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Aldo Tormen im SMM-Interview Aldo Tormen: «Mister SMM» von 1973 bis 2003

| Redakteur: Matthias Böhm

Von 1973 bis 2003 prägte Aldo Tormen, Redaktor und stellvertretender Chefredaktor, den Schweizer Maschinenmarkt. Er war über drei Jahrzehnte das Gesicht und der Kopf des SMM. Er kannte die Branche aus dem Effeff, war immer mit Leidenschaft dabei. Mit seinem Know-how und seinem Engagement hat er den SMM nachhaltig geprägt. Noch heute, 17 Jahre nach seiner Pensionierung, ist er Chefredaktor der Zeitschrift Oberflächen Polysurfaces.

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«Wenn ich 1973 nochmals anfangen könnte, wäre ich auf jeden Fall dabei. Es war eine tolle Zeit beim SMM.» Aldo Tormen, stv. Chefredaktor SMM bis 2003
«Wenn ich 1973 nochmals anfangen könnte, wäre ich auf jeden Fall dabei. Es war eine tolle Zeit beim SMM.» Aldo Tormen, stv. Chefredaktor SMM bis 2003
(Bild: Aldo Tormen SMM)

SMM: Herr Tormen, wie kamen Sie zum Schweizer Maschinenmarkt?

Aldo Tormen: Als gelernter Maschinenbauingenieur habe ich zuvor im Bereich der Konstruktionstechnik gearbeitet und bin 1973 in die Redaktion des SMM eingetreten. Das war ein völlig neues Umfeld für mich. Ich wurde aber vom damaligen Chefredaktor – Hans Wittwer – hervorragend in mein neues Aufgabengebiet eingearbeitet. Zu Beginn redigierte ich eingegangene Texte. Schliesslich begann ich, Pressekonferenzen und Fachmessen zu besuchen.

Wie kam man Anfang der 70er-Jahre an gute Fachtexte?

A. Tormen: Vor meinem Stellenantritt war die SMM-Redaktion personell nicht gut aufgestellt gewesen und es wurden zu wenige Fachbeiträge akquiriert. Das war einer der Hauptgründe, dass ich nicht genügend Fachartikel zum Veröffentlichen hatte. Deshalb war es eine meiner ersten Aufgaben, Fachbeiträge zu organisieren. Die Inhalte des SMM kamen damals schon hauptsächlich aus der Industrie. Wir schrieben alle uns bekannten Unternehmen und Hochschulfakultäten an und baten sie, uns Fachberichte und Meldungen über ihre neuesten Technologien zu senden. Damals lief das noch per Brief. Das war ein riesiger Aufwand. Der Rücklauf lag bei 20 %, damit konnte ich gut arbeiten.

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Mit wie vielen Redaktoren haben Sie den SMM damals realisiert?

A. Tormen: Der SMM kam damals noch 52-mal im Jahr heraus. Wir mussten jede Woche eine Zeitschrift produzieren. Wir waren zu zweit plus Chefredaktor, der aber gleichzeitig Verlagsleiter und zuständig für die EDV-Zeitschrift Output war. Kurz: Wir waren zu zweit, wobei ich für die Bereiche Produktionstechnik, Fertigungstechnik und Werkzeugmaschinen zuständig war.

Können Sie die redaktionellen Abläufe von 1973 bis 2003 vergleichen? Was ist gleich geblieben, was hat sich verändert?

A. Tormen: Die redaktionellen Abläufe haben sich erheblich geändert. Aber das Beschaffen der redaktionellen Texte ist immer ähnlich geblieben. Am Ende konnte man vermehrt per Mail machen. Für mich war das Telefon immer eines der wichtigsten Kommunikationsmittel. Aber man muss auch sagen, Techniker sind keine Germanisten. Es war damals wie heute relativ schwierig, Fachspezialisten zu finden, die schreiben konnten und dann noch etwas schreiben wollten. Und wenn man einen Fachspezialisten gefunden hatte, mussten dessen Texte ja vom Unternehmen noch freigegeben werden. Denn darüber muss man sich auch im Klaren sein, es darf kein Prozess-Know-how nach aussen gegeben werden, das die Mitbewerber der Unternehmen nutzen könnten.

Wie lief die Arbeit des Redigierens damals ab?

