SMM-Exklusivinterview mit Dr. Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem

«Das EU-Rahmenabkommen sichert Arbeitsplätze»

| Redakteur: Matthias Böhm

«Deshalb sind auch unsere wirtschaftspolitischen Beziehungen zur EU ausserordentlich wichtig.» Dr. Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem
Bildergalerie: 6 Bilder
«Deshalb sind auch unsere wirtschaftspolitischen Beziehungen zur EU ausserordentlich wichtig.» Dr. Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem (Bild: Thomas Entzeroth)

Seit wenigen Monaten ist Dr. Stefan Brupbacher Direktor bei Swissmem. Er war zuvor im Departement von Schneider-Ammann als Generalsekretär aktiv und ist somit ein ausgezeichneter Kenner der Schweizer Wirtschafts­politik. Er sagt im SMM-Interview, wie die aktuelle Lage der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie ist, wie er die Zukunft der Industrie einschätzt und warum in diesem Zusammenhang das Rahmenabkommen mit der EU so wichtig ist.

Herr Dr. Brupbacher, Sie sind neu der Direktor von Swissmem, können Sie kurz sagen, welche Affinität Sie zur Industrie haben?

Dr. Stefan Brupbacher: In früheren Jobs beschäftigte ich mich mit Fragen der internationalen Sozialpartnerschaft und dem Arbeitsrecht sowie als Sekretär der Parlaments-Kommissionen für Wirtschaft und Abgaben mit Freihandelsabkommen, Steuervorlagen und Standortförderung. Da ich als Generalsekretär im Wirtschafts- und Bildungsdepartement die rechte Hand von Bundesrat Schneider-Ammann war, konnte ich für meinen heutigen Job beim früheren Swissmem-Präsidenten fünf Jahre in die Lehre gehen.

Sie sind somit wirtschaftspolitisch für die MEM-Industrie aktiv gewesen?

St. Brupbacher: Das ist richtig, allerdings nicht nur für die MEM-Industrie, sondern für die gesamte Schweizer Wirtschaft. Ich würde es so sagen: In den letzten 20 Jahren habe ich zwar nicht an Metallen gefräst und geschliffen, aber im wirtschaftspolitischen Sinn habe ich innerhalb der Schweizer Wirtschaftspolitik an den wirtschaftspolitischen Prozessen gefeilt und geschliffen. Diese Erfahrungen, die ich im Bereich des wirtschaftspolitischen Wirkens gesammelt habe, darf ich jetzt als Swissmem-Direktor für die Industrie einbringen.

Die Schweizer MEM-Industrie – bezogen auf Ihre Mitgliedfirmen – ist zu 80% exportorientiert. Welche Länder und Regionen sind hierbei hervorzuheben, können Sie das gegebenenfalls quantifizieren?

St. Brupbacher: Die MEM-Industrie hatte in 2018 einen guten Geschäftsgang, der sich entsprechend positiv in den Exporten der MEM-Industrie widerspiegelt. Diese wuchsen 2018 um 4,4 Prozent und erreichten einen Wert von 69,7 Milliarden Franken. Im vergangenen Jahr war die EU mit 60% Export-Anteil unsere wichtigste Handelsregion. In Europa konnten die MEM-Exporte eine Zunahme von 5,4% verzeichnen. Die wirtschaftliche Bedeutung der EU für die Schweiz geht manchmal in den politischen Diskussionen vergessen. Deshalb sind auch unsere wirtschaftspolitischen Beziehungen zur EU ausserordentlich wichtig. Gleichzeitig würde ich die USA hervorheben, in die wir 13,6% exportieren. Dort konnten wir 2018 einen Zuwachs von 9,5% realisieren. Nummer drei im MEM-Exportmarkt ist China. Auch dort haben wir gute jährliche Steigerungsraten.

