Medical Cluster: Im Herzen der Medizintechnik

| Redakteur: Anne Richter

Idyllisches Tuttlingen – im Zentrum der Medizintechnikbranche. (Bild: Tuttlingen)
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Idyllisches Tuttlingen – im Zentrum der Medizintechnikbranche. (Bild: Tuttlingen)

>> Die Stadt Tuttlingen in der Schwäbischen Alb zählt sich zu den grössten Medizintechnikclustern. Medical cluster organisierte eine Exkursion zu zwei Medizintechnikunternehmen der Stadt: der Werkzeugmaschinenbauer Chiron ist spezialisiert auf eine qualitativ hohe Fertigung bei geringen Bauteilekosten. Die Karl Storz GmbH – das zweite besuchte Unternehmen – ist dagegen Hersteller medizintechnischer Instrumente und Geräte.

«Das Herz der Medizintechnikbranche schlägt in Tuttlingen», so versteht sich die schwäbische Kleinstadt – wie auch auf der Tuttlinger Webseite nachzulesen ist. Ganz unbescheiden bezeichnen sich die Tuttlinger als «Europas grösstes Medizintechnikcluster». Und die Bilanz ist eindrucksvoll: Rund 8000 Beschäftigte arbeiten in über 400 Medizintechnikunternehmen, die alle in und um das nur 35 000 Einwohner zählende Städtchen angesiedelt sind. Grund genug für den Schweizer Medical Cluster, den Tuttlingern einen Besuch abzustatten. Am 27. Oktober 2011 reiste eine Delegation von rund 60 Interessierten in die Schwäbische Alb und besuchte mit den Chiron-Werken und der Karl Storz GmbH zwei Tuttlinger Unternehmen, die in der Medizintechnikbranche aktiv sind.

Hohe Qualität bei geringen Stückkosten

Während Karl Storz direkter Hersteller medizintechnischer Instrumente und Geräte ist, generiert der Werkzeugmaschinenbauer Chiron nur einen Teil seines Umsatzes in der Medizintechnikbranche. Die Fertigungszentren von Chiron sind in allen metallverarbeitenden Branchen im Einsatz, sowohl in kleinen als auch in mittleren und grossen Unternehmen – überall da, wo qualitativ hochwertige Zerspanung bei minimalen Stückkosten zu gewährleisten ist.

Neben der Medizintechnikindustrie ist das vor allem die Automobilindustrie, aber auch die Luft- und Raumfahrt, die Uhren- und Schmuckindustrie oder die Energietechnik.

Anforderungen in der Medizintechnik

Auf Grund der gestiegenen Nachfrage nach Medizinprodukten und des gestiegenen Kostenbewusstseins entwickeln sich die Anforderungen an die Fertigung in der Medizintechnikbranche in Richtung denen der Automobilindustrie: Die Produktion sollte sieben Tage je 24 Stunden laufen – nachts und am Wochenende möglichst in mannlosen Schichten. Dazu braucht es ein ausreichend grosses Werkzeugmagazin. Ausserdem gehören hohe Drehzahlen der Hauptspindel und 5-Achs-Bearbeitung inzwischen zu den Standardanforderungen der Medizintechnikbranche. Zusätzlich steht vielen Fertigungsunternehmen nur ein sehr limitierter Platz zur Verfügung, weshalb die Bearbeitungszentren inklusive Zusatzaggregate nur sehr wenig Platz beanspruchen sollten. Für all diese Anforderungen hat Chiron ensprechende Fertigungszentren entwickelt. Eine der letzten Neuentwicklungen, das Fertigungszentrum FZ08 MT, beispielsweise bietet höhere Effizienz und Produktivität in der Stangenbearbeitung bei sehr geringem Platzbedarf. Denn «MT» steht dabei für Mill und Turn und bedeutet, dass durch die Integration eines Drehrevolvers zeitgleiches Fräsen und Drehen möglich ist.

