Rückblick: SMM Kongress 2017 Swissness und Schweizer Tugenden

Autor / Redakteur: Anne Richter, Redaktorin SMM / Anne Richter

Schweizer Tugenden wie Präzision und Zuverlässigkeit sind wichtige Voraussetzungen für ein zukunftsfähiges Schweizer Unternehmen, doch allein nicht ausreichend. Auf dem SMM Kongress am 30. November 2017 in Luzern haben verschiedene, vor allem Schweizer Hersteller ihre Erfolgsstrategien vorgestellt.

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Ein herzliches Dankeschön an alle Referenten und Sponsoren des SMM Kongress 2017! v.l. Valentin Vogt, Burckhardt Compression Holding AG; Lothar Horn, Paul Horn GmbH; Urs W. Berner, Urma AG; Stefan Dahl GF Machining Solutions International SA; René Näf, Urma AG; Matthias Böhm, Vogel Business Media AG. Es fehlen: Eva Jaisli, PB Swiss Tool; Prof. Mirko Meboldt, ETHZ; Andreas Löwenstein, Marenco Swisshelicpoter AG; Stefan Zatti,Otto Hofstetter AG)
Ein herzliches Dankeschön an alle Referenten und Sponsoren des SMM Kongress 2017! v.l. Valentin Vogt, Burckhardt Compression Holding AG; Lothar Horn, Paul Horn GmbH; Urs W. Berner, Urma AG; Stefan Dahl GF Machining Solutions International SA; René Näf, Urma AG; Matthias Böhm, Vogel Business Media AG. Es fehlen: Eva Jaisli, PB Swiss Tool; Prof. Mirko Meboldt, ETHZ; Andreas Löwenstein, Marenco Swisshelicpoter AG; Stefan Zatti,Otto Hofstetter AG)
(Bild: Thomas Entzeroth)

Die Herausforderungen für Schweizer Hersteller und Zulieferunternehmen in der metallverarbei­tenden Branche haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Nicht nur die Währungsproblematik beeinflusst die Unternehmensausrichtung, sondern auch neue Technologien, Globalisierung und sich entwickelnde Märkte, Konnektivität und Datensicherheit. Eine zunehmende Elektro-Mobilität verändert die Produktionsprozesse und verlangt entsprechende Reaktionen durch die Unternehmen. Alle diese Themen waren Inhalt des 6. SMM Kongress, der am 30. November in der Messe Luzern stattgefunden hat.

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Führungskräfte renommierter, in der Mehrheit Schweizer Hersteller der MEM-Industrie haben Entscheidungen und Strategien für ihren Unternehmenserfolg dargelegt und damit auch viele Anregungen und Impulse für die Kongressteilnehmer gegeben. Vielleicht wichtigstes Fazit der insgesamt zehn Referate ist, dass die traditionellen Schweizer Werte und Tugenden wie Qualität, Präzision und Zuverlässigkeit zwar notwendige Voraussetzungen für einen nachhaltigen Unternehmenserfolg sind, doch bei Weitem nicht die einzigen. Swissness ist angesehen in der Welt, allein aber noch kein Erfolgsgarant. Abhängig von den Marktbedingungen, den Produktanforderungen und der Unternehmensgrösse und -ausrichtung mussten die Unternehmen verschiedene Entscheide fällen, die zum Erfolg geführt haben – bezüglich Technologien, Managementstrategien und interner Abläufe, Standortentscheidungen, Produktentwicklungen sowie Marketing- und Verkaufsstrategien.

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Aus dem Nichts auf Platz drei

Einer der vielleicht spektakulärsten Beiträge kam von Marenco Swisshelicopter. Zwar muss das Unternehmen den endgültigen Erfolgsbeweis noch antreten (der Break-even ist für das Jahr 2021 geplant), doch auch das gegenwärtige Resultat ist schon beachtlich. Marenco entwickelt einen neuen, einmotorigen Turbinenhelikopter und hat damit eine völlig neue Branche und Technologie in der Schweiz etabliert. Ziel des Unternehmens ist es, als neuer Akteur unter die Top 3 der Helikopterhersteller weltweit zu gelangen. Mit neuen Technologien und neuen Materialien ist eine neue Maschinenauslegung möglich, und hier ist der Vorteil bei Marenco. Die neuen Marenco-Helikopter bieten eine grössere Kabine, für eine Person mehr Platz, eine höhere Sicherheit und die Kosten sind zudem geringer als die der seit 30 Jahren am Markt befindlichen etablierten Hubschrauber. Nebenbei räumt Andreas Löwenstein, CEO von Marenco, auch mit einigen Schweizer Mythen auf. Positiv für den Standort Schweiz sieht er die im Vergleich zu anderen Ländern wesentlich geringeren Lohnnebenkosten, die die höheren Gehälter stark relativieren. Negativ sieht er dagegen, dass die weltweit renommierten Bildungsinstitute in der Schweiz auf dem Gebiet der Luftfahrt kaum aktiv sind und es deshalb nur sehr wenige Schweizer Fachleute auf diesem Gebiet gibt. Immerhin braucht es für den Bau der Helikopter 40 verschiedene Kompetenzen auf höchstem Niveau.

