MEM-Industrie Aufschwung erhofft, dritte Welle befürchtet

Redakteur: Anne Richter

Die Schweizer MEM-Industrie zwischen Bangen und Hoffen: Einerseits die Furcht vor einer dritten Welle der Covid-Pandemie, anderseits Zeichen einer leichten Erholung. Doch die Industrie kämpft nicht nur gegen die Auswirkungen der Corona-Pandemie. Strukturelle Herausforderungen dämpfen zusätzlich die Hoffnungen.

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Die Schweizer MEM-Industrie zwischen Hoffen und Bangen.
Die Schweizer MEM-Industrie zwischen Hoffen und Bangen.
(Bild: ©ink drop - stock.adobe.com)

«Wir befinden uns in einem Zustand zwischen Hoffen und Bangen», sagt Stefan Brupbacher, Direktor Swissmem auf der Swissmem-Jahrespressekonferenz, die am 24. Februar im virtuellen Raum stattfand. Die Covid-Pandemie hat demnach in der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEMIndustrie) deutliche Spuren hinterlassen. Zwar haben die globalen Lockerungen der Covid-Eindämmungsmassnahmen im zweiten Halbjahr 2020 zu einer allmählichen Erholung der geschäftlichen Lage geführt. Es gibt auch Anlass zur Hoffnung, dass sich die Erholung 2021 fortsetzen wird. Doch für Swissmem sind verschiedenen Voraussetzungen wichtig. «Damit eine nachhaltige Erholung in der MEM-Branche erfolgen kann, sind eine rasche, flächendeckende Impfkampagne, genügend Testkapazitäten sowie international anerkannte, fälschungssichere Impfatteste notwendig. Nur so können Techniker, Serviceleute und das Verkaufspersonal wieder reisen. Das ist entscheidend, denn rund 80 Prozent des Geschäftes der Schweizer MEM-Industrie findet im Ausland statt», erklärt Swissmem Präsident Martin Hirzel.

Rückgang im Auftragseingang, Umsatz und Mitarbeiterzahl

Als Folge der Covid-Pandemie nahmen im Jahr 2020 die Auftragseingänge in der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie (MEM-Industrie) im Vergleich zu 2019 um -6,5 Prozent ab. Auch die Umsätze sanken im Vergleich zum Vorjahr um hohe -9,8 Prozent. Der schlechte Geschäftsgang wirkte sich auch auf die Kapazitätsauslastung in den Betrieben aus. Ausgehend von bereits tiefen 83,0 Prozent im vierten Quartal 2019 sank sie gemäss KOF im dritten Quartal 2020 auf 77 Prozent ab. Danach erhöhte sich die Kapazitätsauslastung bis im Januar 2021 wieder auf 81,7 Prozent. Diese Zahlen sind Durchschnittswerte. Die einzelnen Unternehmen sind sehr unterschiedlich von den Auswirkungen der Pandemie betroffen. Reduziert hat sich auch die Anzahl Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der MEM-Industrie. Sie sank in den ersten neun Monaten 2020 von 324 900 auf 318 300 (-2,0 Prozent).

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Exporte: Volumenverlust von 7,6 Milliarden Franken

Die Güterexporte der MEM-Industrie gingen 2020 im Vergleich zu 2019 um hohe 11,2 Prozent zurück und erreichten einen Wert von 60,7 Milliarden Franken. Das bedeutet einen Volumenverlust von 7,6 Milliarden Franken. Dabei waren nicht alle Subbranchen gleich betroffen. Während der Bereich Verpackungstechnik fast auf Vorjahresniveau lag, musste die Werkzeugmaschinenbranche einen Rückgang von über 30 Prozent verzeichnen.

