Interview mit Roland Gutknecht, CEO Suvema AG

Die Schweizer Industrie ist wieder konkurrenzfähig

| Autor / Redakteur: Anne Richter / Anne Richter

«Jetzt produzieren die Unternehmen in der Schweiz mit viel produktiveren Fertigungseinheiten als in manchen Nachbarstaaten, da sie gezwungen waren zu investieren.» Roland Gutknecht, Geschäftsführer Suvema AG
Bildergalerie: 6 Bilder
«Jetzt produzieren die Unternehmen in der Schweiz mit viel produktiveren Fertigungseinheiten als in manchen Nachbarstaaten, da sie gezwungen waren zu investieren.» Roland Gutknecht, Geschäftsführer Suvema AG (Bild: Matthias Böhm, SMM)

Die Suvema AG versteht sich als Technologiepartner für ihre Kunden, eine Spezialität des Unternehmens ist das Customizing der Anlagen für die entsprechende Anwendung. Im SMM-Interview berichtet Geschäftsführer Roland Gutknecht.

SMM: Wie ist das Geschäftsjahr 2017 für Suvema verlaufen?

Roland Gutknecht: Nach den etwas schwierigeren Jahren, die sich durch den Entscheid der SNB vom 15. Januar 2015 ergeben haben, ist das Geschäftsjahr 2017 sehr gut verlaufen. Auch der Auftrags­eingang war sehr hoch, somit konnten wir 2018 mit einem komfortablen Auftragspolster in Angriff nehmen.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

R. Gutknecht: Wir sind mit unserem Produkteportfolio stark produktionsorientiert ausgerichtet. Als sich der Wechselkurs des Schweizer Frankens zum Euro wieder etwas erholt hat, konnte man fest­stellen, dass die Schweizer Industrie wieder sehr konkurrenzfähig geworden ist und sich nach dem Frankenschock schnell erholt hat. Teilweise ist die Produktion, die ins Ausland abgewandert war, wieder zurückgekommen. Jetzt produzieren die Unternehmen in der Schweiz mit viel produktiveren Fertigungseinheiten als in manchen Nachbarstaaten, da sie gezwungen waren zu investieren. Daher hat es auch sehr viele interessante Investitionen mit sehr leistungsfähigen Maschinen und Automatisation gegeben.

Gibt es dabei Unterschiede zwischen den verschiedenen
Branchen?

R. Gutknecht: Grundsätzlich haben alle Branchen, in denen wir tätig sind, gleichzeitig ab Beginn 2017 angezogen und weisen einen sehr positiven Trend auf. Unterschiede liegen darin, dass die Schwankungen in den Branchen unterschiedlich ausfallen. Während die Medizintechnik viel stetiger verläuft, reagiert die Uhrenindustrie extrem zyklisch. Die Medizintechnik verläuft auch in schwierigen Zeiten immer noch auf einem bestimmten Niveau. Aber wenn die Wirtschaft wieder anzieht, dann sind die Steigerungen entsprechend verhaltener. Die Uhren­industrie reagiert dagegen extrem zyklisch, sie fällt in schlechten Zeiten tief ins Loch, steigt aber extrem stark an, wenn die Situation besser wird.

Multitasking-Maschinen, Smart Factory Solutions

EMO 2017

Multitasking-Maschinen, Smart Factory Solutions

11.09.17 - Okuma wird auf der EMO Hannover als Neuheit die Super-Multitasking-Maschinen der Laser-Ex-Serie für Dreh- und Fräsoperationen, Laserhärten und additive Fertigung vorstellen. Hinzu kommen Smart-Factory-Applikationen sowie Automatisierungstechnologien für mehr Effizienz. lesen

Welche Ereignisse haben 2017 den Geschäftsverlauf von Suvema besonders beeinflusst? Gibt es besondere Ereignisse?

