Prof. Dr. Konrad Wegner im SMM-Exklusivinterview

«Hochlohnland bedeutet enorme Herausforderung»

Seite: 3/6

Anbieter zum Thema

Warum verlagern Unternehmen ihre Produktion ins Ausland?

Dr. K. Wegener: Es gibt mehrere Gründe, ins Ausland zu verlagern. Beispielsweise strategische Aspekte, dass man vor Ort produzieren muss, z.B. wegen der Kunden, wegen Local-Content-Forderungen, Zöllen und Transportkosten. Wenn man aber die gleiche Qualität wie hier in der Schweiz erreichen will, dann sind die Kosten schon sehr ähnlich. Aber die Unternehmen, die wegen der Personalkosten verlagern, werden im Ausland mit hoher Wahrscheinlichkeit mit den gleichen Produktions-Methoden, die hier nicht erfolgreich waren, dort weiterfahren. Das ist kurz- bis mittelfristig ein gangbarer Weg.

Geht es auch anders?

Dr. K. Wegener: Ich bin der Überzeugung, es geht auch anders. Aus meiner Sicht gehört es dazu, dass man sich Gedanken macht, bevor man mit der Produktion abwandert, wie man es hier in der Schweiz besser machen kann. Aus meiner Erfahrung heraus ist es in der Regel möglich, die Produktion hier zu halten. Aber das ist ein anspruchsvoller Prozess. Die meisten Schweizer Hersteller beweisen, dass es geht.

Heisst das im Umkehrschluss, der starke Schweizer Franken optimiert das Innovationsklima der Produktion?

Dr. K. Wegener: Das kann man so sagen, das klingt zwar ein wenig zynisch, aber die hohen Kosten unterstützen auch die Innovationen in der Produktion, sofern die Unternehmen nicht den einfachen Weg gehen, wie eben angesprochen. Es werden der Not gehorchend Kräfte mobilisiert, um die Produktion nach vorn zu bringen, um nicht von der Bildfläche zu verschwinden.

Kürzlich sagte mir gegenüber ein deutscher Werkzeughersteller, die Schweizer beherrschen das Zerspanen von Titan, seinen Legierungen und Chrom-Nickelstählen wie deutsche Unternehmen die Graugussbearbeitung. Stimmt das, wenn ja, woran liegt das?

Dr. K. Wegener: Ich muss jetzt ein wenig schmunzeln, ich halte das für eine gewagte Aussage. Also ich habe die Erfahrung gemacht, dass das Zerspanungs-Know-how bei der Grenze nicht halt macht. Ich denke, wenn einige Unternehmen in der Zerspanung anspruchsvoller Werkstoffe vorn dran sind, davon gibt es einige in der Schweiz, dann liegt es daran, dass sie sehr systematisch eben kontinuierlich an die Aufgaben rangehen. Aber das machen viele Zerspaner, nicht nur die Schweizer.

Nützt deshalb den grossen Werkzeugherstellern ihre stärkere F&E-Abteilung?

Dr. K. Wegener: Ich denke die grösseren Werkzeughersteller verfügen in der Regel über eine sehr gute F&E-Abteilung, die kleineren Hersteller haben den direkteren Draht zum Kunden. Beides bringt Vorteile. Wir arbeiten sowohl mit grösseren als auch mit kleineren Unternehmen zum Teil sehr eng zusammen. Wir erarbeiten in gemeinsamen Projekten die Einflussgrössen innerhalb der Zerspanung. Man muss sich die einzelnen Zerspan-Prozesse sehr genau anschauen und analysieren, dann kommt man Stück für Stück weiter. Aber nochmals zurück zu Ihrer These: In der Summe ist der Turbinenbau und die Medizintechnik in Deutschland genauso weit wie wir hier in der Schweiz. Vielleicht nicht derart zentralisiert. Ich halte die Aussage für sehr gewagt.

Jüngste Entwicklungen wie das trochoidale Fräsen bringen einen erheblichen Produktivitätsschub, woran liegt das konkret, können Sie das erklären?

Dr. K. Wegener: Das trochoidale Fräsen ist aktuell sehr im Kommen. Es ist ein Fräs-Verfahren mit Potential. Die Gründe, dass diese Fräsmethode derart stark ist, sind vielfältig, u. a. sind folgende Parameter zu nennen: die geringere thermische Belastung der Schneiden; die Gleichmässigkeit der Umschlingungswinkel und der Kräfte auf das Werkzeug sowie auf die Schneidkanten; die Vermeidung von Lastwechseln. Aus meiner Sicht ist noch die «Zwischenlüftung» der trochoidalen Frässtrategie mit entscheidend, wodurch das Schmiermittel immer wieder an die Schneidkante, in die eigentliche Wirkzone vordringt.

(ID:42824045)