Automatisierung ist eines der drei Fokusthemen der AMB 2026 – mit besonderem Blick auf kollaborative Prozesse zwischen Mensch und Maschine in der spanenden Fertigung. Im Interview ordnet Patrick Schwarzkopf, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Robotik + Automation, die aktuellen Treiber ein – von KI bis No-Code-Lösungen für den Mittelstand – und gibt einen Ausblick, welche Entwicklungen Betriebe jetzt im Blick haben sollten.
Patrick Schwarzkopf, Geschäftsführer VDMA-Fachverband Robotik + Automation: «Die Hürde ist häufig weniger die Technik als die Erwartung, Automation sei grundsätzlich zu kompliziert oder zu teuer. Das greift zu kurz, denn die Lösungen sind da.»
(Bild: VDMA)
Die Robotik- und Automationsbranche erwartet für 2026 einen Umsatzrückgang von fünf Prozent – und trotzdem wächst der Druck auf Fertigungsbetriebe, zu automatisieren. Warum ist gerade jetzt der richtige Moment für kollaborative Prozesse, und was treibt Betriebe an, den Schritt zu wagen?
Patrick Schwarzkopf: In der Tat sehen wir noch eine deutliche Investitionszurückhaltung – aus unterschiedlichen Gründen, von geopolitischen Verwerfungen bis hin zu den bekannten Standortthemen. Dennoch ist der Trend zur Automatisierung ungebrochen. Der demografische Wandel wird sich in den nächsten Jahren weiter verschärfen; deshalb müssen wir Tätigkeiten automatisieren, um die verbleibenden Fachkräfte zu unterstützen. Nur so bleiben wir wettbewerbsfähig. Entscheidend wird das Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (im Folgenden KI) – insbesondere der generativen und der «physischen» KI – eröffnet neue Möglichkeiten, etwa durch KI-Agenten («Agentic AI») und durch die deutlich einfachere Bedienung und Programmierung von Automationslösungen.
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Bei Automatisierung wurde lange im Format der Grossserie gedacht – Roboterlösungen sind heute auch für Kleinserien eine konkrete Option. Wie weit ist diese Entwicklung fortgeschritten und was braucht ein kleineres Unternehmen konkret, um die Automation in seiner Fertigung umzusetzen?
P. Schwarzkopf: Die Mittelstandsautomation macht gerade grosse Sprünge. Die technologische Entwicklung der letzten Jahre war enorm – dadurch sinkt die Eintrittsbarriere für KMU spürbar. Typisch sind «Low Volume, High Mix»-Szenarien: Die Programmierung muss schnell, einfach und ohne grossen Aufwand durch die Belegschaft möglich sein. Dafür gibt es heute zahlreiche No-Code-Ansätze, die keine Kenntnisse von Programmiersprachen erfordern. Automatisierungsabläufe lassen sich über grafische Oberflächen per Drag-and-Drop zusammenstellen. Roboterbahnen können zudem per Handführung «angelernt» und auf Knopfdruck gespeichert werden. Die grossen Hersteller haben dafür längst passende Mittelstandslösungen im Angebot. Oft reichen schon pragmatische Setups – etwa wenn ein Roboter nachts arbeitet und so einen Produktivitätssprung ermöglicht. Die Hürde ist häufig weniger die Technik als die Erwartung, Automation sei grundsätzlich zu kompliziert oder zu teuer. Das greift zu kurz, denn die Lösungen sind da – und auf Fachmessen wie der AMB gut zu sehen. Orientierung bietet beispielsweise «Go4Robotics», eine Online-Plattform der International Federation of Robotics (IFR).
Wenn Programmierung und Bedienung einfacher werden, rückt auch die direkte Zusammenarbeit von Mensch und Roboter näher. Beide arbeiten heute zunehmend ohne Schutzzaun zusammen – erst durch KI-gestützte Sensorik ist das praxistauglich geworden. Was verändert das konkret im Shopfloor, und wie müssen Betriebe Prozesse und Belegschaft neu denken?
P. Schwarzkopf: Kollaborative Roboter (Cobots) haben sich bereits gut etabliert. In vielen Anwendungen geht es jedoch eher um «Ko-Existenz» – also den Betrieb ohne Schutzzaun – und damit um echte, direkte Interaktion. Eine neue Stufe enger Zusammenarbeit sehen wir aktuell bei der humanoiden Robotik. Hier macht die KI grosse Sprünge: Es geht um die Interpretation der Umgebung und um sinnvolles, eigenständiges Agieren. Noch ist viel Pionierarbeit nötig, aber humanoide Roboter verlassen zunehmend die Forschungslabore und kommen in erste Testanwendungen in der Industrie. Bis zur breiten Anwendungsreife ist es ein längerer Weg – gleichzeitig treibt die humanoide Robotik die enge Interaktion zwischen Mensch und Maschine voran, etwa durch die Möglichkeit, mit Robotern zu sprechen.