R. Gutknecht: Das wichtigste Ereignis im Geschäftsjahr 2017 ist die Erholung des Euro gegenüber dem Schweizer Franken. Das wurde noch unterstützt durch die EMO, die glücklicherweise zu einem sehr guten Zeitpunkt stattgefunden hat. Manche meinen, der starke Schweizer Franken sei gut für unser Geschäft, da wir Maschinen günstig importieren können. Doch wir sind angewiesen auf Kunden, die wirtschaftlich fertigen können, und wenn die Kunden nicht mehr vorhanden sind, nützen auch die besten Preise nichts. Somit haben auch wir von der Abschwächung des Schweizer Frankens profitiert.

Ein zentraler Punkt für Suvema ist das Customizing von CNC-Fertigungsmaschinen. Was bedeutet das?

R. Gutknecht: Wir zeichnen uns als Technologiepartner gegenüber unseren Kunden aus und nicht als Maschinenlieferant. Technologiepartner heisst, dass wir als Kernstück die Maschine liefern, welche wir automatisieren und mit einer umfangreichen Peripherie ausrüsten, sodass der Kunde eine komplette Fertigungseinheit erhält. In Sachen Robotik, Spannmittel, der gesamten Kühlmittelaufbereitung und Späneentsorgung kann die Integration sehr weit gehen. Mit unserer eigenen Konstruktionsabteilung und in enger Zusammenarbeit mit spezialisierten Partnern werden die spezifischen Bedürfnisse der Kunden umgesetzt. Wir begleiten unsere Kunden bei der Inbetriebnahme mit Applikationstechnikern und Schulungen. Der Auftraggeber erhält somit eine hochwertige Maschine quasi als Plug-&-Play-Kit. Diese Gesamtlösung ist auf das entsprechende Werkstück zugeschnitten, der Kunde produziert somit sofort nach erfolgter Inbetriebnahme. Wir übernehmen die Verantwortung über das gesamte Paket.

Wie entwickelt sich der Customizing-Bereich?

R. Gutknecht: Der Customizing-Anteil nimmt weiter zu. Hier kommen wir jedoch teilweise auch an unsere Kapazitätsgrenzen. Denn das Customizing braucht Platz und Ressourcen. Wir haben dafür auch schon zusätzliche Mitarbeiter eingestellt. Ab diesem Jahr werden wir auch Polymechaniker und Automatiker ausbilden.

Suvema versteht sich auch als Ideengeber für Entwicklungen von Werkzeugmaschinen, so wurden verschiedene Maschinen schon speziell für den Schweizer Markt entwickelt. Was ist in dieser Beziehung momentan besonders gefragt?

R. Gutknecht: Vor allem im Bereich Mikrotechnik können wir die Hersteller unterstützen, Entwicklungen vorzunehmen, denn in diesem Bereich sind wir in der Schweiz weltweit führend. Mikrotechnik und Uhrenindustrie sind hier Marktgeber. Die Bedürfnisse unserer Kunden definieren sozusagen die Bedingungen an die Hersteller für neue Lösungen, welche bis tief in die Maschinenentwicklung gehen, insbesondere beim Mikrofräsen und Langdrehen.

Was sind da konkrete Forderungen?

R. Gutknecht: Die Genauigkeitsforderungen werden immer höher. Man strebt in der Fertigung eine Konstanz und Stabilität im µ-Bereich an, was eine absolut prozessstabile Maschine erfordert.

Effizienz ist für die Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer Fertigungsunternehmen ein entscheidender Faktor. Wie unterstützt Suvema diesbezüglich seine Kunden?

R. Gutknecht: Indem wir den Kunden begleiten und bei Bedarf eine prozesssichere und betriebsbereite Fertigungseinheit übergeben. Hier kommt die Spezialität von Suvema zum Tragen, indem wir Anpassungen an den Maschinen vornehmen, wie beispielsweise überwachte Hochfrequenzspindeln. Dadurch wird nicht nur die Genauigkeit der Werkstücke garantiert, sondern auch die Güte der Oberflächenqualität. Alle Anpassungen bringen jedoch nur die gewünschten Vorteile, wenn sie auf absolut genaue und extrem zuverlässige Maschinen aufgebaut werden, was die Grundlage unseres Produktportfolios ist.

Welche Rolle spielt dabei der Kundendienst?

