Wie eine schlanke Intralogistik Automobilzulieferer wettbewerbsfähig hält

Mit mobiler Robotik auf der Überholspur

| Redakteur: Silvano Böni

Über eine webbasierte Bedienoberfläche lassen sich die MiR-Roboter einfach steuern und schnell für neue Aufträge umprogrammieren. Dies kann über Tablet, PC oder Mobiltelefon erfolgen.
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Über eine webbasierte Bedienoberfläche lassen sich die MiR-Roboter einfach steuern und schnell für neue Aufträge umprogrammieren. Dies kann über Tablet, PC oder Mobiltelefon erfolgen. (Bild: MiR)

Automobilzulieferer haben es nicht leicht: Unter hohem Zeit- und Kostendruck beliefern sie Hersteller an oft global verteilten Standorten mit Teilen – im besten Fall bedarfssynchron. Unterstützen können sie dabei autonome Transportroboter. Sie helfen, den Materialfluss zu verschlanken, effizienter zu produzieren und Kosten zu sparen.

Kaum eine Branche steht von so vielen Seiten unter Druck wie die der Automobilzulieferer. Da sind zum einen die Hersteller, die mit Spar- und Effizienzprogrammen vor allem beim Einkauf ansetzen. Der hohe Preisdruck trifft bei den Zulieferern auf steigende Materialkosten, was gerade kleine und mittlere Unternehmen ins Straucheln bringt. Zum anderen sollen die in der Fertigung oft hochkomplexen Werkstücke idealerweise bedarfssynchron geliefert werden. All dies geschieht vor dem Hintergrund eines zunehmend globalisierten Wettbewerbs, der Unternehmen nicht selten eine internationale Lieferfähigkeit abverlangt. Zugleich verlagern sich immer mehr Forschungs- und Entwicklungsaufgaben in den Bereich der Zulieferer. Denn die Zeichen in der Automobilindustrie stehen ganz auf Digitalisierung und Konnektivität. Ob E-Mobilität, autonomes Fahren oder digitale Fahrassistenz – Lösungen für diese zukunftsweisenden Mobilitätskonzepte entstehen am Ende auf Seiten der Zulieferer.

Mit Automatisierung im Wettbewerb aufschlies­sen

Um der nötigen Flexibilität Rechnung zu tragen und dabei trotzdem kosteneffizient und hochwertig zu produzieren, setzen viele Zulieferer auf automatisierte Prozesse – auch in ihrer Intralogistik.

So etwa der global tätige Zulieferbetrieb Faurecia, der Automobilhersteller unter anderem mit Innenraumsystemen und Autositzen versorgt – ein besonders hart umkämpftes Marktsegment. Im Januar 2019 verkündete Faurecia eine strategische Kooperation mit dem dänischen Robotikunternehmen Mobile Industrial Robots (MiR). In elf seiner Werke setzt Faurecia nun mobile Roboter der Modelle MiR100 und MiR200 ein, jeweils benannt nach ihrer Traglast in Kilogramm. Sie optimieren die intralogistischen Abläufe, indem sie Werksmitarbeitern repetitive Transporte abnehmen und für einen reibungslosen Materialfluss sorgen. «Die mobilen Roboter von MiR können nicht nur Waren transportieren, sondern übernehmen auch vor- und nachgelagerte Prozessschritte wie die Be- und Entladung», erklärt Eric Moreau, Vice President Supply Chain & Digital Enterprise, Faurecia Clean Mobility Business Group. «Die Effizienz der gesamten Produktionslinie wird so gesteigert.» Dadurch kann Faurecia seine Kapazitäten optimal auslasten und freiwerdende Ressourcen dort einsetzen, wo sie dringender gebraucht werden.

Roboter verschaffen Zeit für F&E

Dieser Gedanke bewog auch den Zulieferer Nidec GPM, sich mobile Transportroboter in die Werkshallen zu holen. Als Teil des japanischen Nidec-Konzerns entwickelt das einstige Familienunternehmen innovative Pumpenlösungen für Automotoren. Um auch angesichts der aufstrebenden E-Mobilität Technologieführer zu bleiben, wird Forschung und Entwicklung bei Nidec GPM grossgeschrieben: Jeder zehnte der 1200 Mitarbeiter am thüringischen Standort ist in diesem Bereich tätig. Dank einer schlanken Intralogistik hat das Unternehmen hierfür heute noch mehr Kapazitäten zur Verfügung: Drei mobile Transportroboter vom Modell MiR100 optimieren den internen Materialfluss im Werk – und setzen dabei die Ressourcen einer Vollzeitkraft frei.

Mit dem Hängersystem MiRHook versorgen die autonom navigierenden Roboter die Mitarbeiter an den Anlagen mit Ölpumpendeckeln, Wasserpumpenlagern oder Antriebswellen – genau in dem Moment und in der Menge, die gerade benötigt wird. Früher habe dies ein Logistiker erledigt, berichtet Andreas Vogt, stellvertretender Leiter der Produktion und Lean-Experte bei Nidec GPM. «Damals stand in der Regel viel zu viel Material an den Montagelinien – und das kostet natürlich unnötig Geld.» Mit der Just-in-time-Belieferung durch die mobilen Roboter kann Nidec GPM seine Bestände optimieren und die Lagerkosten senken.