Automatisierung und Handhabungstechnik
Automatisierung ist auf der AMB 2026 in nahezu allen Hallen sichtbar – von Herstellerinnen und Herstellern von Werkzeugmaschinen mit Automationsanlagen bis hin zu Lösungen rund um Werkzeug- und Spanntechnik, etwa beim automatisierten Rüsten. Einen klaren Schwerpunkt bildet die Oskar-Lapp-Halle (Halle 6) mit dem Bereich «Automatisierung und Handhabungstechnik»: Dort demonstrieren ausstellende Unternehmen – darunter Fanuc, Kuka, Cellro, Robojob, Wassermann Technologie und viele mehr – ihre neuesten Lösungen für Produktion und Prozessmanagement. Ein Blick ins Ausstellerverzeichnis lohnt sich, denn Fachbesucherinnen und Fachbesucher erleben hier live, wie Robotik, kollaborative Automatisierung, Industrie-4.0-Ansätze und IIoT den Zerspanungsprozess weiterentwickeln und neue Impulse setzen.
Stand vom 30.10.2020
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Viele dieser Entwicklungen lassen sich am besten live bewerten. Die AMB vereint im September in Stuttgart das gesamte Spektrum der Metallzerspanung unter einem Dach – von Herstellerinnen und Herstellern über Anwenderinnen und Anwender bis hin zur Forschung. Was kann diese einzigartige Konstellation leisten, um kollaborative Automatisierung in der Breite voranzubringen – und warum ist ein Besuch für alle, die in der Metallzerspanung über Automatisierung nachdenken, unverzichtbar?
P. Schwarzkopf: Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Relevanz: Laut Weltroboterverband IFR ist «Machine Tending» – also das automatisierte Einlegen und Entnehmen von Teilen an Bearbeitungsmaschinen – eine der Hauptanwendungen von Robotik: Innerhalb eines Jahrzehnts stiegen die jährlichen Neuinstallationen von Robotern für Handhabungsanwendungen an Werkzeugmaschinen von 14 500 Einheiten (2015) auf 19 000 Einheiten (2024). Für 2025 deuten vorläufige IFR-Zahlen auf weiteres deutliches Wachstum im zweistelligen Prozentbereich hin. Auch der Einsatz von Cobots ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen: 2024 wurden weltweit rund 65.000 kollaborative Roboter installiert – das entspricht 12 Prozent aller Industrieroboter. Die grössten Zuwächse sehen wir bei der mobilen Robotik, die Maschinen flexibel vernetzt – etwa über mobile Manipulatoren, also mobile Plattformen mit Roboterarm. Einen so kompakten, branchenspezifischen Überblick wie auf einer Fachmesse bekommt man kaum: Auf der AMB 2026 erlebt man Automatisierung für die Metallzerspanung «zum Anfassen».
AMB Award 2026
Neue Verfahren, effizientere Prozesse, nachhaltigere Lösungen: 17 Nominierte haben die Chance auf einen von sechs AMB Awards.
(Bild: Valentin Marquardt / Messe Stuttgart)
Zum zweiten Mal verleiht die AMB, Internationale Ausstellung für Metallbearbeitung, den AMB Award und würdigt damit herausragende Produktneuheiten der Metallzerspanung. Auch 2026 haben erneut rund 50 Unternehmen ihre aktuellen Innovationen in sieben Kategorien eingereicht und einer unabhängigen Fachjury präsentiert – von Präzisionswerkzeugen über Automatisierungslösungen bis hin zu Software und Messtechnik. Die Bandbreite der Einreichungen spiegelt den Innovationsgeist einer Branche wider, die in alle Richtungen denkt: neue Bearbeitungsverfahren, effizientere Prozesse und nachhaltigere Lösungen.