R. Gutknecht: Trotz der hervorragenden Produkte müssen wir unseren Kunden jederzeit Unterstützung und Begleitung bieten können. Deshalb wird der Kundendienst ständig ausgebaut und immer zusätzlich neue Techniker ausgebildet.

Automation ist heute in der Fertigung in Schweizer Unternehmen fasst unerlässlich. Wie sehen Sie das?

R. Gutknecht: In der Produktion anspruchsvoller Werkstücke sind hochwertige Maschinen im Einsatz, welche nur dank einer automatisierten, flexiblen Fertigung wirtschaftlich betrieben werden können. Bei vielen Schweizer Unternehmen ist dies bereits eine Selbstverständlichkeit.

Sie haben eine flexible automatisierte Fertigung angesprochen. Was ist darunter zu verstehen?

R. Gutknecht: Wir haben in der Schweiz keine sehr grossen Losgrössen. Die Tendenz geht eher in Richtung Losgrösse 1. Deshalb ist es notwendig, dass eine Produktionseinheit einfach umrüstbar und programmierbar ist, sich leicht in Betrieb nehmen lässt und der Roboter eine Vielzahl verschiedener Teile handeln kann. Die Maschinen, vom einfachen 3-Achsen-Bearbeitunszenter bis hin zu den komplexen Multitask-Drehmaschinen, müssen so ausgerüstet sein, dass sie in der automatischen Fertigung ein vielfältiges Teilespektrum herstellen können. Dazu gehört das automatische Wechseln der Greifer, Spannfutter oder Spannbacken. Suvema greift hier auf eine Vielzahl gemachter Erfahrungen aus bereits realisierten Projekten zurück.

Auf der letzten Suvema-Hausausstellung hat Okuma seine Industrie-4.0-Lösungen vorgestellt. Was ist diesbezüglich für den Schweizer Markt besonders relevant?

R. Gutknecht: An der Smart-Factory-Philosophie wird von Okuma permanent gearbeitet. Es geht dabei darum, mit einer zentralen Produktionsüberwachung die Auslastung der Maschinen überwachen zu können. Hinzu kommt die vorbeugende Werkzeugüberwachung mit Retourmeldung an ein zentrales Panel. Eine neue Entwicklung bei Okuma geht sogar noch viel weiter. Jede Maschine wird jetzt so konzipiert, dass nicht benötigte Aggregate automatisch runtergeschaltet und dadurch Energie gespart wird. Die Einsparung kann wiederum am zentralen Panel nachverfolgt werden.

Wie ist Okuma hier im weltweiten Vergleich aufgestellt?

R. Gutknecht: Hier ist Okuma sicherlich führend. Okuma stellt alle wichtigen mechanischen und elektrischen Maschinenkomponenten selber her. Damit ist Okuma weltweit der einzige Werkzeugmaschinenhersteller, der sowohl Antriebe als auch Steuerungen sowie die gesamte Software selber herstellt. Das Umwelt-Bewusstsein in Japan ist sehr hoch, deshalb sind in allen neuen Maschinen diese Module zum Stromsparen verbaut, wobei bei den gros­sen Maschinen die Einsparung besonders auffällig ist.

Was erachten Ihre Kunden von diesen Smart-Factory-Lösungen als wichtig? Wie wird es angenommen?

R. Gutknecht: Im Moment eher noch ein Rand­thema. Es existiert ein Unterschied zwischen den grös­seren Firmen, welche die Ressourcen frei­stellen, um sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen, und den Zulieferfirmen, bei welchen die digitale Fertigung noch eher selten im Fokus der Überlegungen steht. Interesse sehe ich vor allem bei der vorbeugenden Wartung. Ein geplanter, präventiver Maschinenstillstand ermöglicht eine sichere Produktionsplanung und stellt somit eine reelle, messbare Hilfe dar.

Was können Suvema-Kunden in technologischer Hinsicht im Jahr 2018 erwarten? Welche Neuheiten wird es geben?