Freie Fahrt für flexiblere Produktion

Ein wichtiger Aspekt, der Nidec GPM zur Entscheidung für die Roboter von MiR bewog, war deren selbständige Navigation. Bei der Inbetriebnahme eines MiR-Roboters genügt es, ihn die Umgebung einmal abfahren zu lassen, damit er sie kartieren kann. Anschliessend findet er sich mit seinen leistungsstarken Sensoren selbst darin zurecht und ist nicht auf Magnetstreifen oder Schienen angewiesen. Teure Umbauten der Gebäudeinfrastruktur bleiben also aus. Hindernisse erkennt der Roboter frühzeitig und weicht ihnen aus. Mit der neuen KI-gestützten Bildverarbeitung MiR AI Camera kann er zudem differenzieren, ob es sich um einen Menschen oder einen Gegenstand handelt, und seine Reaktion entsprechend anpassen.

Genau diese Autonomie war es, die auch den Zulieferer Visteon Electronics überzeugte, der Hersteller wie BMW, Ford oder VW mit Fahrzeugelektronik versorgt. Mit der strategischen Optimierung seiner Intralogistik strebt das Unternehmen nach höchsten Effizienz- und Qualitätsstandards und möchte seine Kunden stets passgenau beliefern. Die MiR-Technologie hat sich vor diesem Hintergrund zum globalen Standard bei Visteon entwickelt. Am Produktionsstandort im slowakischen Námestovo etwa übernehmen mittlerweile vier MiR200-Roboter verschiedene Transportgänge. Zwei von ihnen versorgen automatisierte Fertigungsstrecken für Oberflächenmontagetechnik mit Leiterplatten, die dort weiterverarbeitet werden. Der dritte Roboter sammelt Abfälle ein, während der vierte Spritzgussanlagen mit Material beliefert und die fertigen Plastikkomponenten abholt. «Indem wir solche monotonen Tätigkeiten an die Roboter delegieren, entlasten wir unsere Mitarbeiter», erklärt Richard Čiernik, Manager Industrial Engineering bei Visteon. «Sie profitieren davon, dass die Roboter ihnen das Material direkt an den Arbeitsplatz bringen, sodass ihnen ergonomisch ungünstige Bewegungen erspart bleiben.»

Zuverlässig und vielseitig

Zugleich können Unternehmen wie Visteon oder Nidec ihre Produktionskosten durch die effizienteren Prozesse senken, während die schnelle Inbetriebnahme ausserdem die Gesamtbetriebskosten niedrig hält. In beiden Fällen sind die Roboter an fünf Tagen die Woche rund um die Uhr im Einsatz und sorgen für eine optimale Auslastung der Anlagen. So kommt es, dass sich die Anschaffung der MiR-Roboter generell oft schon binnen eines Jahres amortisiert. Selbst wenn eine Route einmal blockiert ist, geraten die Abläufe nicht ins Stocken: Der Roboter berechnet den Weg einfach neu und findet schnellstmöglich zum Ziel. Auch Schleusentore oder Aufzüge stellen keine Hürde dar, denn über WLAN oder Kontaktschwellen im Boden gehen die mobilen Transportroboter selbständig damit um. Vor allem diese Zuverlässigkeit macht sie zu einer geeigneten Intralogistiklösung für Automobilzulieferer, die jederzeit lieferfähig sein müssen.

Ihre vielseitige Einsetzbarkeit ist ein weiterer Vorteil der Roboter: Sie fungieren als fahrbare Plattform, die sich mit verschiedenen Aufsätzen bestücken lässt. Während bei Nidec zum Beispiel das Hängersystem Hook Bodenroller zieht, nutzt Visteon einen Regalaufsatz zum Werkstücktransport. Mit Förderbandmodulen oder Roboterarmen können die mobilen Helfer ausserdem Verpackungsaufgaben übernehmen oder den Materialfluss zwischen Fertigungszellen überbrücken. Auf diese Weise lassen sich mit nur einem Roboter unterschiedlichste Tätigkeiten automatisieren. Da die Roboter intuitiv zu bedienen sind, lernen Mitarbeiter ausserdem schnell, damit umzugehen. Über eine webbasierte Bedienoberfläche können sie ihnen leicht Aufgaben zuweisen und sie für neue Aufträge umprogrammieren. Gerade in einer Branche, die sich immer wieder schnell auf neue Fertigungsaufträge einstellen muss, erweist sich dies als nützlich.

Freiraum für den Blick nach vorne

Mobile Roboter erschliessen Automobilzulieferern entscheidende Vorteile: Einerseits bieten sie die nötige Flexibilität, um variable Produktionslayouts effizient zu unterstützen. Indem sie den Materialfluss verschlanken, steigern sie andererseits Fertigungseffizienz und Produktivität. Damit halten sie Zulieferbetrieben den Rücken frei, um nach vorne zu blicken – und Forschung und Entwicklung stärker zu fokussieren. Denn die zunehmende Digitalisierung des Autos und der Umstieg auf neue Antriebstechnologien erfordern konstante, strategische Investitionen in die eigene Innovationsfähigkeit. Eine optimierte Intralogistik setzt die notwendigen Ressourcen frei, um entsprechende Schwerpunkte setzen zu können und auch im Automobilmarkt der Zukunft ganz vorne mitzufahren. SMM

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