Interview: Peter Dietrich, Direktor Swissmem Die MEM-Industrie ist kein Auslaufmodell

Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses hat den Druck auf die Schweizer MEM-Industrie nochmals erhöht. Peter Dietrich, Direktor des Branchenverbandes Swissmem erläutert im Gespräch mit dem SMM, welche Handlungsmöglichkeiten die Unternehmen haben und wie er die Zukunft des Werkplatzes Schweiz einschätzt.

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Für die Unternehmen ist dieser plötzliche Kurswechsel der SNB u nicht nachvollziehbar.
Für die Unternehmen ist dieser plötzliche Kurswechsel der SNB u nicht nachvollziehbar.
(Bild: Thomas Entzeroth)

SMM: Wie beurteilen Sie den Entscheid der Schweizer Nationalbank (SNB), den Mindestkurs von 1.20 CHF aufzuheben?

Peter Dietrich: Der Entscheid im September 2011, den Mindestkurs festzulegen, war unserer Ansicht nach die richtige Massnahme zum richtigen Zeitpunkt. Die Aufhebung des Mindestkurses Mitte Januar 2015 kam dann sehr überraschend. Für die MEM-Industrie ist dadurch eine schwierige Situation entstanden. Für die Unternehmen ist dieser plötzliche Kurswechsel der SNB und die Art der Kommunikation nicht nachvollziehbar. Bis zum 15. Januar konnte man nicht damit rechnen, dass die SNB von ihrem Kurs abweichen wird. Wir können uns dieses Verhalten nur durch den enormen Druck erklären, unter dem die SNB stehen musste.

Was wäre anders gewesen, wenn der Entscheid nicht so plötzlich gekommen wäre?

P. Dietrich: Die Planungssicherheit für die Unternehmen wäre grösser gewesen. Es hätten sich sicher auch mehr Unternehmen mit Finanzprodukten gegen das Währungsrisiko abgesichert. Wir von Swissmem bieten in Zusammenarbeit mit den Finanzinstituten Informationsveranstaltungen und Schulungen zu diesem Thema an.

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Sind die Unternehmen heute denn nicht wieder in der gleichen Situation wie vor der Festlegung des Mindestkurses?

P. Dietrich: Wir haben im November 2011, also zwei Monate nach der Fixierung des Mindestkurses, eine Umfrage gemacht, die gezeigt hat, dass 36 % aller Unternehmen zu diesem Zeitpunkt in den roten Zahlen waren. Wenn die 1.20 nicht als Planungsgrösse gekommen wäre, dann wäre es zu einem «freien Fall» in der MEM-Industrie gekommen. Der Werkplatz Schweiz hätte sich verändert. Die Unternehmen, die bereits Auslandsstandorte hatten, hätten mit grosser Wahrscheinlichkeit ihre Kapazitäten ausgebaut.

Aber genau das fehlt den Unternehmen jetzt ja auch wieder, diese Planungssicherheit?

P. Dietrich: Ja. Das stimmt. Die Unternehmen haben die Periode mit dem Mindestkurs gut genutzt. Die Wirkung dieser Anstrengungen haben sich mit dem Entscheid vom 15. Januar wieder verflüchtigt. Die Unsicherheiten bezüglich unseres Verhältnisses mit der EU, unserem wichtigsten Absatzmarkt, sind in der Zwischenzeit noch hinzugekommen. Das hilft nicht.

Welche Massnahmen ergreifen die Unternehmen, um ihre Konkurrenzfähigkeit zu behalten?

P. Dietrich: Es gibt eine ganze Palette von Massnahmen, welche die Unternehmen in Betracht ziehen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die Unternehmen in den letzten drei Jahren bereits sehr viel unternommen haben, um die Wechselkursänderung von über 1.40 auf 1.20 aufzufangen. Die Unternehmen haben zum einen ihre Lieferketten überprüft und optimiert, zum anderen haben sie innerbetriebliche Massnahmen ergriffen, um ihre Prozesse schlanker zu gestalten. Es wird jetzt immer schwieriger, weitere Massnahmen zu ergreifen. Der Handlungsspielraum ist deutlich kleiner geworden.

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