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Totally Swiss trifft auf lokalen Markt

Weit bodenständiger sind die Erfolgsstrategien der anderen Unternehmen. Auf ein wachsendes Systemgeschäft mit einem koreanischen Partner und «totally Swiss» setzt die Otto Hofstetter AG mit Verkaufsleiter und Marketing Manager Stefan Zatti. Wobei «totally Swiss» für die Otto Hofstetter AG weit mehr ist als nur Schweizer Topqualität, sondern auch den persönlichen Kontakt der Kunden mit Schweizer Mitarbeitern bedeutet. Ein konstanter Fokus auf Qualität und Innovation ist das Erfolgsgeheimnis der PB Swiss Tools. CEO Eva Jaisli hat in ihrem Vortrag die Kernkompetenzen für den Erfolg der PB Swiss Tools umrissen, dazu gehören: Differenzierung durch unverwechselbare Qualität, Kernkompetenzen dynamisch weiterentwickeln, Innovationsnetzwerk erweitern für Produkte und Prozesse, Investitionskraft und Risikobereitschaft sicherstellen, Brand Performance im High-End-Markt und im Segment der Profis, Wettbewerbsfähigkeit für internationale Marktanteilserweiterung. PB Swiss Tools hat es geschafft, seinen Exportanteil von 30% im Jahr 1981 auf 70% im Jahr 2017 zu steigern. Ein Beispiel, dass Swissness nicht immer ein Erfolgsgarant ist, kommt von der Urma AG Werkzeugfabrik mit CEO Urs W. Berner. Um den lokalen Markt zu berücksichtigen, tritt das Unternehmen in Japan mit einem japanischen Produkt auf den dortigen Markt.

Ganze Wertschöpfungskette im Fokus

GF Machining Solutions bietet ein einmaliges Technologie-Portfolio: neben den klassischen Bearbeitungstechnologien Fräsen und Erodieren und der Automatisierung hat das Unternehmen in neue Technologien wie Laserbearbeitung und additive Fertigung investiert. Ziel des Unternehmens ist es, die neuen Technologien in Fertigungsprozesse einzubinden, so dass klassische Verfahren mit Inhouse-Lösungen und nicht mit externen Lösungen abgelöst werden können. Stefan Dahl, Leiter der Business Unit New Technologies, unterstreicht, dass der gesamte Wertschöpfungsprozesse betrachtet werden muss, denn die neuen Technologien bieten die Möglichkeit, ganze Prozessschritte wegzulassen.

Ganz im Zeichen der additiven Fertigung stand der Vortrag von Prof. Dr. Mirko Meboldt von der ETH Zürich. Die additive Fertigung im metallurgischen Bereich gehört zu den interessantesten technologischen Wachstumsfeldern. Im Fokus stehen bei Meboldt nicht unbedingt die vielfältigen Möglichkeiten der Technologie, sondern die Wertschöpfung. Und die liegt in der Individualisierung und einer besseren Funktionalität der Bauteile. Ein Aspekt der additiven Fertigung ist ein notwendiges Umdenken in der Konstruktion, wobei die neuartigen Gestaltungsfreiheiten berücksichtigt werden.

Kundenbindung, Beharrlichkeit und Marktbedürfnisse

Die Kistler Group hat sich vom kleinen Sensorhersteller zum Systemanbieter entwickelt. Das Unternehmen erzielt Wachstum durch Innovation – es unterhält 398 Patente weltweit. CEO Rolf Sonderegger betont, dass mit Systemlösungen eine viel grössere Kundenbindung erzielt werden kann als nur mit dem Vertrieb einzelner Komponenten. Auf eine lange Firmengeschichte von 173 Jahren kann die Burckhardt Compression, Hersteller von Kolbenkompressoren, zurückblicken. Verwaltungsratspräsident Valentin Vogt unterstreicht die Bedeutung, eine einzigartige USP-Firmenkultur zu entwickeln und die Unternehmensstrategie langfristig und beharrlich zu verfolgen. Hinzu kommt es, Mitarbeiter immer frühzeitig einzubinden und Verbesserungspotentiale systematisch erkennen und umsetzen zu können und wollen.

Als einziges Nichtschweizer Unternehmen war die Paul Horn GmbH vertreten. Geschäftsführer Lothar Horn betont die Wichtigkeit, Produktentwicklungen und den Ausbau des Produktportfolios streng nach Marktbedürfnissen zu gestalten. Neue Produkte müssen zwingend besser als die Vorgängermodelle sein. In der Produktion setzt das Unternehmen konsequent auf Competence Insourcing.

Kosten senken mit Lean Management

Ein Mittel, die Kostenstrukturen nachhaltig zu senken, ist konsequentes Lean Management. Julian Mundl, Projektleiter und Senior Consultant bei der Noventa Consulting AG, fokussiert vor allem auf eine konsequente Anwendung der Lean-Prinzipien. Wenn es Probleme und Widerstände gibt, müssen diese gelöst werden. Ab einem bestimmten Zeitpunkt läuft der Prozess dann stabil. Eindrückliches Beispiel ist der Formel-1-Boxenstopp: 1974 dauerte dieser über 40 Sekunden, heute sind es 1,94 Sekunden. Der Unterschied: die Abläufe sind heute akribisch geplant und jeder Mitarbeiter weiss bis zum letzten Detail, was er zu tun hat.

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