Zwischen Effizienzdruck, Fachkräftemangel und globalem Wettbewerb wird Digitalisierung für Fertigungsunternehmen immer mehr zur Überlebensfrage. Raphaël Müller begleitet diese Entwicklung seit über einem Jahrzehnt. Im Interview erklärt der Digitalisierungsexperte von Brütsch/Rüegger Tools, warum vernetzte Produktionsdaten heute entscheidend sind, welche wirtschaftlichen Effekte realistisch erzielt werden können – und weshalb erfolgreiche Transformation weniger an Technologie als an klaren Zielen und konsequenter Verantwortung scheitert oder gelingt. Vertiefen wird er diese Themen auch an seinem Vortrag am SMM-Kongress am 21. Mai in Luzern.
Raphaël Müller, Leiter Industrial Solutions Senior Consultant, Mitglied des Kaders der Brütsch/Rüegger Werkzeuge AG: «Nur so kann man in Echtzeit verstehen, was in der Produktion passiert und schnell reagieren.»
(Bild: Brütsch/Rüegger)
Herr Müller, seit mindestens 10 Jahren referieren Sie zum Thema Digitalisierungsprozesse in Fertigungsunternehmen. Was hat sich in dieser Zeit konkret verändert und aus Ihrer Sicht verbessert?
Raphaël Müller: In den letzten zehn Jahren hat sich die Digitalisierung klar von einem Nice to have zu einem strategischen Kernthema entwickelt. Am Anfang hatten viele Unternehmen Interesse, wussten aber oft nicht genau, was sie konkret brauchen. Heute sind die Anforderungen deutlich präziser. Wir erhalten immer häufiger klare Lastenhefte mit konkreten Erwartungen.
Ein grosser Fortschritt ist die Vernetzung der Produktion. Die Nachfrage nach Maschinenanbindungen ist stark gestiegen. Es ist heute ein echtes Bedürfnis, Produktionsdaten in Echtzeit verfügbar zu haben, um daraus aussagekräftige KPI abzuleiten und gezielt zu optimieren.
Auch die Technologien sind reifer geworden. Gleichzeitig hat sich das Verständnis verändert. Digitalisierung wird heute als unternehmerische Transformation gesehen und nicht mehr nur als IT-Projekt.
Können Sie definieren, wann ein ausreichend hoher digitaler Automationsgrad erreicht ist?
R. Müller: Ein hoher Automationsgrad ist erreicht, wenn Prozesse stabil, effizient und weitgehend ohne manuelle Eingriffe laufen und gleichzeitig flexibel bleiben.
Heute geht es vor allem darum, OT und IT zusammenzubringen. Früher wurden Produktionsdaten oft manuell erfasst, heute ist das Ziel eine durchgängige Integration. Nur so kann man in Echtzeit verstehen, was in der Produktion passiert und schnell reagieren.
Ein wichtiger Punkt ist auch die Vernetzung der Systeme. Es geht nicht mehr um isolierte Lösungen, sondern um den Datenaustausch zwischen verschiedenen Systemen. Wir sehen klar den Trend weg von grossen monolithischen Systemen hin zu spezialisierten Lösungen, die miteinander kommunizieren.
Über welche Kompetenzen verfügt Brütsch/Rüegger Tools in diesem Bereich?
R. Müller: Wir haben in den letzten 15 Jahren sehr viel Know-how aufgebaut. Bereits 2011 haben wir begonnen, erste Maschinen zu vernetzen. Dadurch konnten wir die Entwicklung von Anfang an begleiten und verstehen.
Von Beginn an haben wir IT-Kompetenz mit industrieller Erfahrung kombiniert. Ein wichtiger Schritt war die Partnerschaft mit Stemys im Jahr 2015, die seit 2021 vollständig zu Brütsch/Rüegger Tools gehört. Dadurch verfügen wir heute über ein eigenes Software Team, das sich auf IoT und industrielle Digitalisierung konzentriert.
Zusätzlich arbeiten wir eng mit Maschinenherstellern zusammen und bringen unsere Erfahrung aus vielen Projekten ein. Unsere Projektteams haben mehrere hundert Projekte umgesetzt. Wir begleiten unsere Kunden nicht nur konzeptionell, sondern setzen die Lösungen auch konkret um.
R. Müller: Es ist sehr schwierig, hier eine klare Zahl zu nennen, da es keine einheitliche Definition gibt. Wir sehen grosse Unternehmen mit umfangreichen Systemen, die trotzdem noch viele papierbasierte Prozesse haben. Auf der anderen Seite gibt es kleinere Unternehmen, die vielleicht ohne ERP arbeiten, aber ihre Prozesse sehr effizient automatisiert haben. Deshalb ist es wenig sinnvoll, den Reifegrad pauschal zu bewerten.
Was klar ist, ist die Entwicklung. Die Zahl der Digitalisierungsprojekte steigt und immer mehr Produktionsumgebungen werden vernetzt.
Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für erfolgreiche Projekte?
R. Müller: Entscheidend ist, dass ein Unternehmen weiss, wohin es will. Ohne klare Ziele und Erwartungen kann ein Projekt nicht erfolgreich sein. Der Nutzen muss messbar sein. Technologisch braucht es eine saubere Datenbasis und eine klare Architektur. Unternehmerisch muss das Thema von der Geschäftsleitung getragen werden.
Sehr wichtig ist auch das Ownership. Es braucht eine Person, die das Projekt intern vorantreibt. Ohne diese Verantwortung verlieren Projekte schnell an Dynamik. Und schliesslich ist der Mensch entscheidend. Mitarbeitende müssen eingebunden und mitgenommen werden.
Welche Rolle wird KI spielen?
Raphaël Müller, Leiter Industrial Solutions Senior Consultant, Mitglied des Kaders der Brütsch/Rüegger Werkzeuge AG: «Ohne saubere Datenbasis bringt KI keinen echten Mehrwert.»
(Bild: Brütsch Rüegger)
R. Müller: KI wird vor allem bei der Auswertung von Daten eine wichtige Rolle spielen. Anwendungen wie Predictive Maintenance oder Prozessoptimierung werden weiter zunehmen. Wichtig ist aber, dass zuerst die Grundlagen stimmen. Ohne saubere Datenbasis bringt KI keinen echten Mehrwert.
Welche wirtschaftlichen Effekte sind realistisch?
R. Müller: Die Effekte hängen stark vom Ausgangspunkt ab. Ein grosser Hebel ist die Transparenz. Allein durch bessere Datennutzung kann die OEE oft um 10 bis 20 Prozent gesteigert werden. Auch bei Lagerbeständen sehen wir grosse Effekte. Durch automatisierte Beschaffung sind Reduktionen von über 30 Prozent möglich.
Stand vom 30.10.2020
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Im Bereich Qualität kann durch automatische Korrekturen an Maschinen der Ausschuss um mehr als 10 Prozent reduziert werden. Zusätzlich entstehen qualitative Vorteile wie bessere Planbarkeit und schnellere Reaktionsfähigkeit.
Welche Fehler sollten Unternehmen vermeiden?
R. Müller: Ein typischer Fehler ist fehlende Klarheit zu Beginn. Viele wollen starten, sind aber nicht bereit, in eine saubere Analyse zu investieren. Ohne diese Phase fehlt oft das Engagement und die Resultate bleiben schwach.
Ein weiterer kritischer Punkt ist fehlendes Ownership. Ohne klare Verantwortung verliert sich das Projekt schnell im Alltag. Erfolgreiche Unternehmen definieren klare Ziele, investieren bewusst in die Anfangsphase und setzen auf eine schrittweise Umsetzung.