Innovationen und Bildung
sind unser Lebenselixier

Swissmem-Präsident Hans Hess im SMM-Exklusivinterview

Innovationen und Bildung sind unser Lebenselixier

25.07.18 - Swissmem-Präsident Hans Hess zeigte sich im SMM- Exklusivinterview modern und ist von der Innovationskultur der Schweizer Industrie hochgradig überzeugt. Vieles geht in die richtige Richtung. Allerdings müsse sich die Industrie erheblich wandeln, um auch in Zukunft für junge Frauen und Männer attraktiv zu bleiben. lesen

Wenn man die Schweizer MEM-Exporte mit den deutschen MEM-Exporten von 2000 bis 2018 vergleicht, dann hat die Schweiz gegenüber Deutschland massiv verloren. Die CH-MEM-Exporte (CHF) sind von 59 Mrd. (2000) auf 69 Mrd. (2018) gestiegen. Dagegen sind die D-MEM-Exporte (EUR) von 79 Mrd. (2000) auf 178 Mrd. (2018) gestiegen. Woran liegt das?

St. Brupbacher: Die deutschen MEM-Exporte haben sich im Vergleich zu den Schweizer MEM-Exporten hervorragend entwickelt. Die Unterschiede sind erklärbar. Zwischen 2000 bis zur Finanzkrise in 2008 hat Deutschland von seinen arbeitsmarktlichen und wirtschaftlichen Reformen profitiert. Das machte die deutsche Industrie international kompetitiv. Bis 2008 war auch die Schweiz kompetitiv. Ab 2008 schlägt sich aber die starke Überbewertung des Schweizer Franken in der Exportstatistik nieder. Der überbewertete Schweizer Franken ist aus unserer Sicht einer der wesentlichen Faktoren, dass wir im Vergleich zu Deutschland derart stark verloren haben.

Wenn man sich andere Regierungen anschaut, dann betreiben sie aktive Währungspolitik für eine prosperierende Industriepolitik. In der Schweiz sind die Aktivitäten zurückhaltender Natur. Wie beurteilen Sie das?

St. Brupbacher: In der Schweiz wird die Unabhängigkeit der Nationalbank als ein sehr wichtiges Gut betrachtet. Das sehen wir auch seitens Swissmem nicht anders. Eine von der Politik gesteuerte Nationalbank würde zu Inflation führen, was letztlich auch unserer Industrie schaden würde. Allerdings haben wir bei einem Exportanteil der MEM-Industrie von 80% eine klare Erwartungshaltung, dass die Nationalbank den Frankenkurs mit sinnvollen Instrumenten in der Art beeinflusst, dass unsere Exportindustrie nicht nachhaltig Schaden nimmt. Aber die Nationalbank muss frei in ihren Entscheiden sein. Das ist aus unsrer Sicht oberstes Gebot.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Währungssituation aus Swissmem-Perspektive?

St. Brupbacher: Der Franken ist nach wie vor überbewertet. Eine Annäherung an die Kaufkraftparität beim Euro wäre wichtig. Vor allem vor dem Hintergrund der ungenügenden Margen, die trotz ausgezeichneter Auslastung in der MEM-Industrie bei über einem Drittel unserer Mitgliedsfirmen vorliegen.

Wenn man die MEM-Exporte betrachtet, dann sticht Europa klar heraus. Wie wichtig sind die zukünftigen Handelsbeziehungen zu den europäischen Ländern und welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht das Rahmenabkommen zwischen der Schweiz und der EU?

St. Brupbacher: Swissmem spricht sich klar für das Rahmenabkommen aus. Wir sind dagegen, dass die Diskussion um das Rahmenabkommen auf die Zeit nach den Schweizer Wahlen verschoben wird. Rasch sind einige wenige offene Fragen zu klären. Aber wir brauchen das EU-CH-Rahmenabkommen für eine starke MEM-Industrie und deren Arbeitsplätze.

Was sind «einige wenige Fragen»?

St. Brupbacher: Zu klären sind, dass die Sozialpartner weiter die Flankierenden Massnahmen umsetzen können, die Unionsbürgerrichtlinie höchstens auf den Arbeitsmarkt anwendbar wird und die steuerliche Unabhängigkeit unserer Kantone gewahrt bleibt. Das sind Fragen, die unsere Bevölkerung zu Recht interessieren und deren Klärung das Rahmenabkommen mehrheitsfähig macht.