R. Gutknecht: Mit Sicherheit wird Okuma stark an dem Thema Smart Factory weiterarbeiten. Die
ganze digitale Fertigung ist bereits Tatsache und wird ständig ausgebaut. Zudem werden verschiedene neue Maschinentypen lanciert, sowohl im Bereich Drehen wie auch im 5-Achsen-Fräsen. Die letzten technologischen Entwicklungen wurden an der EMO vorgestellt. Bisher haben wir bei den Hybridmaschinen, welche additive Fertigung und Zerspanung kombinieren, noch keine oder nur ganz selten eine Anfrage. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Technologie bei der Reparatur komplexer Teile wie zum Beispiel Einspritzformen, Impeller usw. zum Einsatz kommt.

Und in der Mikrobearbeitung?

Eine interessante Technologie, die jetzt erhältlich ist, ist die Fertigung mit LFV (Low Frequency Vibration). Es handelt sich um eine von Citizen patentierte Entwicklung, welche bei den Langdrehern der Typenreihe L eingesetzt werden kann. Die Antriebe werden auch bei sehr hohen Drehzahlen automatisch geregelt, damit der Vorschub unregelmässig wird und somit die Späne gebrochen werden. Diese Technologie eröffnet ganz neue Möglichkeiten in der Fertigung: Problemlose Zerspanung schwieriger Materialien wie Titan, Aluminium, Peak, CuBe und Kunststoffe bei kleinsten Durchmessern und Bohrungen mit Wandstärken im Hundertstelbereich. Auch die Oberflächenqualität zeigt ein hervorragendes Ergebnis und die Werkzeugstandzeit wird beträchtlich verlängert. Mit dieser neuen, patentierten Technologie können Teile hergestellt werden, welche bisher nicht zerspanend gefertigt werden
konnten.

Was erwartet Suvema vom neuen Geschäftsjahr? Was können die Kunden erwarten?

R. Gutknecht: Unsere Herausforderung für 2018 ist die starke Auslastung. Wir sind an der Grenze mit unseren Ressourcen, das Risiko dabei ist, dass sich die Lieferterminsituation für die Kunden ungünstig auswirkt. Durch die hohe Auslastung müssen wir für die einzelnen Aufträge zwangsläufig mehr Zeit einkalkulieren.

Vieldiskutiertes Thema in der Schweiz sind momentan die Verschiebung der Prodex in den Mai 2019 und die Lancierung der Industrialis in Bern. Wie stehen Sie dazu?

R. Gutknecht: Die Verschiebung der Prodex in den Mai des EMO-Jahres ist für uns eine eher positive Mitteilung. Die Prodex im Frühjahr und dann die EMO im Herbst ist eine gute Abfolge. Ausserdem gibt es eine Abwechslung zwischen der Siams und der Prodex. Die Kommunikation gegenüber uns war jedoch nicht sehr professionell, aber gegen das Resultat habe ich gar nichts. Für die neue Messe fehlen uns die Ressourcen, denn der Zeitpunkt ist sehr ungünstig.

Vielen Dank für das Gespräch. SMM

Kommentare werden geladen....

Kommentar zu diesem Artikel abgeben

Der Kommentar wird durch einen Redakteur geprüft und in Kürze freigeschaltet.

Anonym mitdiskutieren oder einloggen Anmelden

Avatar
Zur Wahrung unserer Interessen speichern wir zusätzlich zu den o.g. Informationen die IP-Adresse. Dies dient ausschließlich dem Zweck, dass Sie als Urheber des Kommentars identifiziert werden können. Rechtliche Grundlage ist die Wahrung berechtigter Interessen gem. Art 6 Abs 1 lit. f) DSGVO.
  1. Avatar
    Avatar
    Bearbeitet von am
    Bearbeitet von am
    1. Avatar
      Avatar
      Bearbeitet von am
      Bearbeitet von am

Kommentare werden geladen....

Kommentar melden

Melden Sie diesen Kommentar, wenn dieser nicht den Richtlinien entspricht.

Kommentar Freigeben

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

Freigabe entfernen

Der untenstehende Text wird an den Kommentator gesendet, falls dieser eine Email-hinterlegt hat.

copyright

Dieser Beitrag ist urheberrechtlich geschützt. Sie wollen ihn für Ihre Zwecke verwenden? Kontaktieren Sie uns über: support.vogel.de/ (ID: 45176401 / Spanende Fertigung)