüttelt, uns damit intensiv auseinanderzusetzen. Wir müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren, raus aus der Komfortzone und schauen, wo die Möglichkeiten sind. Da sehe ich unsere Chancen. Die traditionelle Fertigung ist zwar weiterhin wichtig, aber wir müssen unser Businessmodell überdenken. Und hier wird eine Bereinigung stattfinden, denn nicht jede Firma wird dem folgen können oder wollen, aus den unterschiedlichsten Gründen.

Was sind die Antworten von BR Tec auf diese Entwicklung?

J. Koop: Wir haben bei BR Tec drei Ansätze, die wir strategisch verfolgen. Zum einen haben wir in ein neues ERP-System investiert. Bisher haben wir den Fokus aus Sicht des Technikers immer zur Hauptsache auf der Produktivität in der Fertigung gehabt, in neue Maschinen investiert, auf die Maschinenauslastung geachtet und dabei die Optimierung der Administration vernachlässigt. Wir haben für uns erkannt, dass die Reduktion der Kostenseite, ohne Kompetenz und Potenz zu verlieren, eine grosse Bedeutung hat. Generell wollten wir ein sehr schlankes und schnelles System und mit schlanker Administration produktiver werden. Bei der Evaluation der neuen Software haben wir auch sehr stark auf CRM fokussiert, um dadurch den Kunden spezifischer zu erfassen und seinen Bedürfnissen näher zu sein. Wir brauchen die IT-Mittel für eine Öffnung nach aussen oder, was gemeinhin unter Internet 4.0 verstanden wird, um unkomplizierte, digitale Bestellabwicklungen zum Kunden gewährleisten zu können. Aber auch die Themen «One Piece Flow», «Lean», «Kaizen» werden wir damit noch stärker einbinden.

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Redaktorin SMM