Die SVP und teilweise die SP politisieren gegen das EU-Rahmenabkommen. Wie schätzen Sie das ein?

St. Brupbacher: Jene Interessenvertretungen, die frontal gegen das EU-Rahmenabkommen agieren, setzen Arbeitsplätze – nicht nur in der MEM-Industrie – aufs Spiel. Dessen müssen sich die Parteien bewusst sein. Wenn sich ohne Rahmenabkommen die Standortattraktivität der Schweiz verschlechtert, werden grosse Firmen ins Ausland ausweichen können. Für die kleineren Firmen gibt es oft keine Alternative zur Schweiz; sie wären die grössten Leidtragenden. Beide Szenarien kosten Schweizer Arbeitsplätze. Deshalb setzen wir uns als Verband für das EU-CH-Rahmenabkommen ein, weil es positiv für die Unternehmen der Schweizer MEM-Industrie, positiv für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung der Schweiz und positiv für die Arbeitsplatzentwicklung der Schweizer Bevölkerung ist.

Wie ordnen Sie die aktuellen und zukünftigen politischen Aktivitäten der amerikanischen Regierung ein, die u. a. mit Schutzzöllen gegenüber der deutschen Automobilindustrie droht. Wie kann sich das auf die Schweizer Zulieferindustrie auswirken?

St. Brupbacher: Wenn es so weit kommen würde, dann wäre das sehr schlecht für die Schweizer Zulieferindustrie, weil sie eng verknüpft ist mit den deutschen OEMs, die in die USA liefern. Gefährlich ist auch, dass die USA die nationale Sicherheit als Begründung für protektionistische Massnahmen gegen Importe verwenden. Und ernüchternd ist, dass wir im Falle von Zöllen gegen die deutsche Automobilindustrie diesen schutzlos ausgeliefert wären. Ein Freihandelsabkommen mit dem immer wichtiger werdenden Handelspartner USA würde immerhin unsere Direktexporte in die USA schützen. Auch deshalb fordern wir vom Bundesrat rasche Verhandlungen für ein solches Abkommen.

Wenn man sich die aktuellen Swissmem-Zahlen von 2018 anschaut, so liegt die Produktionsauslastung bei über 90%, ein Spitzenwert. Gleichwohl sagen 37% Ihrer Mitgliedfirmen, sie hätten in 2018 eine maximale Umsatzrendite von 5% erwirtschaftet. Das ist doch keine gesunde Basis für die zukünftige Entwicklung der Schweizer MEM-Industrie.

St. Brupbacher: Wir haben diese schwache Umsatzrendite von 37% unserer Mitgliedsfirmen mit Besorgnis zur Kenntnis genommen. Auf der anderen Seite darf ich auch betonen, dass ein Grossteil unserer Mitglieder über eine sehr gute Marge verfügt. Es ist im Übrigen kein spezifisches KMU-Problem. Auch grosse Firmen haben mit einer schwachen Margenentwicklung zu kämpfen. Unsere vertiefte Analyse zeigt folgendes Muster: Firmen, die eher Commodity-Produkte herstellen, haben eher unbefriedigende Margen. Unternehmen, die spezifische sowie technologisch hochstehende Produkte schaffen und exportieren, haben tendenziell hohe Margen. Ein weiteres Indiz ergibt sich aus den Ergebnissen einer Studie der eidgenössischen Finanzverwaltung: Seit der Finanzkrise haben die Arbeitnehmereinkommen sogar stärker als das BIP zugenommen, während die Unternehmensgewinne sich seitwärts bewegt haben. Das zeigt, dass Schweizer Unternehmen versucht haben, den Standort zulasten ihrer Margen zu halten.

Was bedeutet das für diese Unternehmen in Zukunft?

St. Brupbacher: Generell geht nichts über kontinuierliche Innovation, die Investition in moderne Technologien und Produktionsanlagen sowie in die Weiterbildung der Mitarbeitenden, um wirtschaftlich zukunftsfähig zu bleiben. Aber das wissen die Unternehmen. Viele unserer Firmen würden einfach einige weitere gute Jahre wie das 2018 brauchen, um sich wieder gut positionieren zu können.