Die Rückgänge tangierten alle wichtigen Absatzregionen. So reduzierten sich die Exporte in die USA um 12,6 Prozent, jene in die EU um 11,9 Prozent sowie jene nach Asien um 7,5 Prozent. Alle wichtigen Warengruppen waren betroffen. Gegenüber 2019 sanken die Güterausfuhren im Maschinenbau um 12,4 Prozent, bei den Metallen um 11,2 Prozent, bei der Elektrotechnik/Elektronik um 9,4 Prozent und bei den Präzisionsinstrumenten um 8,5 Prozent.

Zwischen ermutigenden Anzeichen und Gefahr eines erneuten Einbruches

Der Geschäftsverlauf 2020 war geprägt durch einen massiven, pandemiebedingten Einbruch im zweiten Quartal bei den Auftragseingängen, Umsätzen und Exporten. Die globalen Lockerungen der Covid-Eindämmungsmassnahmen ermöglichten nachfolgend eine kontinuierliche Erholung. Im vierten Quartal 2020 erreichten die Auftragseingänge fast wieder das Vorjahresniveau. Es bestehen laut Swissmem ermutigende Anzeichen, dass sich dieser Erholungstrend 2021 fortsetzen wird. So deutet der PMI in fast allen Absatzmärkten auf ein teils kräftiges Wachstum hin. Auch die Erwartungen der Unternehmerinnen und Unternehmer für die kommenden zwölf Monate sind positiver als noch am Ende des drittes Quartals 2020. In der jüngsten Swissmem-Umfrage rechnen 45 Prozent der der Firmen mit zunehmenden Aufträgen aus dem Ausland. Im Vergleich zum dritten Quartal 2020 waren es nur 38 Prozent. Gleichzeitig gehen nur noch 17 Prozent von sinkenden Aufträge aus, im dritten Quartal waren es noch 29 Prozent.

Dritte Pandemiewelle befürchtet und strukturelle Herausforderungen

Dem gegenüber steht die Befürchtung, dass eine allfällige dritte Pandemiewelle erneut global zu einem Einbruch führen könnte. Hinzu kommen die fortbestehenden strukturellen Herausforderungen. Die weltweiten Handelskonflikte sind nicht beseitigt, was das Investitionsklima belastet. Auch das künftige Verhältnis der Schweiz zur EU, dem mit Abstand wichtigsten Absatzmarkt, ist noch nicht geklärt. Angesichts der Pandemie wird zudem oft vergessen, dass der Schweizer Franken gegenüber dem Euro nach wie vor überbewertet ist und auch gegenüber dem US-Dollar und einigen Schwellenländerwährungen stark an Wert gewonnen hat.

Maximale Bezugsdauer für Kurzarbeit auf 24 Monate erhöhen

Aufgrund der weltweit schon vor der Pandemie bestehenden, schwachen Investitionsgüternachfrage waren einige MEM-Betriebe bereits Anfang 2020 in Kurzarbeit. Diese werden Mitte 2021 die bisher maximal mögliche Bezugsdauer von 18 Monaten erreichen. «Es gilt einen weiteren, pandemiebedingten Stellenabbau in besonders hart betroffenen Firmen zu verhindern», betont Martin Hirzel. «Deshalb muss die maximale Bezugsdauer für Kurzarbeitsentschädigung auf 24 Monate erhöht werden». Zudem ist es für die MEM-Branche wichtig, dass eine Neuauflage der Covid-19-Liquiditätshilfen vorbereitet wird, damit diese im Bedarfsfall schnell aktiviert werden können. Swissmem unterstützt die entsprechenden Vorbereitungen der Eidg. Finanzverwaltung ausdrücklich.

Freihandelsabkommen und Industriezölle

Mittelfristig müssen zudem laut Swissmem die Rahmenbedingungen verbessert werden. Eine erste Gelegenheit bietet die Abstimmung vom 7. März 2021. Ein JA zum Freihandelsabkommen mit Indonesien würde den Zugang zu einem vielversprechenden Zukunftsmarkt erleichtern. Mit der Aufhebung der Industriezölle hätte es auch das Parlament in diesem Jahr in der Hand, die Exportwirtschaft zielgerichtet und nachhaltig zu unterstützen. -ari- SMM

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