A. Tormen: Wir erhielten Manuskripte von Fachautoren und an Pressekonferenzen im ausgedruckten Zustand. Diese Texte waren qualitativ sehr unterschiedlich. Einige waren hervorragend geschrieben, da musste man wenig ändern. Sie mussten redaktionell insofern aufbereitet werden, als sie von der Druckerei weiterverarbeitet werden konnten. Auf der anderen Seite gab es Texte, wo wir viel redigieren mussten. Das lief per Rotstift, teilweise haben wir mit Tipp-Ex Wörter oder Passagen gelöscht und anschliessend über- oder umgeschrieben. Gab es sehr viele Korrekturen, und das gab es häufig, dann wurde der von mir geänderte Text anschliessend von einer Schreibkraft komplett neu geschrieben. Teilweise haben wir sogar mit Schere und Kleber gearbeitet, Teile aus dem Manuskript rausgeschnitten und neu zusammengeklebt. Um die Textbausteine aneinander anzupassen, mussten wir mit der Schreibmaschine noch Passagen einfügen. Diese zusammengeschnittenen Manuskripte wurden abermals abgeschrieben und dann an die Druckerei weitergeleitet. Das lief etwa bis Ende der Siebzigerjahre so.

Wann wurden erstmalig digitale Hilfsmittel eingesetzt?

A. Tormen: Mitte der Achtzigerjahre erhielten wir Notebooks. Dabei handelte es sich um eine Art elektronisches Schreibgerät mit Floppy-Disk-Laufwerk. Das hat unsere redaktionelle Arbeit erheblich vereinfacht. Wir konnten die Manuskripte erstmals elektronisch erfassen, überarbeiten, ausdrucken und an die Druckerei übergeben. Die Floppy-Disk war insofern eine Erleichterung, als wir die Texte elektronisch erfassen und redigieren konnten.

Sie hatten den SMM für einen gewissen Zeitraum ganz alleine gemacht. Warum das?

A. Tormen: Das war 1977 für etwa sechs Monate, als mein Kollege gekündigt hatte. Die Verlagsleitung prüfte, ob ich den SMM alleine hinbekomme. Das war machbar, aber ich konnte praktisch keine Pressekonferenzen mehr besuchen oder auf Messen gehen. Zudem musste ich erheblich Überstunden machen. Das war wie im Hamsterrad. Man rennt, aber man kommt nicht vorwärts. Als die Überstunden überhandnahmen, bekam ich wieder redaktionelle Unterstützung. Die SMM-Redaktion war immer ohne Stellvertretung organisiert. Wenn wir ins Militär oder in die Ferien gingen, mussten wir alles Vorarbeiten. Das kam dann noch oben drauf, als ich beim SMM alleine als Redaktor gearbeitet hatte. Krank durfte man nicht werden.

Wie waren denn die Unternehmen bezüglich der Pressearbeit aufgestellt?

A. Tormen: Die grossen Schweizer Firmen, wie Sulzer oder BBC, verfügten über gute Presseabteilungen. Trumpf, Maho, Deckel und Gildemeister ebenfalls. Mit diesen Unternehmen arbeiteten wir sehr eng zusammen. Die Presseabteilungen haben uns auch bei der Suche von Fachautoren unterstützt. Teilweise mussten deren Spezialisten alle sechs Monate etwas veröffentlichen, was für uns natürlich gut war. Aber man musste für die Kontakte damals richtig engagiert arbeiten und persönlich Kontakte knüpfen. Aus meiner Sicht ist das auch heute noch entscheidend, trotz LinkedIn usw.

Wie kam man damals – ohne Mail und Internet – zu den Themen und Inhalten?

A. Tormen: Wie gesagt, die Kontakte ergaben sich durch den Besuch von Pressekonferenzen, Firmen und Fachmessen. Man musste sich am Messestand durchfragen und lernte so die Fachspezialisten kennen, die gegebenenfalls einen Fachbericht für uns schrieben. Da wir ein hohes Renommee hatten, bekamen wir sehr oft – auch von Freischaffenden – Autorenberichte zugesandt.

Stichwort Renommee: Wie macht sich das bemerkbar?

A. Tormen: Bei Presseeinladungen von international agierenden Unternehmen beispielsweise aus Japan, USA, Schweden und Deutschland war der SMM immer mit dabei, wir hatten einen ganz besonderen Status. Das lag aber natürlich auch daran, dass die Schweiz einen hervorragenden Werkplatz hatte und der SMM dort gelesen wurde. Fertigungstechnisch war die Schweiz in vielen Bereichen führend. Diese führende Rolle widerspiegelte sich letzten Endes natürlich auch im SMM.

Welche Themengebiete waren in den Achtzigerjahren von besonderem Interesse?