Betreibt der Bundesrat aus Ihrer Sicht eine genügend aktive Industriepolitik? Wo sehen Sie positive Ansätze und wo würden Sie Nachholbedarf verorten?

St. Brupbacher: Die Schweiz betreibt keine aktive Industriepolitik, sondern setzt auf gute Rahmenbedingungen für die gesamte Schweizer Wirtschaft. Hierzu gehören ein liberales Arbeitsrecht, gute Steuerbedingungen, ein gutes Bildungssystem und zu guter Letzt ein gutes Bildungs- und Forschungsumfeld. Darüber hinaus ist die Schweiz ein politisch äusserst stabiles Land. Diese guten Rahmenbedingungen heben die Schweiz als Wirtschaftsstandort in die obersten Ränge im internationalen Ländervergleich, wenn es um Wettbewerbsfähigkeit oder Innovationskraft geht. Wir sind diesbezüglich sehr gut positioniert und davon profitiert direkt auch die Schweizer Industrie.

Vor noch wenigen Jahren waren sowohl im Nationalrat als auch Ständerat MEM-Unternehmen vertreten. Mittlerweile ist kein MEM-Unternehmer mehr in den politischen Gremien. Verabschiedet sich die MEM-Industrie aus der Politik?

St. Brupbacher: Swissmem verfügt über sehr gute Kontakte zur Politik. Wir haben eine sehr hohe Glaubwürdigkeit, gerade auch wegen unseres Präsidenten Hans Hess. Wir haben derzeit mit Fabio Rigazzi aus dem Tessin einen Industrie-Vertreter im Nationalrat. Das ist viel weniger als noch vor 10 Jahren. Das liegt sicher auch daran, dass die in der Industrie tätigen Unternehmer und deren Mitarbeitende heute zeitlich enorm ausgelastet sind und deshalb ein Stände- oder Nationalratsmandat schwierig wird. Ebenso wichtig ist, dass die Wertschätzung für Unternehmer in öffentlichen Ämtern abgenommen hat, was für unsere Demokratie gefährlich ist. Als Verband sind wir in der Folge noch mehr gefordert, der Politik die Industrieinteressen zu vermitteln.

Unterrepräsentiert ist nach wie vor der Anteil Frauen in der Industrie. Was lässt sich hier ändern?

St. Brupbacher: Frauen für die Industrie zu gewinnen, beginnt bereits in der Primarschule. Wir müssen intensiv daran arbeiten, Mädchen für Technik zu begeistern und die Barrieren für Mädchen beispielsweise in den MINT-Berufen abzubauen. Die Industrie muss sich gegenüber Frauen als attraktiver Arbeitsgeber präsentieren. Dazu gehört die Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Da haben wir im neuen GAV Fortschritte gemacht. Wenn wir zudem Frauen zeigen können, dass technische Berufe im Zeitalter der Digitalisierung für sie langfristige Berufschancen offerieren und unsere Unternehmen Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen wie Mobilität, Energie sowie Nachhaltigkeit schaffen, werden sie vermehrt zu MEM-Industrie kommen. Kurz: Die MEM-Industrie muss ein Image aufbauen, welches das Interesse junger Menschen weckt. Das Frauenpotential haben wir noch längst nicht ausgeschöpft.

Letzte Frage, wie sind die Prognosen Ihrer Experten bezüglich der zukünftigen Entwicklung der Schweizer MEM-Industrie?

St. Brupbacher: Generell gut. Die MEM-Industrie steht mitten in einem enormen technologischen Wandel, wie die gesamte Gesellschaft. Da sind wir gefordert. Wenn es uns weiterhin gelingt, dank guter Rahmenbedingungen den Standort Schweiz attraktiv zu halten und dank guter Bildung sowie besserem Image noch mehr hervorragende Mitarbeitende zu gewinnen, dann hat der Industriestandort Schweiz Zukunft. Die Schweizer MEM-Industrie bietet Jobs für Männer und Frauen, die unsere Zukunft gestalten wollen. SMM

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Infos finden Sie unter www.mycontentfactory.de (ID: 45780320 / Wirtschaft )