Sieben Kategorien, jeweils ein Ziel: die beste Innovation
Eingereicht werden konnten Neuheiten in den Kategorien Werkzeugmaschinen und Fertigungsanlagen, Präzisionswerkzeuge, Messtechnik und Qualitätssicherung, Software und Digitalisierung, Automatisierung und Handhabungstechnik, Bauteile, Baugruppen und Betriebsstoffe sowie Dienstleistungen, Lager- und Werkstatteinrichtungen. In sechs Kategorien sind unter den Einreichungen nun 17 Unternehmen für den AMB Award 2026 nominiert:
3nine AB (Produkt: «3nine VERA» Öl- und Emulsionsnebelabscheider)
Hiwin GmbH (Produkt: Torquemotor «TM-5»)
Parfaite Tool Co., Ltd. (Produkt: «Tool Holder Solution For High Efficiency Machining»)
Einreichungen spiegeln Herausforderungen der Branche wider
Unter den 17 Nominierten zeichnet sich ein klares Bild der Branche ab. Rund die Hälfte der Einreichungen adressiert Digitalisierung oder Automatisierung – von KI-gestützter Fertigungsplanung und automatisierter CAM-Programmierung bis zur Echtzeit-Vernetzung von Maschinen und Anlagen. In mehr als einem Viertel der Produkte spielt Systemintegration eine zentrale Rolle: Prozessschritte, die bislang getrennt abliefen, werden in einem Produkt zusammengeführt. Auch Ressourceneffizienz zieht sich als Konstruktionsprinzip durch die Einreichungen, beispielsweise durch die Verlängerung von Werkzeugstandzeiten, die Rückgewinnung von Kühlschmierstoffen oder die Reduzierung von Materialverschnitt.
Unabhängige Jury bewertet nach klaren Massstäben
Bewertet werden die nominierten Unternehmen von einer unabhängigen Fachjury, die sich aus Vertreterinnen und Vertretern der drei ideellen Trägerverbände sowie der Wissenschaft zusammensetzt: Markus Heseding (VDMA Präzisionswerkzeuge), Dr. Alexander Broos (VDW, Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken e.V.), Thomas Riegler (VDMA Software und Digitalisierung), Willi Wünschel (PTW - Institut für Produktionsmanagement, Technologie und Werkzeugmaschinen der TU Darmstadt) und Prof. Dr.-Ing. Hans-Christian Möhring (IfW - Institut für Werkzeugmaschinen der Universität Stuttgart). Die Jury bewertet nach Kriterien, die technologische Innovation ebenso berücksichtigen wie Wirtschaftlichkeit, Nachhaltigkeit, Anwenderfreundlichkeit – aber auch Ästhetik und Design.
«Die Vielzahl der Bewerbungen zum AMB-Award und die Vielfalt der Preisträger zeigen eindrücklich, wie dynamisch und innovativ unsere Branche ist. Als Jurymitglied hat es mir besondere Freude bereitet, zu sehen, wie Lösungen auch in Detailbereichen von Anwendungen entwickelt werden, an die man zunächst gar nicht denkt. Das ist vor allem deshalb spannend, weil sie ihren ganz eigenen, wichtigen Beitrag zur Steigerung von Wettbewerbsfähigkeit, Produktivität und Nachhaltigkeit liefern», resümiert Dr. Alexander Broos, Leiter Forschung und Technik des VDW.
«Area of AMB Award Nominees» und Preisverleihung auf der «AMB Stage»
Die 17 nominierten Unternehmen sind während der gesamten Messelaufzeit auf der «Area of AMB Award Nominees» im Eingang Ost (Stand EO120) mit einer Poster-Ausstellung vertreten. Die Ausstellung bietet allen Fachbesucherinnen und Fachbesuchern die Möglichkeit, die eingereichten Innovationen auf einen Blick zu erfassen. Für die nominierten Unternehmen ist sie eine exklusive Bühne abseits des eigenen Messestands.
Die Preisverleihungen für die folgenden sechs Kategorien finden an den ersten beiden Messetagen auf der «AMB Stage» im Atrium statt:
Dienstag, 15. September 2026: Software und Digitalisierung; Automatisierung und Handhabungstechnik; Bauteile, Baugruppen und Betriebsstoffe
Mittwoch, 16. September 2026: Werkzeugmaschinen und Fertigungsanlagen; Präzisionswerkzeuge; Messtechnik und Qualitätssicherung
Innovation, Nachwuchs und Kreativität: Das Rahmenprogramm der AMB
Der AMB Award ist eingebettet in ein Rahmenprogramm, das gezielt unterschiedliche Perspektiven auf Innovation beleuchtet. Die «Start-up Area» am Eingang Ost gibt einen kompakten Überblick über neue Ansätze junger Unternehmen. In der «Sonderschau Bildung» der Nachwuchsstiftung Maschinenbau können Nachwuchskräfte Technik vor Ort erleben – CNC, Automatisierung und digitale Produktionsprozesse können live ausprobiert werden. Und mit dem Wettbewerb «Kunst trifft Technik» kehrt ein kreatives Format zurück, das 2026 unter dem neuen Claim «Where metal comes alive» steht.