Kundengerechte Automatisierung

Doch geringe Stückkosten bei hoher Qualität sind nicht mit hervorragenden Fertigungszentren allein zu erzielen, sondern mit genau auf die Kundenbedürfnisse und -anforderungen ausgerichteten Lösungen. Dazu gehören im zunehmenden Masse Automatisierungslösungen. Diese standen auch im Mittelpunkt der Unternehmensreise von Medical Cluster. Aus der konkreten Bearbeitungsaufgabe und den Rahmenbedingungen gilt es für die Ingenieure von Chiron, die optimale Maschinenautomation zu entwickeln. Dazu können Eigenentwicklungen von Chiron zur Anwendung kommen, aber auch Produkte von Automatisierungsspezialisten. Kleine kompakte Einheiten ermöglichen dabei beispielsweise platzsparende Lösungen, es können auch zwei Maschinen mit einer Automatisierung bedient werden und zusätzlich tragen entsprechende Handlings- und Palettensysteme dazu bei, den Anforderungen gerecht zu werden.

Ständige Weiterentwicklung und Verfeinerung

Einer der Anwender von Chiron-Fertigungszentren ist die Karl Storz AG. Das ebenfalls in Tuttlingen angesiedelte und gegründete mittelständige Familienunternehmen hat sich seit seinen Anfängen zu einem weltumspannend agierenden Hersteller von Endoskopen, medizinischen Instrumenten und Geräten entwickelt. Mit dieser Entwicklung ist der Name des Unternehmens Karl Storz untrennbar verbunden. Mit der Erfindung der Kaltlichtquelle und des Hopkins-Stablinsensystems legte das Unternehmen wichtige Grundlagen für die moderne Endoskopie. Die moderne Endoskopie erlaubt Eingriffe, die zur minimalinvasiven Chirurgie gezählt werden und die den Patienten wesentlich weniger belasten als früher. Bis heute entwickelt das Unternehmen ständig sein endoskopisches Instrumentarium weiter, verfeinert es und passt es an neue Einsatzmöglichkeiten an.

Medizintechnikcluster Tuttlingen – weltweit aktiv

Die beiden besuchten Unternehmen stehen nur als ein Beispiel für die einzigartige Konzentration von Unternehmen der Medizin-technikbranche. Auch andere weltweit agierende Unternehmen sind in der Stadt angesiedelt wie beispielsweise Aesculap. Doch Ausgangspunkt der Entwicklung war 1867 der Aufbau einer standardisierten Fertigung von chirurgischen Instrumenten durch den aus Frankreich zurückgekehrten Tuttlinger Unternehmer Gottfried Jetter. Schnell wuchs das heute noch bestehende Unternehmen und in seinem Umfeld entwickelte sich eine wachsende Zahl von miteinander konkurrierenden und sich ergänzenden Unternehmen.

Heute zeichnet sich der Standort durch eine starke Konzentration von Unternehmen aus, die Medizintechnikprodukte herstellen oder damit handeln. Hinzukommen zahlreiche spezialisierte Zulieferer wie Spezialwerkzeughersteller, Polierereien oder Galvaniseure, aber auch auf die Medizintechnik ausgerichtete Dienstleister, die Zertifizierungen und Zulassungsverfahren vornehmen oder die Vermarktung von Produkten unterstützen.

Investition in die Ausbildung

Seit 2003 existiert in Tuttlingen mit der IBST (International Business School) eine hauptsächlich von der Stadt Tuttlingen getragene Einrichtung, die den Masterstudiengang «Medical Devices & Healthcare Management» anbietet. Er richtet sich vor allem an Ingenieure, Naturwissenschaftler und Mediziner und wird von den Tuttlinger Unternehmen gut angenommen. Der bislang letzte und ein grosser Schritt bei der Weiterentwicklung des Clusters gelang 2009 mit der Einrichtung eines eigenen Hochschulcampus, an der – neben anderen Studiengängen – der Ingenieurstudiengang Industrial Medtec angeboten wird. Der Campus ist der dritte Standort der Hochschule Furtwangen. In einem in ganz Deutschland beachteten Ansatz investieren die Stadt Tuttlingen, der Landkreis und die ansässigen Unternehmen in die Errichtung eines Hochschulgebäudes mit bis zu 850 Studenten. Dabei steuern die Unternehmen jährlich einen siebenstelligen Betrag für den Betrieb des Campus bei. <<

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