A. Tormen: Wir haben uns damals schon auf Betriebstechnik, Fertigungstechnik, Werkzeugmaschinen und industrielle Produktion fokussiert. Hinzu kamen sogenannte Fachbereiche über Hydraulik und Pneumatik, Kunststofftechnik, metallische Werkstoffe, Elektronik, Galvanotechnik, Schweisstechnik bis hin zu Förder- und Lagertechnik. Thematisch lag der Fokus immer auf der Industrie-Produktion. Ein wichtiges Thema waren auch die Schweizer Fachmessen. Von den 52 Ausgaben war jeweils rund ein Viertel messebezogen. Von für uns bedeutende Fachmessen, wie beispielsweise EMO oder FAWEM, machten wir meistens zwei Vorschauen und eine Nachschau. Sogar über die Olma in St. Gallen berichteten wir über Landwirtschaftstechnik. Das wäre heute undenkbar.

Sie betreuten thematisch das wichtige Themenfeld der Fertigungstechnik, was waren aus Ihrer Sicht die bedeutendsten Meilensteine in der Fertigungstechnik von 1970 bis 2000?

A. Tormen: Hier ist eindeutig die CNC-Technik zu erwähnen. Auch die werkstattorientierte Programmierung, die über eine benutzerführende Oberfläche verfügte. Mit DNC kam die vernetzte Arbeitsteilung in die Werkstatt, wo im Büro das CNC-Programm erstellt wurde und an die Maschine übertragen wurde. Ein weiterer Meilenstein war CIM, wo alle Betriebsbereiche digital miteinander vernetzt wurden. In Japan war es Ziel, menschenleere Fabriken zu entwickeln, hier geht das Licht in der Fabrikhalle nur an, wenn etwas repariert werden muss. Wenn die Produktion läuft, wurde abgedunkelt. Mitte der Siebzigerjahre begann es, dass vermehrt Roboter insbesondere im Schweissen eingesetzt wurden, hier war auch ASEA führend, die Roboter in Schweden entwickelten. Dann wurde ABB und ASEA fusioniert, womit ABB in der Robotik einer der führenden Hersteller wurde.

Was war die wichtigste Veränderung für Sie beim SMM?

A. Tormen: Das war eindeutig 1997. Bis 1997 war unser Sitz in Goldach direkt bei unserer Druckerei. Dann wurde entschieden, dass ein moderner Industrieverlag in Zürich angesiedelt sein müsse. Das war für alle Mitarbeiter eine enorme Herausforderung. Für mich hiess das, dass ich fortan pendeln musste von teilweise über 1,5 Stunden pro Fahrt.

Was war der Hintergrund, dass man nach Zürich ging?

A. Tormen: Der Hintergrund war der, dass man näher am Markt sein wollte. Aber das ist natürlich unsinnig. Man muss als Redaktor am Markt sein und das Heft muss an die Leser gehen, die sich für den Markt interessieren. Der Markt ist über die gesamte Schweiz verteilt. Die Region Zürich spielt in der MEM-Branche eine ähnliche Rolle wie das Rheintal, die Zentralschweiz oder das Jura. Es gab den Spruch: Es kommt kein Japaner nach Goldach. Für unsere Goldacher Kollegen war das eine schwierige Situation. Es gab nach und nach Kündigungen. Bei den Neuanstellungen musste man sich dann an die Zürcher Gehaltstruktur anpassen, die höher war als in Goldach. Für die Wirtschaftlichkeit ist das natürlich nicht ideal.

Wenn Sie heute nochmals wählen könnten, würden Sie den Beruf des Fachredaktors wieder wählen?

A. Tormen: Zum heutigen Zeitpunkt wahrscheinlich nicht mehr. Aber die Tätigkeit als Redaktor ist hochinteressant. Ich habe viele Spezialisten und Unternehmen kennengelernt. Durch die vielen Reisen, Unternehmensbesuche und Messebesuche habe ich eine breite Vielfalt der Industrie kennengelernt. Es ist ein Traumjob, wenn man sich für Menschen und Technik interessiert. Es ist auch heute noch spannend. Die Arbeit ist aber erheblich komplexer geworden aufgrund der unterschiedlichen Möglichkeiten, die sich im redaktionellen Umfeld bieten. Von Videos über Online-Veröffentlichungen bis hin zur Veröffentlichung im Magazin. Aber wenn ich 1973 nochmals anfangen könnte, wäre ich auf jeden Fall dabei. Es war eine tolle Zeit beim SMM. SMM

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